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PAKCHEONS TODESKAMPF – Leseprobe aus: “Rettungskreuzer Ikarus 46: Welt der Schlafenden” von Irene Salzmann

PAKCHEONS TODESKAMPF

Leseprobe aus:
“Rettungskreuzer Ikarus 46: Welt der Schlafenden”
von
Irene Salzmann

Zum vorherigen Teil

Die Hilferufe der Außenstationen und der attackierten Raumer wurden nach einer Zeit, die wie eine Ewigkeit erschien, beantwortet. Alle in der Nähe befindlichen Schiffe der Schwarzen Flamme brachen ihre Missionen ab und eilten dem bedrohten Hauptquartier zu Hilfe. Auch die planetaren Geschütze erwiderten, nachdem der Schock der Mannschaften nachgelassen hatte, das Feuer der Angreifer mit tödlicher Effizienz.

Nun handelten die Söldner, wie sie es jahrelang trainiert hatten, obwohl so mancher Angehörige des Bodenpersonals nie in unmittelbare Kampfhandlungen verwickelt gewesen war oder der letzte Einsatz Jahre zurücklag. Schnell war eine Verteidigungslinie organisiert, die die Eindringlinge aufhielt. Jeder kannte seinen Platz oder übernahm für einen verletzten oder gefallenen Kameraden.

Das Blatt wendete sich langsam zugunsten der Schwarzen Flamme, da die Erfahrungen und die Ausbildung der Söldner den nachlassenden Überraschungseffekt egalisierten.

Und dann war der Angriff genauso plötzlich vorbei, wie er über Aseig’Krenrew hereingebrochen war.

Während sich jene Söldner, die dazu noch in der Lage waren, um die Verwundeten und die Toten kümmerten, begannen Roboter mit den Lösch- und Aufräumarbeiten.

Skyta lehnte erschöpft an einer Wand. Sie brauchte einige Augenblicke, um zu begreifen, dass der Kampf zu Ende und sie noch am Leben war.

Genauso wie die Kameraden hatte sie jegliche Emotionen abgeschaltet und mit einem Strahlengewehr geschossen, geschossen, geschossen, das Magazin gewechselt, weiter geschossen, bis sie die Waffe wegen Überhitzung gegen eine andere tauschen musste, mit dieser weiter schoss und schoss …

Das Zischen des Gewehrs rauschte immer noch in ihren Ohren.

„Sind Sie in Ordnung?“

Wie durch einen dichten Nebel erreichte sie die Stimme eines Sanitäters. Eine frische Schramme teilte seine linke Wange, aber er schien den Schnitt nicht zu spüren. Skyta erinnerte sich, dass sie eine Weile neben dem Mann gestanden hatte, während sie das Feuer der Invasoren erwiderte. Er hatte seine Waffe geschultert und hielt nun einen Erste-Hilfe-Koffer in der Hand, während er sie prüfend musterte.

Zögernd erwiderte Skyta: „Ja, ich glaube …“

Der Sanitäter nickte ihr knapp zu und wandte sich um zum nächsten, der vielleicht dringender eine Behandlung benötigte als sie.

Skyta war klar, dass es hier im Moment nichts mehr für sie zu tun gab. Sie stieß sich von der Wand ab und schlängelte sich zwischen Verwundeten, zerstörten Einrichtungsgegenständen und Trümmerstücken hindurch.

Die Frauen und Männer, gegen die sie gekämpft hatte, waren alle tot. Keiner hatte sich ergeben wollen, nicht einmal als schon deutlich war, dass die Söldner einen knappen und verlustreichen, aber immerhin den Sieg davon tragen würden. Selbst als sein Blaster schon leer war, hatte einer der Angreifer nicht kapituliert und sich mit bloßen Händen auf sie werfen wollen, bevor ihn ein Querschläger niederstreckte.

Nur tote Feinde. Das hieß, es gab niemanden, der verhört werden konnte. Die Unbekannten hatten all ihre Geheimnisse mit ins Grab genommen.

Wer mochten sie gewesen sein? Sie hatten ausgesehen wie normale Menschen – und wieder nicht. Jeder von ihnen war überdurchschnittlich muskulös und schwer gewesen, in einer Weise, die die Körper fast schon deformiert erscheinen ließ – ausgerichtet auf optimale Ausdauer und Kraft, wie geschaffen für den Kampf mit schweren Waffen oder auch mit den Fäusten.

Was waren das für Leute? Woher waren sie gekommen? Warum hatten sie angegriffen? Und wer hatte ihnen die Koordinaten von Aseig’Krenrew gegeben, die nicht einmal allen Mitgliedern der Schwarzen Flamme bekannt waren?

Skyta ahnte, dass sie Antworten nur von ihren Vorgesetzen erhalten konnte, wenn überhaupt. Da sie bloß eine Söldnerin niederen Ranges war, hatte sie keinen Anspruch auf Informationen. Anders sah es für Ray Carr Cullum aus. Falls er überlebt hatte.

Sie musste ihn finden und davon überzeugen, dass es wichtig war, die Wahrheit zu erfahren. Vielleicht wurde das Hauptquartier in Kürze ein weiteres Mal überfallen? Es würde kein leichtes Unterfangen sein, mit Cullum zu reden, da er nicht mehr derselbe war, seit er sich von seinen schweren Verletzungen erholt hatte. Aber ohne einen Fürsprecher kam sie nicht an die richtigen Leute heran. Nicht einmal während einer Krise wie jetzt, in der es um mehr ging als die Geheimnisse des Inneren Zirkels.

*

„Er ist tot.“

„Gibt es keine Möglichkeit, ihn zu -“

„Nein, es ist vorbei.“

Cornelius hielt Pakcheon in seinen Armen. Schläfe an Schläfe, Wange an Wange. Die Haut des Vizianers war viel zu kalt und fühlte sich feucht an. Atmete er überhaupt noch? Schlug sein Herz?

Nein, nein, du bist nicht tot. Komm zurück zu mir.

Keine Reaktion.

Kämpfe, verdammt nochmal. Denk daran, was noch alles vor uns liegt. Ich will nicht allein sein. Nicht ohne dich.

„Mr. Cornelius.“

„Mr. Cornelius, was -?“

„Cornelius, was soll ich tun?“

Pakcheon. Du bist stärker. Du schaffst das. Wir brauchen dich. Shilla braucht dich. Ich brauche dich.

„Hören Sie …“

„Lassen Sie mich …“

„Cornelius?“

Jemand versuchte, Cornelius von Pakcheon fortzuziehen, aber er hielt den reglosen Körper verbissen fest.

„Sie können nicht …“

„Das ist sinnlos. Kommen Sie schon …“

„Cornelius …“

Pakcheon! Cornelius spürte Hoffnungslosigkeit in sich aufsteigen. Pakcheon, komm zu mir.

„Hören Sie, Cornelius -“

„Er nimmt Sie gar nicht wahr.

„Cornelius, soll ich die beiden …?“

Pakcheon!

Ein Zittern durchlief den Körper des Vizianers. Keuchend rang er nach Luft und hustete.

Cornelius fing die unkontrollierten Bewegungen mit seinem Körper ab und hielt Pakcheon nur noch fester. „Es ist alles In Ordnung“, wisperte er in ein spitzes Ohr. „Ich bin da. Und Sie sind auch wieder da. Alles wird gut. Kosang wird Ihnen etwas geben, damit Sie sich besser fühlen. Ich bin so froh, dass Sie -“

„Keine Schmerzmittel“, kam es ganz schwach zurück. „Keine Stärkungsmittel. Nichts. Ich brauche nichts. Nur einen Moment …“

„Okay, okay, okay. Keine Medikamente. Sie sind Arzt. Sie wissen am besten, was gut für Sie ist. Sie schaffen das. Ich bin da, falls Sie mich brauchen. Entspannen Sie sich. Ruhen Sie sich aus.“ Cornelius wusste, dass er plapperte, aber seine Erleichterung kannte keine Grenzen.

„Er ist wieder da, Cornelius“, jubilierte Kosang. „Sie haben ihn zurückgeholt.“

„Falls das Gerät auch bei Vizianern funktioniert, dann ist er bloß geschwächt, aber außer Gefahr“, bemerkte Laini Singer.

„Können Sie uns mitteilen, was passiert ist, Mr. Cornelius?“, erkundigte sich Hellerman. „Wie können wir helfen?“

Cornelius ignorierte die anderen Stimmen. „Wenn Sie etwas brauchen, verlangen Sie danach. Ich werde dafür sorgen, dass Sie es bekommen.“ Er hielt Pakcheon immer noch umschlungen.

„Ihr Bart …“

„Mein Bart?“

„Er sticht.“

„Als wir uns geküsst haben, hat Sie das nicht gestört.“

„Manchmal muss man Opfer bringen.“

„Pakcheon!“

Leises Gelächter erklang. „Das sollte ein Scherz sein … Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin in Ordnung. Dank Ihnen.“

„Lassen Sie das. Sie brauchen nicht den starken Mann zu markieren, um mich zu beruhigen. Sie sind erschöpft. Ich glaubte schon -“

Pakcheon hörte ihm nicht zu. „Er … der Gefangene … ist tot  … und hätte mich beinahe mitgerissen. Als er mich identifizierte, nahm er Gift. Die Schwarze Flamme …“ Seine Stimme wurde immer leiser.

„Was?“

Aber Pakcheon antwortete nicht mehr. Seine Augen fielen zu, und gleichmäßiger Atem verriet, dass er fest schlief.

Hatte er richtig gehört? Zögerlich löste Cornelius die Umarmung und bemerkte, dass Hellerman und Laini Singer die Liege mit versteinerten Mienen umstanden. Er nahm die verrutschte Brille ab, zog ein Taschentuch hervor und polierte die angelaufenen Gläser, um zu überspielen, wie verlegen, verwirrt und vor allem erleichtert er war.

„Er wird schon wieder“, wisperte Laini Singer. „Aber was ist überhaupt passiert?“

Cornelius warf einen letzten Blick auf Pakcheon und stand auf. „Kosang, bring Pakcheon bitte in seine Kabine. Falls er etwas braucht, kümmer dich darum. Ich komme nach, sobald ich kann.“

Lautlos zog sich der Ableger mit seinem Herrn zurück.

„Was ist geschehen, Mr. Cornelius?“, drängte Hellerman auf eine Antwort.

„Das wüsste ich auch gern“, erwiderte Cornelius grimmig. „Was ist mit dem Gefangenen?“ Er näherte sich ahnungsvoll der Arrestzelle und blieb am offenen Schott stehen.

Der Mann lag verkrümmt auf der Liege. Cornelius hatte oft genug Tote gesehen, um auf den ersten Blick zu erkennen, dass der Unbekannte nicht mehr lebte. Offenbar hatte er sich ein schnell und schmerzlos wirkendes Gift verabreicht. Zwar hatte ihm jemand die Augen geschlossen, doch das überlegene Grinsen hatte sein Gesicht zu einer perfiden Maske erstarren lassen. Da Kosang nichts gefunden hatte, musste der Mann das Gift unauffällig an oder in seinem Körper getragen haben.

Laini Singer bestätigte die unausgesprochenen Vermutungen. „Er hatte in einem Zahn eine Giftkapsel und zerbiss sie. Ich konnte das Mittel noch nicht analysieren. Es wirkte binnen weniger Sekunden, viel zu schnell, als dass wir dem Mann hätten helfen können. Ich frage mich nur, weshalb er damit bis jetzt gewartet hat. Er hätte auch an Bord seines Schiffes Selbstmord begehen können.“

„Sie haben mit ihm gesprochen“, entsann sich Cornelius, und fragte, an die Ärztin und den Captain gewandt: „Was haben Sie ihm gesagt? Haben Sie ihm gedroht?“

„Indirekt“, entgegnete Hellerman. „Ich riet ihm, unsere Fragen zu beantworten, da er vor einem Telepathen ohnehin nichts würde verheimlichen können. Und dann passierte es.“

Cornelius starrte ihn bloß an.

„Keiner hat damit gerechnet“, fuhr Hellerman fort, der sich sichtlich unbehaglich fühlte. „Hat … hat etwa Pakcheons Zustand mit dem Tod des Gefangenen zu tun?“

„Es hätte völlig gereicht, dem Mann Fragen zu stellen“, sagte Cornelius gefährlich leise. „Mit etwas Glück hätte er die Antworten gedacht, und Pakcheon hätte sie gehört.“

Mehr brauchte es nicht, um Hellerman begreifen zu lassen. Er erbleichte. „Das habe ich nicht bedacht. Es war mein Fehler, dass wir nun die Hintergründe für den Angriff wohl nie erfahren werden. Aber schlimmer noch: Der Gefangene ist tot, und Pakcheon hätte sterben können. Es tut mir leid. Ich kann es zwar nicht ungeschehen machen, doch ich werde mich persönlich bei ihm entschuldigen.“ Er räusperte sich. „Konnte er Ihnen noch etwas Wichtiges mitteilen, bevor er eingeschlafen ist?“

Mit Mühe rang Cornelius seinen Zorn nieder. Ihm war klar, dass Hellerman nicht mit diesen dramatischen Folgen gerechnet hatte und sein Bedauern echt war. Dennoch würde Cornelius Sally McLennane und den anderen hohen Tieren des Raumcorps nicht verzeihen, wie sie mit ihren Verbündeten umgingen. Jetzt noch weniger als zuvor.

„Der Tote war Mitglied der Schwarzen Flamme.“ Nachdem er die Bombe hatte platzen lassen, drehte sich Cornelius um. Der Schock, den seine Worte bei Hellerman und Laini Singer auslöste, verschaffte ihm keine Befriedigung. Ihn interessierte nur, dass es Pakcheon wieder gut ging.

(…)

ENDE

Copyright (C) 2012 by Irene Salzmann, Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

Wer wissen möchte, was vorher passierte und wie es weitergeht, kann das Nachlesen in:

Welt der Schlafenden
Rettungskreuzer Ikarus 46.
von Irene Salzmann

ebook:
EAN: 9783864020315
Format:  EPUB
Rettungskreuzer Ikarus 46.
Atlantis Verlag
epub eBook – 114 Seiten
.

Print:
Verlag: Atlantis Verlag Guido Latz (2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 386402014X
ISBN-13: 9783864020148
Größe und/oder Gewicht: 21,2 x 14,4 x 1,2 cm

Die verzweifelte Lage der vom Wanderlustvirus befallenen galaktischen Zivilisationen bedarf neuer Lösungen. Während die Söldnerin Skyta versucht, die Schwarze Flamme vor dem Untergang zu retten, entsendet das Raumcorps den Rettungskreuzer Phönix auf eine ungewisse Mission: Die Welt der Schlafenden aufzusuchen, in der Hoffnung, dort das Gegenmittel gegen die Seuche zu finden…

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