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SABIHA UND DAS ERBE DER VERGANGENHEIT (Teil 1) – Eine Kurzgeschichte von Irene Salzmann

SABIHA UND DAS ERBE DER VERGANGENHEIT

Eine Kurzgeschichte (Teil 1)

von

Irene Salzmann

Kranzberg, Oktober 1991/Februar 2014

Lokan da Fenris nahm einen großen Schluck Branntwein aus dem tönernen Krug. Das scharfe Getränk wärmte ihn besser als es der dicke Schafspelz vermochte, an dessen verfilzter Wolle der beißende Wind heftig zerrte.

Dieses Jahr kam der Winter früher als sonst. Im nahen Hochland waren die Gipfel schneebedeckt, und wenn sich die bleiche Sonne auch an den nächsten Tagen hinter massiven, grauen Wolkenbänken verkroch, würde bald die Küste vereisen und den Fischfang erschweren, wenn nicht ganz unmöglich machen.

Mit schweren Schritten tappte Lokan ein Stück am befestigten Ufer entlang und ließ seinen Blick über die aufgewühlte See schweifen. Die Boote lagen ordentlich vertäut und mit Schutzplanen bedeckt an Land. Wenn sie morgen nicht ausfahren konnten, würde er den Rumpf seines Schiffes von den scharfkantigen Muscheln und anderem schmarotzenden Meeresgetier befreien.

Lokan machte kehrt und ging den leicht ansteigenden Weg gemächlich zurück. Der Branntwein begann  ihn schläfrig zu machen, und er wünschte sich, endlich seine Hütte betreten zu dürfen, sich ins warme Bett zu legen und zu ruhen.

„Wie lange dauert das noch?“, murmelte er missmutig.

Alle Frauen im Dorf bekamen ihre Kinder schnell und leicht. Noch am selben Tag waren sie wieder auf den Beinen und gingen ihrer Arbeit nach, das Neugeborene auf dem Rücken tragend. Warum nur war das bei seiner Frau anders?

Vrigga war zart und kränklich. Die harte Arbeit fiel ihr schwer. Sie litt in der kalten Jahreszeit stets an einem schlimmen Husten, den kein Mittel des Heilers lindern konnte. Seit sie das Kind in ihrem Bauch gespürt hatte, war sie kaum noch in der Lage gewesen, all ihre Aufgaben zu erledigen, sodass Lokan die doppelte Last tragen musste.

Aber, sagte er sich stolz, sie war die Mühe wert. Jeder andere Mann beneidete ihn um Vrigga, denn sie war die schönste Frau in Lyoned, vielleicht sogar in ganz Maurinia. Selbst ihre albinotisch helle Haut, das weizenblonde Haar und die bernsteinfarbenen Augen konnten ihre Schönheit nicht mindern. Wie ein funkelnder Stern leuchtete sie zwischen den großen, stämmigen Frauen mit dem überwiegend dunklen Haar hervor. Ihre weichen, verwöhnten Hände konnten so zärtlich sein … Lokan seufzte, und eine sehnsüchtige Hitze breitete sich in seinen Lenden aus. Wie gern wäre er jetzt bei ihr!

Doch Vrigga hatte noch mehr Vorzüge: Sie war klug und hatte ihm mit ihren bedachten Ratschlägen schon so manchen Nutzen gebracht, was ihn für ihre merkwürdige Schwäche wieder versöhnte. Ja, er liebte sie, wenn er es ihr in seiner rauen Art auch nicht richtig zeigen konnte.

Flüchtig erinnerte sich Lokan, wie Vrigga nach Lyoned gekommen war: eine Fremde ohne Heimat, die nicht mehr besaß als die armseligen Lumpen an ihrem grazilen Körper. Ihre Angehörigen waren beim Fischfang ertrunken, hatte sie erzählt, ihr Dorf war weit, weit entfernt. Man hatte sie aufgenommen, ohne viele Fragen zu stellen. Fischer fragten nie. Sie … wussten. Bald darauf hatte Lokan sie in seine Hütte geführt und es noch nie bereut.

Er trank den Krug leer und stellte ihn neben den Eingang seines kleinen Hauses in eine Nische. Dumpf drang Vriggas Stöhnen an sein Ohr, wurde abgelöst von einem heftigen Hustenanfall, und plötzlich überkam ihn die Angst, sie könne bei der Geburt sterben. Hilflos ballte Lokan seine kräftigen Hände zu Fäusten.

Dann war es still. Unwillkürlich hielt er den Atem an und lauschte. Sollten sich seine ärgsten Befürchtungen bewahrheiten? Kein Laut war von Vrigga zu hören, auch nicht das Geschrei eines Neugeborenen, und selbst die sonst so geschwätzigen Nachbarinnen wechselten kein Wort.

War es seine Schuld? Sein Leben als Taugenichts? Dem er erst kürzlich …, dem er erst dank Vrigga hatte eine Wende geben können? Wäre sie doch nur früher zu ihm gekommen! Hätte ihn früher aus Thorans Bann gelöst. Er war es, der an allem schuld war – auch am Zorn der Götter, falls sie –

Als Lokan schon alle Hoffnung verloren hatte, drang ein dünner, gequälter Schrei an sein Ohr.

„Vrigga!“, brüllte er verzweifelt und hämmerte an die verriegelte Tür. Ein spitzer Holzsplitter drang in seinen Handballen, aber er merkte es nicht.

Schritte waren zu vernehmen, das Geräusch von ausgeschüttetem Wasser, gedämpfte Stimmen, dann wurde ihm geöffnet.

„Du kannst zu ihr, Lokan“, sagte die dickliche Frau, die neben ihnen wohnte. Ihr teigiges Gesicht glich einer Tanzmaske, wie er sie einmal bei fahrenden Schaustellern gesehen hatte.

Die beiden anderen Frauen drängten sich schweigend an ihm vorbei und wagten es nicht, ihn anzublicken.

Lokan hielt die Helferin schnell am Arm fest, als sie ihren Begleiterinnen hastig folgen wollte.

„Was … was ist mit Vrigga? Ist sie …?“

„Es geht ihr den Umständen entsprechend“, erwiderte die Nachbarin ausweichend. „Sie ist sehr schwach, aber du brauchst nicht um sie zu fürchten. Lass sie einige Tage ruhen, bevor du sie wieder an die Arbeit schickst.“

„Und das Kind?“

„Ein Mädchen“, antwortete sie nach einer kleinen Pause. „Es wollte nicht schreien, aber es wird leben.“

Lokan hielt sie nicht länger auf und stürmte in die Hütte. Im hinteren Bereich, etwas abgegrenzt von der Wohnküche durch einen stoffbespannten Paravent, lag Vrigga still im Bett. Ein Kerzenstumpf brannte auf dem Tischchen an ihrer Seite und spendete mattes Licht. Bewegungslos wie eine Tote ruhte sie im Halbschatten: Nur die offenen Augen, die regelmäßig blinzelten, ließen erkennen, dass sie lebte.

„Wie geht es dir?“

Sorgevoll griff Lokan nach Vriggas Rechten. Sie fühlte sich kalt an, aber sie erwiderte leicht den Druck seiner Hand. Neben ihr regte sich etwas in einem weißen Bündel.

„Unsere Tochter?“, fragte Lokan sanft und schlug vorsichtig die Tücher ein wenig auseinander.

Ein schmales, blasses Gesicht schälte sich aus den warmen Laken. Dicker, heller Flaum bedeckte den kleinen Kopf. Ein winziger, roter Mund schien ihm entgegen zu lächeln. Die Nase darüber war wie ein Knopf. Fasziniert strich Lokan seiner Tochter mit dem Zeigefinger über die zarten Fäuste und freute sich, als sich das Händchen begierig um seinen Finger schloss. Und dann öffnete das Mädchen seine großen, von langen, schwarzen Wimpern umkränzten Augen …

„Blau!“, schrie Lokan voller Entsetzen und Abscheu auf. „Sie hat blaue Augen!“

Er entriss dem Kind seinen Finger, das wider Erwarten nicht zu wimmern begann, sondern vielmehr die roten Lippen zu einem glucksenden Lachen verzog, als hätte es sein Vergnügen an der heftigen Reaktion. Ruckartig wandte sich Lokan Vrigga zu, konnte aber vor Zorn kaum sprechen.

„Wer … wer bist du wirklich, Hexe? Du bist keine Fischerin, du bist eine von ihnen … von den verdammten Wawarei. Wie bist du nur den Häschern entkommen? Verflucht sollst du sein, dass du mich und mein Haus besudelt hast. Pack dein Balg, du bist nicht länger meine Frau. Zum Gespött ganz Lyoneds … nein, der ganzen Küste … von Maurinia, hast du mich gemacht.“

Wild zerrte er sie aus dem Bett, neben dem sie hilflos zu Boden sank.

„Wenn du schon kein Mitleid mit mir hast“, flüsterte sie unter Tränen, „dann wenigstens mit unserem Kind. Es kann nichts dafür -“

„Das ist nicht mein Kind“, fuhr Lokan noch wütender auf. „Es ist Dämonenbrut. Von mir aus soll es verrecken, und du mit ihm. Los, raus aus meiner Hütte! Geh dahin, wo du hergekommen bist, wir wollen keine Hexen in unserem Dorf.“

Mühsam kam Vrigga auf die Beine. Wortlos nahm sie das wollige Dreieckstuch vom Schemel, schlang es um ihre mageren Schultern und schloss das Kind, das wieder still war, in die Arme. Kurz suchte sie Lokans Blick, aber er starrte mit finsterer Miene durch sie hindurch, als wäre sie gar nicht vorhanden. Vrigga war klug genug zu begreifen, dass es sinnlos war, mit ihm zu reden oder gar einen Nachbarn um Fürsprache zu bitten. Nicht einmal sich anzukleiden und etwas Essen einzupacken, gestattete Lokan ihr.

Er riss die hölzerne Tür auf, und der böige Wind wehte einige glitzernde Eiskristalle herein. Hustend taumelte Vrigga in die Kälte der Nacht und hörte, wie der Riegel krachend vorgeschoben wurde. Es polterte und klirrte, als ihr Mann fluchend das Geschirr zu zertrümmern begann.

Einen Moment stand sie wie erstarrt vor ihrem einstigen Heim, dann schleppte sie sich langsam fort, das Kind fest an sich gepresst, bemüht, sein zartes Gesicht vor dem Frost zu schützen. Leise brabbelte es vor sich hin.

An den erleuchteten Fenstern sah Vrigga Schatten, die sofort verschwanden und die Gardinen zuzogen, wenn sie sich entdeckt glaubten. Die Hebammen hatten keine Zeit verloren, die Kunde weiterzutragen und jedem zu erzählen, welch unheilbringender Dämon die ganzen Jahre unerkannt in ihrer Mitte gehaust hatte und jetzt endlich entlarvt worden war. Heimlich beobachtete man sie mit einer Mischung aus Neugierde und Furcht, doch niemand, kein einstiger Verehrer, keine noch so gute Freundin, würde ihr jetzt noch helfen:

Lokan hatte sie verstoßen, denn sie war eine aus dem Volk der verhassten Wawarei, jenen mit den magischen Kräften. Das Geheimnis, das von Friggas Albinismus lange bewahrt worden war, hatte das Kind gelüftet.

Das Gehen bereitete der jungen Mutter starke Schmerzen. Sie hatte viel Blut verloren, und die lange, schwere Geburt hatte ihr die letzten Kraftreserven geraubt. Bei jedem Hustenanfall spürte sie ein heftiges Stechen in der Brust, und die schneidende Luft schien ihr Inneres einzufrieren. Weit würde sie nicht kommen, und selbst wenn sie es bis zum nächsten Dorf schaffte, wer ihr Kind erblickte, würde sich mit einem Schauder abwenden oder sie beide sogleich töten.

Der Husten ließ sie gekrümmt in die Knie gehen. Beinahe wäre ihr das Baby entglitten, das eingeschlafen war.

„Was soll ich nur tun?“, jammerte sie, während ihr die Tränen salzig über die Wangen rannen.

Es gab keine Zuflucht für sie und ihre Tochter. Vielleicht wäre es besser, sich dem Meer anzuvertrauen und auf die lange Reise zu gehen …

„Gib mir das Kind“, verlangte plötzlich eine vertraute Stimme.

Raue Hände befreiten Vrigga von dem Bündel, dann wurde ihr aufgeholfen.

Durch den Tränenschleier nahm sie eine hagere Gestalt wahr, die ein schlichtes Gewand und einen brustlangen Bart trug: Memnos, der alte Priester. Sofort versuchte sie, sich aus seinem Griff zu lösen, doch er blieb an ihrer Seite.

„Warum?“, hauchte sie schwach.

„Wir alle sind die Kinder von Xanithe und Ythrasis“, sagte er ruhig, „und sie wollen nicht, dass einem ihrer Kinder ein Leid geschieht. Hätten die weisen Götter es denn sonst erschaffen? Komm!“

Er führte Vrigga in seine bescheidene Behausung, die sich etwas außerhalb Lyoneds auf einer Anhöhe befand.

Zwei Tage später starb Vrigga an Unterkühlung und Entkräftung, aber ihr Kind lebte und wurde von Memnos gegen den Willen der zornigen Fischer aufgezogen.

*

„Sabiha!“

Memnos blickte sich, auf seinen knotigen Stab gestützt, suchend um. Mit der flachen Hand beschattete er seine in einem Netz Falten liegenden Augen, aber im hellen Sonnenschein tanzten nur einige bunte Schmetterlinge. Mühsam verlagerte er das Gewicht von einem Bein auf das andere; die Gelenke schmerzten immer, wenn der Wind von der See kam und feuchte Luft mitbrachte, sodass ihm das Gehen und langes Stehen immer schwerer fiel.

„Sabiha!“, rief er erneut, doch niemand antwortete ihm.

Immer häufiger verließ seine Pflegetochter die Hütte und trieb sich irgendwo herum. Wenn er sie befragte, erhielt er nie eine befriedigende Auskunft. Stattdessen wusste sie, ihn mit Blumen für den Altar, Kräutern für seine kranken Glieder oder einer interessanten Neuigkeit zu besänftigen.

Für ihre sechs Jahre war sie ein aufgewecktes Kind, zwar so klein und zart wie damals ihre Mutter, doch schien sie die Kraft und Gesundheit ihres Vaters, der vor zwei Jahren auf See geblieben war, geerbt zu haben.

Manchmal fiel es Memnos schwer, in ihr ein Kind zu sehen, denn das Schicksal hatte sie schnell reifen lassen. Klaglos erledigte sie die häuslichen Arbeiten, soweit sie es vermochte, und ging ihm in allem zur Hand. Trotz des Hasses, den ihr die Bewohner Lyoneds entgegenbrachten, zeigte sie ein liebenswürdiges Wesen, zumindest Memnos gegenüber, und so genau er sie auch beobachtete, bislang hatte er kein Anzeichen für irgendeine unheimliche Begabung an ihr entdecken können, die das Erbe ihrer angeblichen Abstammung sein sollte. Auch ihre Mutter hatte über keinerlei Kräfte verfügt, andernfalls wäre sie gewiss nicht gestorben. Bestimmt war ihnen die Macht im Laufe der Generationen durch die Vermischung mit fremdem Blut verloren gegangen. Falls die Geschichten über die Magie der Wawarei nicht bloß Märchen waren.

Gerade wollte Memnos sich abwenden und in sein ärmliches Haus zurückkehren, als ein Mädchen mit eiligen Schritten um die Ecke geschossen kam. Lange, rotblonde Locken wehten um ihre schmalen Schultern. Der einfache Kittel mit den ungeschickt angebrachten Flicken hing in schmutzigen Fetzen an ihr.

„Sabiha“, rief Memnos bestürzt, „was ist passiert?“

Atemlos blieb das Kind vor ihm stehen, strich sich das unordentliche Haar glatt und zupfte an seinem sandverkrusteten Kleid.

„Nichts!“, entgegnete sie trotzig. „Ich bin hingefallen. Außerdem mag ich es nicht, wenn du mich so nennst. Sabiha ist ein hässlicher Name. Ich heiße Bi, und wenn du mich anders rufst, komme ich nicht.“

Der Priester ließ sich nicht ablenken, verzichtete aber auch darauf, weiter in sie einzudringen. Bestimmt hatten ihr die Fischerkinder wieder einmal aufgelauert, doch das wilde Funkeln in ihren grünblau gesprenkelten Türkisaugen deutete an, dass sie sich mit Erfolg gegen die Übermacht gewehrt hatte. Sabiha war zu stolz, um von ihrem Mentor Hilfe und Schutz zu wünschen, sodass sie lieber schwieg oder log, statt ihm zu verraten, was wirklich geschehen war.

„Du gehst künftig nicht mehr allein ins Dorf“, bestimmte Memnos. „Es wird immer schlimmer, und wie soll ich dich beschützen, wenn ich nicht bei dir bin? Wasch dich und zieh dir andere Sachen an, ich brauche dich hier.“

Wenig später stand Sabiha an der Schwelle der Altarnische. Sie hatte ihr anderes Kleid angezogen, das, wie Memnos bedauerte, schon viel zu eng war, doch die Fischer weigerten sich, für das Mädchen Kleidung zu spenden, und da er selber nicht zu weben und zu nähen verstand, konnte er ihr immer nur aus den Überresten seiner abgetragenen Gewänder einen Überwurf notdürftig schneidern.

Er nahm Sabiha an der Hand und zog sie herein.

Das Heiligtum war ein Anbau an der Südseite der Hütte. Durch ein tief herabgezogenes Dach und einen vorspringenden Windfang an der Ostseite war es leidlich gegen die Witterungseinflüsse geschützt. Die aufgemalten Symbole an den Wänden verblassten zunehmend, und die derben Skulpturen der beiden Götter wurden vom salzigen Wind zerfressen. Eine einstmals bunte Fahne wehte müde in der leichten Brise.

Memnos hatte einige Bretter von den Dorfbewohnern geschenkt bekommen, mit denen er undichte Stellen ausbessern wollte. Früher hätte einer der geschickten Fischer diese Arbeit übernommen, doch nachdem der Priester das Mädchen in sein Haus geholt und es trotz seiner zarten Statur die harten Winter überlebt hatte, mieden sie ihn und kamen nur, wenn es unbedingt notwendig war, den Beistand der Götter für ein wichtiges Ereignis zu erflehen.

„Du musst die Bilder nachzeichnen“, erklärte er dem Mädchen. „Sie sind fast nicht mehr zu erkennen. Du malst doch gern, nicht wahr, Sabiha?“

„Ja, aber ich mag diesen Namen nicht.“ Bockig stampfte sie mit dem Fuß auf. „Nenn mich Bi, das ist lang genug und klingt viel hübscher.“

Der Priester zuckte mit den Schultern. Zunächst hatte seine Pflegetochter sehr darunter gelitten, anders zu sein als die übrigen Kinder, denen von ihren Eltern verboten worden war, mit ihr zu spielen. Oft genug hatte er ihr dunkle Pflanzenfarbe aus Gesicht und Haar waschen müssen, mit der sie versucht hatte, den anderen ähnlicher zu sein. Als die einstigen Spielkameraden jedoch anfingen, sie zu verspotten und zu jagen, begann sie, stolz auf ihre hellen Augen und Haare zu sein und den Unterschied zu den Fischern zu betonen. Sie wollte nicht einmal mehr einen ihrer Namen tragen, sodass sie sich Bi nannte. Zwar war das nur eine Ableitung von Sabiha, aber er klang fremd, wenn nicht sogar unheimlich in den Ohren der Lyoneder.

Während er sich mit den Ausbesserungsarbeiten beschäftigte, lauschte Memnos dem leisen Gesang Sabihas. Schließlich begann sie stockend, die Geschichten über die Götter zu erzählen, die in einfachen Worten unter den Bildern geschrieben standen.

Überrascht entglitten ihm die Werkzeuge, und das Mädchen verstummte abrupt, als sie das Poltern vernahm.

„Ist dir etwas passiert?“, fragte sie besorgt und eilte zu ihm, Hammer und Nägel aufhebend.

Er schüttelte den Kopf und dachte, früher hätte sie gefragt: „Ist dir etwas passiert, Vater?“ Ja, sie wurde auch ihm zunehmend fremder.

„Was hast du getan?“, erkundigte er sich erregt.

„Ich male die Bilder, wie du mir aufgetragen hast“, entgegnete sie verwirrt. „Habe ich einen Fehler gemacht?“

Nachdenklich strich er ihr über das Haar und seufzte.

„Nein, Kind. Wenn jemand einen Fehler gemacht hat, dann ich. Ich hätte gleich wissen müssen, dass dich die Götter berufen haben. Die Zeichen sind eindeutig: Auch wenn deine Vorfahren zu dem Volk der Verhassten gehören mögen, die Götter haben deine unheilvollen Augen mit einer Corona heiligen Grüns geehrt. Vielleicht trägst du das dunkle Erbe in dir, vielleicht auch nicht, aber die Farbe der Priester wiegt schwerer. Und du kannst die Schriften lesen; wer anderes als die Götter hätte es dir beibringen können? Niemand im Dorf vermag zu lesen oder zu schreiben, und auch ich selbst kann es nicht gut. Du bist von ihnen ausersehen worden, meine Nachfolgerin zu werden. Darum war es Xanithes Wunsch, dass du am Leben bleibst.“

„Ach, da ist doch Unsinn.“ Bi winkte ab. „Du hast die Geschichten so oft erzählt, dass ich sie auswendig kenne. Es war ganz leicht, die Worte mit der Schrift in Einklang zu bringen.“

Sie ist auserwählt, dachte Memnos nun erst recht überzeugt, oder sollte dies das Vermächtnis ihrer zauberkundigen Vorfahren sein? Nein, ganz sicher nicht! Die Götter irrten nicht, wenn sie ihrem Diener befahlen, eines ihrer Kinder zu retten, selbst wenn es vom Volk der Verfluchten abstammte. Es stand ihm nicht zu, den Willen Ythrasis‘ und Xanithes in Frage zu stellen; alles hatte einen Sinn. Und nun hatten sie ihm ein Zeichen gegeben.

„Du wirst meine Nachfolgerin“, erklärte Memnos dem erstaunten Mädchen. „Wenn ich die lange Reise antrete, wirst du die Priesterin sein und das Dorf beschützen, Sabiha.“

Das Mädchen zog einen Schmollmund.

„Nein!“

(Zur Fortsetzung)

Copyright (C) 1991/2014 by Irene Salzmann

Bildrechte: Eingangsbild (Winterlandschaft – Zeichnung von Lothar Bauer.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

BUCHTIPP DER REDAKTION:

Armentrout, Jennifer L.
Dämonentochter – Verbotener Kuss

Band 1

Übersetzt von Röhl, Barbara
Verlag :      cbt
ISBN :      978-3-570-38043-7
Einband :      Paperback
Preisinfo :      8,99 Eur[D] / 9,30 Eur[A] / 13,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 08.01.2014
Seiten/Umfang :      448 S. – 18,3 x 12,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      10.03.2014

Medien :
Leseprobe(PDF)

Zwischen Göttern und Sterblichen gibt es die Eine, die kämpfen wird!

Alex‘ Mutter wurde von Dämonen verwandelt und macht nun Jagd auf Menschen. Einzig Alex kann sie aufhalten. Doch sie ist noch keine voll ausgebildete Dämonenjägerin. Als Alex‘ Mutter einen Freund ihrer Tochter entführt, bleibt Alex keine Wahl. Sie zieht in einen Kampf auf Leben und Tod, und stellt sich allein ihrer größten Angst …

Jennifer L. Armentrout (Autorin)

Jennifer L. Armentrout hat es mit ihren Büchern bereits auf die Bestsellerliste von USA Today geschafft. Ihre Zeit verbringt sie mit Schreiben, Sport und Zombie-Filmen. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Hunden in West Virginia.

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6 Comments

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  1. Ich bitte um Meinungen: Wie gefällt dieser erste Teil der Story und wie die dazugehörige Zeichnung von Lothar Bauer und passt eurer Meinung nach auch der Buchtipp dazu?

    Bitte mal eine kurze Einschätzung, Leute! 🙂

  2. Lieber Lothar Bauer, sag uns dochmal was zu deiner Zeichnung „Winterlandschaft“ die hier als Eingangsbild zu dieser Story von mir ausgesucht wurde!

  3. Naja, da es diesmal so gut wie keinen Winter bei uns gab wollte ich ihn wenigstens bildlich darstellen.
    Die Zeichnung wurde mit Finliner erstellt und ist nicht sehr detailliert und hat knapp ne Stunde gedauert.

  4. Dr. Heinz-Theo Ullrichs

    Gute Antwort. Gute Zeichnung! Alle Achtung! Was würde sowas kosten im Original von Ihnen zu kaufen? Was hat das Orgiginal für eine Größe?

  5. Das Bild ist 24×32 cm groß. Rauhes Papier 200g

    Weitere Zeichnungen udn Gemaltes findet man unter anderem hier:
    http://www.pinterest.com/lotharbauer/

    Preis!? Gute Frage.
    Gerne stellen unter lothar @ sternenportal.org

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