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ÜBERFALL AUF DER KURISCHEN NEHRUNG – Leseprobe aus dem Roman: “Die Bernsteinhändlerin” von Conny Walden.

Erstellt von Detlef Hedderich am Donnerstag 16. September 2010

Überfall auf der Kurischen Nehrung

von

Conny Walden

(Diese Story ist eine Leseprobe aus dem Roman: “Die Bernsteinhändlerin” mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)

Mit einem großen Fest im Haus der reichen Lübecker Patrizierfamilie Isenbrandt wird die Verlobung zwischen Matthias Isenbrandt und Barbara Heusenbrink gefeiert, der Tochter des Bernsteinkönigs Heinrich Heusenbrink aus Riga. Zunächst ist Barbara gewillt, sich in diese Vernunftehe zu fügen, damit der Fortbestand ihres Handelshauses gesichert ist. An Liebe denkt Barbara nicht, aber sie erhofft sich zumindest Respekt. Doch bald wird ihr klar, dass sie von Matthias nicht einmal das erwarten kann: Er vergnügt sich hemmungslos mit anderen Patriziertöchtern und weniger ehrbaren Frauen. Die Verlobung wird trotz aller Zweifel geschlossen. Als Barbara jedoch vor einer tödlichen Intrige gewarnt wird, ist ihr endgültig klar, dass es nicht zu der Heirat kommen darf. Die Nachricht vom Tod ihrer Mutter in Riga liefert Barbara und ihrem Vater einen Vorwand, abzureisen.

Drei Jahre später: Der Glücksritter Erich von Belden schreitet ein, als eine Gruppe Reisender auf der Kurischen Nehrung von Räubern überfallen wird. Bei den Reisenden handelt es sich um Barbara und ihr Gefolge. Barbara soll im Auftrag ihres Vaters mit einem Würdenträger des Deutschen Ordens in der Marienburg verhandeln. Erich von Belden gelingt es, die Räuber in die Flucht zu schlagen. Da auch er nach Riga will, reist er zusammen mit Barbara. Dabei kommen die beiden sich bald näher, auch wenn ihnen bewusst ist, dass eine Liebesbeziehung auf Grund der Standesunterschiede keine Chance hat. Als sie in Riga ankommen, trennen sich beider Wege. Doch dann wird Barbara von Unbekannten entführt …

Sie mag noch sehr jung sein, und überdies ist es ungewöhnlich, dass eine Frau sich in derlei Geschäften wie dem Bernsteinhandel tummelt. Aber es sollte niemand Barbara Heusenbrink unterschätzen.

Nicht lange, und sie wird ihrem Vater, den man nicht umsonst den Bernsteinkönig heißt, in nichts nachstehen.

Jetzt, da Heinrich Heusenbrink schwach ist und sie noch keine Erfahrung besitzt, ist vielleicht der Zeitpunkt gekommen, ihrer beider ledig zu werden – sowohl des Vaters als auch der Tochter. Ob nun mithilfe der Natur oder durch die Unterstützung willfährigen und bewaffneten Gesindels, sei mir gleich.

Aus einem Reichart Luiwinger, dem Ältermann der Rigafahrer-Bruderschaft von Lübeck, zugeschriebenen Brief; unsigniert und undatiert, wahrscheinlich Anfang bis Mitte 1450 verfasst.

*

Die noch junge und unerfahrene Barbara Heusenbrink vertrat unerwarteterweise das Handelshaus Heusenbrink für ihren Vater, der in Riga unabkömmlich war und von dem ich durch Zuträger weiß, dass es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten steht. Der Hochmeister aber sprach eine zweifache Warnung aus. Er sagte, dass noch nicht völlig sicher sei, ob die bisherigen Privilegien des Hauses Heusenbrink im Bernsteinhandel fürderhin im gleichen Umfang wie bisher garantiert werden könnten, auch wenn er selbst sich dafür einsetze und zuversichtlich sei. Und zweitens riet er davon ab, den Landweg nach Riga zu nehmen. Zwar sei man von der Marienburg bis Königsberg unter dem sicheren Schutz des Ordens, aber man könne derzeit nur davon abraten, den weiteren und einzigen Landweg über die Kurische Nehrung zu nehmen, um mit dem Wagen zurück nach Riga zu fahren, selbst wenn dieser durch Reiter begleitet würde. Lieber solle sie die Wartezeit für ein Schiff in Kauf nehmen, denn die Nehrung sei unsicher und voller Gesindel, und es sei zurzeit kein Ordensritter abkömmlich, um sie auf der gesamten Strecke zu schützen.

Sie aber sprach: »Da ich auch auf dem Herweg diese Strecke nahm und nun in großer Eile bin und geschäftliche Verpflichtungen es mir nicht erlauben, auf ein Schiff zu warten, ist es besser, ich nehme den Weg über die Nehrung, als dass ich etwa über das Land der Litauer fahre. Außerdem begleiten mich einige dem Haus Heusenbrink gleichermaßen treu ergebene und ihres Faches äußerst kundige Waffenknechte.

Wenn Ihr Euch wirklich um mich sorgt, so lasst uns endlich zu einer abschließenden Einigung über den Handel mit dem Gold der Ostsee kommen!« Damit meinte sie den Bernstein.

Aus den Protokollen des Melarius von Cleiwen, Leiters der Kanzlei des Hochmeisters des Deutschen Ordens auf der Marienburg; 1450

*

Die Flamme einer pechgetränkten Fackel flackerte unruhig im Wind, der vom Meer aus über die Nehrung strich. Hufschlag mischte sich in das Meeresrauschen und das Rascheln der Sträucher und Baumkronen.

»Jetzt!«, befahl eine heisere Männerstimme.

Die Lunten der Hakenbüchsen wurden gezündet – fünf an der Zahl. Innerhalb von Augenblicken konnte man sie mindestens zwanzig Schritt weit riechen – aber nur in Windrichtung.

Die Schützen hatten sich mit Bedacht so aufgestellt, dass diejenigen, auf die sie zielten, vollkommen arglos blieben, da der Wind den Geruch der glimmenden Lunten von ihnen wegtrug.

Fünfzig, sechzig Herzschläge – innerhalb dieser Zeit mussten die Hakenbüchsen abgefeuert werden, sonst war die Lunte abgebrannt, und man musste ein neues Stück Seil an der Vorderseite des Zündhakens befestigen und zum Glimmen bringen.

Die Schützen warteten in den Büschen, während sich das von zwei zusätzlichen Reitern begleitete Gespann in voller Fahrt näherte. Die zwei berittenen Begleiter waren bewaffnet.

Es handelte sich um Söldner, wie man sie in diesen Tagen überall anheuern konnte. Der Mann, der neben dem Kutscher saß, hielt eine Armbrust in den Händen und ließ seinen Blick unruhig umherschweifen.

Donnernd krachten die ersten beiden Schüsse aus den Rohren.

Eine Kugel ging dicht an dem Kutscher und seinem Beschützer vorbei und riss ein faustgroßes Loch in den Kutschbock.

Die zweite traf einen der beiden Reiter. Tödlich getroffen stürzte er zu Boden, sein Pferd preschte wiehernd davon.

Weitere Schüsse fielen, und gerade als der zweite Reiter sein Schwert zur Hälfte gezogen hatte, durchschlug eine Kugel sein rechtes Bein und fuhr danach in den Leib des Pferdes, das daraufhin zusammenbrach. Der Schrei des getroffenen Reiters mischte sich mit dem schrillen Wiehern des Pferdes, das wild um sich trat, während Ströme seines Blutes im sandigen, nur spärlich von sonnenverbranntem Gras bedeckten Erdreich versickerten.

Ein Dutzend Männer stürmte jetzt wild schreiend aus den Büschen. Der am Boden liegende Verletzte, dessen Hosenbein sich bereits über und über rot gefärbt hatte, hob abwehrend sein Schwert. Den Schwertstreich eines Angreifers konnte er noch parieren, dann traf ihn ein Axthieb am Kopf und setzte seinem Leben ein Ende.

Der Armbrustschütze auf dem Kutschbock hob seine Waffe und streckte einen der Angreifer nieder, bevor ihm selbst ein Wurfdolch im Hals stecken blieb und er röchelnd zur Seite sackte. Der Kutscher saß wie erstarrt daneben, bleich wie ein Leichentuch, während einige der Angreifer bereits die Zügel des Gespanns gefasst und die Pferde beruhigt hatten. Dann sprang er vom Bock – doch ehe er wieder auf die Beine kommen und zu fliehen vermochte, traf ihn ein Schuss und ließ ihn wimmernd am Boden liegen. Der Schlag mit einer Axt beendete auch sein Leben. Noch ein weiterer Schuss krachte und ließ das Holz eines Vorderrades splittern und den Wagen an dieser Seite ein Stück hinabsinken.

Schon kletterte jemand von hinten am Wagen empor und durchtrennte mit einem Langmesser die Schnüre, mit denen auf dem Dach die Gepäckstücke befestigt waren.

Ein Mann in fleckigem Lederwams trat von der Seite auf die Kutsche zu. Er hatte ein Loch in der Wange, das man ihm zweifellos irgendwann beigebracht hatte, um ihn als Verbrecher zu brandmarken. Der so grausam Gezeichnete benetzte Daumen und Zeigefinger mit der Zunge und löschte die Lunte seiner Hakenbüchse, denn es war nicht anzunehmen, dass er die Waffe noch einmal abfeuern musste; es schien ihm wohl besser zu sein, Pulver und Kugel zu sparen.

Er riss die Tür der Kutsche auf. »Raus mit Euch! Und zwar sofort!«

Im Inneren der Kutsche befand sich nur eine einzige Person– eine junge Frau, die dem Gebrandmarkten überraschend furchtlos entgegensah. Meergrüne, aufmerksame Augen beherrschten ihr fein geschnittenes, von dunkelblonden Haaren gekröntes Gesicht. Ihr entschlossen wirkender Blick stand in einem gewissen Kontrast zu den noch sehr jung wirkenden, weichen Gesichtszügen. Die Frisur trug sie hochgesteckt, aber die Strapazen der Reise hatten sie ein bisschen zerzaust, sodass sich ein paar Strähnen hervorstahlen. Mit einer beiläufigen, gleichermaßen elegant wie nüchtern wirkenden Handbewegung strich sie sich eine dieser Strähnen aus der Stirn.

Grob ergriff der Mann mit dem Loch in der Wange ihr Handgelenk und zog die Frau aus dem Wagen. Er fasste ihr Kinn und drehte ihren Kopf zur Seite.

»Das muss sie sein!«, meinte einer der anderen Männer – ein Kerl mit einem dunklen Bart, der ihm fast bis unter die Augen wuchs.

Der Gebrandmarkte nickte. Sein Blick hing an dem in Silber gefassten Bernsteinamulett, das die junge Frau um den Hals trug. Er griff zu und riss es ihr vom Hals. Dann hielt er es in die Sonne und sah sich die Gravur auf der Rückseite an. Lesen konnte er wahrscheinlich nicht, aber das H, das kunstvoll, fast nach Art eines Miniaturwappens gestaltet worden war, hatte er schon gesehen. »Kein Zweifel, sie ist die Frau, die wir suchen «, stellte er fest. »Barbara Heusenbrink – die Tochter des Mannes, den man in Riga den Bernsteinkönig nennt, weil angeblich jedes Stück des Ostseegoldes durch seine Hände geht!«

Barbara Heusenbrink versuchte ein Zittern zu unterdrücken.

Man hatte sie sehr eindringlich davor gewarnt, den Weg über die Nehrung zu nehmen, an deren Ende man mit einer Fähre die Meerenge überqueren konnte, die das Kurische Haff mit der Ostsee verband. Aber da das Land südlich des Haffs von den Litauern beherrscht wurde, war der Weg über die Nehrung die einzige Möglichkeit, auf dem Landweg nach Kurland zu kommen, ohne das Ordensterritorium zu verlassen.

Dass dieser Umstand Räuber dazu einlud, hier auf Beute zu warten, lag auf der Hand.

Aber Barbara war keineswegs vor einer Woche von der Marienburg aus aufgebrochen, ohne diese Risiken zu bedenken.

Die gut bewaffneten und dem Haus Heusenbrink treu ergebenen Männer, die sie begleiteten, waren normalerweise mit Leichtigkeit in der Lage, das gewöhnliche Diebesgesindel, das man auf dem Weg über die Nehrung antreffen konnte, in die Flucht zu schlagen. Es war auch keineswegs das erste Mal, dass Barbara diesen Weg nahm. Schon früher hatte sie ihren Vater auf Geschäftsreisen in den südlichen Teil des Ordensterritoriums bis in die nach Unabhängigkeit von der Oberhoheit der Kreuzritter strebenden Hansestädte wie Danzig, Elbing oder Thorn begleitet. Sie hatte geglaubt, das Risiko abschätzen zu können, zumal das gewöhnliche Diebesgesindel meistens schon Reißaus nahm, wenn es bemerkte, dass der Wagen von gut bewaffneten Söldnern begleitet wurde. Diejenigen, die sich auf der Nehrung auf die Lauer nach leichter Beute legten, waren in der Regel schlecht bewaffnete arme Hunde, die davor zurückscheuten, sich auf einen Kampf einzulassen. Wenn sie mit Widerstand zu rechnen hatten, zogen sie sich schnell zurück.

Ein Schwert zu ziehen reichte oft, um sie zu vertreiben.

Spätestens der Knall einer Hakenbüchse scheuchte sie davon und jagte ihnen einen derart großen Schrecken ein, dass man nicht damit zu rechnen brauchte, denselben Halunken auf der Reise noch einmal an anderer Stelle zu begegnen.

Aber die Männer, denen Barbara an diesem Unglückstag in die Hände gefallen war, gehörten ganz offensichtlich nicht in diese Kategorie. Allein ihre gute Bewaffnung sprach dagegen und hob sie von dem gewöhnlichen Gesindel ab.

Der Mann mit dem Loch in der Wange betrachtete erneut kurz das Amulett und steckte es dann unter sein Lederwams.

Er drehte sich zu seinen Männern um. »Holt die Pferde! Wir sollten hier so schnell wie möglich verschwinden …«

»Geht es Euch um Lösegeld?«, fragte Barbara, und ihre Stimme hatte dabei einen so sicheren, festen Klang, dass die Verwunderung darüber dem Gezeichneten ins Gesicht geschrieben stand.

Er verzog das Gesicht und trat auf Barbara zu. »Was glaubt Ihr denn, worum es uns geht?«, grinste er.

Barbara wich seinem Blick nicht aus. »Ihr solltet nicht auf ein Lösegeld spekulieren …«

»Da Ihr die Tochter des Bernsteinkönigs seid, würde Euer Vater doch gewiss jeden Preis für Euch bezahlen!«

»Aber Ihr würdet auch bezahlen müssen – und zwar sehr bitter. Denn mein Vater hätte die Macht, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um Eure Bande ausfindig zu machen und Euch Eurer Strafe zuzuführen. Begnügt Euch mit dem Gepäck und verschwindet! Andernfalls werdet Ihr Eure Köpfe schneller auf dem Richtblock wiederfinden, als Ihr es für möglich haltet.«

Das Gesicht des Gezeichneten verzog sich zu einer spöttischen Grimasse. Ihm schien eine höhnische Bemerkung auf der Zunge zu liegen, doch er verkniff sie sich und wandte sich zur Seite. Plötzlich erschollen Hufschläge.

Über eine nahe Dünung kam ein Reiter auf einem Apfelschimmel dahergeritten. Er war nach Art eines Ritters gekleidet, trug Wams, Kettenhemd und ein Übergewand, das mit einem weithin sichtbaren Wappen bestickt war. Es bestand aus einem stilisierten Schwert, das von einer Rose umkränzt wurde.

Der Helm wies einige Beulen auf.

An seiner linken Seite trug er ein Rapier, gleichzeitig steckte ein schwerer Beidhänder in einer links vom Sattelknauf befestigten Lederscheide. Hinten am Sattel waren ein Reflexbogen und ein Köcher mit Pfeilen befestigt.

»Wer kann das sein?«, fragte der Mann, der von hinten auf den Wagen geklettert war.

»Jedenfalls kein Kreuzritter!«, knurrte der Gezeichnete und rief dann: »Los, ladet eure Büchsen!«

Er trat einen Schritt seitwärts, hob den Lauf seiner Hakenbüchse und blickte zu einem großen, massig wirkenden Mann in einem Gewand aus fleckigem Leinen hinüber, der die Fackel hielt. Ärger spiegelte sich in seinem Gesicht, als er sah, dass der Fackelträger das Feuer bereits im Sand gelöscht hatte und somit keine der Hakenbüchsen zügig feuerbereit gemacht werden konnte, falls der Fremde feindliche Absichten hatte.

»Narr!«, zischte der Gezeichnete den Fackelträger an.

Der fremde Reiter zügelte seinen Apfelschimmel. Sofort erfasste er die Lage und griff zum Bogen.

Ehe der Armbrustschütze unter den Wegelagerern einen neuen Bolzen in seine Waffe einlegen konnte, hatte ein Pfeil des Fremden ihm den Hals durchbohrt, sodass er röchelnd zu Boden fiel.

Der Gezeichnete wollte Barbara mit sich reißen, aber nur einen Moment später steckte auch ihm ein Pfeil zitternd in der Brust und ließ ihn auf die Knie sinken. Er musste Barbara freigeben, und sie wich rasch einen Schritt zurück. Die Hakenbüchse glitt ihm aus der anderen Hand. Seine Finger legten sich jedoch sogleich um den Griff des kurzen Rapiers an seinem Gürtel. Er riss die Waffe noch eine Handbreit heraus, ehe er endgültig zusammensackte und reglos liegen blieb.

Innerhalb weniger Augenblicke ließ der Fremde weitere Pfeile durch die Luft schnellen, die fast allesamt mit grausamer Genauigkeit ihre Ziele fanden.

Der Tod ihres Anführers hatte der Bande offensichtlich jegliche Ordnung genommen. »Los, weg hier!«, hörte man einen der Männer rufen, der bereits von dannen lief.

Immer noch schoss der Fremde mit geradezu atemraubender Sicherheit und Schnelligkeit seine Pfeile ab. Es dauerte nur Momente, und die Männer des Gezeichneten lagen entweder getroffen auf dem Boden – oder sie waren bereits zwischen die nahe gelegenen Bäume und Büsche geflohen.

Der Fremde mit dem Rosenschwert-Wappen senkte schließlich die Waffe und entspannte die Sehne.  Dann ließ er den Apfelschimmel näher herantraben.

Barbara sah den Flüchtenden kurz nach. Einem von ihnen steckte ein Pfeil in der Schulter, und es war fraglich, wie weit er kommen würde. Der Reiter zügelte mit der Linken sein Pferd und stieg dann aus dem Sattel. Den Bogen behielt er in der Hand, einen Pfeil ebenfalls. Er schien seinem Sieg über die Wegelagerer noch nicht recht zu trauen.

Jedenfalls ließ er die Büsche, hinter denen die letzten von ihnen verschwunden waren, nicht aus den Augen. Dann schweifte sein Blick über die Toten, die auf dem Boden verstreut und teilweise in seltsam verrenkter Haltung dalagen.

Ungläubig starrte Barbara Heusenbrink ihren Ritter unterdessen an. Ihr Herz pochte wie wild, und ein dicker Kloß steckte ihr im Hals. Sie hatte das Wappen schon aus der Ferne wiedererkannt – und auch seinen Träger. Drei Jahre war es her, dass dieser Ritter in ihr Leben getreten war und ihm eine völlig neue Wendung gegeben hatte.

Und nun hatte Gottes Fügung sie gerade im rechten Moment wieder zusammengeführt. Sie schluckte, brachte jedoch im ersten Moment keinen Laut über die Lippen.

»Erich von Belden!«, flüsterte sie schließlich. »Dass ich Euch hier und jetzt wiedersehe …«

Er deutete eine Verbeugung an. »Ihr schient mir in arge Bedrängnis geraten zu sein, und da hielt ich es für meine Pflicht als Ritter, zu Eurem Schutz einzugreifen.«

Ein verhaltenes Lächeln spielte jetzt für einen kurzen Moment um ihre vollen Lippen. »Ich habe nicht vergessen, wie Ihr mir bereits vor drei Jahren in Lübeck das Leben gerettet habt – und jetzt seid Ihr mir erneut in bedrohlicher Lage zu Hilfe gekommen! Der Herr muss Euch geschickt haben – das eine wie das andere Mal!«

»Ich tat nur, was ich für meine Pflicht hielt – aber ich verhehle nicht, dass ich sie für Euch besonders gerne tat!«

Barbara schluckte wieder. »Jedenfalls bedanke ich mich in aller Form für Euer beherztes Eingreifen! Es im Alleingang mit einem Dutzend Gegner aufzunehmen erfordert sicher mehr Mut, als er selbst den meisten Eures Standes eigen ist!«

Erich von Belden machte zwei Schritte zur Seite, beugte sich über die Leiche des Gezeichneten und hob dessen Hakenbüchse auf. Er hielt die Waffe hoch und meinte: »Eine wahre Seuche sind diese Büchsen – und das Schlimme ist, dass jeder dahergelaufene Halunke sie benutzen kann, nachdem man es ihm einmal gezeigt hat!« Der Ritter hob seinen Bogen. »Das hier hingegen ist eine Kunst, und ein guter Schütze hat Jahre geübt, bevor er eine Wildente sicher im Flug zu treffen vermag.«

»So hat Eure Kunst über diese unchristlichen Waffen triumphiert!«, sagte Barbara.

Der Ritter nickte und warf die Hakenbüchse wieder zu Boden, bevor er dem Toten den Pfeil aus dem Leib zog. »Ja, diesmal«, murmelte er. »Eine Armbrust sollte eigentlich niemand gegen einen Christenmenschen verwenden – und doch war ich hundertmal Zeuge, wie das geschah. Bei Feuerwaffen würde es nicht anders sein, falls man sie genauso ächten würde.

Aber wer sollte das tun? Der Papst lässt seine Engelsburg schließlich auch von Feuerwaffen verteidigen!«

Ihrer beider Blicke trafen sich einen Wimpernschlag lang, und Erinnerungen stiegen in Barbara auf. Unwillkürlich dachte sie daran, wie sie am Fenster eines Lübecker Patrizierhauses gestanden und mit den Fingerspitzen das Fensterglas berührt hatte. Es war so glatt gezogen gewesen – klar und dabei auffallend sauber in die Rahmen eingesetzt, wie es nur Handwerker aus Venedig zustande brachten. Das Treiben, das sie damals auf der Straße beobachtet hatte, wurde vor ihrem inneren Auge wieder lebendig: Bilder, Stimmen, Gestalten, Pferde, Wagen …

Ein Reiter war ihr aufgefallen – hochgewachsen, etwa dreißig Jahre alt, wie ein Ritter gekleidet und bewaffnet. Besonders einprägsam war das Wappen mit dem Rosenschwert auf dem Waffenrock. Damals hatte Erich von Belden ein zweites Pferd mit sich geführt, das wohl als Packtier gedient hatte.

Ein Reisender, so hatte Barbara angenommen – wahrscheinlich ein verarmter Adelssohn, der sich als Söldner verdingte.

Die aufblühenden Hansestädte hatten – ebenso wie viele Landesfürsten – einen ständig wachsenden Bedarf an kampferfahrenen Landsknechten, die sie dann in Lohn und Brot nahmen.

Einen flüchtigen Augenblick nur waren sich auch damals ihre Blicke begegnet. Wenig später war er hinter der nächsten Straßenecke und aus ihrem Gesichtsfeld verschwunden. Zwei Schicksalswege, die sich wahrscheinlich nicht wieder kreuzen würden, so hatte sie damals zuerst gedacht. Doch nur kurze Zeit darauf sollte er ihr bereits erneut begegnen und sie davor bewahren, sehenden Auges in ihr Verderben zu stürzen.

Die drei Jahre, die seitdem vergangen waren, erschienen Barbara im Rückblick als eine Ewigkeit…

(UNVERKÄUFLICHE LESEPROBE)

Copyright 2010 by Conny Walden

Autorin: Conny Walden ist das Pseudonym für das Autorenduo Alfred und Silke Bekker. (Im sfbasar.de als Pseudonym von Silke Bekker gelistet!) Alfred Bekker schreibt Fantasy, historische Romane, Kinder- und Jugendbücher. Seine Frau Silke Bekker veröffentlicht vor allem Humoresken und Erzählungen. Unter dem Pseudonym Conny Walden schreiben sie gemeinsam historische Romane. Weitere Romane des Autorenduos sind bei Goldmann in Vorbereitung. Zusätzliche Informationen unter www.alfredbekker.de

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Waffentod-74-minus-120-98.png(Waffentod41.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Die Fortsetzung – für alle die neugierig geworden sind wie es weitergeht – findet sich in dem Roman:


Conny Walden
Die Bernsteinhändlerin

Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (1. Juni 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442471230
ISBN-13: 978-3442471232
9,95 Euro

Titel bei buch24.de
Titel bei booklooker.de

Eine junge Kaufmannstochter zwischen Pflicht und Sehnsucht, Freiheit und Intrigen.

Lübeck 1450: Die junge Tochter eines Rigaer Kaufmannes soll eine Vernunftehe eingehen. Doch dann wird sie entführt …

Mit einem großen Fest wird die Verlobung zwischen Barbara Heusenbrink, der Tochter des Rigaer Bernsteinkönigs Heinrich Heusenbrink, und dem reichen Patriziersohn Matthias Isenbrandt gefeiert. Obwohl Barbara Matthias nicht liebt, willigt sie in die Vernunftehe ein. Kurz darauf lernt sie jedoch den Glücksritter Erich von Belden kennen, von dem sie sich magisch angezogen fühlt. Aber beiden ist klar, dass ihre Liebe keine Chance hat. Und dann wird Barbara von Bernsteinschmugglern nach Danzig entführt, die ihren Vater erpressen wollen …

Als opulenter historischer Roman erscheint “Die Bernsteinhändlerin” von Conny Walden im Juni 2010 im Goldmann Verlag als Goldklasse-Spitzentitel.

Hinter dem Namen Conny Walden verbirgt sich das Autorenpaar Silke und Alfred Bekker. Ansonsten verfasst Alfred Bekker Fantasy, Jugendbücher und Krimis, Silke Bekker veröffentlicht Humoresken und Erzählungen.

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Rezensionsanfragen für Freiexemplare zur Besprechung auf buchrezicenter.de werden gerne entgegengenommen, bitte per e-mail an: postmaster@alfredbekker.de

3 Kommentare zu “ÜBERFALL AUF DER KURISCHEN NEHRUNG – Leseprobe aus dem Roman: “Die Bernsteinhändlerin” von Conny Walden.”

  1. Felis Breitendorf sagt:

    Wirklich klasse geschrieben, hat mir gut gefallen der SChreibstil, und das, obwohl ich kein Freund von historischen Stoffen bin. Ich finde es klasse, wie man in die Geschichte abtauchen kann und unsere heutige Welt vergisst. Doch wieder einmal wird einem klar, was die unserige Welt von der aus der Vergangenheit unterscheidet. Wenn man z.B. Abschnitte liest wie:

    “Die Lunten der Hakenbüchsen wurden gezündet – fünf an der Zahl. Innerhalb von Augenblicken konnte man sie mindestens zwanzig Schritt weit riechen – aber nur in Windrichtung.

    Die Schützen hatten sich mit Bedacht so aufgestellt, dass diejenigen, auf die sie zielten, vollkommen arglos blieben, da der Wind den Geruch der glimmenden Lunten von ihnen wegtrug.

    Fünfzig, sechzig Herzschläge – innerhalb dieser Zeit mussten die Hakenbüchsen abgefeuert werden, sonst war die Lunte abgebrannt, und man musste ein neues Stück Seil an der Vorderseite des Zündhakens befestigen und zum Glimmen bringen.”

    dann wird einem erstmal wieder klar, wie umständlich es war, jemanden auf grosse Distanz mit einer Schusswaffe zu erledigen.

    Das einzige was mich jedoch etwas stocken liess, war die Tatsache, dass wieder mal ein einzelner Held ein Dutzend gut bewaffneter Männer erledigt und/oder in die Flucht schlägt. Na ja.

    Aber das tut natürlich der Erzählkunst nichts ab. Die ist klasse!

    Was meinen denn unsere Liebhaber von historischen Stoffen unter unseren Community-Autoren, -Redakteuren und -Rezensenten zu dieser Story/Leseprobe, das würde mich mal interessieren, denn ich bin auf diesem Gebiet historischer Belletristik ja noch ein absoluter Neo?

  2. Detlef Hedderich sagt:

    Bei Booklooker für 3,95 € plus 1,10 € für Porto und Verpackung als gebrauchten Titel zu erstehen, Interesse?

  3. sfbasar.de » Blog Archiv » SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Waffentod – Im Meer der Zeiten” sagt:

    [...] NEU DER STOFF, DER DIE GEDANKEN TRÄGT - Leseprobe aus dem Roman: “Die Papiermacherin” von … [...]

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