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SPRITZE ZUM HALBEN PREIS – Real-futuristische Shortstory von Felis Breitendorf (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 3/2013 – geteilter Preis)

SPRITZE ZUM HALBEN PREIS

Real-futuristische Shortstory

von

Felis Breitendorf

Mit dem Raubtier Kapitalismus wird es keine Zukunft geben.
Der Kapitalismus ist ein längst überholtes Gebilde, das übrigens
das letzte noch gesellschaftliche Überbleibsel des Weltkrieges ist.
Rüdiger Heins

Vorgestern bin ich 75 Jahre alt geworden. Die letzten Jahre habe ich von der Arge gelebt. Bis Vorgestern bezog ich seit meinem 65. Lebensjahr den verminderten Altersatz. Dabei geht das Amt davon aus, dass man ab diesem Alter kein Bargeld mehr zum Leben braucht. Stattdessen erhält man Gutscheine für die Alterstafel, in der gekocht wird, was woanders übrigbleibt an Lebensmitteln. Meist Sachen, die nicht mehr als Schweinefutter taugen. Und auch die Kleidung gibt es nur noch auf Bezugsschein in der Kleiderkammer. Die Kleidung dort ist aus der Sortierung genommen worden von den Kleiderspenden, die man nach Afrika schickt, um damit noch einige Cent zu verdienen. Die Kleidung aus der Kleiderkammer ist so zerschlissen, dass sie nur noch für uns Alte taugt, für die, die von der Arge leben.

Ich habe heute einen Wartetermin beim Arzt. Ab einem Alter von 75 Jahren kann man sich nur noch zu den 14tägigen Random-Tagen dorthin begeben. Nach jedem Aufruf dreht man an der Scheibe im Wartebreich und wenn man der Nummer auf dem Anzeigegerät über der Tür am nächsten kommt, darf man sich in einen der Altenbehandlungsräume begeben. Dort kommt dann ein Medizinstudent, der sich hier die ersten Brötchen verdient. Tatsächlich bekommen diese Hilfsmediziner im ersten Jahr am Ende eines jeweiligen Tages wirklich nur einige Brötchen vom Vortag, die von einer Bäckerei gespendet werden.

Als ich nach sieben Stunden Wartezeit endlich Glück habe mit dem Drehrad, begebe ich mich ins Behandlungszimmer für alte Menschen. Dort stehen die vielen Glasschränke mit den abgelaufenen Medikamenten, die man gegen eine Selbstbeteiligung erstehen darf. Ich setzte mich auf den Plastikbehandlungsstuhl und warte auf meinen Mediziner. Bis zu diesem Tage durfte ich zumindest noch ab und an hoffen, einige Medikamente günstiger zu erhalten, von den Aussortierten mit altem Datum vom Vorjahr versteht sich. Ab dem nächsten Azrtbesuch bin ich wegen zu hohem Lebensalter von der Krankenversicherung ausgeschlossen und muß den Mediziner und die abgelaufenen Medikamente selbst bezahlen.

Eine staatliche Rente gibt es ja schon seit einigen Jahren nicht mehr und meine Riesterrente wurde bereits von der Arge einkassiert. Ich habe mich bisher noch mit Flaschensammeln einigermaßen über Wasser halten können. Da ich seit 10 Jahren in einer Altenbaracke wohne, hat mir das Flaschensammeln zumindest bei schönem Wetter noch immer Spaß und Bewegung verschafft und natürlich etwas Bargeld. Besser als dass einem die Decke auf den Kopf fällt. Die Baracken waren eigentlich mal als Wohncontainer für die neue Klasse an aussortierten Arbeitslosen unter die Autobahnbrücken gebaut worden, um unnötige Mietzahlungen einzusparen. Seit der Umstrukturierung, bei der man diese Arbeitslosen unter 65 Jahren gegen Kost und Logis nach China ausleiht, nutzen nun wir Alten über 65 Jahren diese Baracken. Seit dem verfügen sie aber weder über Stromanschluß noch über Heizung. Nur die Tatsache, dass sie unter den Autobahnbrücken aufgereiht wurden, ermöglicht es, dass bei Regen das Abwasser der Autobahn in große Tanks aufgefangen und in die einzelnen Container als Klospülung, zum Abkochen und Duschen umgeleitet werden kann.

Ich schaue an mir herunter, meine Unterwäsche ist ziemlich zerschlissen. Ich schäme mich, hier so zu sitzen. Als sich die Tür öffnet, kommt mein Mediziner herein. Er erklärt mir,  da ich ja aus dem Bezug der Arge und der Krankenversicherung aus Altersgründen rausgefallen sei, dass ich nun sehr wohl überlegen solle, welches meiner Medikamente ich mir noch leisten möge oder kann. Der junge Mann geht kurz mit dem Handyscanner über meinen Körper und spricht einige mir unverständliche Sätze in sein Gerät. Ich erkläre ihm, dass ich im Moment kein Geld für Medikamente oder weitere Behandlungen habe, da es immer mehr Flaschensammler gäbe und man davon nicht mehr satt würde. Seitdem ich 75 Jahre alt geworden bin, bekomme ich ja auch keine Bezugscheine für die Tafel mehr. Er erklärt mir, dass er vielleicht eine Lösung für mich habe. Da ich ja zu denen gehören würde, die seit Jahren ein gesundes Leben geführt, weder Alkohol getrunken noch geraucht hätten. Deshalb könne er mir die Spritze zum halben Preis anbieten.

Er händigt mir ein Prospekt aus und nennt mir auch gleich den Selbstkostenanteil an der Spritze. Sobald ich den zusammengespart hätte, könnte ich vorbeikommen. Dann würde man mir weiterhelfen. Ich bedanke mich und verlasse die Praxis. Als ich vor der Tür stehe, knöpfte ich meinen zerschliessenen Mantel zu. Langsam wird es merklich kälter. Ich gehe zurück in meinen Container. Dort beginne ich das altersgerechte, in große Buchstaben gedruckte, Prospekt anzuschauen, bevor das Tageslicht zu schwach zum Lesen wird:

LIEBER ÄLTERER MITBÜRGER, SIE SIND EIN MENSCH GEWESEN, DER SICH IMMER MÜHE GEGEBEN HAT, SICH GESUND ZU HALTEN. AUS DIESEM GRUND ÜBERNIMMT IHRE KRANKENKASSE GERNE 50% DER KOSTEN FÜR DIE SPRITZE, DIE IHNEN DIE LETZTE RUHE BRINGEN SOLL. BITTE TRAGEN SIE IM BEILIEGENDEN FORMULAR EIN, OB IHR KÖRPER ANSCHLIESSEND DER WISSENSCHAFT ZUR VERFÜGUNG GESTELLT, ALS BLUMENDÜNGER FÜR DIE GRÜNFLÄCHENVERSCHÖNERUNG UNSERER WUNDERBAREN STADT ODER IHR LEICHNAM ZUR TIERERNÄHRUNG DIENEN SOLL. LETZTERES WÜRDE IHREN KOSTENANTEIL DER SPRITZE NOCH MAL UM 5 % SENKEN. IHRE KRANKENVERSICHERUNG WÜNSCHT IHNEN EINEN ANGENEHMEN TOD NACH ERHALT DER SPRITZE UND BEDANKT SICH FÜR IHRE KOOPERATION…

-Ende-

Copyright 2012 by Felis Breitendorf

Bildrechte: Grafik „Spritze“ am Ende des Textes © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus20-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Kaufempfehlung des Autors:

Malessa, Andreas
Altherrensommer

Männer in der Drittlife-Krise

Verlag :      Gütersloher Verlagshaus
ISBN :      978-3-579-06663-9
Einband :      gebunden
Preisinfo :      17,99 Eur[D] / 18,50 Eur[A] / 25,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 03.10.2012
Seiten/Umfang :      ca. 192 S. – 21,5 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      23.07.2012

Medien :
Leseprobe(PDF)

Eine einzigartige Reisereportage in eine terra incognita!
Sie selbst reden ungern darüber. Und was andere dazu sagen, Frauen zum Beispiel, stimmt höchstens als Außenansicht: Männer im Alter 50 plus – ihr Lebensgefühl, ihre Wünsche und Herausforderungen in der Drittlife-Krise. Wenn der Körper schwächelt, die Pensionierung naht und das Geld knapper wird. Wenn auch die Partnerin in die Jahre gekommen ist und es mehr Freizeit, aber weniger Lebenszeit gibt. Wenn man geachtet werden möchte, statt peinlich zu werden.

In kurzweiligen Porträts quer durch die sozialen Schichten nimmt uns Andreas Malessa mit auf eine höchst unterhaltsame Reise in jene Sphäre aus Scham und Ehre, die Frauen zu kennen glauben und Männer selten zu erkennen geben. Eine psychologisch-gesellschaftskritische Reisereportage durch die Innenwelten der »Best Ager«. Mit humorigen Schlüsselloch-Effekten für Leserinnen und hohem Wiedererkennungswert für Leser. Überraschende Innenansichten aus einer vermeintlich »alt«-bekannten Alltagskultur, gut recherchiert und brillant erzählt Altersweise Erfahrungen, wie die Würde bleibt, wenn der Status geht…

Andreas Malessa, geboren 1955, Hörfunkjournalist und Fernsehmoderator beim SWR, Deutschlandfunk und Hessischen Rundfunk, ist Theologe, erfolgreicher Buchautor, Songtexter und Zeitungskolumnist. Er lebt bei Stuttgart.

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15 Comments

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  1. Habe mir sagen lassen, dass diese Geschichte das Produkt eines Telefonates zwischen dem Autor und eines anderen Community-Autoren gewesen sein soll. Was meint Ihr, kann man sowas veröffentlichen, oder muß der Autor nun mit Haue von der Ministerin Ursula von der Leyen rechnen? 😀

  2. Die Leseprobe von dem Buch ist wirklich klasse, lest doch mal rein!

  3. Böse. Ganz böse. *gg* Einfach genial^^

  4. Kenne ich schon: das neue Sozialprogramm der Partei, welche die Frechheit besitzt, immer noch ein C im Parteinamen zu führen und als Logo blau daherschleicht, in Wahrheit aber von allen „Die Schwarzen“ genannt wird. Nomen est omen.

    mgg
    galaxykarl 🙁

    P.S. Na, schwarz genug der Kommentar?

  5. Ich bevorzuge ja auch „schwarz“ aber nur bei meiner persönlichen Kleidung! 😉

  6. carl reiner holdt

    Hallo Felis,

    super gelungen!!
    Einzig bei den „jungen Arbeitslosen“, die nach China ausgeliehen werden, frage ich mich, wie realistisch das Szenario ist: Junge Leute sind in 40 Jahren Mangelware, auch in China. Das treibt den Preis…

    LG, Carl

  7. Vielleicht sollte Felis daraus den Standart-Arbeitslosen unter 60 machen? 😉

  8. Felis Breitendorf

    Du hast recht, Carl Reiner. Ich habe aus den jungen jetzt die unter 65jährigen gemacht, die haben wir ja in Zukunft in großer Menge, da die Automatisierung weitergehen wird, werden in Deutschland nur noch Fachkräfte gesucht, aber keine Ungelernten oder Menschen mit alten Berufen, die nicht mehr gebraucht werden. In China aber bestimmt noch, denn dort sind einige Fabriken aus Deutschland komplett hintransportiert worden. Dabei auch welche mit alten Berufsbildern. Die unter 65jährigen bilden dort die jungen Chinesen darin aus mit unseren alten Fabriken weiter die Umwelt zu verschmutzen. Was meinst du?

  9. Christa Kuczinski

    Klasse Idee und sehr gut umgesetzt. Im vorletzten Absatz hatte ich so eine Ahnung, was es mit der Spritze auf sich haben könnte … 😉

    Lg Christa

  10. Tja da hat Felis Geschichte doch einen klaren Bezug zur aktuellen Diskussion der Sterbehilfe. So menschenverachtend wie mit Leuten umgegangen wird, ist so ein Szenario kaum von der Hand zu weisen. Wenn ich schon höre das wir vergreisen, könnte ich schreien. Ich kenne sehr viele Leute die um die 70 sind. Von Vergreisung ist da nichts zu merken. Die sind gesünder und agiler als so mancher junger Mensch und sind geistig rege.
    Wenn der Mensch älter wird hat es einzig und allein damit zu tun wie gut man behandelt wird auch und vor allem im Gesundheitswesen das ja immer mal wieder reformiert wird. Sprich: Noch weniger Leistungen für mehr Geld. Wir alle sollen bis ca. 69 Jahre arbeiten aber geh mal los und versuch ab 40 noch was gescheites zu bekommen. Mir geht es seit Jahren so, ich bin zu alt, zu gut ausgebildet, zu teuer. Also bin ich mit viel Glück an der Kasse eines Unternehmens gelandet das auch ältere Leute nimmt. Das schmeckt bitter das Wort Ältere. Verdammt ich werde zwar fünfzig aber ich fühle mich deswegen noch nicht alt.
    Wenn das menschenverachtende Ungetüm namens Profit nicht bald abgestellt oder umgestellt wird, sehe ich schwarz für die Zukunft. Aber es gibt ja schon Designerbabys. Der neue Mensch. Für immer 20, 40 Jahre Berufserfahrung, wird nie krank, arbeitet umsonst.

  11. Tolle Geswchichte! Ich bin echt platt wie Felis das alles in dieser kurzen Story auf den Punkt gebracht hat. Auch wenn das hier wohl eher als Satire zu verstehen ist (hoffe ich doch!), kommt dies der Realität in einigen Jahren vielleicht verdammt nahe. Wer weiß das schon …

    Was soll nur aus uns Menschen werden, wenn eines Tages alles von automatisierten Produktiosstrassen hergestellt wird und Computersysteme komplett die gesamte Bürokratie übernehmen wird und dann keinerlei Jobs mehr zu bekommen sind, ausser man hat Geld um damit an der Börse zu spielen? Armes Deutschland! Armes Europa! Arme Welt! Armes Menschengeschlecht! 🙁 🙁 🙁

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