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SCHNITTSTELLEN DER PERSÖNLICHEN BEGEGNUNGEN – Zum Tod des Psychoanalytikers Prof, Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter – Ein Artikel von Bernd Holstiege.

Erstellt von Detlef Hedderich am Samstag 21. Januar 2012

Der Psychoanalytiker und Vordenker ist nach kurzer, schwerer Erkrankung am 19.12.2011 im Alter von 88 Jahren in Gießen gestorben. Er war neben Gottstein der große alte Mann der deutschen Friedensbewegung, galt als Wegbereiter der psychoanalytischen Familienforschung und Familientherapie und hat mit seinen Arbeiten über die Psychosomatik zur Entwicklung der Psychoanalyse in Deutschland entscheidend beigetragen.

Laut der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth habe Horst-Eberhard Richter nicht nur zu der kleinen und exklusiven Reihe von Wissenschaftlern gehört, die das „Innerste“ der Menschen erforscht haben. Es sei ihm auch gelungen, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie sich selbst erkennen und aus dieser Erkenntnis lernen können. Dazu sei er mit seinem Wissen nicht im akademischen Elfenbeinturm verblieben, sondern habe es in die Gesellschaft hineingetragen. Neben anderen Auszeichnungen hatte ihn die Stadt Frankfurt am Main, in der er von 1992 an ein Jahrzehnt das Sigmund-Freud-Institut leitete, 2002 mit der Goethe-Plakette ausgezeichnet.

Bei den persönlichen Begegnungen hatte ich seine wohlwollende und warmherzige Haltung kennen gelernt. Wie jeder Mensch hatte er natürlich verschiedene Seiten. Als ich 1972/73 an einer psychosomatischen Klinik in Berleburg arbeitete, fuhr ich mehrere Semester nach Gießen zu Seminaren über Familientherapie und –dynamik unter Leitung von H.E. Richter. Über sein erstes Buch „Eltern, Kind und Neurose“ war sein Ruf und seine Denkweise zu mir gelangt, die meinen Horizont erweiterten und die ich weitgehend teilte. Er beschrieb kindliche Erkrankungen als Ausdruck und Folge des Familiensystems. Ich wollte ihn unbedingt erleben. In seinem Seminar zeigte er Filme über Ausschnitte von Familientherapien, die anschließend gemeinsam besprochen wurden, und ließ uns in Rollenspielen thematisch kurz umrissene, typische Familiensituationen spontan spielen.

Ein Rollenspiel ist mir noch nachhaltig und denkwürdig in Erinnerung. Es gab mir Aufschluß über meine Person, die Person von H.E. und verbreitete gesellschaftliche Verhältnisse.

Die Situation war: Vater, Mutter, 15 jährige Tochter und 12 jähriger Sohn. H.E war der Vater, ich der Sohn und eine Studentin meine ältere Schwester. Das Familienproblem war, meine Schwester trieb es mit den Jungens, an sich altersgerecht ganz normal, für diese streng moralische Familie jedoch ein Problem. Die Mutter war zwiegespalten. Einerseits musste sie im Moralsinne dagegen sein, andererseits dachte sie an sich selbst zurück, gönnte ihrer Tochter die Freiheit und sah sich wohl selbst ein Stück in ihr. Ich selbst dachte spontan daran, in ein paar Jahren bin ich auch soweit, und wollte für meine Schwester in die Bresche springen. Da traf mich von der Seite ein wohlwollend-strenger Blick meines Vaters „Du willst doch nicht etwa…!?“ – und ich schwenkte spontan total im Sinne der Moral um, zog mit lauter Allgemeinsätzen vom Leder und machte mit diesen meine Schwester fertig. Ich hatte ein doppeltes Machtgefühl, mit der Moral die Macht in der Familie in den Händen zu tragen, als Jüngster der Stärkste zu sein. Gleichzeitig entwarf ich in meiner Zukunftsaussicht, doch später irgendwie mein Schäfchen ins Trockene zu bringen und immer zu wissen, was andere böses anstellen, um diese zu verurteilen – also eine typische Doppelmoral zu verwirklichen.

Diese meine Situation ist die mancher katholischer Priester in ihrem Verhältnis zu Frauen, Kindern und der Beichte, wie ja zunehmend heraus gekommen ist. Ich bin ja katholisch erzogen, war Ministrant, überlegte sogar mal kurz, katholische Theologie zu studieren. Aber die Mädchen waren mir wichtiger.

Als wir am Ende der Seminarstunde hinaus gingen, traf mich ein böser Blick der Studentin. Sie sagte zu mir „genau das habe ich früher auch gehört und bin deswegen mit 15 ausgezogen!“ Ich dachte mir, anscheinend wird in vielen Elternhäusern exakt dasselbe geredet. Mehrere Monate später traf ich H.E. auf der Kliniktreppe. Er sprach mich an, und ich fertigte ihn höchst unhöflich in einem Satz ab. Anschließend machte ich mir fast entsetzt Gedanken „warum eigentlich…?“ und kam darauf, ich war ihm noch immer wegen der Verführung zum Selbstboykott böse. Dann machte ich mir Gedanken, was so alles in mir steckt, die Moral und Doppelmoral, die Sätze und vor allem, um das Wohlwollen meines Vaters zu erringen, war ich zu allem bereit, sogar meine eigenen Interessen, zumindest halb, aufzugeben. Andererseits meine ich noch heute, einen moralischen Nerv von H.E getroffen zu haben. Deswegen setzte er sich so aufopferungsvoll für zahlreiche gesellschaftskritische Projekte ein wie den Giessener „Eulenkopf“, die Ärzte gegen den Atomkrieg, die Friedensbewegung, schrieb sozialkritische Bücher, hielt der Gesellschaft den Spiegel vor – und hatte als attraktiver Mann für die Frauen auch noch Zeit – ein Tausendsassa oder ein Hans Dampf in allen Gassen. Seine Moral sehe ich nicht nur als Folge seiner verinnerlichten Familienmoral, sondern auch als Folge seiner schlimmen Kriegserlebnisse und der Ermordung seiner Eltern.

Allerdings merkte ich weiterhin, ich hatte das Wohlwollen von H.E. errungen, vielleicht durch die Übernahme dieser Moralrolle, der „brave“ Sohn zu sein, mein spontanes Schauspieltalent und meine Selbstreflexionsfähigkeit. Da sie sich entsprachen, waren in den Rollenspielen weiterhin Spiel und Wirklichkeit nicht zu trennen. Das Spiel war auch ein Teil und Spiegel der Wirklichkeit. Sein Wohlwollen nutzte ich 1974, als ich Bedenken hatte, ob ich die Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ bekomme, da ich in meinen Augen den Voraussetzungskatalog nicht ganz erfüllt hatte. Ich bat ihn um ein Zeugnis. Das fiel so gut aus, wie ich es von mir selbst nie erträumt hätte. Bald darauf zog er mich als einzigen außerhalb des Mitarbeiterteams seiner Klinik zu einer Fernsehreihe im SWF hinzu, in der derartige Rollenspiele spontan gespielt werden sollten. Nach dem Spiel sollte jeder seine Befindlichkeit schildern und dann das Ganze noch wissenschaftlich für den Durchschnittsfernsehzuschauer verständlich aufbereiten. Nach Zusammenstellung eines Teams machte H.E. anscheinend gekränkt selbst nicht mehr mit, und seine Mitarbeiter waren froh, endlich mal etwas selbständig ohne ihren Übervater machen zu können. Ich sehe mich noch heute in meiner Rolle als Familienvater mit langen, pappigen Haaren und Pfeife. Da alle wohl überfordert waren, blieb es bei einer Sendung. Ohne den Übervater ging es wohl auch nicht.

Auf Tagungen und Kongressen der DAF (Deutsche Gesellschaft für Familientherapie) oder der DAGG (Deutscher Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik), wo er federführend war, traf ich ihn gelegentlich.1991 begegnete ich ihm auf einer Demo gegen den Golfkrieg in Bonn. Er wusste sofort meinen Namen, obwohl wir uns lange nicht gesehen hatten. Während seiner Zeit in Frankfurt als Leiter des Sigmund-Freud-Instituts kreuzte ich dort nie auf, obwohl ich nicht weit wohne, vorher und hinterher schon gelegentlich. Vielleicht war ich ihm immer noch latent böse. Sicher spielte eine Vaterübertragung, d.h. die Erfahrungen mit meinem Vater, eine Rolle, während ich meinem Vater längst verziehen hatte, da ich seine menschlichen Schwächen auf dem Hintergrund seiner eigenen Kindheitsprägungen sah. Mein Vater hatte ebenfalls Züge der Doppelmoral in sich.

Vor wenigen Jahren mit über 80 hielt H.E. einen Vortrag beim FAPP (Frankfurter ärztliche Psychotherapeuten), ein guter Vortrag, aber ohne die frühere innere Wärme und das innere Leben. Er war ja auch schon über 80. In den Jahren in und nach der Studentenbewegung war er eine beliebte Leitfigur, bei denen, denen er den ungeliebten Spiegel vorhielt, und bei der Elfenbeinturmpsychoanalyse wohl weniger. Wir alle trauern um ihn.

Copyright © 2012 by Bernd Holstiege

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www.bholstiege.de

Kaufempfehlung der Redaktion:

Richter, Horst-Eberhard
Der Gotteskomplex

Die Geburt und die Krise des Glaubens an die Allmacht des Menschen

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ISBN :      978-3-8379-2214-1
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Horst-Eberhard Richter beschreibt die moderne westliche Zivilisation als psychosoziale Störung. Er analysiert die Flucht aus mittelalterlicher Ohnmacht in den Anspruch auf egozentrische gottgleiche Allmacht. Anhand der Geschichte der neueren Philosophie und zahlreicher soziokultureller Phänomene verfolgt er den Weg des angstgetriebenen Machtwillens und der Krankheit, nicht mehr leiden zu können. Die Überwindung des Gotteskomplexes wird zur Überlebensfrage der Gesellschaft und des modernen Menschen.

Horst-Eberhard Richter, Titel: Prof. Dr. med., Dr. phil., geboren: 1923, gestorben: 19.12.2011. Horst-Eberhard Richter war von 1959 bis 1962 Leiter des Berliner Psychoanalytischen Instituts und danach bis zu seiner Emeritierung 1992 Direktor der Psychosomatischen Universitätsklinik in Gießen. Er war Mitbegründer der Dt. Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) und leitete von 1992 bis 2002 als Geschäftsführender Direktor das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main.

Er war Mitglied im PEN-Zentrum der Bundesrepublik und erhielt u.a. den Theodor-Heuss-Preis (1980), die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt (2002) und den Ghandi-Luther King-Ikeda Award des Morehouse College, Atlanta USA (2003).

International ausstrahlende Wirkung erzielte Horst-Eberhard Richter durch seine wissenschaftlich fundierten und dennoch gut verständlichen Analysen, in denen er psychoanalytische und sozialphilosophisch-anthropologische Aspekte miteinander verbindet. Seine Bücher wurden in zwölf Sprachen übersetzt.

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Hier kann man sich ein Video von Horst-Eberhard Richter ansehen.

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18 Kommentare zu “SCHNITTSTELLEN DER PERSÖNLICHEN BEGEGNUNGEN – Zum Tod des Psychoanalytikers Prof, Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter – Ein Artikel von Bernd Holstiege.”

  1. Detlef Hedderich sagt:

    Liebe Leser, ich bitte um Meinungen! :)

  2. Irene Schmidt sagt:

    Diese Materie ist mir gänzlich fremd, sorry!

  3. Irene Schmidt sagt:

    DH hat mir letztens im Treppenhaus gesagt, dass, nur wer leiden kann auch wirklich zum Genießen fähig ist. Habe nicht so ganz verstanden was er meinte. Wer kann mich mal aufklären?

  4. Irene Schmidt sagt:

    Muß man tatsächlich erst Qualen durchleben um das Leben wirklich als schön zu erleben? Meint der Prof. dass mit seinem Buch?

  5. Martin Ott sagt:

    Irene,
    ich verstehe den Text auf dem Buchbild und den ersten Absatz zum Buch in der Richtung, dass das gesellschaftliche Pendel durch die Aufklärung/Naturwissenschaften ins andere Extrem um geschlagen sei: früher war Leiden ein gelernter, gelebter, “normaler” Bestandteil des Lebens. Der moderne Mensch will das Leiden beherrschen. Das Verlagen, sich selbst zu bestimmen und sich vom Leiden einseitig befreien zu wollen, scheint er als “Gotteskomplex” zu bezeichnen. Die jüngeren Generationen verlernen dadurch, mit Leiden umzugehen und werden es dann letztlich nicht mehr können: Krankheit in dem Sinne, dass etwas wichtiges fehlt bzw nicht (mehr) möglich ist.

    Der Herr Psychonalaytiker scheint herausgefunden zu haben, dass Freud und Leid zusammen gehören. Wenn eine Gesellschaft versucht, eines von beiden zu Beherrschen oder gar zu unterdrücken, dann wird die Gesellschaft krank und kippt um.

    Ich hoffe, nicht alles war nicht hilfreich.

  6. galaxykarl sagt:

    Ich bin dann mal weg …

    mgg
    galaxykarl :-I

  7. Irene Schmidt sagt:

    Aha, danke!

  8. Bernd Holstiege sagt:

    ich mache mir Gedanken über die Raktion auf meinen Artikel, nämlich gar keine, das angeführte Buch und die Kommentare. Der von Martin Ott gefiel mir besonders. In meinem Artikel versuchte ich anhand der Begegnungen die Vermischung von Spiel und Leben darzustellen. Umgekehrt ist das Leben ein Spiel und nicht nur ein freudvolles, sondern auch ein leidvolles.

    Meiner Ansicht nach versuchte der Mensch schon immer, seine Ohnmacht in Allmacht umzuwandeln. Hauptsächlich steht die kindliche Ohnmacht dahinter aufgrund unerträglicher Umstände. Mit diesen Erfahrungen erlebt der Mensch die spätere Welt und setzt sie als Matrix in Handlungen um. Durch den technischen Fortschritt entsteht zusätzlich die Illusion oder ein Aberglaube, alles beherrschen zu können, wodurch der Mensch sein Menschsein vergißt. Durch die Apparatemedizin sieht er sich nicht mehr als Mensch, sondern als technisches Reparaturobjekt. Dann leidet er zusätzlich darunter, daß er überhaupt leidet, ist enttäuscht und verbittert an der Medizinheilkunde. Im Grunde werden die Leiden verschärft, da er diese nicht mehr akzeptieren kann (siehe Martin). Andere negative Folgen der Allmacht sind die Kernenergie und die Erderwärmung, wo die Natur zurück schlägt, wenn sie nicht genügend respektiert wird.

    H.E. hatte die Neigung, viel negatives zu sehen, weniger das Positive in den technischen Fortschritten, uns den Spiegel vorzuhalten und sich mit aller fast grandiosen für ihn verfügbaren Macht für sein Positives einzusetzen, wohl auch eine Folge seiner traumatischen Erfahrungen. Nur leider läßt sich der Mensch nicht so leicht ändern. Aber, ich deutete an, er hat auch die positiven Seiten des Lebens geschätzt.

  9. Detlef Hedderich sagt:

    Lieber Bernd, so ist das mit der Kommunikation, das meiste hat sich inzwischen nach Facebook verlagert, was zwar praktisch für die Leute sein mag, für uns aber ziemlich ärgerlich, da so der Anschein entsteht, wir wären eine tote Seite, was Community und Kommunikation angeht. Habe mir aber sagen lassen, dass dieses Problem viele andere Seiten auch haben, die offtmals daraus die Konsequent gezogen haben, nur noch in Facebook zu kommunizieren. Der Nachteil ist aber, dass man automatisch alle Rechte an öffenlich abgegebenen Texten an die Facebookbetreiber abtritt, die damit ihr Geld verdienen. Wir haben inzwischen mit allen drei Seiten sfbasar.de, buchrezicenter.de und Filmebesprechungen.de jeweils eine Seite bei Facebook, aber dort scheint sich irgnedwie nicht viel zu tun, warum auch immer. Vielleicht sind unsere Beiträge dann doch schon zu anstrengend zu lesen für die meisten Facebookbesucher, die dort, wie mir inzwischen scheint, hauptsächlich nur sehr, sehr oberflächlich kommunizieren, was nicht so mein Ding ist, daher habe ich mich von dort mit meinem persönlichem Zugang auch wieder ein bisschen distanziert. Ich persönlich habe da keine große Freude dran, meine Zeit bei facebook mit zuviel Lari Fari-Gelaber zu vergeuden, sorry.

  10. Detlef Hedderich sagt:

    Lieber Bernd, auf der anderen Seite sollte man mal nachdenken darüber, wie sehr sich für die Menschen die tagtäglichen Einflüsse und deren Konsequenzen geändert haben. Ein Teil unserer Allmächtigkeitdenken liegt wohl auch darin begründet, dass wir glauben, dass Recht auf Glück und Wohlbefinden zu haben. Hier empfehle ich mal einen Blick in die Vergangenheit, wie die Menschen früher waren, bis vor garnicht so langer Zeit war es völlig normal, dass man leidete, z.B, darunter, dass man vieles nicht ändern konnte, die physische Macht des Stärkeren, der diese gnadenlos einsetzte, die Allmacht der Krankheiten, welche die Leute riehenweise dahinsiechen lassen haben, oder einfach der Umstand, keine Planungsicherheit gehabt zu haben. Der nächste Winter, der zu kalt wurde oder eine schlechte Ernte bedeutete of Leid, Krankheit und Tod. Wir Menschen heute haben es da anders, aber wir wissen es nicht zu schätzen, weil uns die Erfahrungen fehlen, wie es ist, so wie früher leben zu müssen. Punktum geht es heute einem Durchschnittsmenschen in der westlichen Welt physisch besser als jedem Kaiser und König in den früheren Zeiten. Wir sind aber nicht in der Lage diesen Umstand zu erkennen und dadurch Befriedigung zu erreichen. Ich habe da einige andere Erfahrungen gemacht in meinem Leben habe auch viele physische Tiefen erlebt, so das es mir schon fast wie der NAchkriegsgeneration geht, die froh war endlich wieder satt zu werden, im Warmen zu leben und bei Krankheit einen Fachmann aufsuchen zu können. Aber wie heisst es so schön, mit den Möglichkeiten steigen auch die Erwartungen. Ich enpfehle jedem mal sich einige Tage ohne die gewohnten Sicherheiten und Annehmlichkeiten in einem Art Überlebenstraining zu beweisen. Dann kann man die Dinge, die man jetzt hat, hinterher wirklich geniessen. Ich weiss noch, wie ich bei einem Überlebenstraining die Herrschaften, die nicht bereits waren, dies oder das als Nahrung zu akzeptieren, nach dem Training, wieder in gewohnter Umgebeung, die Dinge mit Genuss essen konnten, die sie vorher so verschmäht haben und dabei die Erfahurng und den Spruch auf den Lippen: “Ich wußte garnicht, wie es ist, wirklich Hunger zu haben, so dass ich erst jetzt verstehe, wenn jemand sagt: ´wenn man so richtig hungrig ist, dann schmeckt alles gut´!”

  11. Galaxykarl sagt:

    Sorry, jetzt muss ich aber …

    Zitat: “Meiner Ansicht nach versuchte der Mensch schon immer, seine Ohnmacht …”

    Verdammt noch mal, ich könnte das Kotzen bekommen, wenn ich solche Sprüche höre. Ohmnacht! Das ist eine durch und durch fatalistische Lebenseinstellung und definitiv nicht der Charakter den die Natur oder Gott oder das Lebens uns Menschen gegeben haben. Wenn jedes Exemplar auf jeder einzelnen Stufe der Evolution so gedacht hätte, säßen wir heute noch auf Bäumen und in Höhlen und würden uns vor unseren Fressfeinden verstecken.

    DER MENSCH IST NICHT OHNMÄCHTIG! PUNKT!

    Wir haben uns deswegen zur dominierenden Spezies auf diesem Planeten entwickelt, WEIL WIR UNS EBEN NICHT OHNMÄCHTIG IN UNSER SCHICKSAL ERGEBEN HABEN. Wir haben uns gegen unsere Fressfeine gewehrt, die zig-Mal schneller, stärker und zahlreicher waren. Mit Intelligenz, mit Nachdenken, mit Versuch und Irrtum, aber definitv nicht mit ohnmächtigem Zittern.

    Herrgottnochmal ich kann so eine Mist nicht mehr hören!

    mit grimmigen (nicht galaktischen) Grüßen
    galaxykarl :-(

  12. Martin Ott sagt:

    Guten Abend Bernd Holstiege,
    danke für die Rückmeldung. Es war ein Schnellschuss. Ich wollte das Leiden von Irene beherrschen. Habe mich nun 2 Tage über meine schlampigen Formulierungen geärgert und dachte mehrfach daran, das Buch “eben quer zu lesen” und noch mal sauber zu formulieren.

    Keine Reaktion zu dem Artikel? Nicht gelesen, erst heute, nach Deinem Kommentar. Hatte keine Zeit bzw konnte nicht einordnen, warum der Artikel hier in einem Forum für fiktive Werke steht. Bin erst ein paar Tage dabei. Aber an einem so markanten Titel wie “Gotteskomplex” mußte ich einfach hängen bleiben. Kann sein, dass er mich in dem Moment an den Titel “Ihr werdet sein wie Gott” von E. Fromm erinnerte. Während ich die Zeilen für Irene schrieb, hatte ich allerdings Hesses Siddartha im Hinterkopf. Ist 30 Jahre her und somit etwas verschwommen: Die einen Menschen leben, die anderen fragen nach dem Warum und Wie, aber irgendwann müssen sie trotzdem leben. Das “Der Herr Psychoanalytiker …” war in diesem Sinne gemeint. Ich hatte den Eindruck, dass er als Wissenschaftler etwas formal beobachtet und formal beschreibt, was Theologen aus ihrem Glauben heraus als gegeben annehmen und dem durchschnittlich gebildeten nicht-Wissenschaftler aus seiner Lebenserfahrung heraus vertraut (“gefühlt bekannt”) ist. Ich selbst kann mich nicht einer dieser drei Gruppen eindeutig zuordnen. Für mich ist der Sachverhalt logisch. Wenn ich zu einer Schlußfolgerung gekommen bin, merke ich mir üblicherweise nur die Sätze, nicht die Beweise.

    Nachdem ich nun den Artikel gelesen und die erläuternden Worte von vergangener Nacht gesehen habe, ist mit immer noch nicht klar, was das Ziel oder die Zielgruppe des Artikels ist. Ist es ein persönlicher Nachruf, eine Art Testimonial, für eine Fachzeitschrift? Oder eine sachlich formulierte persönliche Aufarbeitung für die eigene Kundenkartei? Dennoch finde ich die persönlichen Eindrücke interessant und sie geben mir einen Eindruck. Teilweise von H.-E. Richter, vielleicht mehr noch vom Autor.
    Dass das Leben ein Spiel ist habe ich gelegentlich in jugendlichem Leichtsinn geäußert. Die Reaktionen, die ich darauf immer wieder bekam, waren interessant, irgendwann vorhersagbar und haben mir letztlich dieses Spielchen verleidet. Der Bericht zum Rollenspiel und die Schlussfolgerungen erinnern an eigene Erfahrungen. Habe drei Jahre in einer Fantasy-Rollenspielgruppe (AD&D, pen&paper) mit gemacht, “hochkarätig besetzt”, alles Diplomanden und Doktoranden der Physik/Astronomie. Einer von uns hatte Jura im Nebenfach und die Regeln “überarbeitet”. Ich habe bei mir zeitweise erhebliche Effekte festgestellt, dass ich die Interaktionen zwischen mir als Spieler, meiner Rollenfigur und den anderen Spielern und Figuren nicht klar auseinander halten konnte. Mir fehlt allerdings der Formalismus/Sprache, um dies genauer darzulegen.

    Zu dem Übervater fällt mir noch ein:
    > H.E. hatte die Neigung, viel negatives zu sehen, …
    War das tatsächlich er persönlich oder war es seine didaktisch/rhetorische Rolle?

    Interessante Homepage, übrigens, mit gewissen Parallelen. Ich habe 1964 in Marburg im Elisabeth-Krankenhaus angefangen. 1970 ging es dann im Rheingau auf dem Gelände einer psychiatrischen Klink weiter. Irritiert hat mich allerdings das Foto auf der Homepage. Ich dachte ursprünglich, der Artikel hier oben würde sich mit H.-E. Richter befassen.

    Herzlichen Gruß
    Martin

  13. galaxykarl sagt:

    Lieber Martin,

    Deine Frage – : “Nachdem ich nun den Artikel gelesen und die erläuternden Worte von vergangener Nacht gesehen habe, ist mit immer noch nicht klar, was das Ziel oder die Zielgruppe des Artikels ist. Ist es ein persönlicher Nachruf, eine Art Testimonial, für eine Fachzeitschrift? Oder eine sachlich formulierte persönliche Aufarbeitung für die eigene Kundenkartei?” – kann ich nur ebenfalls stellen.

    Das ist so typisch für diese Sorte “Berater”: labern und nix dabei sagen. Selbst du, der sich scheinbar mit dieser Materie näher befasst, kannst auf den ersten Blick nicht erkennen, was das eigentlich soll. Selbstinszenierung? Selbstreflektion? Selbsttherapie?

    Meine Meinung ist, dass man mit solchen Äußerungen (“Ohnmacht des Menschen” usw.) labilen Charakteren erst recht einen Hau einredet und sie dann wirlich jahrelang in die Pschyopraxis pilgern, schön brav Geld auf den Tisch legen – und im Endeffekt trotzdem mit dem Leben nicht klarkommen.

    Und wenn ich mich an das erinnere, was Freud oder Nitsche zur geistigen Natur des Menschen von sich gegeben haben – und längst massenhaft widerlegt wurden – dann wundert es mich, wenn sie immer noch als DIE Koryphäen auf diesem Gebiet (hier in o.e. Beitrag ausnahmsweise mal nicht) betrachtet werden.

    mgg
    galaxykarl

  14. Martin Ott sagt:

    Lieber galaxykarl,
    meine Fragen waren nicht rhetorisch gedacht, noch sollen sie ein Urteil über den Autor implizieren.

    Ich kann nichts schlechtes daran finden, dass jemand schreibt, weil er sich über sich oder etwas klar werden will. Ein guter Beobachter mag zu dem Schluss kommen, dass ich selbst aus diesem Grund schreibe. Zum Beispiel diesen Beitrag. Oder die handvoll fiktiven Texte, die ich in den vergangen drei Jahren einigermaßen fertig gebracht habe. Dazu gehört auch “David Martin”, in vielschichtiger Weise. Der Vorwurf der Selbsttherapie wäre hier ein Treffer.

    Ich habe einmal in einer Gesprächsrunde etwas über “diese Politiker” gesagt. Einer der Anwesenden sagte darauf hin, er kenne viele Politiker persönlich und keiner würde diesem Klischee entsprechen, es sei eine Projektion von mir. Mein Gegenüber war Psychiater und auch wenn die Atmosphäre aufgrund eigener Befindlichkeiten danach etwas Schlagseite bekam, war ich ihm für diesen Spiegel im Nachhinein dankbar.

    Wenn ein Physiker, ein Psychotherapeut oder ein Philosoph morgens vor ihrer Projektion im Spiegel stehen, was reflektiert der Spiegel?
    “Morgen rasieren reicht auch noch.”

    Herzlichen Gruß
    Martin

  15. galaxykarl sagt:

    … guter Beobachter

    Hab schon geahnt, dass du evtl. ebenfalls ein Psychologe oder Mediator sein könntest. Allerdings kann ich deinen Worten mehr Sinn entnehmen als anderen.

    Und Selbstkritik hat für mich auch immer etwas mit Selbstbewusstsein und Charakterstärke zu tun. Ein einigermaßen intelligenter und gesunder Mensch wird dazu fähig sein und sein Handeln und seine Äußerungen ebendieser eigenen Prüfung unterziehen, bevor er sie zum Besten gibt.

    Aber schwächeren Gemütern auch noch Ohnmacht oder anderen Unsinn einzureden, überschreitet eine Grenze, die ich nicht akzeptieren kann. Und ich habe solchen Unsinn schon beobachten müssen. Solche “Berater” ahnen gar nicht, was sie wankelmütigen, labilen, charakterschwachen Menschen (übrigens kein Vorwurf an diese Menschen, die können ja nichts dafür, dass sie so sind) antun. Für mich ist hier die Tür zu geistiger Vergewaltigung und Manipulation sperrangelweit offen und ich kann nicht laut genug davor warnen.

    mgg
    galaxykarl

  16. Martin Ott sagt:

    > … sein könntest

    Ich nehme es als Kompliment. Bin ich aber nicht.

  17. Bernd Holstiege sagt:

    Hallo Karl,
    Selbstinszenierung? Selbstreflektion? Selbsttherapie? – sicherlich trifft alles zu. Reflexion kann Therapie sein und die Offenlegung Inszenierung. Dieses Rollenspiel und seine Folgen hat mich oft beschäftigt und jetzt habe ich darüber geschrieben, nicht mit einem bestimmten Ziel, ich bin nicht so zielgerichtet, sondern einfach als Ausdruck meiner Welt. Ich habe auch etwas über mich offenbart, und die Schreiberei hat auch therapeutischen Charakter, indem ich mir dabei die Zusammenhänge klarer mache und dabei mehr eine eigene Position finde.
    Daß´Schwäche und Ohnmacht Dich auf die Barrikaden bringen, hast Du schon in Deinen Kommentaren über den ewigen männlichen Initiationsritus zum Ausdruck gebracht. Du siehst es als therapeutisches Einreden, ich als tatsächlich vorhanden und sehe als Abwehr die Allmacht, wie ja auch H.E.in seinem Buch über den Gotteskomplex schrieb. Du hast recht, wir Menschen haben uns zur überlegenen Rasse gemacht, weil wir nicht ohnmächtig verzweifelt sind. Aber die andere Seite steckt noch in uns, hauptsächlich je nach gemachten Kindheitserfahrungen.
    Lieber Detlef, leider wurde das auch in meinen Augen oft oberflächliche Gelaber bei Facebook weltweit so sehr angenommen und gräbt anderen das Wasser ab. Die meisten Facebookbesucher, aber auch in anderen Foren, wollen anscheinend nur kurze obeflächliche Artikel und sich nicht länger komplexer und differenzierter auseinander setzen. Hintergründig sehe ich darin auch eine Form der Abwehr der Ohnmacht und auf dieser Basis miteinander zu kommunizieren. Mir ist das auch zu lästig und Zeitverschwendung.
    Martin, über seine Traumaerfahrungen habe ich mit H.E. persönlich nicht gesprochen. Einige Eckpunkte habe ich von Wikipedia und ziehe meine Rückschlüsse aus meinen persönlichen Erfahrungen, über die ich z.T. berichtet habe, und aus seinem Leben, soweit es mir zugänglich ist. Wenn ein Mensch sich so sehr mit allen Registern für das Gute einsetzt, muß er schlechte Erfahrungen gemacht haben. Die einen Menschen leben einfach im guten wie im Schlechten, andere, vor allem die Depressiven, fragen sich ständig nach dem Sinn des Lebens, weil sie ihn zu wenig im positiven Sinn in sich haben. Die Vermischung von Spiel und Realität hast Du offensichtlich auch bei Dir erlebt.

  18. Ludwig Heinz sagt:

    Viele Menschen, ich glaube die Zahl ist nicht wirklich bekannt, schätze ich, erleben die Befriedigung vor allem ihrer Süchte als tatsächlichen Sinn ihres Darseins. Ich nehme mich da nicht aus. Auch ich habe viele Süchte, die ich zu befriedigen suche. Immer wenn ich einer dieser Süchte nachgehe und sie bediene, fühle ich mich wirklich am Leben, ich würde sogar soweit gehen und sagen: wirklich Glücklich!

    Dass eine solche Lebenseinstellung nicht gut ankommt und von der Masse der Leute als negativ eingestuft wird, ist mir klar. Das ist aber für mich kein Kriterium, um meine Lebenseinstellung zu ändern. Ich sehr froh darüber, dass ich so viele Süchte habe und dadurch kein einseitig Leben führen muß, wie es manchen Menschen geht. Durch die Vielzahl der Süchte, die ich besitze, ich glaube das nennt man “Borderlinepersönlichkeit” bietet mir dieser Umstand eine Vielzahl von Erlebnissen und Befriedigungen, die ich einfach zu schätzen weiß. Ich finde, dass solche Menschen wie ich und die Befriedigung derer Süchte nicht immer nur negativ diskutiert und beurteilt werden sollten. Woher nimmt sich die Gesellschaft oder besser deren angeblicher Elite, die zu bestimmen glaubt, was die Menschen glücklich macht, das Recht, solche Einstellungen runterzumachen und als abzulehnendes Verhalten darstellen. Ich bin einfach empört darüber und wollte das hier mal zur Diskussion stellen, da es thematisch gut zu diesen Themenkreis passt, der hier diskutiert wird. Wer kann sich auf eine solche Diskussion einlassen ohne gleich wieder mit Klischees um sich zu werfen und das allgemeine gefasel darüber nachzuäffen?

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