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Literatur-Blog

DAS LEBEN: EINE HANDVOLL TON? – Eine Kurzgeschichte von Martina Müller

DAS LEBEN: EINE HANDVOLL TON?

Eine Kurzgeschichte

von

Martina Müller

Mit dem Raubtier Kapitalismus wird es keine Zukunft geben.
Der Kapitalismus ist ein längst überholtes Gebilde, das übrigens
das letzte noch gesellschaftliche Überbleibsel des Weltkrieges ist.

Rüdiger Heins

Ich hatte mir einen Wandertag gegönnt. Jetzt saß ich im Speiseraum Zur Alten Post und wollte zu Abend essen. Ich winkte die Kellnerin herbei und bestellte „einmal Schweinelende mit Erbsen und Kartoffeln“. Als Nachtisch bestellte ich „Rhabarber mit Honig“. Die Bedienung brachte mir noch einen Orangensaft. Ich nahm ein Zimmer in dem Gasthof und legte mich sofort ins Bett, da ich vom Wandern erschöpft war.

Am nächsten Tag holte mich mein Geselle Kurt mit dem Pferdewagen ab und wir fuhren direkt zum Kinderheim. Kurt begann mein Handwerkszeug im Hof des Heims aufzubauen und der Hausmeister half: einen Stuhl, eine kleine Bank und zwei Holzblöcke für die Füße, die Wanne mit dem Ton und natürlich die Drehscheibe. Kurt brachte mir einen Topf mit Wasser, legte Schwamm und Abschneidedraht auf der Bank zurecht. Ich folgte dem Hausmeister ins Gerätehaus, damit ich mich dort umziehen konnte. Als ich herauskam, wurden die ersten Kinder auf den Hof geführt. Während ich mich auf den Stuhl setzte, waren einige fesche dabei, die an meiner Drehscheibe drehten und kicherten.

Nachdem ich die Kinder aufgefordert hatte, sich so aufzustellen, dass die kleineren vorne und die mittleren dahinter und ganz hinten die großen standen, begann ich mit der Arbeit. Nun stellte mich der Heimleiter den Kindern vor. Als ich bereit war, fragte ich ein kleines Mädchen, was ich herstellen solle. Sie antwortete: „Eine schöne Vase bitte“, und hielt sich anschließend verlegen die Hände vor den Mund.

„Also eine Vase“. Ich holte einen feuchten, grauen Tonklotz aus der Wanne und legte los: „Zuerst kommt der Ton auf die Scheibe, und zwar genau in die Mitte“. Mittlerweile hatte ich mit den Füßen die untere Scheibe in Schwung gebracht, und auch die obere Scheibe kreiste mit. Als endlich genügend Umdrehungsgeschwindigkeit vorhanden war, warf ich den Tonklotz darauf, spritzte ordentlich Wasser darüber und drückte ein paar Sekunden mit den Händen dagegen, damit die Tonmasse gleichmäßig verteilt wurde.

„Zuerst forme ich mit den Daumen den Vasenboden. Er darf nicht zu dünn werden. An den Seiten bilde ich mit den Fingern die Würste, die ich zu den Wänden hochziehen werde.“ Schnell tauchte ich die Hände ins Wasser, dann ließ ich zwischen Daumen und Zeigefinger die Tonwülste hochlaufen. Ich drückte mit dem Zeigefinger, der die Innenseite formte, gegen den Ton, wodurch eine bauchige Wand entstand. Die Kinder klatschten in die Hände als sie das sahen und freuten sich und jauchzten und quitschten.

Nachdem ich die Scheibe angehalten hatte, fragte ich die Kinder, ob sie meinten, dass die Vase schön werden würde, worauf sie freudig bejahten. Ich lächelte zurück und griff nach dem Schwamm, der auf der Bank lag und stieß die Scheibe wieder an. Ich hielt den Schwamm an die Außenseite der Vase und zog damit den Ton schräg zur Mitte hin. Es formte sich eine mäßig große Öffnung und schon klatschten die Kinder wieder in die Hände und freuten sich, denn jetzt sah das Ganze schon nach einer richtigen Vase aus.

Ich forderte einen der Jungen auf, vorsichtig an die Außenseite der Vase zu fassen wobei ich leicht an der Scheibe drehte. „Das fühlt sich gut an und richtig gleichmäßig“, sagte er erstaunt. Ich erklärte ihm, dass das so sein muß, damit die Vase beim Brennen nicht reißen oder ungleichmäßig werden würde. Nachdem der Junge auf seinen Platz zurückgekehrt war, nahm ich den Abschneidedraht. Ich zog ihn stramm und trennte damit die Vase von der Scheibe.

Nachdem ich die Vase von der Scheibe auf die Bank gesetzt hatte, fragte ich die Kinder, was sie davon hielten, wenn wir eine richtige Kanne herstellen würden. Sie brüllten „ja“. Auf meine Frage, ob mir einer von ihnen helfen möge, streckten sich alle Kinderhände in die Höhe. Ich wählte ein etwa elfjähriges Mädchen aus. Es kam zu mir und ich setzte es vor mich auf den Hocker. Mein Geselle hatte schon einen vorbereiteten Tonklotz aus dem Wasser gefischt und warf ihn mir auf die Scheibe. Ich begann die Scheibe zu drehen, spritzte Wasser auf den Klotz und nahm die Hände des Mädchens, um damit den Boden des Objektes zu formen. Anschließend zog ich mit seinen Händen eine ovale Form nach oben. Erneut wurde geschwammelt und kaum dass man hinschaute, war die Grundform der Kanne fertig.

Auf diese Weise stellte ich genauso viele Objekte her wie Kinder da waren. Mit jedem Kind formte ich mit deren Händen die von ihnen gewünschten Gegenstände. In der Zwischenzeit hatte mein Geselle Kurt den Ofen auf Temperatur gebracht und wir begannen die schon trockenen Rohlinge zu brennen. Die Kinder staunten nicht schlecht als ihre Werke aus dem Ofen ans Tageslicht geholt wurden. Ich fragte sie, was sie davon hielten, den Beruf des Töpfers zu erlernen. Alle waren begeistert und meldeten sich, um in die Liste eingetragen zu werden, die Kurt vorbereitet hatte.

Nachdem ich mich von den Kindern verabschiedet hatte, trat der Leiter des Kinderheims an mich heran, um Weiteres in die Wege zu leiten. Zusammen schauten wir die Liste an, auf der ich eingetragen hatte, wie ich die Fähigkeiten und das Talent eines jeden einzelnen Kindes einschätzte. Der Leiter schaute mich sorgenvoll an. Er meinte, dass ich von den dreißig Kindern die Zwölf heraussuchen sollte, von denen ich meinte, dass sie für den Beruf des Töpfers in der staatlichen Manufaktur des Reiches taugten. Ich traf meine Wahl und übergab ihm die Liste.

Nachdem mein Geselle alle Teile unserer kleinen mobilen Töpferei auf den Pferdewagen geladen hatte, setzte ich mich neben ihn. Er ließ die Zügel schnalzen, sodass unser Gefährt vom Hof rollte. Als wir auf die Straße einbogen, kam uns eine schwarz glänzende Limousine mit SS-Emblemen auf den Wimpeln entgegen. Kurz dahinter tuckerte der Diesel des grauen Personenbusses mit der Aufschrift der staatlichen Fabrik für Töpferwaren. Kurt fragte mich, was mit den Kindern geschehe. Worauf ich ihm antwortete: „Ein Dutzend Kinderseelen haben wir gerettet. Die müssen zwar hart in der Töpferei des Reiches arbeiten, aber sie dürfen leben!“

„Und die restlichen Achtzehn?“, wollte er wissen.

Ich schaute ihn kurz an und in Kurts Augen spiegelte sich die Angst und Sorge um die restlichen Kinder wider. Er schien zu ahnen, was ich ihm sagen würde: „Nicht alle Kinder aus diesem Heim sind für das Reich von Wert. Alle Reichsfabriken haben jetzt offenbar wieder ihren Soll-Stand an Arbeitern erreicht…“

-Ende-

Copyright (c) 2012 by Martina Müller

Bildrechte: “Tabu-Brecher” (tes-tabu2.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus60-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Kaufempfehlung der Autorin:

Peschke, Franz
Ökonomie, Mord und Planwirtschaft

Die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch im Dritten Reich

Verlag :      Projekt
ISBN :      978-3-89733-259-1
Einband :      Paperback
Preisinfo :      34,00 Eur[D] / 35,00 Eur[A] / 53,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 10.04.2012
Seiten/Umfang :      797 S. – 21,0 x 14,8 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 02.04.2012
Gewicht :      1006 g
Aus der Reihe :      Aspekte der Medizinphilosophie 10

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Franz Peschke beschreibt in seinem Buch die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch im Dritten Reich im Zeitraum von 1932/ 1933 bis 1950. Vor allem in der Zeit bis zum Beginn des 2. Weltkriegs spielten die Auswirkungen des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses auch in der Anstalt Wiesloch eine große Rolle.

Nach einer chaotischen Anfangsphase arbeitete Wiesloch mit den neu eingerichteten Gesundheitsämtern und Erbgerichten eng zusammen und hielt sich an die gesetzlichen Vorgaben. Sterilisierungen fanden bis 1944 statt. In Wiesloch wurde bei Beginn des 3. Reiches eine eigene erbbiologische Abteilung unter Dr. Schiffmann eingerichtet und 1939 unter Dr. Overhamm erneuert. Der Schriftwechsel dieser Abteilung, wie er sich in den Sippentafeln spiegelt, wird hier ausführlich rezitiert.

Mit Beginn des 2. Weltkrieges treten die Sterilisierungen zurück. An ihre Stelle treten Verschubungen von Patienten, die als „planwirtschaftliche Maßnahmen“ geführt wurden und die der „Euthanasie“, also der Ermordung der Patienten dienten. Der Autor schildert das Schicksal der Sicherungsverwahrten, der Juden, der Ost-, und Zwangsarbeiter, der Kinder, aber auch die Geschichte der so genannten Forschungsabteilung Wiesloch und der zur Euthanasie verlegten Patienten.

Das Kriegsende, die Rückgewinnung von Gebäuden für die Anstalt, die rückgekehrten Patienten, die z.B. nach Stephansfeld oder Hadamar verschubt worden waren, und die Wiedergutmachungsleistungen an in Wiesloch sterilisierten Patienten werden abschließend thematisiert.

Dr. med. Franz Peschke, ist seit 1998 in München als Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse niedergelassen; seine medizingeschichtliche Promotionsarbeit ist unter dem Titel „!Ausländische Patienten in Wiesloch. Schicksal und Geschichte der Zwangsarbeiter, Ostarbeiter, ‚Displaced Persons‘ und ‚Heimatlosen Ausländer‘ in der Heil- und Pflegeanstalt, dem Mental Hospital, dem Psychiatrischen Landeskrankenhaus Wiesloch und dem Psychiatrischen Zentrum Nordbaden“ veröffentlicht worden; Er schrieb außerdem eine Geschichte der Pflegeanstalt Rastatt, „Schreck’s Anstalt: Eine Dokumentation zur Psychiatrie und ‚Euthanasie‘ im Nationalsozialismus am Beispiel der Pflegeanstalt“ (1993); Seit 2005 ist er Mitherausgeber und Autor in der Reihe „Aspekte der Medizinphilosophie“.

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32 Comments

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  1. IST: Ich hatte mir einen Wandertag gegönnt, jetzt saß im Speiseraum ZUR ALTEN POST …
    SOLL: … saß jetzt …

    IST: … Schweinelende mit Erbens …
    SOLL: Erbsen

    IST: Die Bedienung brachte mit ..
    SOLL: … brachte mir …

    IST: richtig erschöpft und müde geworden.
    SOLL: doppeltgemoppelt: bitte nur einen Zustand

    IST: … folgte dem Hausmeister ins Gerätehaus damit ich …
    SOLL: … Gerätehaus, damit ich …

    IST: Als ich herauskam wurden …
    SOLL: … heruaskam, wurden …

    IST: … auf meinen Stuhl setzte waren …
    SOLL: … setzte, waren …

    IST: … einige ganz fesche dabei …
    SOLL: … ganze Fesche …

    IST: … so aufzustellen, dass die kleineren vorne und die mittleren dahinter und ganz hinten die großen standen …
    SOLL: … der Größe nach aufstellen sollten …

    IST: … Leiter des Kinderheims den Kindern …
    SOLL: .. der Leiter des Heims den Kindern vor …

    IST: … ein kleines Mädchen was …
    SOLL: … Mädchen, was …

    IST: Derweil hatte ich mit den Füßen …
    SOLL: schon wieder „derweil“, besser: mittlerweile

    IST: … Schwung gebracht, und auch die obere Scheibe kreiste mit. Als endlich genügend Schwung
    SOLL: 2x Schwung; wenn erreicht, dann ist es gut!

    IST: … vorhanden war warf …
    SOLL: …vorhanden war, warf …

    IST: … klatschen in die Hände als sie …
    SOLL: … klatschen in die Hände, als sie …

    IST: Er sagte: “Das fühlt sich gut an und richtig gleichmäßig.”
    SOLL: Besser: “Das fühlt sich gut an und richtig gleichmäßig“, sagte er erstaunt.

    IST: … so sein muß damit …
    SOLL: …so sein muß, damit …

    IST: … zurückgekehrt war nahm ich den Abschneidedraht. Ich zog in stramm …
    SOLL: … zurückgekehrt war, nahm ich den Abschneidedraht. Ich zog ihn stramm …

    IST: Ich wählte ein Mädchen aus, dass schätzungsweise elf Jahre war.
    SOLL: Ich wählte ein etwa elfjähriges Mädchen aus.

    IST: … Geselle hatte derweil einen vorbereiteten Tonklotz aus dem Wasser gefischt …
    SOLL: … Geselle hatte schon einen vorbereiteten Tonklotz aus dem Wasser gefischt …

    IST: … nahm die Hände des Mädchens um …
    SOLL: … nahm die Hände des Mädchens, um …

    IST: … kaum das man hinschaute war …
    SOLL: … kaum das man hinschaute, war …

    IST: .. Objekte her wie die Anzahl an Kindern vorhanden war …
    SOLL: … Objekte her wie Kinder hier waren …

    IST: … jedem Kind formte ich …
    SOLL: … jedem Kind half ich …

    IST: … angeheizt und wir begannen die Objekte zu brennen.
    SOLL: Logikfehler? Muss man die Dinger nicht erst trocken bevor man sie brennen kann? Rissbildung? Recherchieren!

    IST: … die mein Geselle zu schreiben begann.
    SOLL: … die mein Geselle natürlich auch schon vorbereitet hatte.

    IST: … Kinderheim geschickt wurden, trat der Leiter des Kinderheims ..
    SOLL: wieder doppeltgemoppelt

    IST: … den 30 Kindern die Zwölf …
    SOLL: sieht optisch nicht elegant aus; besser: … von all den Kinder das beste Dutzend …

    IST: … Töpfers in der staatlichen Töpferei …
    SOLL: wieder doppelt gemoppelt; besser: Töpfers in der staatlichen Manufaktur …

    IST: … auf den Pferdewagen geladen hatte setzte …
    SOLL: … auf den Pferdewagen geladen hatte, setzte …

    IST: … Zügel schnalzen so dass …
    SOLL: … Zügel schnalzen, sodass …

    IST: … auf die Straße eingebogen waren kam …
    SOLL: … auf die Straße eingebogen waren, kam …

    IST: … mit grauen verbreitenden Emblemen …
    SOLL: „verbreitenden“? Unverständlich, weglassen!

    IST: … Aufschrift einer Töpfereifabrik.
    SOLL: Töpfereifabrik? Endweder Töpferei oder Fabrik. Meinetwegen Fabrik für Töpferwaren.

    IST: Mein Geselle fragte …
    SOLL: Hat der Kerl keinen Namen? Es ist auf Dauer lästig, eine Figur, die so oft erwähnt wird, so zu betiteln.

    IST: … haben wir gerettet, die müssen zwar hart in der Töpferei des Reiches arbeiten aber sie dürfen leben.”
    SOLL: … haben wir gerettet. Die müssen zwar hart in der Töpferei des Reiches arbeiten, aber sie dürfen leben.”

    IST: Ich schaute ihn kurz an und ihn seinen Augen …
    SOLL: Ich schaute ihn kurz an und in seinen Augen …

    IST: Er schien zu ahnen was ich …
    SOLL: Er schien zu ahnen, was ich …

    IST: Alle Kinder in diesem Heim haben keine Eltern oder Verwandte mehr und das Reich kann sie nicht mehr gebrauchen. Eine Nutzen-Kosten-Auswertung wird ergeben haben, dass es für das Reich preisgünstiger ist, die restlichen Kinder zu entsorgen. Alle Fabriken des Reiches sind jetzt wohl wieder aufgefüllt mit den nötigen Arbeitern…”
    SOLL: Heimkinder haben i.d.R. ohnehin keine Kinder, also diesen Satzteil löschen. Eine Kosten-Nutzen-Analyse, keine Nutzen-Kosten-Auswertung! HAT ergeben, nicht WIRD ergeben haben. Schlusssatz: Alle Reichsfabriken haben jetzt wieder ihren Soll-Stand an Arbeitern erreicht.

    Tut mir ja leid, aber das sind nur die einfacheren Korrekturen. Die Satzstellung ist oft sehr umständlich und wirkt gestelzt. Viele Wiederholungen: töpfern, erst so, dann so, dann so. Das ist ermüdend zu lesen. Und wenn das Reich schon so extrem sparen muss, verschwendet man keine „wertvollen“ Kugeln, sondern erschlägt die Überzähligen. Außerdem wäre dies noch brutaler und unterstützt den schockierenden Schluss (siehe Heulermord mit Knüppeln, anstelle mit Schusswaffen).

    mgg
    galaxykarl

    P.S. Texte zu lektorieren, ist leider ein undankbarer Job. Die Gefahr, als Meckerer gebrandmarkt zu werden, ist extrem hoch. Den Ruf der Korinthe hab ich ja eh´ schon.

  2. Habe fast alle Korrekturen mit der Autorin zusammen bearbeitet, vielen Dank auch in ihrem Namen!

  3. Ich finde diese Geschichte richtig hart. Man ahnt am Anfang nicht wohin sie einen führen wird. Am Ende war ich richtig traurig. Schon Mist, was diese Nazi verbrochen haben. Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben und die folgenden Generationen werden sich nur noch durch Überlieferungen über diese furchbaren Taten der Deutschen in der Vergangenheit informieren können. Da finde ich es richtig gut, dass die Autorin mal solch ein Thema aufgegriffen hat.

    Wem erging es genauso wie mir? Mal ehrlich? 🙁

  4. Hallo Martina!

    Mir gefällt die Geschichte sehr gut.
    Und auch Martina (Möchel) hat recht. Es geht so viel Wissen und Erfahrungen verloren, ohne das nachfolgende Generationen ihren Nutzen daraus ziehen konnten. Mir persönlich tut es sehr leid, dass ich meine Großeltern nicht mehr zu dieser Zeit oder im Allgemeinen zu „ihrer“ Zeit gefragt habe. Nun ist diese Möglichkeit vorbei.

    Zur Geschichte: nur als Idee: könnte man den restlichen Achtzehn nicht ein Gesicht geben. Also konkreter werden, eines der Kinder herausheben, dem Leser sympathisch machen, um ihn am Ende (noch) betroffener werden zu lassen.

  5. Ich hab beim Lesen der Story keinen Hinweis auf das 3.Reich oder die Nazis gefunden. Natürlich waren sämtliche Vernichtungs- und Arbeitslager die Hölle auf Erden. Sollte die Autorin tatsächlich dieses dunkle Kapitel der Geschichte gemeint haben, dann hätte am Ende ein kleiner Bezug dazu kommen müssen. Allerdings ist es dann eher ein Drama mit realem Hintergrund (solche Romane gibt es ja zuhauf und auch sehr viele gute). Ich hätte der Überraschung willen dann auch einen anderen Titel gewählt, denn der jetzige verrät ja schon den Schluss.

    mgg
    galaxykarl

    P.S. Der letzte Korrekturvorschlag sollte natürlich lauten: Heimkinder haben i.d.R. ohnehin keine Eltern …

  6. Der Hinweis von Michael Pick trifft den Nagel auf den Kopf: Die Opfer nicht anonym lassen, da ist die Identifizierung zu abstrakt. Gib den Kindern ein oder mehrere Gesichter, Namen, Individualität.

    Das ist übrigens ein psychologischer Trick von Geißelnehmer-Kontaktern der Polizei. Im Gespräch mit dem Geißelnehmer machen sie aus namenlosen Opfern Persönlichkeiten, erwähnen deren Kinder und Lebenspartner, holen deren Verwandte ans Telefon, appellieren an den Rest von Menschlichkeit im Täter. Gäbe der Story auch noch mehr Tiefe.

    mgg
    galaxykarl

  7. galaxykarl,

    > Ich hab beim Lesen der Story keinen Hinweis auf das 3.Reich oder die Nazis gefunden.

    im drittletzten Absatz:
    – – – „kam uns eine schwarz glänzende Limousine mit SS-Emblemen auf den Wimpeln entgegen.“

    vielleicht wurde es aber auch erst nach Deinem Lesen inditiert?

  8. Vielleicht eines der restlichen Kinder retten indem man es als Lehrling anstellt und dabei auch seine Person aus der Anonymität holt? Ist natürlich nochmal viel Arbeit, Martina. Ich würde dir wieder helfen, wenn du möchtest. Oder mache eine Fortsetzung: die fahren auf halbem Wege zurück, um das zu tun, werden dann aber mit den SS-Leuten konfrontiert und müssen am Ende selbst um ihr Leben fürchten. Was meinen die anderen zu dieser Fortsetzungsidee?

  9. Kann man sicher machen; allerdings wird die bisherige Geschichte ziemlich verfälscht. Zudem werden dem Ich-Erzähler und seinem Gesellen Kurt mehr Mut zugesprochen, als es bisher ersichtlich war.
    Die Story funktioniert auf die bisherige Weise ganz gut.
    Man könnte den Schluss überdenken. Der jetzige erklärt ein wenig viel, oder anders, entledigt den Leser zu denken, sich selbst zu erklären, was da gerade passiert.
    Der Protagonist könnte Kurts Frage unbeantwortet lassen, patzig reagieren, weil er mit seiner eigenen Einstellung nicht zufrieden ist, eine Gegenfrage starten. Aber das ist nur meine Meinung.

    Herzliche Grüße

  10. Christa Kuczinski

    Die Assoziation : Rohlinge und formbarer Ton = Kinder, gibt einem zu Denken. Die Untalentierten(passen nicht in die Gesellschaft) sind durchgefallen und werden entsorgt. Ihre ewtl. vorhandenen Talente werden übergangen, da sie für das Reich nicht wünschenswert sind.
    Am Ende würde ich mir wünschen, dass die Dame nicht gar so hart im Nehmen ist( ein Funken Menschlichkeit?). Vielleicht ist sie ja auch ein Opfer und muss ihren Sol erfüllen um nicht ebenfalls „entsorgt“ zu werden?

  11. Mich stimmt die Geschichte nachdenklich. Aber ich gebe Michael Pick recht: der Schluss erklärt zu viel. Das, was dort beschrieben wird, wird sich der Leser denken. Dein Schlusssatz

    „Ich schaute ihn kurz an und in Kurts Augen spiegelte sich die Angst und Sorge um die restlichen Kinder wider.“

    reicht vollkommen. Ich finde, dann würde die Geschichte noch mehr nachwirken und noch mehr Betroffenheit auslösen.

  12. Micha, du meinst, dass das dann wirklich alle Leser blicken, was man möglicherweise mit den Kindern tun wird? Oder geht es dann manchen so wir Galaxy, die nicht merken, dass die SS im Spiel ist? Was meinen die anderen, sollte die Autorin wirklich schon an der geannten Stellen einen harten Cut machen?

  13. Vielen lieben Dank an alle, die mir hier helfen möchten. Ich bin noch am Überlegen, ob ich die vorgeschlagenen Änderungen vornehmen sollte. Was mich aber überzeugt hat, ist, dass es besser wäre, nicht schon im Titel zu verraten, was Sache ist. Wer hätte denn eine Idee für einen anderen Titel, dann würde ich das noch schnell ändern? Lieben Dank. MM

  14. So, schaut Euch mal das neue Ende an, und sagt mal was dazu. Ich konnte Martina davon überzeugen, dass wir das so kürzen. Was meint Ihr? Mal Butter bei de Fische! 🙂

  15. Jetzt gefällt mir der Schluss super; und den Hinweis mit der SS-Limo hab ich wohl übersehen.

    Titelvorschlag: „Das Leben: eine Handvoll Ton“, in einer Anspielung auf die Erschaffung Adams durch Gott aus einer Handvoll Erde.

    Man könnte die Protagonistin auch einen fast blasphemischen Gedanken haben lassen: „Gott erschuf mit einem Klumpen Erde Leben. Ich kann mit einem Klumpen Ton wenigstens Leben retten.“

    mgg
    galaxykarl 😉

  16. Hast du nicht, das mit der SS kam bei der Überarbeitung hinzu. Ich werde der Autorin den neuen Titel schmackhaft machen, mal sehen ob er ihr gefällt.

  17. Zitat: *In der Zwischenzeit hatte mein Geselle Kurt den Ofen auf Temperatur gebracht und wir begannen die schon trockenen Rohlinge zu brennen.* Zitat Ende

    Das ist sachlich falsch! Frisch hergestellte Tonwaren müssen mehrere Tage trocknen bis der Ton lederhart ist, erst dann kann der Scherben in den Ofen für den ersten Brand. Das Brennen an sich dauert mehrere Tage und ist keinesfalls irgendwo „auf einem Hof“ möglich, da Temperaturen von über 1.000 Grad erreicht werden müssen.

    Die in dieser Geschichte geschilderte Töpfer-Aktion hätte in dieser Form nie stattfinden können!

  18. Vergessen:

    Ich habe viel und oft mit Ton gearbeitet, aber noch nie „einen vorbereiteten Tonklotz aus dem Wasser gefischt“! Eine solche Vorgehensweise wäre absolut schwachsinnig, da sich Ton im Wasser auflöst!

    Die schlechte Recherche des Handwerks macht die ganze Geschichte, trotz eines guten Ansatzes, vollkommen unglaubwürdig.

  19. Deutliche Worte.

  20. Man merkt, hier sind nur Spezialisten am Werk, die alles wissen. Mir ist sowas beim Lesen der Geschichte überhaupt nicht aufgefallen. Aber vielleicht waren die Leute ja mehrere Tage in dem Heim oder sie haben das nur zur Demonstration getan. Nicht vergessen, das ganze geschieht ja nicht zum Verkauf der Ware sondern festzustellen, welche Kinder geeignet sind. Und das mit dem Tonklotz im Wasser, das haben wir noch so in der SChule im Werkunterricht gelernt. Aber vielleicht waren ja alle unsere Lehrer doof?

  21. Ich halte mich keineswegs für eine Spezialistin, aber ich halte es für wahrscheinlich, dass sich mein Anspruch an eine Geschichte von Deinem unterscheidet.

    Kommt in einer Geschichte einem Handwerk, wie hier, eine tragende Rolle zu, ist es meiner Meinung nach unerlässlich, sich so zu informieren, dass zumindest keine groben Fehler im Handlungsablauf zu erwarten sind. Für mich ist das die Basis, auf die diese Geschichte aufbaut. Stimmt die Basis nicht, kann auch ein guter Plot nichts mehr retten.

    Im übrigen war und ist meine Kritik absolut sachlich, was ich bei Deinem Kommentar keineswegs so empfinde.

  22. Christa Kuczinski

    Ariana,
    es kann durchaus passieren, dass man oder Frau einen Fehler macht. Ich finde es wichtig, dass auf den Fehler hingewiesen wird und bin mir sicher, dass Martina das nächste Mal darauf achten wird.
    Mir erging es einmal ähnlich und ich war dankbar, dass mich jemand darauf aufmerksam machte, aus Erfahrungen lernt man. 😉

  23. Martina Möchel

    Also ich kenne das auch mit dem Wässern des Tons und ich habe einen Töpferkurs gemacht und es dort so gelernt. 😀

  24. Martina Möchel

    Ich habe hier mal was aus meinem alten Töpferbuch kopiert:

    · Diesen Klumpen Ton muss man aber erst vorbereiten, bevor man damit ein Gefäß
    töpfern kann.
    · Man legt ihn dafür in ein Wasserbad, damit er sich richtig vollsaugen kann. Da Ton
    aber fast wasserdicht ist, muss man etwas nachhelfen und den Klumpen
    durchkneten.
    · Beim Durchkneten spürt man schon hier und dort, dass da noch etwas Hartes drin
    ist. Also sucht man die gefühlten Steine schon mal heraus.
    · Dann nimmt man sich die Portion Ton knetet sie noch mal richtig durch und legt sie
    sich am besten auf eine Töpferscheibe.
    · Man fängt an, sie mit den Händen zu verformen.
    · Wenn das gewünschte Gefäß fertig ist, nimmt man es vorsichtig von der Scheibe
    und stellt es zum Trocknen.

    Da steht also schwarz auf Weiss in meinem Töpferbuch:

    · Man legt ihn dafür in ein Wasserbad, damit er sich richtig vollsaugen kann.

    Also, was sagste jetzt, Ariana?

    Wer hat nun recht? Du oder meine Töpferbuch?

  25. Also mir vorzuwerfen, ich könnte nicht töpfern, finde ich schon recht frech. Ich töpfere seit 25 Jahren und in meiner Geschichte habe ich mich an Bericht angelehnt, die aus dieser Zeit stammen, aus einer Zeitung für Töpfereiware aus dieser Zeit. Dass die Sachen erst gebrannt werden können, wenn sie mehrere Tage stehen ist auch klar, ich niemals dass Gegenteil behauptet, auch nicht, dass die Proben auch nur Proben waren, damit die Kinder ihren Spass dran haben. Ausserdem sollte ja lediglich festgestellt werden, wer ein Talent dazu hat. Um das festzustellen, muß man keine drei Tage warten. Ich selbst habe schon Sachen nacht 3 Stunden Trockezeit gebrannt und die sind nicht gleich zerbrochen, wenn man weiß wie.

  26. Danke auch für deine e-mail, Martina.

  27. Mal ein Wort generell zu Kritiken:

    Ich wünsche mir und erwarte auch von Freunden und Gleichgesinnten Kritik und freue mich über jeden sinnvollen Hinweis. Die Kritisierten sollten sich auch nicht angegriffen fühlen, sondern diesen kostenloses Service annehmen und daraus lernen. Seid locker zueinander.

    mgg
    galaxykarl 😉

  28. @ Ariana, Martina und Müller

    Ihr habt alle recht:
    – Der Ton wird vor dem Formen erst gewässert.
    – Das fertig geformte Teil muss vor dem Brennen erst getrocknet werden.
    – Im Text klingt es so, als würde unmittelbar nach dem Formen gebrannt werden, was natürlich fatal wäre.

    Das brachte mich übrigens auf eine – bösartige – Idee. Es wäre ein zusätzliches Auswahlkriterium gewesen: Wessen Teil zerspringt, fällt ebenfalls durch das Talentraster, wie die Töpfer, die Unansehnliches produziert haben. Wenn schon perfide, dann richtig.

    mgg
    galaxykarl 😉

    P.S. Fragt doch mal Jean Pütz, der hat hier sicher schon mal was vorbereitet …

  29. Mich erstaunt schon sehr, dass jemand sachliche Kritik an einer Geschichte als persönlichen Vorwurf empfindet. Dies steht nirgends!

    In mehreren Töpferwerkstätten, in denen ich einige Zeit verbracht habe, wurde nie die oben beschriebene Methode angewendet, der Ton wurde zur Feuchthaltung lediglich in nasse Tücher gewickelt und luftdicht in Eimern verschlossen aufbewahrt. In einer dieser Werkstätten wurde der Ton sogar selbst angesetzt, auch dort waren keine Wasserbehältnisse mit Tonklumpen zu finden.

    @Martina
    Rechthaberei liegt mir fern. 😉

    Für mich stimmt hier einfach die Basis nicht. Und ich finde es unangemessen, wenn als Antwort auf sachliche Kritik ein sarkastischer persönlicher Angriff erfolgt. Niemand muss meine Ansicht teilen, aber ich erwarte, dass man sie respektiert.

    Gruß

    Ariana

  30. Laßt es gut sein. Jeder hat eine andere Meinung und das wurd ja jetzt deutlich. Ich denke Ariana wollte nur helfen. Vielleicht macht der Ton die Musik und du, Ariana, hättest das ja vielleicht etwas lieber sagen können, als gleich jemand so bloßzustellen als Dummkopf. Ist halt auch nicht die feine Art. Mehr durch die Blume wäre hier bestimmt der bessere Weg gewesen. Also schliessen wir alle wieder Frieden. Was meint Ihr?

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