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(Portalwelten 1) JAM JAM PARADISE – CASTLE GROUNDS – Eine Science Fiction-Kurzgeschichte von Detlef Hedderich (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 3/2012)

JAM JAM PARADISE – CASTLE GROUNDS

Portalwelten (1)

Eine Science Fiction-Kurzgeschichte

von

Detlef Hedderich

Ich teilte dem Schwebegleiter mit, langsam dem Fluß zu folgen, der links und rechts von einem jeweils langen weißen Sandstrand eingerahmt war. Als ich das Mädchen sah, ließ ich den Gleiter stoppen und aufsetzen. Ich stieg aus und ging über die kleine Düne bis zum Strand, an dem das Mädchen, das ein luftiges Kleidchen trug, spielerisch mit den Füßen im Sand hin und herstrich.

Als es mich hörte, blickte es sich kurz zu mir um, um sofort wieder auf seinen rechten Fuß zu schauen, mit dem es weiterhin den hellen Sand hin und herschaufelte. Ohne mich anzuschauen fragte es: „Bist du Donald?“

„Ja. Und du bist Camilla, stimmt´s? Deine Mutter hat mir gesagt, dass ich dich hier finden würde.“

„Ich weiß, Mama hat mir gesagt, dass du kommen würdest. Und ja, ich bin Camilla.“

„Hat sie dir gesagt, wer ich bin?“

„Nicht direkt. Ich glaube sie hat was von meiner Ururgroßmutter erzählt. Bist du mein Ururgroßvater?“

„Das weiß ich nicht.“

„Du weißt nicht, ob du mein Ururopa bist? Warum nicht?“

Ich schob ebenfalls mit meinen Füßen den Sand zusammen, wobei ein kleiner Hügel entstand auf dem ich mich hockte, damit ich Camilla auf Augehöhe gegenüber saß. „Das liegt daran, dass ich recht kurz mit deiner Ururgroßmutter zusammen war und wir uns anschließend aus den Augen verloren haben. Später hörte ich, dass sie Kinder bekommen haben soll. Wann und von wem, davon weiß ich nichts!“

„Also könnte es sein, dass du der Papa von meiner Urgroßmutter bist?“

Ich holte ein Pfefferminzkaugummi aus der Jackentasche und bot ihn dem Mädchen an, das dankend ablehnte. Daher packte ich den Streifen aus und steckte ihn mir in den Mund. Das Verpackungspapier schob ich in meine Jackentasche zurück. „Das wäre schon möglich.“

„Gibt es nicht solch ein Dingsbums, mit dem man sofort feststellen kann, ob wir die selben Gene haben?“

„Klar gibt es das, doch ich mußte deiner Mutter versprechen, dass ich dich nicht scannen würde.“

„Mußtest du ihr dein Ehrenwort geben?“

Ich nickte kurz. „Genau, ich versprach ihr das mit meinem Ehrenwort. Sie sagte, dass, wenn du volljährig bist, selbst entscheiden kannst, ob du einen solchen Scan durchführen lassen möchtest. Und wenn du entscheiden kannst, wäre ich von dem Moment an von meinem Versprechen entbunden.“

„Das sieht Mama ähnlich!“ Dabei lächelte das Mädchen kurz in sich hinein und kräuselte die Lippen ein wenig.

Ich mußte kurz lachen. „Das stimmt.“

„Mama hat gesagt, dass du mir andere Welten zeigen würdest, damit ich später, wenn ich volljährig bin, genügend darüber weiß, ob ich hier auf Jam Jam Paradies bleiben oder lieber auf einer anderen Welt leben möchte.“

„Das würde ich gerne machen. Und ich würde dir auch alle deine Fragen beantworten, die du dann bestimmt stellen wirst.“

„Wie soll das ganze gehen, muß ich meine Koffer packen und mich umziehen und wir fliegen dann in den orbitalen Raumhafen?“

„Nein Camilla, das müssen wir nicht. Ich besitze auf Jam Jam Paradise mehrere Häuser auf dem ganzen Planet verteilt. In jedem dieser Häuser befinden sich Portale  zu den jeweils anderen Häusern. Und auch hinauf in die Orbitalstation, sogar auf andere Welten können wir reisen, mittels der Portaltechnik in meinen Häusern.“

„Ich dachte, so eine Technik sei hier verboten, so wie auch keine Touristen nach Jam Jam Paradise reisen dürfen?!“

„Eigentlich ist so eine Technik auf dieser Welt tatsächlich verboten und das ist ja auch der Grund, warum deine Mutter hergekommen ist und ihr Leben hier verbringen möchte. Genaugenommen bin ich es, der diese Verbotsregelung in diese Welt gesetzt hat, denn ich bin der Besitzer von Jam Jam Paradise.“

„Du besitzt Jam Jam Paradise? Diese ganze Welt gehört dir?“

„Nicht ganz, es gibt noch Mitbesitzer, doch die Entscheidungsmehrheit liegt in meinen Händen.“

„Weiß die Mama das?“

„Ja, alle Erwachsenen wissen das, denn sie müssen sich dafür bewerben, damit sie hier leben dürfen.“

„Und das entscheidest du ganz alleine?“

„Nicht ich, sondern meine geschäftsführenden KIs.“

„Und wo sind die? Auf der Orbittalstation?“

„Dort und in meinen Häusern, die über diese Welt verteilt sind. Im Verbund leiten sie das Nutzungsabkommen mit den hier Lebenden und entscheiden, wer herkommen darf und wer nicht.“

„Und nach welchen Kriterien werden solche Dinge von diesen KIs entschieden?“

„Diese Kriterien habe ich im Verbund mit diesen KIs und einigen sehr schlauen Menschen aufgestellt. Die KIs müssen sich fest daran halten, sie haben keine Möglichkeiten, ungerecht zu entscheiden.“

„Ist denn eines deiner Häuser hier in der Nähe, von welchem aus wir reisen können?“

„Das stimmt. Eines meiner Häuser ist keine zwanzig Minuten mit dem Gleiter, der hinter der Düne steht, entfernt. Wenn du willst, fliegen wir dort hin und ich zeige dir, wie ich mich eingerichtet habe?“

„Gerne. Aber findest du nicht, dass ich nur mit meinem Kleid, das ich anhabe, ein bißchen wenig Anzuziehen habe, selbst für eine Reise durch ein Transmitterportal?“

„Mach dir keine Gedanken, im Gleiter habe ich Kleidung in einer Tasche, die mir deine Mama mitgegeben hat. Wenn du willst, können wir sofort los.“

Das Mädchen nickte und gemeinsam stiegen wir über die Düne und setzen uns in den Gleiter, der sofort die Türen schloß und sanft abhob und geräuschlos dahinzugleiten begann.

*

Als wir auf Castle Grounds zuschwebten, bemerkte Camilla, dass das Ganze auf sie wie ein Kloster wirken würde. Sie wunderte sich darüber, dass es von außen so alt und verwittert aussah. „Ich dachte du wärest so reich, warum ist das denn alles so altertümlich und nicht eher modern?“

„Das ist pure Absicht. Wie du bestimmt weißt, befinden sich auf dieser Welt sehr viele Klöster und Gemeinschaften, die sich vom modernen Leben der anderen Welten losgesagt haben. Zusammen mit dem Verbot moderner Technik wollen viele in Ruhe ihr Leben und ihre Vorstellungen davon verbringen. Damit sich alle diese Leute nicht gestört oder provoziert fühlen, habe ich das Äußere meiner Häuser ein wenig angepaßt.“

„Aber innen hast du dann ganz viel Technik, diese ganzen Spielereien, von denen man so hört, die auf anderen Welten die Leute verrückt machen.“

„Tut mir leid Camilla, ich habe auch innen kaum sichtbare Technik verbauen lassen. Natürlich sind meine Häuser auf dem neuesten technischen Stand und natürlich wird alles von der jeweiligen Haus-KI geregelt, die dafür sorgt, dass alles sauber bleibt und funktioniert. Das ginge ja nicht, wenn hier tatsächlich alles so wäre wie bei Euch zu Hause, wo alles ohne moderne Technik auskommen muß. Schließlich bin ich persönlich recht selten anwesend.“

„Wir waschen aber unsere Wäsche nicht am Fluß und ein Plumpsklo haben wir auch keines im Hof stehen!“

„Ist mir bewußt.  Ich habe mich einfach im Inneren meiner Häuser auf dieser Welt auf das Nötigste beschränkt, denn wenn ich hier herkomme, dann möchte ich mich vom Trubel der anderen Welten abschirmen und ein wenig entspannen!“

„Aha“, war das einzige, was das Mädchen  erwiderte.

Als wir im Hof gelandet waren, stiegen wir aus und gingen ins Haus. Camilla pfiff anerkennend und meinte: „Das ist ja wirklich vom allerfeinsten hier, was das Material angeht. Alle Achtung, so läßt es sich bestimmt angenehm leben und entspannen. Eine automatische Küche und Bar scheint es aber nicht zu geben. Wie schade.“

Ich zeigte Camilla wo die Küche war und wie man sich hier etwas Einfaches zu Essen und zu Trinken machen konnte. Anschließend führte ich sie durchs Haus und zeigte Ihr die wichtigsten Räume und welche Funktion sie haben. Worauf sie sich nicht verkeifen konnte zu bemerken: „Technik ist wirklich keine zu sehen, aber Entspannung wird tatsächlich groß geschrieben.“

„Luxus ist das, was man darunter versteht. Für mich ist hier der Luxus, mich entspannen zu können, ohne technische Hilfsmittel nötig zu haben. Du kannst dir übrigens eines der Zimmer aussuchen, es gibt ein Dutzend davon. Manchmal bekomme ich Besuch, deshalb die Auswahl. Jedes Zimmer hat einen andern Einrichtungsstil. Suche dir eines aus. Dort kannst du dich dann umziehen. Ziehe dir etwas Variableres an, denn als erstes möchte ich dir deine eigene Welt genauer zeigen. Bestimmt kennst du davon nur einen sehr kleinen Teil. Wir reisen in einer Stunde auf die andere Seite des Planeten zu eines meiner anderen Häuser, es nennt sich Blue Mountain Home. Dort zeige ich dir etwas, was dich erstaunen wird.“

Camilla grinste über das ganze Gesicht und schaute sich pfeifend und gutgelaunt die Zimmer an, um ihre Wahl zu treffen…

-Ende-

Zum nächsten Teil.

Copyright (C) 2012 by Detlef Hedderich

Kaufempfehlung des Autors:

Iwoleit, Michael K
Die letzten Tage der Ewigkeit

Verlag :      Wurdack Verlag
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Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 07.02.2012
Seiten/Umfang :      256 S. – 21,5 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 19.03.2012
Gewicht :      320 g
Aus der Reihe :      SF-Reihe 17

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Die letzten Tage der Ewigkeit ist die erste Sammlung von Michael K. Iwoleits Science-Fiction-Erzählungen. Sie enthält sechs Kurzgeschichten und Novellen, die zwischen 1995 und 2011 entstanden sind, darunter eine erweiterte Fassung seiner preisgekrönten und vielgerühmten Novelle »Ich fürchte kein Unglück« sowie seine neue, bislang unveröffentlichte Erzählung »Zur Feier meines Todes«.

In Iwoleits Erzählungen geht es immer wieder um Aufbrüche in eine posthumane Welt, voller Verheißungen, aber auch voller Schrecken. Seine Figuren sind häufig Wissenschaftler oder Techniker, die an Weggabelungen des Fortschritts mit existenziellen Fragen konfrontiert werden: Was macht den Menschen aus? Was bleibt, wenn die Geschichte über den Menschen, wie wir ihn kennen, hinausgegangen ist?

Michael K. Iwoleit wurde 1962 in Düsseldorf geboren und lebt heute in Wuppertal. Seit 1989 ist er freier Autor, Übersetzer, Kritiker und Herausgeber vor allem im Bereich Science Fiction und Phantastik. In der Science-Fiction-Szene wurde Michael Iwoleit vor allem durch seine Novellen bekannt, für die er dreimal mit dem Deutschen Science Fiction Preis und zweimal mit dem Kurd Laßwitz Preis ausgezeichnet wurde. Einige seiner Erzählungen wurden ins Englische, Italienische, Kroatische, Polnische und Rumänische übersetzt. Außerdem hat er sich als Science-Fiction-Kritiker und als Mitherausgeber der Magazine Nova und InterNova einen Namen gemacht.

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13 Comments

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  1. Martina Möchel

    Aha, wieder mal eine neue Serie! Wohl am Kleberdöschen geschnüffelt?

    Hört sich ja ziemlich abgehoben ab, Häuser mit kleinen Stargates drinnen?

    Ich wäre froh, ich hätte in meiner Wohnung mal einen anständigen Staubsaugeranschluß in den Wänden, wo man das Saugrohr anbringen kann und der Dreck direkt in den Keller in einem Beutel gesammelt wird.

    Kennt Ihr nicht? Meine Freundin hat sowas, aber ihr Ehemann ist ja auch Zahnarzt… Ach ja, zum Zahnarzt müßte ich auch mal wieder, oder weniger Schokolade essen? 🙁

  2. Zuerst ein paar Kleinigkeiten (zum Aufwärmen ;-)): es gibt einige Zeichen- und Rechtschreibfehler. Sicher vom schnellen Reinstellen, aber da solltest du nochmal akribisch drüberlesen.

    Stilistisch hätte ich auch ein paar Sachen umformuliert. Aber das ist vermutlich größtenteils Geschmackssache.

    Der Absätze
    „(…) dass du der Papa von meiner Urgroßmutter bist? (…)“ und
    „(…) Nein, Camilla, das müssen wir nicht (…)“ verraten schon komplett alles, was die Fortsetzungsgeschichte hergeben soll. Jedenfalls das, wovon du mir erzählt hast.
    Ich bin ratlos. Beides hätte ich rausgezögert und ein Geheimnis draus gemacht. Als Leser möchte ich ein bisschen Spannung haben. Warum sperrt er sie nicht ein? Vielleicht muss er sie aufnehmen. Sie stromert rum und findet sich unversehens an einem anderen Ort auf dem Planeten.

    Ich will dir die Lust an der Fortsetzung nicht verderben, echt nicht, aber ich habe keine Vorstellung, was mich in den Blauen Bergen erwartet. Zaubert Donald ein hübsches Abendessen und liest ihr „Goldlöckchen und die drei Bären“ vor?

    Nimm’s mir nicht übel ;-), Kritiken schreiben ist ein schmutziges Geschäft und einmal im Schlamm gewühlt, kann man nicht mehr aufhören. 😉

    Im Ernst: als Expose klasse, aber hätte mir eine fesselndere Geschichte gewünscht. Für mich persönlich ist das auch immer das Schwerste!
    Also auf zu Teil 2!! 😀

  3. Ich verrate dir schon mal einen Begriff: Wasserfall!

    Das mit deinen Vorschlägen werde ich nochmal mit meiner Lektorin besprechen, trotzdem Danke schon mal fürs helfen!

    Das mit dem Verraten ist mir hier nicht wichtig, bei dieser Serie geht es mir eher erstmal um das Verständnis, wie was zusammenhängt und funktioniert, dann später zählt vor allem der Eindruck, die Stimmung der verschiedenen Locations. Wenn diese Dinge abgearbeitet wurden, dann zählt die Spannung.

  4. Christa Kuczinski

    Mir gefällt die Story, tatsächlich wüsste ich gerne was auf die Kleine zukommt.
    Eines hat mich etwas stutzig gemacht. Wie alt ist die Kleine überhaupt? Zu Anfang hatte ich den Eindruck, dass sie um die Sechs wäre. Allerdings passt dieser Satz eher zu einem älteren Kind:

    Technik ist wirklich keine zu sehen, aber Entspannung wird tatsächlich groß geschrieben.”

    Ansonsten, wie geht es weiter??? 😉

    Lg

  5. Laß dich überraschen! 🙂

  6. Ich bin auch mal gespannt. Der Anfang macht wirklich neugierig und der Stil ist echt klasse. 😀

  7. Petra Weddehage

    Ich möchte auch ein Haus auf Jam Jam Paradise. Hört sich traumhaft an.
    Aber Du hast es echt mit den Ki´s. Grins

  8. Dazu fällt mir folgendes Zitat von Anatole France ein:

    „Laßt uns unsere Hoffnungen in jene unbegreiflichen Wesen setzen, die aus dem Menschen hervorgehen werden, so wie der Mensch aus den Tieren hervorgegangen ist.“

    Wie gefällt dir diese Antwort? 🙂

  9. Petra Weddehage

    Sehr poetisch. Grins

    Ich bekomme die Smiles immer noch nicht hin.

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