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PATCHWORKFAMILIENGLÜCK – Eine Kurzgeschichte von Mona Mee (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 4/2013 – geteilter Preis)

PATCHWORKFAMILIENGLÜCK

Eine Kurzgeschichte

von

Mona Mee

(Lektorat: Martina Müller)

Mein Papa hatte sich schon früh von meiner Mama getrennt und nach Übersee ins Ausland verdrückt. Ich habe nie wieder von ihm gehört. Als meine Mama vor zwei Jahren meinen Stiefpapa kennengelernt und kurz darauf geheiratet hat, schien sie endlich den Richtigen gefunden zu haben. Leider ereignete sich ein Flugzeugabsturz, bei dem mein Stiefvater zu Tode kam. Meine Mama hat danach sehr schnell ihren dritten Mann gefunden. Der hatte zwei Söhne, die etwa halb so alt waren wie ich. Nach sechs Monaten gab es dann Nachwuchs. Meine Halbschwester wurde geboren. Sie wurde noch von meinem Stiefpapa gezeugt. Wir waren nun zu fünft und bezogen eine Villa auf dem flachen Land. Meine Mama betätigte sich als Hausfrau und Mutter. Mein Patchworkpapa, denn ich deshalb so nenne, weil er nie mit meiner Mama verheiratet war, hatte zu dieser Zeit über den zweiten Bildungsweg sein Architekturstudium absolviert, da er vorher mit seiner Arbeit als Banker nicht glücklich gewesen war.

Drei Jahre später hatten meine Mama und mein Patchworkpapa einen Autounfall. Dabei starb meine Mama und mein Patchworkpapa kam mit dem Schrecken davon. Ich wurde zu dieser Zeit gerade volljährig und mir tat der Vati meiner beiden Patchworkbrüder leid. Ich half ihm bei der Erziehung seiner beiden Jungs und meiner kleinen Halbschwester. Das Architekturbüro meines Patchworkpapas befand sich etwa 20 Kilometer entfernt in der nächsten Stadt. Unser Haus war ein schönes Landhaus und da ich wenig Lust hatte, nach der Schule noch zu studieren, kümmerte ich mich um die Familie. Als die beiden Jungs in die Schule kamen, wurden sie von mir jeden Tag in die Stadt gefahren und wieder abgeholt.

Mein Patchworkpapa war froh, wenn er von der Arbeit nach Hause kam, dass alles von mir geregelt und in Ordnung gehalten wurde. Oft saßen wir dann noch gemeinsam im Wohnzimmer auf der Couch und tranken ein Gläschen Rotwein. Die beiden Jungs und das Baby waren bereits im Bett und so waren das für uns beide die schönsten Stunden des Tages. Nach einigen Wochen passierte es dann. Wir hatten an diesem Abend vielleicht ein Gläschen zuviel getrunken und so wurden unsere Hemmungen und die Trauer über den Tod meiner Mama hinweggespült. Jedenfalls haben wir an diesem Abend miteinander geschlafen. Es war sehr schön. Es war mein erstes Mal. Ich war von diesem Moment an total in meinen Patchworkpapa verliebt.

Nachdem aus unserer Partnerschaft eine feste Liebesbeziehung wurde, entschlossen wir uns zu heiraten. Viele unserer Freunde, vor allem die meiner Mama, waren entsetzt darüber. Schließlich war mein Mann auch noch dreimal so alt wie ich zu diesem Zeitpunkt. Die Verwandten beider Familien mieden uns von diesem Moment an. Wir verstanden, dass es offenbar Vorbehalte, wenn nicht gar Tabus in der Gesellschaft gab, wenn Menschen, die vorher in anderen  Rollen in der Familie in Beziehung standen, plötzlich diese auf den Kopf stellten. Ich war jedenfalls zufrieden mit meiner neuen Rolle als Hausfrau und Ersatzmutti für meine kleine Halbschwester und den beiden Patchworkbrüdern. Es hätte eigentlich wunderbar so weitergehen können, doch das Schicksal hatte einen anderen Weg vorgesehen.

Als mein Patchworkpapa, der jetzt mein Ehemann war, eines Tages auf eine Tagung für Architekten ins Ausland ging, kehrte er von dieser Reise nicht mehr zurück.  Ich erhielt die Nachricht, dass man ihn im Ausland ermordet hat, als er bei einem Raubüberfall sein Portmonee nicht herausgeben wollte. Für mich brach die Welt vollends über mich zusammen. Ich war jetzt für zwei schulpflichtige Jungs, die langsam in die Pubertät kamen und einem kleinem Mädchen, das unter starkem Asthma und Pseudokrupp litt, verantwortlich und hatte keinen Ernährer mehr. Zwar befand sich noch etwas Geld auf den Konten, doch die Lebensversicherung meines Mannes weigerte sich vehement, die Versicherungssumme auf den Tod meines Ehemannes auszuzahlen. Sie beharrte auf eine Vertragsklausel, die besagt, dass sich der Versicherte nicht leichtsinnig selbst in Gefahr bringen dürfe.

Ich war ziemlich gestreßt, vor allem die Krankheit meiner kleinen Halbschwester machte mir zu schaffen. Die beiden Jungs fingen zunehmends an, aggressiver in der Schule zu werden, verhauten andere Kinder und wurden so manches Mal von der Polizei nach Hause gebracht. Nachdem die Versicherung mich dazu zwang, unser so dringend benötigtes Geld einzuklagen,  blieb mir nichts anderes übrig als das Architekturbüro zu verkaufen, um uns über Wasser zu halten. Ich weiß heute nicht mehr, wie ich all diese Schwierigkeiten meisterte. Doch letztlich wurde alles gut. Ich gewann die Gerichtsverhandlung gegen die Versicherung und meiner kleinen Halbschwester konnte dank eines neuen Medikamentes geholfen werden. Von diesem Zeitpunkt an lief endlich alles besser.

Wir waren schon eine ziemlich merkwürdige Familie. Zum Glück hatte ich meinen Patchworkpapa geheiratet sonst hätte es ziemliche Probleme gegeben, meine beiden Patchworkbrüder zu adoptieren. Und das selbe galt auch für meine kleine Halbschwester. Jetzt waren wir jedenfalls eine glückliche Familie. Was Außenstehende jedoch bestimmt sehr merkwürdig gefunden hätten, war der Umstand, dass wir zum Zeitpunkt des Todes meines Mannes alle Vier in einem Bett schliefen. Irgendwann veränderte sich dieser Zustand aber. Zuerst war es der jüngere der beiden Jungs, der irgendwann den Wunsch in die Tat umsetzte, in seinem eigenen Zimmer zu schlafen. Ein halbes Jahr später war meine kleine Halbschwester an der Reihe und verlangte, zukünftig ebenfalls alleine in ihrem Zimmer zu übernachten.

Ob es nun daran lag, dass ich von diesem Moment an mit dem älteren der beiden Jungs alleine im großen Bett schlief oder ob es einfach Schicksal war, das weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls wurde ich eines Tages schwanger von meinem Patchworkbruder, der die Rolle des Vaters aber sehr gerne übernahm. Acht Jahre später war meine kleine Halbschwester an der Reihe, ein Kind zu empfangen. Sie und mein jüngerer Patchworkbruder haben sich ebenfalls ineinander verliebt. Jetzt sind wir also zu Sechst. Das Leben kann schon ziemlich verrückt sein.

-Ende-

Copyright (c) 2012 by Mona Mee

Bildrechte: “Tabu-Brecher” (tes-tabu2.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus50-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Kaufempfehlung der Autorin:

Glaschke, Stefanie
Unsere Patchwork-Familie

Hilfestellung für ein stressfreies Zusammenleben

Verlag :      Urania
ISBN :      978-3-451-66019-1
Einband :      kartoniert
Preisinfo :      12,99 Eur[D] / 13,40 Eur[A] / 19,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 31.07.2012
Seiten/Umfang :      128 S., durchgeh. zweifarbig – 21,0 x 16,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 09.2012
Gewicht :      308 g

Jede siebte Familie zählt als so genannte Patchwork-Familie. Kinder müssen sich auf eine neue Mutter, einen neuen Vater oder auf Stiefgeschwister einstellen, Eltern auf nicht-leibliche Kinder. Das Zusammenfügen dieser neuen Konstellation erfordert Geduld und macht Mühe. Jeder muss seine Rolle erst finden, Patentrezepte gibt es nicht. Dieses Buch gibt Hilfen und Hinweise, was man tun kann, um aus einem »Patchwork« eine Familie aufzubauen, in der sich alle als zusammengehörig erleben.

Stefanie Glaschke studierte Theologie, Germanistik und Politikwissenschaft und absolvierte dann eine Ausbildung in angewandter Psychologie und Psychosomatik. Die Mutter von sechs Kindern ist als Persönlichkeitstrainerin für Lernen, Kommunikation und Verhalten tätig und arbeitet vor allem auch mit Kindern und Jugendlichen.

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Updated: 2. Dezember 2013 — 22:13

11 Comments

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  1. Ich muß gestehen, dass ich diese Geschichte extrem gut finde. Auch der Buchtipp ist wirklich niedlich, vor allem wenn man die Geschichte gelesen hat und dabei die Subebene tatsächlich wahrzunehmen in der Lage war.

    Unsere kleine Mona bleibt sich wie immer treu und liefert Stoff, bei dem sich mit Sicherheit wieder die Geister scheiden bis sich die Balken biegen. Bravo! Ich finde das sehr erfrischend und würde mir wünschen, ich könnte so ungezwungen mit solchen Themen umgehen. 🙂

    Danke nochmal an Martina, die hier mal meine Aufgabe übernommen hat und unserer jungen Autorin zur Seite stand. Vielen Dank dafür! 🙂

  2. Erscheinungsdatum des Buchtipps für die 1. Aufl. am 09.2012. Hilfestellung für ein stressfreies Zusammenleben in und von Patchwork-Familien dürfte inzwischen eine große Menge unserer Bürger angehen. Bestellungen über unsere Bestellinks sind von großer Güte! 🙂

  3. Meine Deutschlehrerin war so nett und hat meine Story lektoriert, weil hier ja von einigen wenigen Leuten so großer Wert darauf gelegt wurde. Hoffe, dass jetzt keine Fehler mehr zu finden sind.

  4. Guten Morgen Mona Mee,
    auch wenn der Ton manchmal die Musik macht, finde darin die (sachlichen) Hinweise zu Rechtschreibung, Grammatik und Stil und nimm sie als Rat. Letztlich ist es Deine Entscheidung, wie Dein Text aussieht und auch Deine Verantwortung wie er ankommt. Wenn Dir Deine Deutschlehrerin hilft, alle Achtung! Ich bin sehr irritiert, dass selbst in Deutscharbeiten keine Rechtschreibung bewertet wird (an einem Gymnasium). Die Schule wäre die richtige Einrichtung, dies zu tuen und beim Lernen zu helfen. Meine Diplomarbeit wurde um eine Note abgewertet, eben wegen der Rechtschreibung. Unter anderem habe ich in meiner Arbeit über ein Standartmeßverfahren immer wieder das Wort Standart falsch geschrieben. Es schreibt sich Standard, mit d. Ich war stinke sauer. Allerdings in dem Alter nicht über meinen Professor.

    Noch ein Beispiel aus dem beruflichen Alltag, für den die Schule vorbereiten sollte: Bewerbungen, die mit „Sehr geehrte Damen und Herren, ich würde mich gerne als … bewerben“ kommen bei mir nicht an, sondern umgehend beim Altpapier. Zum einen bin ich nicht Damen und Herren, sondern Herr […], und zum Zweiten will er nun oder will er nicht? Beides sollte jemand wissen, der sich bei uns bewirbt. Beides liegt in der Verantwortung des Verfassers des Textes.

    Mona Mee,
    weiterhin viel Erfolg mit Deinen Ideen und Texten!

  5. Also, ich möchte in Zukunft darauf auchten, dass in unserer Community mehr der hilfreiche Ton und nicht der Abwertende hier vorscherrscht. Ich hoffe, dass die meisten hier mitziehen werden. Ich bin am Überlegen, rein kritische Töne, die keine hilfreien Elemente beinhalten, hier nicht mehr zuzulassen und / oder zu löschen.

    Das wird einigen vielleicht nicht schmecken, aber mir ist es wichtig, dass wir in Zukunft hier nach aussen hin nicht mehr wie ein verstrittener Haufen erscheinen. Darüber haben sich nämlich schon eine große Anzahl an Besuchern und Pressemenschen der Verlage abwertend geäußert.

    Also, ab jetzt Kritik ja, aber nur wenn gleichzeigig auch konkrete Verbesserungsvorschläge gemacht werden. Hämische Kommentare werde ich zukünfig wohl komplett wieder löschen.

  6. Gut gemacht! Verändere sie nicht weiter, da kommt höchstens eine „Schlimmverbesserung“ bei raus. Gute Sachen sollte man nicht kaputtverbessern. Ich würde diese Geschichte, so wie jetzt ist, in den nächsten Wettbewerb stellen, meine Stimmen hast du!

  7. Dr. Heinz-Theo Ullrichs

    Ich finde diese kurzgeschichte enorm gut. Über die eine oder andere Schwäche läßt sich hinwegsehen. Ich habe mir auch die beisherigen Arbeiten dieser Autorin durchgelesen und finde, dass sie ihren ganz eingen Stil und ihre ganz eigenen Themen hat, die von anderen Autoren dieses Blog wohl eher gemieden werden. Wirklich gut und mein Lob an die offenbar sehr junge Autorin. :O

  8. Vielen lieben Dank an alle, die für mich gestimmt haben. Ich habe mich ausserordentlich darüber gefreut den 2. Platz gemacht zu haben. Ich verspreche, dass ich weitere Geschichten verfassen werde, die in diesem Stile von ausserordentlichen Situationen im Leben von Menschen handeln werden. Küsschen, Küsschen! 😮 😮 😮

  9. Das ist ja süß. 🙂

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