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Literatur-Blog

HOTEL, HOTEL – Auszug (Kapitel) aus dem Roman: „Es gibt kein Ende …“ von Vera Anschütz

„Es gibt kein Ende …“ Ist der Titel meines neuesten Buches, in dem das Leben der „Blutigenden Legende“, sprich der Blut- oder auch Vampirhexe beschrieben wird.

Aufgewachsen als Pflegekind im Wald bei einer Kräuterfrau, fand sie im Jahre 1524 durch Intrigen den Tod auf dem Scheiterhaufen, um in einem neuen (untoten) Leben als Vampirin wieder aufzuerstehen und über die Jahrhunderte das „Leben als Frau hinter ihrem Mann“ zu stehen.

Stellt sich nur die Frage, wer hatte die ganze Zeit die Fäden in der Hand?

In „Es gibt kein Ende …“ treffen wir die junge Untote  – über die Jahrhunderte hinweg – wieder und ist sie wieder den Intrigen ihrer Umwelt ausgesetzt oder geht sie konsequent ihren eigenen Weg?

Wie sieht dieser aus und welche Rolle spielt Karla von Karnstein?

Was passiert Neues in der Welt der Hexen, Vampire und Menschen?

Viel Neues könnt Ihr mit der Vampirhexe und den anderen Figuren erleben.

Ein Kapitel möchte ich Euch hier heute als Leseprobe einstellen. Es ist der Part, den ich zur Lesung am 20.05.2010 aus dem – an dem Tag – „wahrscheinlich dünnsten Buch der Welt“* gelesen hatte. Was der guten Stimmung keinen Abbruch tat.

Es war eine sehr gemütliche, nicht zu große Runde von Zuhörern und Fans – was etwas störte war, ich bin in meiner Nervosität beim Lesen leider immer schneller geworden – was dem Lampenfieber und der langen Lesepause geschuldet war, sorry- ansonsten war das Feedback sehr gut.

Gefreut habe ich mich unter anderem auch über die lobende Aussage von Stephan aus Bonn & seiner Begleiterin. Beide hatten sich extra für die Zeit der Lesung nichts vorgenommen, weil sie unbedingt wissen wollten, wie die Abenteuer der Vampirhexe weitergehen, denn sie kannte schon das vorhergehende Buch „Die Bluthexe“.

Auch an den folgenden Tagen am Buchstand in der Sixtina kam es zu zahlreichen interessanten Unterhaltungen. Beispielsweise meinte Sindy aus Leipzig  „Das ist ja super, das ich von dir „Die Bluthexe“ und das neue Buch zusammen bestellen kann und noch ein Autogramm dazu bekomme. Ich kenne die „Bluthexe“ von einer Freundin und habe es überall gesucht, aber leider nicht gefunden.“

Tja, die Titel gibt es auch nur bei Hary Production und bei mir zu erwerben (http://www.veras-buchladen. de)  😉

Insgesamt waren es zwar anstregende, aber vor allem sehr schöne, ereignissreiche Pfingsttage, an denen ich viele alte Bekannte & Freunde wiedergetroffen habe und neue Menschen kennenlernte.

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* Warum das „wahrscheinlich dünnste Buch der Welt“? Es sollte eine Buchprämerie werden. Doch leider – wir sind alle auch nur Menschen – wurde der Lektor krank und der Druck mußte etwas verschoben werden. Was kurzfristig vom Verlag organisiert wurde, waren Flyer mit dem Titelbild auf der Vorderseite und der Klappenansicht auf der Rückseite – es sah aus wie ein Buch eben aussieht, nur eben dünn 😉
Danke noch mal, für die sehr gute Idee!

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Nun will ich euch nicht läger auf die Folter spannen, das hat das „Mädchen aus dem Walde“ schon durchleiden müssen – ja auch so eine Szene („Das Peinliche Verhör“ hat ein Kapitel im Buch bekommen), aber nun etwas für Euch Lesehungrigen:
Dunkle Grüße aus L.E.

Vera Anschütz
Darkangel1524

Hotel, Hotel

Die Suite nahm die halbe oberste Etage des Hotels ein.

Durch einen repräsentativen Flur samt eingebauten Garderobenschrä nken gelangte man in einen ausladenden Wohnbereich.

Gediegene Möbel der gehobenen Preisklasse luden augenblicklich zum Wohlfühlen ein. Eine unauffällige Tapetentür führte in einen separaten Schlafraum mit angrenzendem Badezimmer. In der frei im Raum stehenden Wanne in Form einer grandiosen Muschel fanden gut und gern mindestens zwei Badende Platz.

Die schallisolierten Räume garantierten selbstverständliche Diskretion. Zusätzlich zu konventionellen schweren Übergardinen verhinderten elektrische Außenjalousien vor den nach außen verspiegelten

Fenstern auf Wunsch das Eindringen von Tageslicht.

Suiten wie diese wurden noch nicht einmal von betuchten Geschäftsleuten gebucht, die sich höchstens mit einem der unteren „preiswerten“ Zimmer zufrieden geben durften, wenn die Firma ihr Einverständnis dazu gab. Und selbst das passierte in diesem Haus eher selten. Die meisten begnügten sich während Konferenzen, Veranstaltungen und Messen mit den günstigeren Hotels der Stadt und am Stadtrand.

In diesem Hotel überstieg der Preis für eine Übernachtung in einem einfachen Zimmer das Budget fast jeden Geschäftsmannes, ja sogar das vieler gehobener Manager.

Dieses Hotel war nicht nur das „erste Haus am Platz“, wie man gern betonte, sondern es hatte auch den Ruf „das Luxuriöseste“ zu sein.

Umso verwunderter war der Concierge am Empfang, als er die Buchung für die Suite von der Sekretärin einer ihm unbekannten Firma entgegen nahm. Auch der zweifache diskrete Hinweis, die genannten Übernachtungskosten bezögen sich nicht auf eine Woche, sondern lediglich auf eine Nacht, ließ die Sekretärin nicht von ihrer Buchung Abstand nehmen.

„Ich hoffe nur, der avisierte Gentleman bezahlt auch vor der Abreise …“ murmelte er vor sich hin, als er den Telefonhörer wieder einhängte. In den zurückliegenden fast 40 Jahren, seit er im Hotel seinen Dienst versah, war noch nie jemand „Unbekanntes“ länger als eine Nacht in der bestellten Suite abgestiegen!

„Was hast du gesagt, Alwin?“ drehte sich sein Kollege von der Nachtschicht zu ihm um.

„Konrad, wie lange arbeiten wir beide eigentlich schon hier?“ antwortete der Angesprochene mit einer Gegenfrage.

„Das weißt du doch, wir beide gehören schon zum Inventar! Komm, sag schon, was beschäftigt dich?“

„Sagte dir der Name, oder diese Firma etwas?“ Alwin deutete auf den Monitor vor ihm, der halb in dem polierten Tresen versenkt war. „Die Sekretärin rief gerade an und buchte, ab heute, für einen ganzen Monat!“

„Na und? Es sind einige Kongresse und andere Veranstaltungen in der Stadt, vielleicht hat sie nirgendwo anders kurzfristig etwas bekommen. Wo siehst du da ein Problem, wir haben doch noch einige freie Zimmer für Kurzentschlossene. Das ist unsere Hotelpolitik! “

Alwin zeigte noch einmal auf den Monitor, bevor er allerdings antworten konnte, trat ein Gast an die Rezeption und fragte, ob etwas für ihn abgeben worden war.

„Guten Abend, Herr Mayer, Moment bitte, ich sehe nach … Nein, tut mir leid, es ist immer noch nichts für Sie abgegeben worden. Soll ich Ihnen Bescheid geben, wenn etwas abgegeben wird?“ Konrad legte sein dienstbeflissenstes Lächeln auf und machte sich, als der Gast bejahte, eine Notiz.

„Also Alwin, was meintest du mit deiner Bemerkung vorhin, von wegen Abreise und bezahlen?“ Er hatte durchaus verstanden, was sein langjähriger Kollege hatte sagen wollen, wollte es indes trotzdem bestätigt haben.

„Sieh doch mal, welches Zimmer die Sekretärin verlangte und das ausdrücklich“ , er wies erneut auf den Bildschirm, „Ich habe sie diskret auf den Preis für eine Nacht aufmerksam gemacht. Da fragte sie mich, ob es mich beruhigen würde, wenn der Monat in bar im Voraus zahlt würde.“

„Nein, ich habe weder von der Firma etwas gehört noch kenne ich den Namen. Du hast doch nicht etwa auf Vorausbezahlung bestanden? Du weißt, der neue Direktor mag so etwas gar nicht. Auch wenn wir in all den Jahren vorher -bei neuen Gästen -gut gefahren sind damit.“

Erschrocken sah Konrad Alwin an.

„Nein, nein. Noch einmal so einen Ärger wie vor ein paar Monaten will ich nicht. Er hatte mir mit Entlassung gedroht. Ich habe nur … so ein ungutes Gefühl. Oh, wie spät haben wir es?“ Alwin blickte erschrocken auf seine Armbanduhr: „Ich muss sofort die Limousine zum Flugplatz schicken, der Herr möchte abgeholt werden.“

Er griff zum Hörer und gab die entsprechende Weisung an den hoteleigenen Chauffeur weiter.

„Ich kann später den Direktor darauf hin ansprechen, wie wir verfahren sollen. Mach dir keinen Kopf, Alwin. Wir beide sind schon so lange hier, warum sollen wir nicht mal auch etwas Außergewöhnliches erleben? Und wir können nicht alle und jeden kennen.“ Konrad fasste Alwin aufmuntern auf die linke Schulter.

„Du hast Recht. Frag einfach bei der täglichen Kurzbesprechung nach, ich mache jetzt Feierabend. Die Doppelschicht war lang genug, meine Frau macht mir heute mein Lieblingsessen“ , er sah sein Leibgericht schon vor sich stehen, „es ist …“

„Ich weiß Alwin, heute ist Sonntag da gibt es immer dein Lieblingsessen Sauerbraten mit Rotkohl und Klößen“, unterbrach Konrad lachend Alwins Schwärmereien.

„Nun geh schon, sonst wird dein Essen kalt. Die Übergabe haben wir erledigt, sonst gibt es nichts Neues. Gerd ist in letzter Zeit sehr oft krank, ich möchte wissen, wie lange der Chef das noch mit ansieht. Wer übernimmt eigentlich morgen den Spätdienst?“

„Ich denke, ich werde wieder eingeteilt sein. Morgen früh steht es auf dem Dienstplan. Frohes Schaffen, Konrad und eine ruhige Nacht.“

Alwin begab sich in die hinten liegenden Personalräume, zog sich um und fuhr mit dem Fahrrad die zwei Kilometer nach Hause.

Als er damals, kurz nach der Hochzeit, zu seiner Frau und ihrer kranken Mutter in die Wohnung gezogen war, war es für alle die günstigste Lösung. Schon bald darauf hatte er eine Anstellung als Page im Hotel bekommen und hier Konrad kennen gelernt. Beide hatten sich hochgearbeitet und aus „ihrem“ gutbürgerlichen Hotel war mit dem Wachstum und der damit einhergehenden zunehmenden Bedeutung der Stadt ein Luxusetablissement geworden.

In einem solch vornehmen Haus wurden sie heute selbstverständlich nicht mehr ‚Portier‘ gerufen, sondern ‚Concierge‘.

Sie hatten in ihren langen Dienstjahren etliche Eigentümer, Direktoren und Manager kommen und gehen sehen.

Ja, das waren noch Zeiten! Und in zwei Jahren gehen wir in Pension, der Konrad und ich. Mit diesen Gedanken trat Alwin schneller in die Pedalen, um durch die kleinen, mit Katzenköpfen gepflasterten, unter Denkmalschutz stehenden Gassen nach Hause zu kommen.

*

Am Flughafen war die Maschine bereits gelandet und die vornehm aussehende jungen Dame in Jeans, passender Bluse und Highheels schob ihren Gepäckwagen in Richtung der schwarzen Limousine, vor der ein livrierter Fahrer mit einem Schild in der Hand stand.
„Guten Abend. Sie sind der Chauffeur des Hotels?“ deutete die Frau auf die unmissverständliche Aufschrift des Hotelnamens auf dem Schild.

„Guten Abend. Ja, ich bin Paul, Ihr Chauffeur. Sie sind Frau Rosenbusch? Entschuldigen Sie bitte, meine Nachfrage, mir wurde gesagt, ich sollte einen männlichen Gast abholen.“

Der Chauffeur öffnete die hintere Tür zum Font des Wagens.

„Danke.“ Mit einer überaus eleganten Bewegung glitt sie auf die lederne Rückbank. Getönte Scheiben trennten den Gastraum vom Fahrer.

Der Chauffeur schloss die Tür, lud das Gepäck in den Kofferraum. Mann ist der schwer! Hat die Felsbrocken im Koffer? Mit Mühe wuchtete Paul einen Schrankkoffer in den Kofferraum.

*

„Guten Abend, Frau Rosenbusch.“ begrüßte Konrad die Dame. Paul hatte von unterwegs bereits bei der Rezeption angerufen und mitgeteilt, dass anstelle des erwarteten Herrn eine Dame käme.

„Guten Abend. Die Suite wurde telefonisch für mich gebucht. Anne-Heide Rosenbusch, von der Firma Heckenrosen & Co.“

„Herzlich Willkommen in unserem Haus, Frau Rosenbusch.“ Konrad legte ihr die Anmeldeformulare vor. Während sie diese ausfüllte, winkte er einem Pagen für das Gepäck, nannte die Nummer der Suite und übergab freundlich lächelnd die Zimmercard.

Auch so eine Neuerung, die er und Alwin für überflüssig hielten. In ihren Augen hatten die guten, alten Schlüssel gute Dienste geleistet!

„Ich möchte tagsüber nicht gestört werden, ich brauche meine Ruhe. Das heißt auch, wenn das Zimmermädchen aufräumen möchte, muss sie das am Abend erledigen. Es sei denn, ich habe das Türschild ‚Nicht stören‘ einmal nicht an der Tür hängen. Geht das in Ordnung?“ Frau Rosenbusch sah Konrad fragend an.

„Unsere Zimmermädchen räumen immer früh auf.“ Konrad merkte im selben Moment, dass er nicht die gewünschte Antwort gegeben hatte und lenkte ein, „Ich werde selbstverständlich sofort Ihre Bitte an den Frühdienst weiterleiten. Damit Sie nicht gestört werden.“

„Gut. Ich brauche außerdem einen Stadtplan, am besten so eine Art Touristenführer. Gibt es hier so etwas?“

„Ein einfacher Stadtplan liegt bei Ihnen auf dem Sekretär. Um einen Touristenführer werde ich mich sofort kümmern. Möchten Sie auch einen aktuellen Veranstaltungsplan, in unserer Stadt laufen zurzeit sehr viele Kongresse und Veranstaltungen zu verschiedenen Themen und auch kulturell wird dem Besucher viel geboten.“ Konrad überschlug sich fast vor Freundlichkeit, da er ein schlechtes Gewissen wegen seiner anfänglichen Ungeschicklichkeit hatte.

„Ich bin zwar nicht aus dem Grunde in der Stadt, aber warum nicht. Besorgen Sie mir alles. Das Zimmermädchen soll es morgen Abend auf den Tisch legen. Eine Frage habe ich dann noch, hat Herr Mayer schon eingecheckt. Mayer, mit A–Ypsilon?“

„Ja, Herr Mayer wohnt bei uns.“

„Geben Sie ihm bitte diesen Umschlag.“

Sie blickte dem Portier starr an, „Persönlich.“

Damit nahm sie einen etwas dickeren DIN–A 4 Briefumschlag aus ihrem Aktenkoffer, reichte ihn hinüber, um noch einmal zu betonen: „Und wie gesagt – persönlich. Nicht ins Fach legen!“

„Sehr wohl! Ich werde den Brief sofort hochbringen. “

„Wo ist der Lift? Ach da. Gute Nacht.“ Mit einem eleganten Gang entschwand sie zum Fahrstuhl.

„Gute Nacht.“ erwidert Konrad und sah der jungen Frau hinterher. Alwins Worte kamen ihm in den Sinn. Was hatte er genau gesagt? Die Sekretärin hatte für einen Geschäftsmann die Suite gebucht.

Eigenartig. Er kam zu dem Schluss, sein Kollege müsste etwas durcheinander gebracht haben. So wie der vorhin wegender Buchung durch den Wind war! Ich bringe dem Mayer jetzt erst einmal seinen lang ersehnten Brief.

*

In der Suite angekommen fand Frau Rosenbusch ihr Gepäck schon vor.

Sie ging ins Badezimmer und ließ sich ein heißes, nach Rosen duftendes Schaumbad ein. Solange das Wasser einlief, ging sie zurück in den Wohnbereich, nahm ihr Gepäck auf und trug es ins Schlafzimmer. Dort nahm sie nur einige wenige Sachen aus einem der Koffer.

Die anderen Gepäckstücke öffnete sie nur kurz, durchsuchte sie, legte das eine oder andere auf das Bett. Als sie fertig war, verstaute sie die unausgepackten Koffer in einen der begehbaren Schränke.

Danach betrat sie den Flur, hängte das ‚Bitte nicht stören‘ Schild draußen an die Tür und schloss ab. Auf den Weg ins Badezimmer zog sie sich aus, ließ dabei ganz undamenhaft ihre Kleidungsstücke auf den mit dickem Teppichboden ausgelegten Boden fallen, schaltete die Stereoanlage an, suchte einen Sender mit ruhiger Jazz–Musik und stieg in die Wanne.

Lächelnd tauchte sie unter. Sie genoss das ihren Körper umspielende heiße Wasser.

*

Konrad betätigte die Klingel an der Zimmertür, als der Gast öffnete: „Entschuldigen Sie bitte die späte Störung, Herr Mayer, dieser Umschlag wurde für Sie abgegeben.“

„Ja, danke!“ kam die knurrige Antwort zurück.

„Es wurde ausdrücklich gewünscht, ich soll Ihnen den Brief eiligst und persönlich überreichen. Entschuldigen Sie bitte nochmals die Störung.“ Es war Konrad mehr als unangenehm, den Gast zu so später Stunde noch zu stören.

„Lassen Sie mal, Sie müssen sich nicht entschuldigen, ich warte schon seit gestern auf diesen Brief. Danke.“

Bevor Konrad etwas erwidern konnte, hatte Herr Mayer ihm den Umschlag aus der Hand genommen, die Tür vor der Nase zugemacht und war wieder im Zimmer verschwunden.

*

Für Konrad war die Zeit zum täglichen Rapport gekommen. Einer der Pagen übernahm inzwischen vorübergehend die Rezeption.

„Konrad, was gibt es bei Ihnen? Ich habe gehört, Gerd ist wieder krank. Haben Sie und Alwin sich schon Gedanken über den Dienstplan gemacht?“ Der Hoteldirektor hatte die Angewohnheit, seine Besprechungen gegen Mitternacht zu halten. Er hatte gleich am Anfang etwas in der Art gesagt wie: „Da kann man gut den alten Tag abschließen und den neuen richtig beginnen. Und wir werden nicht von den Tagesgeschäften abgelenkt.“

Seinen Angestellten blieb nichts anderes übrig als sich an den Tagesablauf ihres neuen Chefs zu gewöhnen. Und in der Tat, selbst die Skeptiker mussten inzwischen einräumen, es gab bedeutend weniger Störungen als bei den Besprechungen gegen 8.00 Uhr morgens.

Seine Sekretärin arbeitete nur am Tage, sie legte ihm alle Unterlagen zur Durchsicht hin, fand diese zum Dienstbeginn bearbeitet und soweit erforderlich unterschrieben oder mit Anmerkungen wieder auf ihren Schreibtisch. Nein, sie hatte keinen Grund, sich über ihren Chef zu beschweren, lenkte er sie doch nie mit irgendwelchen Sonderwünschen von ihrer eigentlichen Arbeit ab. Und Termine außer Haus, die selten vorkamen, aber ab und an unumgänglich waren, die verstand sie in die Abendstunden, nach Sonnenuntergang zu legen. Nur einmal im Monat, da musste auch sie bei den nächtlichen Besprechungen zugegen sein. Heute war es wieder so weit.

Der Angesprochene antwortete: „Also mit dem Dienstplan, das wissen wir noch nicht. Es sind außer Gerd noch mehr Angestellte krank, da wird es langsam knapp mit Personal, gerade für den Empfang.

Einige der Auszubildenden waren schon an der Rezeption mit uns zusammen tätig. Ich dachte mir, zwei von den Volljährigen könnten sowohl in den Spät-als auch in den Nachtdienst eingeteilt werden.“

Man besprach diese Möglichkeit und die Sekretärin erhielt den Auftrag, am nächsten Abend den neuen Wochendienstplan vorzulegen. Alwin wurde vorerst für den neuen Tag zur Doppelschicht eingetragen.

„Heute Abend hat eine Frau Rosenbusch eingecheckt. Alwin hatte die Reservierung
entgegengenommen. Er erzählte mir, die Sekretärin hat für ihren Chef die Suite für einen Monat gemietet. Wir haben von der Firma Heckenrosen & Co noch nie etwas gehört und machen uns Gedanken, ob die Rechnungen überhaupt bezahlt werden können. Hinzu kommt, dass nicht ein Mann angereist ist, sondern, wie schon gesagt, eine Frau.“ Konrad gab auch gleich die Sonderwünsche der Dame weiter.

„Firma Heckenrosen & Co? Frau Rosenbusch, Anne-Heide Rosenbusch?“ sah der Direktor seinen Mitarbeiter fragend an.

„Ja, Anne-Heide Rosenbusch, kennen Sie die Dame?“

„Kennen nicht, ich habe schon von der Firma gehört. Ich hole selber Erkundigungen ein.  Dann werden wir sehen, inwiefern wir Vorkasse verlangen werden. Wenn das für heute alles ist, wünsche ich Ihnen noch einen guten Dienst. Sie können wieder an ihre Arbeit gehen. Frau Moritz, bleiben Sie bitte noch einen Moment hier!“

*

Herr Mayer bewohnte eins der Zimmer der preiswerteren Kategorie. Mit einem Doppelbett, einem großen Schrank, einem Tisch, zwei Stühlen und einem Schreibtisch.

Alle Zimmer dieses Hauses waren groß, dadurch wirkten sie -trotz der Kombination aus Wohn-und Schlafraum geräumig, nicht überladen und stilecht. Alle Räume in diesem Hotel waren nach Themen im Stil verschiedener Zeitepochen eingerichtet. Gut, die moderne Technik wie TV, HiFi-Anlage und dergleichen wäre normalerweise von der Optik ein Anachronismus gewesen, wenn die Innenausstatter nicht auf die geniale Idee gekommen wären, diese in Schränken zu integrieren. Herr Mayer hatte das Biedermeier- Zimmer bekommen. Welche Ironie – Mayer im Biedermeierzimmer!

Er riss den Umschlag auf und begann den Bericht der Detektei zu lesen. Er las den Brief, er las ihn immer wieder, konnte nicht glauben, was da geschrieben stand. War er doch viel zu sehr Realist. Nicht einmal das, was er in den letzten sechs Wochen erlebt hatte, was passiert war, hatte ihn davon abbringen können. Er lebte streng nach dem Motto: „Was nicht sein darf, das gibt es auch nicht!“

Vor sechs Wochen hatte ein Arbeitskollege Mayer erzählt, er hätte während seines Wochenendtrips dessen Verlobte gesehen. In einer anderen Stadt unterwegs mit einer älteren Dame.

Jeder Mensch hatte irgendwo einen Doppelgänger, hatte er schnodderig geantwortet.

Doch als der Kollege im auch noch triumphierend einen – zugegeben – undeutlichen Schnappschuss auf seinem Handy präsentiert hatte mit den Worten: „Wenn ich sie nicht zufällig auch noch fotografiert hätte, würde ich dir mit der Doppelgängertheorie zustimmen. Nur sieh dir das Foto selbst an!“

Mayer saß an einem stilechten Sekretär, dachte an die vergangenen Wochen, las den Brief und sah sich immer wieder die Fotos an. Mit jeder Zeile, die er inzwischen fast auswendig kannte, mit jedem Blick auf die Fotos zweifelte er mehr und mehr an seinem Verstand. Er hatte eine Detektei beauftragt, seine Freundin zu suchen und die Hintergründe ihres mysteriösen Todes heraus zu finden. Und jetzt hielt er diesen Bericht in der Hand.

Er stand auf, nahm die Unterlagen, legte sie zurück in den Umschlag und verließ mit ihnen den Raum.

*

Nach einer guten Stunde kam Frau Rosenbusch erfrischt aus der Wanne heraus.

Mit einem weichen Handtuch frottierte sie sich die langen, schwarzen Haare und schlang dieses dann gekonnt um ihren Kopf.

Zwei Schritte weit ging sie in den Wohnbereich, blieb stehen und zog geräuschvoll die Luft durch die Nase – die Flügel bebten regelrecht dabei – in die Lungen.

Ein beinah groteskes Bild. Mitten im Raum harrte eine bis auf ein Handtuch um den Kopf unbekleidete Frau und witterte mit erhobener Nase und geblähten Nasenflügeln, um die Gerüche um sie herum aufzunehmen. Ihre Gedanken kreisten in Alarmbereitschaft.

Hier stimmt etwas nicht … Ich hatte das Licht angelassen. Das ist es, das Licht ist aus! schoss es ihr durch den Kopf.

Sie ging noch einen halben Schritt weiter.

Ihre Sinne waren angespannt.

Sie drehte sich um und schrie auf.

Eine Hand!

Auf ihre nackte Schulter hatte sich eine Hand gelegt.

*

Die Sekretärin schloss hinter den herauseilenden Mitarbeitern die Tür.

„Werden Sie heute Nacht wie immer von Ihrem Mann abgeholt?“

„Nein, Herr Direktor, heute nicht. Unser Jüngster ist krank, ich rufe mir später ein Taxi.“

„Ich lasse Sie nach Hause bringen. Paul kann auch mal etwas für so eine gute Mitarbeiterin, wie Sie es sind, machen. Ich kann doch nicht verantworten, dass eine unserer besten Mitarbeiterinnen ganz alleine, mitten in einer Vollmondnacht mit dem Taxi nach Hause fährt. Legen Sie mir doch morgen alles, was Sie über die Firma Heckenrosen & Co finden können, auf meinen Schreibtisch. Ich möchte auch sämtliche Informationen, die Sie bekommen können, über diesen Herrn Mayer!“

„Wie soll ich denn alles bis morgen Abend schaffen? Wenn sich unserer Gäste eine der teuersten Suiten leisten können, sind die bestimmt nicht unbedeutend! ? Und dazu noch die Angaben über Herrn Mayer, seit wann bespitzeln wir denn unsere Gäste?“ Die Stimme von Frau Moritz klang empört.

„Wir sind ein Hotel mit einem guten Ruf, einem sehr gutem Ruf“, unterbrach der Direktor seine Angestellte, „und ich möchte, dass dies so bleibt. Wenn hier Mitarbeiter mir unbekannter Firmen absteigen, will ich wissen, mit wem wir es zu tun haben und ob sie zahlen können. Des weiteren hängt unsere guter Ruf davon ab, dies muss doch auch in Ihrem Interesse sein. Arbeiten Sie diskret, schalten sie also keine Privatdetekteien ein, um an Informationen zu kommen.“ Seine Stimme war gleich bleibend freundlich, „Meine gute Frau Moritz, ich habe noch eine Frage an Sie: Arbeiten Sie gerne für das Hotel, für mich? Wenn ja, dann zweifeln sie nie, … nie wieder meine Anordnungen an. Ich lasse Ihnen, da Sie bis heute immer sehr gute Arbeit geleistet haben, Ihre Freiheiten am Arbeitsplatz.

Habe ich Sie jemals darauf angesprochen, wenn Sie – nach einem privaten Stadtbummel mit Friseurbesuch -zu spät aus ihrer halbstündigen Mittagspause kommen. Und das regelmäßig einmal im Monat?“ Er sah sie mit seinen himmelblauen Augen fragend an.
Frau Moritz gehört ebenfalls schon ‚zum Inventar‘ des Hauses. Ihr Jüngster war nun fünf Jahre alt, ungeplant gekommen, ein Verkehrsunfall mitten in den Wechseljahren.

„Morgen Abend habe ich die Auskünfte auf meinen Schreibtisch. Vergessen Sie darüber hinaus nicht, Ihre täglichen Pflichten zu erledigen. Hier noch ein paar Namen und Telefonnummern, machen Sie mir für übernächste Woche und die darauf folgende Woche Termine, Ende dieser Woche steht hinter jeder Nummer ein Datum mit Uhrzeit.“

Sein Tonfall, seine Stimmlage, sein Gesichtsausdruck waren die ganze Zeit unverändert.

Lächelnd, nett, höflich, ohne jeglichen Unterton. Er griff zum Telefonhörer, wählte eine hausinterne Nummer, reichte nebenbei seiner Sekretärin die Mappe mit mehreren beschriebenen Blättern und gab ihr zu verstehen, dass sie sich noch nicht entfernen durfte.

„Ja, hör mal, du nimmst jetzt den Dienstwagen, fährst Frau Moritz nach Hause und wartest, bis sie im Haus ist.“

Er hörte seinem Chauffeur nicht bis zum Ende zu, sondern antwortete mit ironischen Unterton: „Wenn es dir zu langweilig ist, meine Anordnungen auszuführen, fange ich an mir zu überlegen, dich in den Tagesdienst eintakten zu lassen!“ Der Hoteldirektor beendete das Gespräch, nachdem vom anderen Ende die zu erwartende Bestätigung kam: „Ich stehe in drei, nein zwei Minuten am Hinterausgang! “ Paul legte auf: „Alles, nur keinen Tagdienst!“

Frau Moritz lief beim Verlassen des Raum ein kalter Schauer über den Rücken. Eilig legte sie die Unterlagen auf ihren Schreibtisch und dachte nur noch daran, nach Hause zu kommen. Wurde ihr doch gerade indirekt mit Kündigung, vielleicht sogar mit Schlimmeren gedroht.

*

„Haben Sie mich erschreckt! Wie kommen Sie hier überhaupt herein? Was machen Sie in meiner Suite, Mayer?“ Anne-Heide Rosenbusch, Angestellte der Detektei Heckenrosen & Co stand wie vom Blitz gerührt und splitternackt vor ihrem Auftraggeber.

Der Mann ging zum Lichtschalter, betätigte ihn: „Ich habe dem Zimmermädchen erzählt, ich hätte meine Zimmercard hier liegen lassen und meine Frau das Klingeln nicht gehört. Für ein gutes Trinkgeld hat sie mir die Tür geöffnet.“

Während er sprach, wanderten seine Augen bewundernd über den Körper der attraktiven Frau. Sie bemerkte seine Blicke sehr wohl und ihr wurde bewusst, dass sie nur mit einem Handtuch auf den Kopf bekleidet war. Mit einem schnellen Handgriff zog sie es herab und hielt es sich notdürftig vor den Körper.

„Ich ziehe mir nur schnell etwas über, bevor wir uns unterhalten! “

Als sie kurze Zeit später wieder in den Wohnraum zurückkehrte, trug sie ein an der Seite bis oben geschlitztes Abendkleid, die passenden Schuhe, ihre Haare waren zu einer modernen Hochsteckfrisur zurechtgemacht und ein dezentes Make-up unterstrich ihren natürlichen Teint.

„Nun denn, Herr Mayer, Sie sagen mir jetzt, warum Sie hier eindringen und mich fast zu Tote erschrecken. Sind Sie mit unserer Arbeit nicht zufrieden?“

„Das sind doch Fotomontagen, die Fangzähne auf diesen Fotos, auf denen Suzanne zu Staub zerfällt! Überhaupt – diese Bilder sind alle total unscharf, verwaschen! Dafür habe ich ihre Firma nicht bezahlt. Ich will mein Geld zurück! Es gibt keine Vampire! Wie in ihrem Bericht behauptet wird!“

„Hören Sie, Sie wollten Fotos, was aus ihrer Verlobten geworden ist, wo sie sich befindet, was aus ihr geworden ist. Sie haben im Voraus gezahlt und wir haben Ihnen das Gewünschte geliefert. Ich muss Sie bitten, meine Suite zu verlassen, ich habe heute Nacht noch mehr vor.“ Energisch schob sie den protestierenden Mayer zur Tür hinaus, nahm dabei im Flur ihr Minihandtäschchen von der Kommode und begab sich zum Lift.

Unten angekommen ließ sie erst einmal am Empfang ihrem Ärger über das Zimmermädchen freien Lauf. Erbost und kreidebleich verlangte sie umgehend eine persönliche Entschuldigung vom Hoteldirektor.

Und Herr Mayer? Er hatte die Unterlagen in der Aufregung oben in Frau Rosenbuschs Zimmer auf dem Tisch liegen gelassen.

Jetzt betrat er die Tanzbar im Kellerbereich des Hotels, setzte sich an die Bar, bestellte einen Drink, dann noch einen und einen dritten. Allmählich begann er den Abend zu genießen.

Die Ereignisse der letzten Stunden, Tage und Wochen waren vergessen.

*

Anne-Heide Rosenbusch erschien unterdessen in der Hotelbar im Erdgeschoß, schaute sich um und steuerte, unter den bewundernden Blicken der anwesenden Herrn verfolgt, mit leicht wiegenden Hüften einen Tisch in einer Ecke am Ende des Raumes an. Sie setzte sich mit dem Rücken zur Wand, wodurch sie einen guten Überblick über das Geschehen im Raum hatte.

Der Ober, er verdeckte ihre Sicht etwas mit seinem Körper, hatte sie gerade den bestellten Rotwein verkosten lassen und füllte das Glas auf, als der Hoteldirektor an den Tisch trat.

„Frau Rosenbusch? Sie wollten mich sprechen? Ich bin …“, er starrte sie an.

„Guten Abend. Ich nehme an, Sie wollen sagen, dass Sie der Hotelmanager sind?“ unterbrach sie ihn.

„Ich bin der Hotelmanager, Direktor, alles in einer Person. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie so angestarrt habe. Ehrlich gesagt, eine so gut aussehende Frau in dieser Position habe ich nicht erwartet.

Darf ich mich zu Ihnen setzen?“

Sie deutete nickend auf den Platz ihr gegenüber: „Danke für das Kompliment. Werden Sie dafür bezahlt, oder sind Sie gerade privat geworden?“ Die Frau sah ihn mit einem verführerischen Lächeln an. In für ihn sehr untypischer Weise wurde er rot. Ohne das weiter zu beachten begann sie sich über die Zustände im Haus zu beschweren, über das Zimmermädchen, das Fremden einfach die Tür öffnete, und einiges mehr, das ihr gerade so einfiel.

„Können wir uns nicht in meinem Büro weiter unterhalten? Dort werden wir uns bestimmt einig werden, wie ich das Malheur wieder gut machen kann?“ Der Direktor fürchtete zurecht um den Ruf seines Hauses, sollte ein anderer Gast zufällig etwas von der Unterhaltung mit anhören.

„Einverstanden, aber vorher will ich Ihnen noch diesen Herrn Mayer zeigen!“ Sie verließen gemeinsam die Bar in Richtung Tanzbar, wo sie auf einen Mann wies: „Das ist dieser aufdringliche Herr!“

„Ich werde mich um ihn kümmern.“

*

Der Hoteldirektor und die Detektivin betraten dessen Büro. Er schob die Tür nicht nur zu, sondern verschloss sie.

Langsam wandte er sich zu der jungen Frau um. Sein Blick glitt über ihren Körper. Die Begierde, die reine Lust sprang förmlich aus seinen Augen.

Sie beachtete ihn überhaupt nicht, sondern ging weiter in das Innere des Raumes.
Er folgte ihr.

Mit wiegenden Hüften, einem aufreizendem Blick, drehte sie sich zu ihm um, packte ihn am Revers und … verschloss seinen, zum Wort geöffneten Mund mit dem ihrigen. Sie küsste ihn zärtlich am Hals, ihre Lippen wanderten hinab. Seine Hände tasteten über ihren Körper. Ihre Lust steigerte sich ins Unermessliche, sie rissen sich gegenseitig die Kleidung vom Leib und versanken auf dem dicken Teppichboden.

Stunden später liegen sie Arm in Arm und rauchten dabei eine Zigarette.

„Wollen wir unsere Besprechung bei mir weiterführen? “ Sie legte sich wieder zärtlich
auf ihn.

„Ist vielleicht besser, was soll meine Sekretärin sagen, wenn sie nachher zur Arbeit erscheint und uns hier so sieht?!“ Mit einer ebenso zärtlichen Berührung schob er sie wieder von sich, stand auf und begann sich anzuziehen. „Ich lege ihr nur schnell eine Notiz auf den Platz, dann komme ich zu dir.“

Sie nickte, erhob sich ebenfalls und drückte die Zigarette im Ascher aus: „Lass mich nicht zu lange warten …“

*

„Und, hast du alles erledigen können?“

Beim Öffnen der Tür trug sie einen Hauch von nichts.

„Was diesen Mayer betrifft, ja!“ Er nahm ihre Hand, zog sie zu sich heran um gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss. „Seit wann heißt du Anne-Heide Rosenbusch, arbeitest für die Detektei Heckenrosen & CO, mit was haben wir es hier zu tun? Ehrlich gesagt, ich dachte schon, du willst mich kontrollieren! “

Sie setzten sich auf die Ledergarnitur, er entkorkte die mitgebrachte Flasche Rotwein und schenkte ein.

„Was sagt ER zu der ganzen Sache?“

„Oh Kevin, sind das nicht ein bisschen viele Fragen auf einmal? Ich will mit der letzten Frage anfangen. Eins kannst du wissen, wenn ER von unserem Verhältnis erfährt und dann auch noch dahinter kommt, dass du deine Entstehung in indirekter Weise mir verdankst, dann werden wir schneller „Schall und Rauch“ sein, als wir reagieren können. Du wirst nicht der neue Chef der betreffenden Firma, oder steigst sogar in der Hierarchie höher.“

Verspielt strich sie durch sein Haar.

„Themenwechsel! Ich bin beauftragt worden, auf diesen Mayer etwas aufzupassen.

Gegebenenfalls sollst du ihn rüberholen, da er sehr gute Kontakte und Beziehungen zu unterschiedlichen Behörden, Ämtern und so weiter hat. Du weißt schon – das Übliche.

Also ich bin insofern offiziell hier. Dieser Mayer hat die Detektei beauftragt, seine tote Freundin Suzanne zu suchen. Die dachten wahrscheinlich, dass von so einem Spinner leicht verdientes Geld zu kassieren ist. Du siehst selbst, in welcher Preisklasse der Detektiv bei seinen Nachforschungen absteigt, und sie nahmen den Auftrag an. Hier, hör dir den Mitschnitt an, den der Angestellte bei Auftragsannahme gemacht hat!“ Sie legte ein kleines Diktiergerät auf den Tisch und drückte die Wiedergabetaste. Mayers Stimme war zu hören:

„… Ich hab sie auf dem Foto gesehen, wirklich! Es war meine Verlobte! Dann habe ich kurzfristig meinen gesamten Urlaub eingereicht. Nach dem, was ich erlebt hatte, war man nur zu gern bereit mir den Urlaub zu gewähren. Ich bin sofort in diese Stadt gefahren. Bin jede Nacht durch die Strassen gelaufen, hab sie gesucht.

Ein paar Nächten später hab ich sie dann gesehen. Da war meine Suzanne, sie hatte sich verändert, aber es war meine Verlobte. Mein einziger Gedanke war nur noch, das ging nicht mit rechten Dingen zu, Suzanne ist tot. Tot, weil ein irrer Kollege sie im Undercovereinsatz ermordet hat! Ich hab sie noch ein paar Stunden verfolgt, bevor ich wieder nach Hause gefahren bin. Was sollte ich machen? Mir kam der Gedanke, dass Suzanne gar nicht ermordet wurde, dass es nur eine Geschichte ist, um sie zu schützen, oder das hier langsam alle verrückt werden. Verrückt, weil sie eine Tote durch die Gegend laufen sehen. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass meine Freundin noch lebt und wahrscheinlich in einer Art Zeugenschutzprogram m ist, denn was nicht sein darf, ist nicht! Ich habe einen alten Schulkameraden, den habe ich angerufen. Er hat seinen Einfluss spielen lassen und ließ das Grab öffnen, es war leer! Nehmen Sie den Auftrag an?“
Sie stellte das Gerät ab.

„Leider gab es da diesen A. H. Rosenbusch, ein junger, sehr engagierter Mitarbeiter, der dazu noch an alles Übersinnlicheglaubt. Dieser Rosenbusch ist sehr nahe an Elisabeth und Suzanne heran gekommen. Er hatte Fotos von den Beiden gemacht. Auch von der Vernichtung. Gestern wollte er sich mit Mayer treffen, um ihm seine Ergebnisse zu präsentieren. Ich habe Mayer die Fotos zukommen lassen, durch diese sollte er erfahren, dass seine Freundin eine Vampirin ist oder besser war. Alles wurde noch mit Fotos belegt, die ihre Fangzähne im Einsatz zeigen. Die Fotos sind so ‚gut‘, wie Fotos von Untoten eben sein können. Interessant ist das letzte, auf dem sie zu Staub zerfällt. Mayer war bis zu dem Zeitpunkt noch der Meinung, die Bilder seien Fotomontagen. Jetzt macht er nur noch Urlaub und wenn er an seine Freundin denkt, betrauert er sie.“ Die junge Frau machte eine kurze Pause, lächelte Kevin an und nahm einen Schluck aus ihrem Glas: „Guter Tropfen!

Ist der Wein mit Zutaten aus der neuen Blutbank gemixt?“

„Ja. Was ist nun aus diesem Rosenbusch geworden?“ Kevin nahm die Flasche, um die Gläser aufzufüllen.

„Ach den, den habe ich fast vergessen. Ich habe ihn in einen großen Schrankkoffer gesteckt. Gib deinen Leuten Bescheid, sie sollen ihn ins Versteck bringen.“ Sie machte diese Bemerkung so beiläufig wie andere einen Einkaufszettel diktieren. Sie sah ihn wieder an, „Nein, nicht was du denkst, er lebt noch!“

Den Kopf etwas schräg haltend, genießerisch mit der Zunge schnalzend ergänzte sie: „Ich gebe zu, er lebt nicht mehr richtig, Rosenbusch wird einer von uns werden. Unser Schöpfer, unser Herr und Gebieter …“, ihre Stimme klang bei den letzten Worten etwas ironisch, „ …ist der Meinung, Rosenbusch und die Detektei könnten eventuell mit in unsere Struktur eingegliedert werden. Ich weiß zwar nicht wozu und wem das Ganze dienen soll, außer … außer um seine eigenen Leute unauffällig bewachen zu lassen. Mir gefäll diese Aussicht überhaupt nicht.“

Für einen Moment verschleierte sich ihr Blick, ihre Gedanken schienen abzuschweifen.
Kevin wurde ungeduldig, streichelte vorsichtig ihren Arm: „Was ist los? Denkst du, ER hat das mit uns bemerkt? Was ist nun mit Rosenbusch?“

Ihr Blick klärte sich. Als sei nichts gewesen, redete sie einfach weiter: „Habe ich erwähnt, dass dieser A. H. Rosenbusch der jüngste Urenkel des Gründers der Firma Heckenrosen & Co ist und er den Laden erben soll. Sein Urgroßvater hatte vor langer Zeit eine Gärtnerei gegründet, seine Frau wollte den Namen Rosenbusch nicht im Firmennamen haben, da haben er und sein Bruder einfach Heckenrosen & Co daraus gemacht, passend für eine Gärtnerei, wenn du mich fragst, aber unpassend für eine Detektei. Na jedenfalls ist diese irgendwann pleite gegangen. Ein Nachkomme hat die Detektei unter altem Namen, mit bis jetzt mäßigem Erfolg, gegründet. Ich beobachtete Rosenbusch eine Woche lang. Als er gestern Abend sein Büro verließ, wusste ich, was er vorhatte. Ich nahm eine Abkürzung hierher, fing ihn am Flugplatz ab und nahm seine Identität an. Ehrlich gesagt, ich habe bis heute nicht herausbekommen, für was das A. und H. steht, vielleicht für Adelbert Hieronymus, aber das kann er uns nach dem Aufstehen selbst sagen.“

Kevin nahm seine Geliebte in den Arm, sah sie bewundernd an, streichelte sie.

Sie genoss seine Berührungen, doch spürte sie auch eine Art Abwesenheit von ihm.

„Was ist los, was beschäftigt dich so, dass es von mir ablenkt?“

„Du weißt es nicht? ich denke, du kannst Gedanken lesen? Ich mache mir Sorgen, ich frage mich, ob du Rosenbusch von deinem Blut gegeben hast. Ob er uns nicht vielleicht hören kann, um alles an IHN zu verraten? Und ich … ach vergiss es!“ Kevin schob sie fort, stand auf, um unruhig im Zimmer auf und ab zu laufen.

„Ja, ich kann die Gedanken anderer sehen, auch du kannst sie nicht vor mir verschließen. Ich möchte es nur im Moment nicht. Du hast Angst, ich auch! Irgendetwas geht vor. Seit wir in Paris waren, habe ich das unbestimmte Gefühl, dass mir Erinnerungen fehlen, dass ich Visionen hatte, die jemand gelöscht hat. Und das macht mir besonders Angst. Um deine andere Frage zu beantworten, nein, ich habe Rosenbusch nichts von mir gegeben. Ich habe ihn nur, bis auf eine Kleinigkeit, geleert. Er braucht bald etwas. Lass ihn abholen und wegbringen, du wirst einen passenden Spender für ihn finden. Diesen Auftrag müssen wir wohl oder übel erfüllen, auch wenn er uns an den Chef verrät.“

„Manchmal kommt mir der Gedanke, du überprüfst nur meine Loyalität. IHM und dir gegenüber. Du wirst nicht umsonst fast genauso gefürchtet wie unser Herr. Ich weiß nie, woran ich mit dir bin. Kannst du es mir sagen?“ Kevin verharrte vor ihr.

Auch sie war in der Zwischenzeit aufgestanden, hatte sich etwas Bequemes angezogen und sah ihm jetzt tief in die Augen: „Weißt du eigentlich, wer oder was ich bin? Wenn du mir diese Frage beantworten kannst, weißt du, wie ich zu dir stehe!“

Sie drehte sich ab, ging in den Schlafraum, holte den Schrankkoffer, stellte ihn in den Flur: „Die Sonne ist untergegangen, ruf deine Leute an und lass endlich das Teil wegbringen.“

Zwar hatte sie ihre Stimme nicht verändert, trotzdem hörte er heraus, dass ein Widerspruch oder weitere Fragen ausgeschlossen waren. Jetzt blieb ihm nur, Befehlen Folge zu leisten. Kevin griff zum Telefon, kurz und bündig gab er ihre Anweisungen weiter.

„Es wird alles geschehen, wie du es wünschst“, wendete er sich wieder ihr zu. „Ich weiß, dass ich meine Existenz nur dir zu verdanken habe, dass ich bestimmt nicht die gleichen Fehler wie damals dieser Mike machen werde … Ich weiß, wer sich dich oder unseren Schöpfer zum Feind gemacht hat, hat bald nichts mehr zu lachen … Ich weiß, dass du dir immer wieder Verfehlungen erlauben darfst, die für jeden anderen tödlich sind …“

Es klingelte. Sie ging an die Tür und übergab dem Boten wortlos den Koffer. Als sie zurückkam, sprach er mit den gleichen Pausen, nur etwas nachdenklicher weiter. Es klang wie ein Glaubensbekenntnis: „Ich weiß, dass sogar PARIS dir Dinge durchgehen lassen hat … Ich weiß, dass du keinen Namen hast, anders gesagt, dass niemand von dir deinen richtigen Namen erfährt … Du bist SEINE Stellvertreterin, SEINE Geliebte, SEINE Vollstreckerin …“

Er sah sie an, Angst flackerte eine kurzen Augeblick in seinen Augen auf, bevor er immer leiser werdend fortfuhr: „Du bist sein Geschöpf und irgendetwas verbindet euch seit ewigen Zeiten! Du wirst ihn nie verraten! Denn … DU BIST SEINE KLEINE HEXE!“<<

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Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Fremdwesen01-100-180-100.jpg” (Originaltitel: TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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Updated: 3. Dezember 2011 — 19:45

3 Comments

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  1. Klasse Kapitel, macht Interesse auf das gesamte Werk. Wäre interessant zu wissen, was Ati davon hält, die ist doch unsere Blut- & Vampirspezialistin bei sfbasar.de?

  2. Ab sofort nicht mehr unter Veras-Buchladen.de erhältlich, sondern unter:

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