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STRASSENFUND – Eine visionäre Erzählung (Überarbeitete Fassung) von Mona Mee und Anna Breitzke (Überarbeitung) (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 1/2014)

STRASSENFUND

Eine visionäre Erzählung

(Überarbeitete Fassung)

von

Mona Mee und Anna Breitzke (Überrabeitung)

Ich bin mit dem Van unterwegs, komme von einem kleinen Besäufnis mit den Kumpels vom Bau, nach einem abgeschlossenen Auftrag ist das bei uns immer so. Ich habe nur ein Bier getrunken, doch mir fallen die Augen vor Müdigkeit und Erschöpfung zu, bis ich ein Hindernis auf der Straße bemerke. Ich gehe voll auf die Eisen und bringe die Kiste gerade noch so zum Stehen, ohne über das Paket zu fahren. Mit der Taschenlampe aus dem Handschuhfach will ich nachsehen, was da liegt. Eine eingewickelte Plane, in dem sich etwas bewegt. Wollte da jemand sein Haustier entsorgen? Wie kann man nur so grausam sein? Ich schneide mit dem Schweizer Messer die Plane auseinander, dann durchfährt mich ein Schock. Da liegt ein totes Baby vor mir, schmutzig und völlig abgemagert, offenbar hatte der Wind die Plane bewegt, so dass ich dachte, hier lebt noch etwas.

Ich versuche die Polizei anzurufen, aber der Akku im Handy ist leer. Mit einer Kordel aus meinem Wagen knote ich das Bündel zusammen und lege es auf die Ladefläche meines Vans. Ich wende und mache mich auf den Weg zum Polizeirevier. Vor dem Gebäude überlege ich, das tote Baby gleich mitzunehmen oder erst mit den Beamten zu reden. Ich entscheide mich für die zweite Möglichkeit, und man hört mir fassungslos zu. Sofort kommen zwei Beamte mit hinaus, und ich zeige den beiden die Plane. Ich schaue dumm aus der Wäsche, als ich erkenne, dass zwar die Plane mit Klebeband zusammengehalten wird, sich darin aber nichts befindet. Ich leuchte in alle Ecken des Vans und hüpfe hinein, um wirklich sicher zu sein, dass das Baby nicht irgendwo hineingerutscht ist. Doch wohin ich auch leuchte, es ist nichts zu finden.

„Haben Sie getrunken?“ fragt einer der beiden.

„Nur ein Bier“, beteuere ich und bin gern bereit zu einem Alkoholtest, der natürlich kein Ergebnis bringt.

„Sie sind vermutlich überarbeitet, aber Sie sollten vielleicht doch einen Arzt aufsuchen“, raten mir die beiden gutmütig. Ich nicke nur, denn ich möchte nicht in den Verdacht geraten, ein Spinner oder Verrückter zu sein, der vorhat, ihnen den Feierabend zu verderben. Ich nicke verwirrt, bedanke mich und steige in den Van, die beiden Beamten heben zum Gruß die Hand.

Während der Fahrt nach Hause wundere ich mich weiter, doch als ich in die Zufahrt zum Weg zu meinem Haus einbiege, muss ich über mich selbst lachen.

Mein Zuhause wirkt anheimelnd, nur etwas leer. Ein schönes Haus mitsamt Nebengebäuden, groß genug für Frau und Kinder. Aber irgendwie hat sich nie eine tiefe Beziehung ergeben, der Job hat es nicht zugelassen.

Plötzlich spüre ich, wie sich eine Hand auf meinen Rücken legt und eine unbekannte Stimme in unverständlichen Worten zu mir spricht. Mit einer Vollbremsung bringe ich den Wagen zum Stehen und schaue mich um. Ein knapp achtjähriges Mädchen befindet sich auf dem Rücksitz und spricht weiter auf mich ein, doch ich verstehe noch immer kein Wort.

Ich hole die Kleine auf den Beifahrersitz und spreche auf sie ein, um herauszufinden, woher sie kommt. Dabei stelle ich fest, dass ich mich mit dem Alter verschätzt haben muss, sie ist bestimmt schon zehn oder elf Jahre. Sie macht einen hungrigen Eindruck, ich gebe ihr einen Schokoriegel aus dem Handschuhfach. Sie verschlingt ihn förmlich, dann lächelt sie mich an, und ich stelle fest, dass sie ein hübsches Kind ist. Was soll ich tun? Zurück zum Polizeirevier? Aber wie soll ich die Existenz dieses Kindes erklären? Ich nehme sie erst einmal mit nach Hause.

Beim Aussteigen bemerke ich, dass sie noch älter sein muss, als ich geschätzt hatte, wenigstens vierzehn oder fünfzehn Jahre. Ich wundere mich wieder einmal über mich selbst.

Im Haus zeige ich ihr das Badezimmer und gebe ihr einige Kleidungsstücke, die mir schon lange nicht mehr passen, dann gehe ich in die Küche, um noch etwas zu Essen zu machen. Im Kühlschrank finden sich Leberkäse, Eier und Emmentaler, die ich in der Pfanne zubereite, während ein paar Scheiben Weißbrot im Toaster rösten.

Ich bin gerade damit fertig, alles auf dem Küchentisch anzurichten, als die Badezimmertür geöffnet wird, das Mädchen ist jetzt sauber und trägt Jeans und Pulli von mir, die nicht wirklich passen. Aber sie sind allemal besser als der schmutzige Overall, den sie im Auto trug. Und erneut muss ich meine Schätzung über das Alter revidieren, sie ist sicherlich schon neunzehn. Ihr hungriger Blick schweift über den Tisch, dann stürzt sie sich förmlich auf das Essen und verdrückt noch zusätzlich einen Großteil meiner Portion.

Ich beschließe, das Mädchen im Wohnzimmer auf dem Sofa schlafen zu lassen und bereite ein provisorisches Bett. Morgen können wir weitersehen. Ich habe bisher kein verständliches Wort aus ihr herausbekommen, aber darum sollen sich morgen Leute kümmern, die Ahnung davon haben.

Ich räume noch rasch die Küche auf und sehe noch einmal nach der Kleinen, sie schläft bereits und wirkt erneut älter, als ich dachte. Behutsam lösche ich bis auf eine kleine Tischleuchte alle Lampen und kann endlich selbst unter die Dusche und dann ins Bett. Ich bin so müde, dass ich nicht einmal über diesen seltsamen Tag nachdenken kann.

Irgendwann höre ich ein Geräusch und versuche wach zu werden. Ist das ein Traum? Die junge Frau kommt wie ein Schatten aus dem schwachen Licht der Lampe heraus auf mein Bett zu und ist splitterfasernackt, sie besitzt einen perfekten Körper mit wohlgeformten Rundungen an den richtigen Stellen. Zuerst glaube ich an einen verrückten Traum, doch dann spüre ich ihre sanften Hände auf meiner Haut. Sie schlüpft zu mir ins Bett und beginnt mich zu erregen, so dass ich plötzlich eine gewaltige Erektion bekomme. Undeutlich erkenne ich ihr Gesicht und sehe, dass sie erneut älter geworden ist, Anfang bis Mitte dreißig schätze ich. Aber das ist mir egal, denn unser Liebesspiel endet in einem unglaublichen Orgasmus, wie ich ihn noch nie erlebt habe.

Schwer atmend und ungeheuer zufrieden kuscheln wie uns aneinander und schlafen schließlich ein.

Ein paar Sonnenstrahlen leuchten durch den Vorhang und wecken mich aus einem wunderbaren Schlaf. Glücklich strecke ich die Hand aus, um meiner nächtlichen Gefährtin über den Körper zu streicheln, aber meine Finger treffen auf eine klebrige, feuchte Masse. Entsetzt richte ich mich auf und sehe fassungslos den Körper einer gut vierzigjährigen Frau, den toten Körper, denn die schlaffen Brüste wie auch der übrige Leib sind mit Blut besudelt, und die Augen starren tot ins Leere. In ihrem Körper steckt eines meiner Steakmesser, das ganz eindeutig die zahllosen Stichwunden verursacht hat.

Panik ergreift mich, ich werfe die Bettdecke über die Leiche der Frau, die vor meinen Augen noch immer altert. Hartnäckig flüstert mir eine innere Stimme zu, dass es sich um einen widerlichen Scherz handelt, aber mit dem Tod spielt man nicht. Das alles hier muss Realität sein.

Was soll ich tun? Die Leiche entsorgen und darauf hoffen, dass mir niemand auf die Schliche kommt? Nun, die Forensik ist soweit fortgeschritten, dass sicherlich irgendwo eine Spur auf mich deutet. Dabei bin ich doch wirklich unschuldig. Aber das muss ich auch beweisen.

Trotzdem entscheide ich mich, die Polizei zu rufen, auch wenn ich keine Ahnung habe, was ich überhaupt sagen soll und vielleicht für einen Mord, den ich nicht begangen habe, ins Gefängnis muss. Das Ganze ist so unwirklich, dass ich glaube, in einem schlechten Traum zu leben.

Ich versuche, gefasst zu bleiben und packe einige Sachen ein, die man vermutlich in der Untersuchungshaft braucht. Als die Polizei eintrifft, erkläre ich die Sachlage, sehe Abscheu und Unglauben in den Gesichtern der beiden Beamten und deute auf das Schlafzimmer. Ich habe nicht die Kraft, selbst hineinzugehen und will hier auf die Ankunft der Spurensicherung warten, um vielleicht noch Fragen zu beantworten.

Schließlich kommt einer der Beamten wieder heraus, sein Gesicht wirkt verwirrt und gleichzeitig angeekelt. Irgendwie erfüllt mich plötzlich Hoffnung.

„Keine Leiche zu finden?“ frage ich, doch er verzieht das Gesicht.

„Da ist durchaus eine Leiche, aber die ist ganz sicher nicht in der letzten Nacht gestorben.“ Er greift nach meiner Schulter und führt mich ins Schlafzimmer. Dort glaube ich meinen Augen nicht zu trauen.

Im Bett liegt ein verschrumpelter Körper, einer Mumie ähnlich, wenigstens achtzig bis neunzig Jahre alt. Habe ich mich heute nach mit einer Leiche vergnügt?

Der Beamte scheint etwas Ähnliches zu denken, vielleicht hält er mich auch für völlig durchgeknallt.

„Hier ist kein Blut zu sehen, die Frau ist unmöglich hier gestorben. Aber Ihnen ist hoffentlich bewusst, dass das eine strafbare Handlung ist?“

Ich verstehe gar nichts mehr und schaue ihn nur fragend an.

„Sie werden sich vor Gericht wegen Störung der Totenruhe verantworten müssen. Und nun erzählen Sie uns doch mal, auf welchem Friedhof Sie die alte Frau ausgegraben haben.“

Hilflos zucke ich die Schultern. „Ich habe keine Ahnung“, erkläre ich verzweifelt.

„Sie werden einen guten Anwalt und einen noch besseren Psychiater brauchen, um eine einigermaßen verständliche Verteidigung aufzubauen. Bis jetzt klingt das alles sehr unwahrscheinlich, aber wir werden die Wahrheit schon noch herausfinden.“

Ich breche förmlich zusammen und halte mich selbst für verrückt. Natürlich bin ich froh, keinen Mord begangen zu haben, aber was ist nun wirklich geschehen seit gestern Abend? Ich werde nie wieder ein alkoholisches Getränk anfassen …

Ende

Copyright (C) 2012 by Mona Mee und Anna Breitzke (Überarbeitung)


Bildrechte: Coverillustration “TräumeundVisionen” (20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “TräumeundVisionen-86-minus72-minus16.jpg” (Originaltitel: 20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Originaltitel: UNTOT – LB.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Coverillustration “SkurileGeschichten1.jpg ” (SKURILE GESCHICHTEN-SPIRALE-20110114083935-8edac2f8) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

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Letzte Preisänderung am 15.06.2011
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Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
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Cassie Palmer ist zurück! Nun muss sich die Seherin der magischen Gemeinde mit den Problemen herumschlagen, die so ein Job mit sich bringt. Nach einer Zeremonie wird ihre Macht sich nämlich erst vollständig entfalten – doch so weit wollen es ihre Feinde am liebsten gar nicht kommen lassen. Sie versuchen, Cassie vorher zu töten, und gehen dabei nicht gerade zimperlich vor: Ein Dämon bemächtigt sich Cassies Körper, und es erfordert all ihre Tricks und die Kräfte ihrer Freunde, allen voran eines gewissen attraktiven Kriegsmagiers Pritkin, um sie aus den Klauen ihres Peinigers zu befreien. Und wenn möglich, bevor der Dämon sie in ihrer eigenen Badewanne ertränkt.

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Updated: 4. März 2014 — 21:41

8 Comments

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  1. Anna, vielen, vielen Dank für deine Arbeit. Ich bin so begeistert davon, dass ich richtig Lust bekommen habe, auch so eine gute Autorin zu werden, wie du das bist. Lieben, lieben Dank! Ich küsse dich. 😀 😀 😀

  2. Das hab ich gern getan, Mona. Ich kann doch nicht zulassen, dass ein junges Talent untergeht. *grins* Du kannst mir jederzeit eine Mail schicken und mich um Rat fragen, kann aber manchmal mit der Anzwort dauern, weil ich nicht viel Zeit habe.

  3. Sorry, es muss natürlich Antwort heißen – bin wohl noch nicht ganz wach. Küsschen zurück, Mona, bis demnächst.

  4. Bin mal gespannt, ob Annas Bemühungen hier Früchte tragen …

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