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Literatur-Blog

RAUNACHT – eine Kurzgeschichte von Judith C. Vogt

RAUNACHT

ein Kurzgeschichten-Prequel zu „Die Geister des Landes“

von

Judith C. Vogt

„Raunacht“ füllt die Lücke zwischen Prolog und erstem Kapitel von „Die Geister des Landes – Das Erwachen“ und war 2012 als Videoblog eine Art Weihnachtsgeschenk.

Dora legte das Handy mehr als nur ein wenig verstört beiseite. Sie legte sich zurück ins Bett und starrte an die Decke – wer war also hier der Spinner? Wenn sie Fionas Freundinnen erzählen würde, dass Fiona sie mitten in der Nacht wegen angeblich prophetischer Träume angerufen hatte … würden diese trotzdem vermuten, sie sei der Spinner und hätte nun einfach beschlossen, böse Gerüchte über Fiona zu verbreiten.

Also, Fiona träumt, ein Reiter mit weißen Hunden zündet Scheunen an.

Und was genau sollte sie nun dagegen machen?

Kannst du mir irgendwie helfen, dass diese Träume aufhören? Ich habe kein Interesse an so was, hatte Fiona gesagt.

So was kriegen immer die Leute, die es nicht zu schätzen wissen. Prophetische Träume waren nichts, wovor Dora davongelaufen wäre, nein – ganz im Gegenteil!

Aber musste sie ausgerechnet um zwei Uhr nachts davon erfahren? Grübelnd lag sie in der Dunkelheit und dachte darüber nach, was sie über scheunenanzündende Reiter und prophetische Träume wusste. Was gewissermaßen … rein gar nichts war.

„Was?“ Dora setzte die Kaffeetasse ab. „Sag nochmal!“ Sie war immer noch tief in Gedanken gewesen und zudem ziemlich unausgeschlafen. Ihre Mutter ließ die Wochenendausgabe der Zeitung sinken. „Bei Weiler am Berg ist jetzt die dritte Scheune abgebrannt.“

„Drei … Scheunen?“

„Ja, wohl Brandstiftung, vielleicht mit Böllern oder so was. Hoffentlich beschließt der Typ, der das macht, nicht, auch noch irgendwelche Wohnhäuser anzuzünden zwischen den Jahren!“

„Hmm“, murmelte Dora. „Kann ich die Zeitung haben?“

„Klar … warum?“

„Eine aus meiner Stufe hat mich deswegen vor kurzem angerufen.“

Dora präsentierte Edi und Gregor grinsend den Artikel – sie wusste selbst nicht so genau, warum sie grinste. Sie hatte die beiden angerufen – Karim war in Algerien bei seiner Familie, aber Gregor und Edi hatten nicht viel Besseres zu tun, als Assassin’s Creed zwischen den Jahren zu spielen – einen Umstand, den man Gregors Augenringen auch noch deutlich ansah. Er gähnte ungehemmt.

„Das ist doch … der totale Scheiß!“, maulte er.

„Fiona hat es geträumt, nicht ich!“, rechtfertigte sich Dora. „Fiona, du weißt schon … die normale, nette, hübsche, süße Fiona!“

„Nicht süß – heiß!“, grinste Gregor und nahm nicht einmal ansatzweise wahr, dass er auf irgendeinem seltsamen Ausläufer von Doras Stolz herumtrampelte. Edi warf ihm einen schrägen Blick zu und rollte mit den Augen.

„Und … was machen wir jetzt?“

„Weiß nicht. Mal hin? Ich hab im Moment eh nix zu tun“, meinte Dora, und Edi stimmte ihr zu. „Naja, mal nachsehen können wir ja. Mir ist langweilig, Andrejs PC ist kaputt, und er sitzt ständig an meinem und erzählt, er müsse da ‘ne Projektarbeit machen. Bei dem Mistwetter kann man alles andere auch vergessen, und meine kleinen Geschwister gucken den ganzen Tag Spongebob.“ Dora sah Edi mitleidig an – das hörte sich ganz nach einem mittelschwer fortgeschrittenen Hüttenkoller an.

„Okay. Dann, Regenjacken und los?“, schlug sie vor, und ihr Herz machte tatsächlich einen aufgeregten Satz.

Der Reiter sah in das wirbelnde Grau des Himmels. Regen, immer nur Regen. Er runzelte die Stirn und riss sein Pferd an den Zügeln herum. Die roten Augen des Tiers flammten auf, als es unwillig den Kopf zurückwarf.

Es sollte schneien. Feuer und Eis sollten diese Menschen verschlingen, die ihm jeden Landstrich streitig machten. War hier nicht einst Einsamkeit gewesen? Hatten die Menschen sich nicht einst vor diesen Tagen gefürchtet, an denen sie seine Hunde am Himmel hatten kläffen hören? Hatten sie nicht vor seinem Hufschlag gebangt? Hatten sie nicht einst versucht, ihn zu besänftigen? Und hatte er sie nicht mit Schnee, Eis und Stürmen auf die Probe gestellt?

„Schnee! Sturm!“, brüllte er in den uneinsichtigen Himmel. Erneut flammte das Holzscheit in seiner Rechten auf – als wären es seine Gedanken, die es entzündeten. Das Pferd brachte mit jedem Satz Meter zwischen sich und den Erdboden. Er reckte seine Fackel in den Himmel, und sofort begannen die Wolken, um ihn herum zu brodeln, drehten sich um ihn wie um ein Sturmauge. Er brüllte seine Wut, seine Verwirrung, seine bitterliche Enttäuschung in die Wolken und spürte, dass die Luft abrupt eisig kalt wurde. Der Regen schlug gefrierend in seinen Bart und der Haut seines Gesichts ein – die Körner zersprangen auf seinen Augäpfeln. Er lachte, doch keine Freude lag in seinem Lachen.

„Ach du Scheiße!“, fluchte Gregor gegen den Wind, als sie aus dem Bus stiegen. Er riss Edi beinahe um, als er auf einer schockgefrorenen Pfütze ausglitt, und kam, mit den Armen rudernd, wieder zum Stehen. „Ist … liegt Weiler so viel höher?“

Graupelkörner sammelten sich auf dem Bürgersteig und prasselten ihm ins Gesicht. Dora schlug den Kragen ihrer Jacke hoch.

„Unsinn! Das hat was mit Fionas Träume zu tun.“

Edi gab einen missbilligenden Laut von sich. „Ach ja? Und welcher Zusammenhang soll das sein?“

„Keine Ahnung. Es muss ja kein kausaler Zusammenhang sein. Schon mal von Synchronizität gehört? So funktioniert Magie.“

„Nein, so funktioniert Magie nicht. Magie … funktioniert gar nicht“, knurrte Edi, doch Dora zuckte nur mit den Schultern. Dass er daran zweifelte, war ihr nicht neu. Naja, in der Tat zweifelte eigentlich jeder dran. Nur Gregor sah immer so aus, als würde er sich wünschen, er könne auch Doras kindischen Ideen anhängen.

„Boah, Alter, ist das kalt!“, kommentierte er lediglich und ballte die Fäuste in den Jackentaschen.  „Wenn wir die Scheune nicht innerhalb von ‘ner halben Stunde gefunden haben, kann man unsere starrgefrorenen Leichen danach vermutlich aus einer Schneewehe bergen!“

Dora hörte von irgendwoher ein vielstimmiges Kläffen – irgendwo schien sich jemand eine ganze Meute Jagdhunde zu halten, die nun offenbar ihre Wut über das Wetter herausbellten.

Oder … Auf einmal sackte eine innere Kälte wie ein Echo zur äußeren Kälte in ihre Glieder.

„Oh-oh.“

„Oh-oh was?“, fragte Edi.

„Oh-oh, ich weiß, was hier abläuft.“

„Wissen ist in diesem speziellen Fall und bei deiner speziellen Meinung zu dem Ganzen ein sehr dehnbarer Begriff. Also, eine Vermutung, und vermutlich hat sie was mit magischen Synchrondingern zu tun.“

„Oh ja. Den wievielten haben wir gleich noch mal?“, fragte Dora herausfordernd, obwohl sie es natürlich wusste.

„Den 30. Morgen ist Silvester“, seufzte Edi.

„Richtig. Und wann, sagt die Zeitung, hat das angefangen mit den Bränden?“

„Am 21.“

„Und was ist am 21.?“

Gregor antwortete prompt: „Wintersonnenwende.“

„Und wer kann eine Prognose stellen, wann der Typ aufhört damit?“

Die beiden Jungs sahen sie verwirrt an. „Ähm?“

„Zwölf Raunächte! Er geht noch genau drei Tage um – oder eher drei Nächte!“

Edi und Gregor starrten sie an.

„Ich check’s nicht“, bekannte Edi dann. Dora seufzte.

„Natürlich, ihr stellt sicher keine Milch mehr raus an den Raunächten.“

„Natürlich – nicht. Und ich vermute, dass du und deine Mutter, dass ihr das macht, und zwar nicht für eine Katze, oder was?“, seufzte Edi und kapitulierte anscheinend vor Doras lückenloser Beweiskette.

„Richtig. Wir stellen Milch und Brot raus, um die Wilde Jagd zu besänftigen.“

„Ernsthaft?“

„Es ist mehr … eine Art Brauch!“, verteidigte sie sich und ihre Mutter. „Mensch. Ist doch schade, wenn so was ausstirbt!“ Gleich darauf rieb sie sich in Vorfreude die eisigen Hände. „Und jetzt geht tatsächlich die Wilde Jagd um – das ist so cool!“ Sie grinste breit.

Mittlerweile war es jenseits von cool. Der Schnee peitschte waagerecht, der Wind gefror Extremitäten zur Gefühlstaubheit. Die Dunkelheit brach herein, und grauweiß wogte es vor ihnen in Wellen über die Felder. Jedes Wort wurde ihnen von den Lippen gerissen.

Gregors Mund bewegte sich in etwas, das vermutlich „Verdammte Kacke!“ heißen sollte, und Edi schüttelte heftig den Kopf und zog sich die Mütze tiefer in die Stirn. „Zurück!“, brüllte er, und Dora fragte sich, wie sie nach Hause kommen sollten – und wenn sie den Sturm über ausharren mussten, bei wem sie einfallen konnten; sie kannte niemanden in Weiler.

Ihre Zehen waren nass. Sie fragte sich, wie das möglich war, schien ihr doch die Temperatur so weit unter dem Gefrierpunkt, dass sicherlich die Körpertemperatur ihrer Zehen nicht mehr ausreichte, um Eis zu schmelzen. Sie begannen zu rennen – die Dunkelheit wurde dichter. Liefen sie noch in die richtige Richtung? Etwas schälte sich vor ihnen aus der Finsternis – schrill wiehernd. Doras Herz machte einen schmerzhaften Sprung – war das der Reiter, von dem Fiona geträumt hatte? Nein – dort standen mehrere Pferde, zusammengedrängt auf einer Koppel, angsterfüllt starrten sie in das Tosen – nach oben.

Dora folgte ihrem Blick unwillkürlich; dort oben, in der Schwärze, tanzte das Licht einer Fackel. Es flog. Jemand flog – mit einer Fackel, durch einen Sturm, der jede Fackel hätte verlöschen lassen müssen. Kurz wünschte sie sich, dass sie einfach Edis Skepsis teilen und eine natürliche Erklärung dafür finden könnte.

„Da ist ein Unterstand!“, schrie Gregor nah an ihrem Ohr.

„Erfrieren wir da nicht?“, brüllte Edi zurück, aber Gregor hatte sie schon beide am Arm gepackt und bugsierte sie Richtung Pferdeweide. Sie stiegen durch den Stacheldrahtzaun – Dora spürte, wie sie mit ihrer Jacke hängen blieb und riss sich einfach los, das Loch in Kauf nehmend. Die Pferde kreischten immer noch schrill, als die drei Jugendlichen gebückt zum halboffenen Futterstand der Tiere liefen. Der Wind zerrte daran, wirbelte das Heu heraus – doch noch hielt er stand, und sie warfen sich keuchend gegen die hintere Wand, fühlten fast etwas wie einen Schwall Wärme, als sie in den Windschatten traten.

Von minus zwanzig auf nur minus fünf oder so.

„Habt … habt ihr das Licht gesehen?“, schlotterte Dora.

„Ich wusste nicht, dass es schon so weit mit dir ist“, antwortete Gregor. „Geh nicht auf das Licht zu, Dora!“

„Du Idiot! Am Himmel! Die Fackel!“

Edi neben ihr erstarrte – selbst sein Zittern hörte auf. „Was? Ist das … ist das näher gekommen?“

„Weiß nicht, wieso?“

Draußen steigerten sich die Pferde zur Raserei. Dora fühlte eine plötzliche Panik, dass die Tiere sie einfach hier in diesem Unterstand zertrampeln würden, doch sie stoben zur anderen Seite der Weide davon.

„Oh-oh“, sagte Gregor.

„Raus hier!“, schrie Edi, als ein unnatürlich schwerer Huftritt die Erde unter ihren Füßen erbeben ließ. Etwas landete mit Wucht auf der Wiese – ein Pferd. Dora blickte ihm entgegen – es war finster wie die Nacht, nur Augen und Fackellicht flackerten, erhellten jedoch nichts anderes. Und nun hörte sie auch das Bellen wieder, und sie erahnte im Schatten des nun verharrenden Pferds eine Hundemeute, deren Augen nun auch – Paar für Paar – aufleuchteten, als hätten sie Blut geleckt.

Edi stürzte als Erster aus der Hütte, was ihn unmittelbar näher zum Pferd brachte – aber weiter weg von der Fackel, die hoch über ihn hinweggeschleudert wurde, und die Dora auf dem Dach des Unterstands aufschlagen hörte. Gregor griff nach ihr, oder sie nach ihm, auf jeden Fall stürzten sie schreiend Edi hinterher, der nun vor dem Pferd zurückwich, dessen Augen ihn verfolgten, und das nichts als Schwärze war. Auch der Reiter zeichnete sich nun als Schwärze vor dem irgendwie etwas weniger schwarzen Hintergrund der Weide ab. Er war wie die Dunkelheit zwischen den Sternen.

Die beiden Jungen fielen zurück, als sie stehen blieb.

„Dora!“, hörte sie Gregors Stimme gellen, doch sie stolperte noch einige Schritte näher. Sie hörte ihn atmen, abwartend. Im gleichen Takt atmete sein Pferd. Sie spürte die Kälte, die aus ihnen heraussickerte, und als sie nah genug heran war, konnte sie sehen, welche Kraft dieser Wutausbruch ihn gekostet hatte. Er sackte im Sattel zusammen, und die eisige Schwärze verblasste. Dort war ein Mann, das Gesicht vor Erschöpfung in Falten gelegt.

„Ich vermute, Milch und Brot ist dir zu wenig?“, flüsterte sie, und der Wind hielt kurz inne. Der Reiter nickte. In seiner Hand flammte auf einmal eine neue Fackel auf, hinter Dora brannte der Stall lichterloh, und ließ nun auch das Fell seines Pferdes, den Schaum auf den Nüstern sichtbar werden.

„Was willst du?“

„Ein Tor“, sagte er tonlos.

„Wo … ist das Tor?“

„Es ist nicht mehr da“, schluchzte er.

„Ich … ich verspreche dir, dass ich es finde. Hör … nur auf damit, ja?“ Sie deutete hinter sich. Er antwortete nicht. Er trieb seinem Pferd die Hacken in die Flanken, und langsam, erschöpft, trieb es sich Hufschlag um Hufschlag hinauf in die Lüfte. Die Meute folgte ihm.

Dora wandte sich zu den beiden Jungen um.

„Dora! Wie kannst du so lebensmüde sein!“, brüllte Gregor, und Edi schüttelte nur den Kopf und murmelte: „Luftspiegelungen. Luftspiegelungen. Plötzlicher Temperaturwechsel. Gewitter. Blitz eingeschlagen.“

Draußen hatte es erneut zu hageln begonnen. Dora wusste, dass die Besänftigung des Reiters nicht mehr lange anhalten würde. Er erwartete etwas von ihr. Sie hatte die beiden großen Fenster, die vom Boden bis in den spitzen Giebel des Altbaus reichte, geöffnet.

Ihre Mutter würde nicht davon erbaut sein, dass sie nun beschloss, zu Hause weiterzufrieren, nachdem sie vor einigen Stunden schlotternd und bis auf die Knochen durchnässt vor der Tür gestanden hatte. Nach dem Anschlag der wilden Jagd auf die Scheune war es wärmer geworden, und ein sehr verwirrter Bus hatte sie zurück nach Hause befördert. Dora war froh, dass die Feuerwehr, die sich zur Löschung des Brands aufs Feld hinausgekämpft hatte, sie nicht aufgegriffen hatte – sie hätten nur Antworten parat gehabt, die Polizei, Feuerwehr und Psychologen nicht hätten hören wollen.

Und warum ausgerechnet diese Scheune? Waren in den anderen, die er angezündet hat, etwa auch Menschen? Nein, es war Zufall gewesen … Es war synchron.

Seltsam, dass man sich nicht an Kälte gewöhnen konnte. Sie war in einem mittleren Blizzard draußen gewesen, und statt abgehärtet zu sein, vermisste sie nun bereits schmerzlich die entweichende Heizungsluft.

Bald war Mitternacht. Dora hatte ihm Milch und Brot nach draußen gestellt – wenn sie die einzige war, die so etwas in den Raunächten tat, würde er daran vielleicht wenigstens erkennen, dass sie es war, die hier wohnte.

Das Tor …

Alles konnte ein Tor sein. Eine Spindel konnte es öffnen. Ein Brunnen konnte machen, dass man vom Himmel auf eine Blumenwiese fiel. Ein Tor sah für jeden anders aus, für die eine golden, für die andere pechschwarz.

Dora setzte sich vor dem Fenster auf den Boden. Sie sah hinauf – kein Licht schien von draußen herein, selbst das Licht der Straßenlaternen wurde von den herabstürzenden Schauern verschluckt. Sie hatte auch hier drinnen das Licht gelöscht und nur zehn schmale Kerzen angezündet – eine für jede Raunacht.

„Frau Holle“, murmelte Dora, aber irgendwie wusste sie danach nicht, was sie sagen sollte. Frau Holle – das klang irgendwie mehr als bescheuert. Aber Frau Holle ist eine Wintergöttin. Sie regiert in den Raunächten. Sie öffnet Tore.

Dora spähte in die Wolken. Sie hielt den Atem an – ja, dort war wieder eine Flamme.

Oh Göttin, wenn er das Haus anzündet! Offenbar hatte diese Fackel ja übernatürliche Kräfte, vielleicht würde auch das Haus einfach anfangen, wie Zunder zu brennen … Sie schluckte.

„Frau Holle, Scheiße, mach dem Kerl ein Tor auf!“, fluchte sie, ihre Finger waren erneut eisig, und sie knetete sie in ihrem Schoß. „Frau Holle! Bitte – mach, dass das hier wieder in Ordnung kommt! Keine Ahnung, was passiert ist – aber es ist ganz und gar nicht richtig … Bitte, mach ihm dieses Tor wieder auf!“

Sie murmelte vor sich hin, während die Fackel größer und größer wurde, mit den Sätzen des Pferdes auf und ab sprang; der Reiter raste auf das Haus zu.

Sie sog die Luft ein – erneut sah sie nur die Flammen, die flammenden Augen – näher und näher, bis sie das Pferd im heulenden Wind wiehern hören konnte. Die Kerzen verloschen vor ihr – eine nach der anderen.

Ich bin so ein Idiot, dachte sie, während sie darauf wartete, dass das Pferd durch den Fensterrahmen krachte und sie unter den pechschwarzen Hufen zermalmen würde.

Hastig robbte sie auf Händen und Füßen zurück – nicht einen Wimpernschlag später drangen die Vorderhufe des Pferdes durch die Fensteröffnung; der massige, nur aus Dunkelheit und Kälte bestehende Leib folgte. Der Atem war wie eisige Splitter in Doras Hals. Sie dachte rein gar nichts mehr.

Die Hufe trafen auf dem Boden auf – der Reiter mit der Fackel in der Hand durchdrang die Fensteröffnung. Und dann schwappte Dunkelheit über Dora.

Tot. Jetzt bin ich tot.

„Danke“, hörte sie die heisere Stimme des Reiters. „Für das Tor.“

Die Fackel fiel herunter – Flammen züngelten auf. Dora sprang auf – sie fühlte sich, als wäre die Dunkelheit etwas Flüssiges um sie herum. Sie wollte die Flammen ausschlagen – doch es waren nur die zehn Kerzen, die zu flackerndem neuem Leben erwacht waren.

Mit einem wahnwitzigen Herzklopfen stand sie vor dem geöffneten Fenster in ihrem Zimmer. Keine Hufspuren. Keine Fackel. Kein Reiter.

Edi würde das jetzt als den ultimativen Beweis sehen, dass es nur eine winterliche Fata Morgana war.

Aber Edi war nicht hier. Dora grinste und schloss das Fenster, legte ihre Hände auf die warme, verzweifelt gegen die Kälte aufbegehrende Heizung.

Wen sollte sie jetzt zuerst anrufen, um von ihren Türsteherfähigkeiten zu erzählen?

ENDE

– Mehr von Dora, Edi und Gregor gibt’s ab Mai in „Gesichtslos“, dem zweiten Teil von „Die Geister des Landes“. Mehr Infos auf www.jcvogt.de und www.ammianus.eu!

Copyright (C) 2012 by Judith C. Vogt

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Ein weiterer Roman der Autorin:

Judith C. Vogt
„Im Feuer der Esse“

Verlag: Ulisses
ISBN: 978-3-86889-221-5
Einband: Paperback
Preisinfo: 11,95 €

Eine gesittete Ehe, viele Kinder, ein ruhiges, ruhmloses Leben. Dies ist nicht das Dasein, nach dem sich Schmiedegesellin Zita sehnt. Sie fühlt sich von den Göttern zu Höherem berufen, und versucht, einem legendären Meisterschmied Geheimnisse von Feuer und Stahl abzuringen.

Eine gesittete Ehe, viele Kinder, ein ruhiges, ruhmloses Leben. Dies ist genau das Dasein, nach dem sich der heimatlose Edelmann Ulfberth von Moorauen sehnt. Nur sein Junkergut will er noch zurück.

Als Ulfberth sich also aufmacht, eine große Dummheit zu begehen, sieht sich Zita gezwungen, ihrem Liebsten in die Wildermark zu folgen. Dort drohen alte Feinde, die zarte Hoffnung auf Frieden im Chaos zu ersticken, und treiben das ungleiche Paar in eine dämonische Stadt, wo ihre Seelen zwischen Hammer und Amboss des Feurigen Vaters geraten.

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Updated: 4. Juni 2013 — 19:43

4 Comments

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  1. Hallo Judith,

    saucool deine Leseprobe; hat mir sehr gut gefallen. Ach ja: Herzlich willkommen bei uns!

    mit galaktischen Grüßen
    galaxykarl 😉

  2. Dankeschön, das freut mich natürlich sehr. Ist ja nett hier bei euch. 😉
    Schöne Grüße zurück
    Judith

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