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OTTERMAN´S – Leseprobe (Teil 1) aus dem Roman „Silenus“ von Robert Jackson Bennett

OTTERMAN´S

Leseprobe (Teil 1)

aus dem Roman „Silenus“

von Robert Jackson Bennett

Zu diesem Buch

Der Puppenspieler mit den lebendigen Marionetten, die weiße Tänzerin aus Persien, die Gewichtheberin mit ihrer mechanischen Kraft – und nicht zuletzt der phantastische Silenus selbst: Seine Truppe ist weit über den legendären Keith-Albee-Circuit hinaus bekannt für das beste Vaudevilletheater der Staaten. Der Ausnahmepianist George Carole wünscht sich nichts sehnlicher als für diese Truppe spielen zu dürfen; nicht zuletzt, weil Silenus sein leiblicher Vater zu sein scheint. Deshalb reist George durch das Land auf der Suche nach ihm. Aber weshalb sind auch jene unheimlichen Männer in Grau hinter den Schaustellern her? Und warum kann sich nie jemand aus dem Publikum an die Vorstellung der Silenus-Truppe erinnern? Als sich vor George schließlich der Vorhang öffnet, wird er eingeweiht in ein Geheimnis, das so alt ist wie die Menschheit selbst.

Robert Jackson Bennett wurde in Baton Rouge, Louisiana, geboren und wuchs in Katy, Texas, auf. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn in Austin und schreibt preisgekrönte Horrorromane, darunter sein Debüt »Mr. Shivers« und »Silenus«.

Bennett wurde mit dem renommierten Shirley Jackson Award ausgezeichnet und für den Philip K. Dick Award sowie für den Edgar Award nominiert.

Weiteres zum Autor unter : www.robertjacksonbennett.com

Teil Eins
In der Provinz

Hätte es in seiner Macht gestanden, wäre der
Vaudevillekünstler ein zeitloser Wanderer
gewesen, der mit seinen Talenten eine Brücke
zwischen den Generationen geschlagen hätte.

Fred Allen, Much Ado About Me

1

Ein Aufbruch

Jeder Freitagvormittag verlief in Otterman’s Vaudeville Theater üblicherweise recht gemächlich, und dieser bildete bis jetzt keine Ausnahme. Vier der aktuellen Darbieter wurden am Wochenende zu anderen Theatern weiterziehen, und vier andere würden herkommen, um ihre Plätze einzunehmen, darunter Gretta Mayfield, ein unbedeutender Stern am Himmel der Oper von Chicago. Unter den Musikern herrschte allgemein eine Stimmung sorgloser Zufriedenheit. Alle Vorstellungen waren gut verlaufen, und die nächsten ernsthaften Proben waren noch ein ganzes Wochenende entfernt. Was für die überarbeiteten Musiker beinahe eine Ewigkeit darstellte.

Doch dann rannte Tofty Thresinger, erster Geiger des Hauses und inoffizieller Klatschexperte des Theaters, mit eine panischen Ausdruck in den Augen in den Orchestergraben. Für einen Moment stand er nur keuchend da, die Hände auf die Knie gestützt.

Dann hob er den Kopf, um eine entsetzliche Neuigkeit kundzutun: ≫George hat gekundigt.≪

≫Was?≪, fragte Victor, der zweite Geiger. ≫George? Unser George?≪

≫George, der Pianist?≪, fragte Catherine, die Flotistin.

≫Genau der≪, sagte Tofty.

≫Wie gekündigt?≪, hakte Victor nach. ≫Im Theater?≪

≫Ja, natürlich im Theater!≪, sagte Tofty. ≫Wo hatte er sonst kündigen können?≪

≫Das muss ein Irrtum sein≪, erwiderte Catherine. ≫Von wem haben Sie das?≪

≫Von George selbst!≪, sagte Tofty.

≫Und wie hat er sich ausgedrückt?≪, fragte Victor.

≫Er hat mich angesehen≪, entgegnete Tofty, ≫und gesagt: ›Ich habe gekündigt.‹≪

Schweigen trat ein, als alle Anwesenden über seine Worte nachdachten. Da blieb nicht viel Raum für eine alternative

Deutung.

≫Aber warum hat er gekündigt?≪, fragte Catherine.

≫Ich weis es nicht!≪, heulte Tofty und brach auf seinem Stuhl zusammen.

Die Neuigkeit sprach sich schnell im ganzen Theater herum: George Carole, der verlässlichste Pianist des Hauses und ein wahres Wunderkind (oder enfant terrible, je nachdem, wen man fragte), hatte das Handtuch geworfen, einfach so. Bühnenarbeiter schüttelten bestürzt die Köpfe. Künstler setzten sogleich zu klagen an. Sogar die Garderobenfrauen, die üblicherweise nur peripher am Theaterklatsch teilhatten, wurden über diese verhängnisvolle Entwicklung in Kenntnis gesetzt.

Aber die Neuigkeit erschütterte durchaus nicht jeden. ≫Gut, dass wir ihn los sind≪, sagte Chet, der Bassist. ≫Ich bin es leid, diesen kleinen Gernegroß zu erdulden, der ständig so tut, als wäre er uns überlegen.≪

Doch viele andere brummten, er sei in der Tat überlegen. An die sieben Monate waren vergangen, seit der Sechzehnjährige am Tag des Vorspielens durch ihre Tür spaziert war und der Belegschaft mit seinem Spiel förmlich den Atem geraubt hatte. Alle waren erstaunt gewesen, dass er nicht für einen Bühnenauftritt vorspielte, sondern für eine Festanstellung als Orchestermusiker, ein Job, wie er mieser kaum sein konnte.

Van Hoever, der Leiter des Otterman’s, hatte ihn zu diesem Punkt eingehend befragt, aber George hatte sich nicht aus dem Konzept bringen lassen: Er war gekommen, um als Pianist in ihrem kleinen Theater in Ohio zu spielen, weiter nichts.

≫Was sollen wir jetzt machen?≪, fragte Archie, der Posaunist. ≫Ob es uns gefällt oder nicht, George war es, der uns bekannt gemacht hat.≪ Was mehr oder weniger die Wahrheit war. Eine Grundregel des Vaudeville, seines Zeichens ein Gewerbe, in dem Beleidigungen auf der Tagesordnung standen, lautete, dass die Person, auf die am meisten geschissen wurde, der Orchesterpianist war. Er begleitete beinahe alle Auftritte, und jedes Ego, das die Bühne betrat, suchte die Schuld für die eigenen Fehler bei ihm. Ging ein Witz daneben, lag es daran, dass der Pianist seinen Einsatz verpasst und den Auftritt versaut hatte. Stolperte ein Akrobat, so hatte der Pianist ihn abgelenkt.

Aber während seiner Zeit im Otterman’s hatte George das Unmögliche vollbracht: Er hatte ihnen keinen Grund zur Klage gegeben. Schon nach der ersten Probe kannte er die Nummer besser als der jeweilige Darbietende, was eine erstaunliche Leistung war angesichts der Sorgfalt, welche die Schauspieler bei ihren Auftritten an den Tag legten. Er traf jeden Takt, entrang jeder Pointe noch den letzten Lacher und wusste, wann er das Tempo anziehen musste und wann nicht.

Er schien über die verblüffende Fähigkeit zu verfügen, jeden Auftritt, den er begleitete, zu verbessern. Das sprach sich herum, weshalb viele Künstler in Otterman’s Theater auftreten wollten, obwohl es im Keith-Albee-Circuit einen recht unbedeutenden Platz belegte.

Doch nun ging George beinahe genauso abrupt, wie er aufgetaucht war, was das Theater in eine recht prekäre Lage brachte: Gretta Mayfield kam nur her, weil sie davon ausging, dass George sie begleiten würde, und das war nur der Anfang; nach kurzer Lagebesprechung kam das Orchester zu dem erschreckenden Schluss, dass mindestens ein Viertel der für die nächste Woche vorgesehenen Künstler nur zugestimmt hatten, im Otterman’s aufzutreten, weil George ihren hohen Ansprüchen genügte.

Der Neuigkeit, die Tofty so hektisch verbreitet hatte, schlossen sich wilde Spekulationen an. Kannte jemand den Grund für Georges Kündigung? Hatte irgendjemand eine Erklärung?

Vielleicht, vermutete Victor, wollte er nun doch mit einer eigenen Nummer auf Tour gehen oder sich endlich etwas Anständiges suchen (mit anderen Worten: bei angesehenen Orchestern und Symphonikern spielen, statt in einem einfachen Vaudevilletheater). Aber Tofty sagte, er hatte nichts davon gehört, dass George dergleichen im Sinn hatte, und er würde es doch wissen, nicht wahr?

Vielleicht hatte ihn ein anderes Theater abgeworben, meinte jemand. Doch Van Hoever wurde definitiv darum kämpfen, George zu halten, wie Catherine einwandte, und die einzigen Theater, die imstande waren, ihn zu überbieten, waren alle sehr weit entfernt und würden doch kaum ihre Talentsucher hierherschicken. Was ging nur im Kopf des Jungen vor? Sie vergeudeten den ganzen Vormittag damit, das Thema zu diskutieren, und fanden doch keine Antwort.

George tat sein Bestes, das aufgeregte Gerede zu ignorieren, während er seine Sachen packte, doch das war nicht einfach; da er Van Hoever noch keine offizielle Kündigung überbracht hatte, fragten alle nach dem Grund für seine Fahnenflucht, in der Hoffnung, sie konnten es noch einmal richten.

≫Geht es ums Geld, George?≪, fragte Tofty. ≫Hat Van Hoever sich geweigert, deine Gage zu erhöhen?≪

≫Nein≪, antwortete George. ≫Nein, das Geld war es nicht≪.

≫Sind es die Künstler, George?≪, versuchte es Archie. ≫Hat einer von ihnen dich gekränkt? Du darfst diese Mistkerle garnicht beachten, Georgie, die sind manchmal furchtbar!≪

Aber George schnaubte nur hochmutig und sagte, dass es gewiss nicht an einem der Künstler läge. Die anderen Musiker beschimpften Archie wüst ob der dummen Frage; natürlich lag es nicht an den Künstlern, denn George gab ihnen nie einen Grund zu Beanstandungen.

≫Geht es um ein Mädchen, George?≪, fragte Victor. ≫Du kannst es mir sagen. Ich kann ein Geheimnis bewahren. Es ist ein Mädchen, nicht wahr?≪

Bei diesen Worten lief George leuchtend rot an und geriet für einen Moment ungehalten ins Stottern. Nein, sagte er schließlich. Nein, vielen Dank auch, es ging nicht um ein Mädchen.

≫Liegt es dann vielleicht an etwas, das Tofty gesagt hat?≪, fragte Catherine. ≫Immerhin hast du mit ihm gesprochen, ehe du gesagt hast, dass du kündigen willst.≪

≫Was?≪, empörte sich Tofty lauthals. ≫Was für eine abscheuliche Anschuldigung! Wir haben uns lediglich über Theatergerüchte unterhalten, davon dürfen Sie ausgehen! Ich habe nur erwähnt, dass Van Hoever sauer war, weil eine Truppe uns ausgelassen hat.≪

Bei diesen Worten wurde Georges Miene sonderbar starr. Er hörte auf, seine Notenblätter einzusammeln, und wandte für eine Minute den Blick ab. Aber dann sagte er, nein, Tofty habe nichts damit zu tun. ≫Und würden Sie mich jetzt bitte alle in Ruhe lassen?≪, fragte er. ≫Die Entscheidung hat nichts mit Ihnen zu tun, und auserdem gibt es nichts, was mich umstimmen könnte.≪

Als die anderen Musiker erkannten, wie ernst es ihm war, schlürften sie grummelnd davon. Kaum waren sie fort, kratzte sich George am Kopf und kämpfte gegen den Drang zu lächeln an. Trotz seines ernsten Auftretens hatte er es genossen, zu sehen, wie sie sich gegenseitig überboten hatten, um ihm zu schmeicheln.

Das Lächeln erstarb, als er sich wieder seiner Habe widmete und der Entscheidung, die er getroffen hatte. Das Orchester war nicht von Bedeutung, sagte er sich im Stillen. Otterman’s war nicht mehr von Bedeutung. Das Einzige, was jetzt noch zählte, war, so schnell wie möglich zur Tür hinaus und auf die Straße zu kommen.

Nachdem er den Rest seiner Sachen eingesammelt hatte, ging er zu seiner letzten Station: Van Hoevers Büro. Der Theaterleiter hatte die Gerüchte sicher bereits vernommen und war vermutlich gerade dabei, eine hübsche Schimpftirade zu komponieren, doch wenn George jetzt einfach verschwand, würde er den Lohn für eine ganze Woche verlieren. Und da er die Konsequenzen dessen, was er zu tun im Begriff war, nicht überblicken konnte, hielt er es für klüger, jeden Penny mitzunehmen, den er bekommen konnte.

Als George den Büroflur erreicht hatte, saß da bereits jemand auf einem der Stühle, die aufgereiht vor Van Hoevers Tür standen: eine kleine, ältere Frau, die ihm wachsamen Auges entgegenblickte, so, als hätte sie ihn erwartet. Ihre Unterarme und Hände waren wegen ihrer Arthritis fest mit Leinen umwickelt, und zwischen zwei ihrer Finger schwitzte eine unbeholfen gedrehte Zigarette frischen Rauch. ≫Du willst gehen, ohne Auf Wiedersehen zu sagen?≪, fragte sie ihn.

George lächelte ein wenig. ≫Ah≪, sagte er. ≫Hallo, Irina.≪

Die alte Frau antwortete nicht, sondern klopfte auf den freien Stuhl neben sich. George trat näher, nahm aber nicht Platz. Die alte Frau zog die Brauen hoch. ≫Bist du dir zu fein, um mir Gesellschaft zu leisten?≪

≫Das ist ein Hinterhalt, richtig?≪, fragte er. ≫Sie haben auf mich gewartet.≪

≫Du bildest dir wohl ein, die ganze Welt wartet nur auf dich. Komm, setz dich.≪

≫Ich leiste Ihnen Gesellschaft≪, sagte er, ≫aber ich werde mich nicht setzen. Ich weiß, dass Sie vorhaben, mich aufzuhalten.≪

≫Wozu die Ungeduld, Kind? Ich bin nur eine alte Frau, die sich mit dir unterhalten möchte.≪

≫Um darüber zu diskutieren, warum ich gehe.≪

≫Nein. Um dir einen Rat zu geben.≪

≫Ich brauche keinen Rat. Und ich werde meine Meinung nicht ändern.≪

≫Das erwarte ich auch nicht. Ich möchte dir nur einen Vorschlag machen, ehe du gehst.≪

George bedachte sie mit einem ungeduldigen Blick, wie ihn nur sehr junge Menschen für sehr alte aufzubieten haben, und hob die Faust, um an Van Hoevers Tür zu pochen. Doch noch ehe seine Knöchel auf das Holz prallen konnten, hatte die mit Stoff umwickelte Hand der alten Frau seine Faust in der Luft abgefangen. ≫Du wirst hören wollen, was ich zu sagen habe, George≪, sagte sie. ≫Denn ich weiß genau, warum du gehst.≪

George musterte sie. An niemand anderen hatte er eine weitere Minute vergeudet, aber Irina war eine der wenigen Personen bei Otterman’s, die ihm stets Aufmerksamkeit abverlangten. Sie war die einzige Bratschistin des Orchesters und hatte wie die meisten Bratscher (die ihr Leben immerhin einem weitgehend ignorierten und vielfach bespöttelten Instrument widmeten) eine recht sauertöpfische Lebensweisheit erlangt. Auserdem kursierten Gerüchte, denen zufolge sie in ihrer Heimat Russland schreckliche Not gelitten hatte, ehe sie nach Amerika geflohen war, was ihr, gepaart mit ihrem hohen Alter, im Otterman’s eine rätselhafte Hochachtung beschert hatte.

≫Meinen Sie?≪, fragte George.

≫Allerdings≪, sagte sie. ≫Und, willst du nicht hören, was ich denke?≪ Sie lies ihn los und klopfte erneut auf den Stuhl neben sich. George seufzte, nahm aber, wenn auch zögerlich, Platz.

≫Was denken Sie?≪

≫Warum hast du es so eilig, Kind?≪, fragte Irina. ≫Es scheint, als wärst du gestern erst angekommen.≪

≫Das war nicht gestern≪, sagte George. ≫Ich bin schon über ein halbes Jahr hier, viel zu lang.≪

≫Zu lang wofür?≪

George antwortete nicht. Irina lächelte, amüsierte sich über diesen schrecklich ernsten Jungen in seinem zu weiten Anzug.

≫Die Zeit vergeht so viel langsamer in der Jugend. Für mich ist es, als wäre nur ein Tag vergangen. Ich weiß immer noch, wie du durch diese Tür gekommen bist. Drei Dinge sind mir damals an dir aufgefallen.≪

Sie reckte drei spindeldürre Finger hoch. ≫Das erste war, dass du talentiert bist. Sehr talentiert. Aber das wusstest du, nicht wahr? Das wusstest du wahrscheinlich viel zu gut für so einen kleinen Jungen.≪

≫Einen kleinen Jungen?≪, wiederholte George.

≫Oh ja. Ein naives kleines Lämmchen sogar.≪

≫Damals vielleicht≪, gab George hochnäsig zurück, griff in seine Tasche, zog einen Beutel Tabak hervor und fing an, sich eine Zigarette zu drehen. Dabei achtete er darauf, sich so lässig wie nur möglich zu geben. Immerhin hatte er den Ablauf zu Hause vor dem Spiegel geübt.

≫Wenn du meinst≪, sagte Irina und zog einen der drei Finger ein. Die beiden anderen reckte sie weiter hoch. ≫Zweitens warst du stolz und unbesonnen. Das hat mich nicht überrascht. Das habe ich schon bei vielen jungen Künstlern erlebt. Und ich habe auch zugesehen, wie viele aus diesem Grund ihre Karriere weggeworfen haben. Ganz ähnlich, wie du es jetzt tust.≪

George zog eine Braue hoch, zündete seine Zigarette an und nahm einen Zug. Sein Magen verkrampfte sich, als er versuchte, einen Hustenanfall zu unterdrücken.

Irina rümpfte die Nase. ≫Was rauchst du da?≪

≫Virginia’s Finest natürlich≪, entgegnete er mit einem leichten Keuchen.

≫Das riecht alles andere als fein.≪ Sie nahm ihm den Beutel ab und lugte hinein. ≫Ich weiß nicht, was das ist, aber es ist nicht Virginia’s Finest.≪

George sah geknickt aus. ≫N… nicht?≪, fragte er.

≫Nein. Hast du das von einem der Orchestermusiker gekauft?≪

≫Na ja, schon, aber ich dachte, ich konnte ihm vertrauen.≪

Sie schüttelte den Kopf. ≫Man hat dich reingelegt, Kind. Das ist Abfall. Beim nächsten Mal gehst du zum Tabakhändler.

George grummelte etwas wie, das konne gar nicht sein, drückte aber hastig die Zigarette aus und steckte den Tabakbeutel weg.

≫Wie auch immer≪, sagte sie. ≫Ich erinnere mich an eine dritte, letzte Sache, die mir aufgefallen ist, als du zu uns gekommen bist.≪ Ein zitternder, blauer Finger krümmte sich ihrer Handfläche entgegen. Den verbliebenen benutzte sie dazu, ihm in den Arm zu piksen.

≫Du schienst weniger daran interessiert zu sein, was du spielst, und das war auffällig. Nein, stattdessen hast du dich vorwiegend nach einer bestimmten Künstlertruppe erkundigt, die in den Theatern des Keith-Albee-Circuits aufgetreten ist.≪

George erstarrte an Ort und Stelle, leicht gekrümmt, die Hand an dem Tabakbeutel, den er gerade in die Tasche hatte stecken wollen. Ganz langsam drehte er sich, um die alte Frau anzusehen.

≫Hast du es immer noch so eilig, Kind?≪, fragte Irina. ≫Oder bin ich da auf etwas gestoßen?≪

Er antwortete nicht. (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2013 by Robert Jackson Bennett. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autoren und des Pieper Verlages

Bildrechte: Coverillustration “Überraschungsgeschichten-der-besonderen-Art1.jpg ” () © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildrechte: “Vintage (Steampunk5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen möchte, wie die Geschichte beginnt und wie sie auch endet, kann über die beigefügten Bestellinks oder mit Klick auf das Buchcover den Titel bestellen! Zur Unterstüzung bieten wir zwei Buchbesprechungen aus dem Buchrezicenter an!

Robert Jackson Bennett
Silenus

The Troupe (2012)
Piper Verlag
ISBN 978-3-492-26870-7
Fantasy, Thriller
Erschienen 2012
Übersetzer Frauke Meier
Titelbild mauritius images/Trigger Image
Umschlaggestaltung Guter Punkt, München
Umfang 575 Seiten

www.piper.de
www.robertjacksonbennett.com

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

Autorenporträt

Robert Jackson Bennett wurde in Baton Rouge, Louisiana, geboren und wuchs in Katy, Texas, auf. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn in Austin und schreibt preisgekrönte Horrorromane, darunter sein Debüt »Mr. Shivers« und »Silenus«. Bennett wurde mit dem renommierten Shirley Jackson Award ausgezeichnet und für den Philip K. Dick Award sowie für den Edgar Award nominiert.

Zum Buch

George ist ein zarter, dürrer Junge von gerade mal sechzehn Jahren. Sein ganzes Leben hat er bisher im Haushalt seiner Großmutter verbracht, da seine Mutter bei seiner Geburt verstarb. Seinen Vater hat George nie kennenlernen dürfen. Deshalb beschließt er, von Zuhause fortzugehen und seinen Vater zu suchen. Sein einziger Anhaltspunkt ist eine alte Eintrittskarte mit dem Bild seines Vaters darauf, denn dieser gehört einer reisenden Künstlertruppe an. Er tritt in die Fußstampfen seines Vaters und wird Hauspianist eines kleinen Theaters, in dem sein Vater schon einmal aufgetreten ist. Doch seine Hoffnung wird vollkommen zerstört, als sein Vater beschließt, auf dieser Tour nicht in diesem Theater aufzutreten. Deshalb tut George, was er tun muss: Er kündigt seinen Job und reist seinem Vater hinterher. Auf dieser Reise begegnet er seltsamen Gestalten und der Stille. Als George seinen Vater endlich eingeholt hat, ist der Empfang nicht so, wie George ihn erwartet hat. Schnell kommt für ihn das böse Erwachen …

Fazit

Den Leser erwartet bei diesem Roman eine wirklich abwechslungsreiche Story mit vielen überraschenden Wendungen. Die Inhaltsbeschreibung lässt zunächst altbekannte Motive vermuten, wie etwa die Findung der eigenen Identität, der Roman ist aber auf den zweiten Blick vollkommen anders gestrickt. Schnell taucht der Leser nicht nur in die Welt des Theaters, sondern auch in eine ihm unbekannte Parallelwelt zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein, in deren Ecken dunkle Schatten lauern. Die Charaktere sind sehr ambivalent und lassen sich nicht in eine Schublade stecken. Wer hier nach Archetypen sucht, sucht sie vergebens. Schnell findet man im Bösen etwas Gutes und die Motive der guten Figuren erscheinen einem auf einmal eigennützig.

Interessanterweise war überall im Roman die irische Mythologie verwoben und konnte sogar mit längst vergessenen Göttern aufwarten. Die Storylinie war dabei nicht besonders vorhersehbar und wechselte häufig die Schauplätze und schuf so eine zweite Realität, die einem so manchen Schauer über den Rücken laufen ließ. Auch Elemente des subtilen Horrors waren in dem Roman verbaut, die in der Lage waren menschliche Urängste anzusprechen. Schattenmänner, wandelnde Tote und Mörderpuppen gehörten genauso zu dieser Welt wie zauberhafte Feen und vergnügungssüchtige Elfen. Das Ende war die Krönung des Unerwarteten und lichtete zu meinem Leidwesen die Reihe der Hauptcharaktere stark. Auch scheint das Ende hier wirklich das Ende zu sein, denn es lässt nicht viel Raum für eine mögliche Fortsetzung.

Ein etwas anderer Roman, der den Leser zwar herausfordert, ihm aber dafür auch vieles Neues und Interessantes bieten kann.

Copyright © 2012 by Yvonne Rheinganz

Und noch eine weitere Rezension:

Das geschieht:

Um das Jahr 1910 beginnt der 16-jährige George Caroles die Suche nach seinem Vater. Er wuchs bei seiner Großmutter auf, die Mutter starb bei seiner Geburt. Der Vater hatte sich da schon davongemacht. Heironomo Silenus genießt einen legendären Ruf als Impresario einer kleinen aber feinen Gruppe, die in den „Vaudeville“-Theatern bemerkenswerte Vorstellungen gibt, an die sich allerdings anschließend kaum ein Zuschauer wirklich erinnern kann.

George, ein begabter Pianist, findet als Musiker Zugang ins Kleinkunst-Milieu. Wie es üblich ist, reist er als Mitglied einer Theatergruppe – einer „troupe“ – kreuz und quer durch Amerika. Viele Monate bleibt Georges Suche vergeblich, bis er Silenus‘ Spur aufnehmen und halten kann. In einer kleinen Stadt trifft George endlich seinen Vater und dessen bizarre Begleiter: ‚Professor‘ Kingsley und seine beunruhigend lebendigen ‚Marionetten‘; Colette, eine persische Sängerin und Tänzerin; Stanley, den stummen Cellisten, und Franny, die mit bloßen Händen Stahlträger verbiegen kann.

Silenus nimmt seinen Sohn nicht mit offenen Armen auf. Trotzdem darf George sich der Truppe anschließen. Noch seltsamer als die Vorstellungen sind deren Aktivitäten nach Theaterschluss: Die „troupe“ kämpft gegen die archaische Finsternis aus der Zeit vor der Entstehung der Welt, die sich anschickt, das Licht und mit ihm das gesamte Universum auszulöschen.

Silenus setzt ihren Attacken die „Erste Weise“ entgegen, deren Melodie die Lebensessenz der Schöpfung konserviert. Sie hält nicht nur die Finsternis, sondern auch ihre gefährlichen Handlanger, die „Wölfe“, in Schach, die notdürftig als Menschen getarnt Jagd auf die verhassten Lichtbringer machen. Doch die „Weise“ beginnt ihre Kraft zu verlieren. In größter Not sucht Silenus nach neuen, oft zweifelhaften Verbündeten und bringt dabei nicht nur seine Truppe, sondern vor allem George in Lebensgefahr, der nichts von seiner Schlüsselrolle in diesem Krieg ahnt …

Kunst als Handwerk und harte Arbeit

Der Freund der „urban fantasy“, jener Variante der Phantastik, die Fiktion und (literarische) Realität gleichzeitig mischt und doch mit einem gewissen Abstand voneinander existieren lässt, hat es in den letzten Jahren nicht leicht, wenn er (seltener sie) weder jung noch süchtig nach romantasyastisch gezähmten Schreckensgestalten ist. Wenn das Irreale in die jeweilige Gegenwart einbricht, scheinen gegenwärtig in erster Linie jungendliche Protagonisten davon betroffen zu sein, die an den daraus resultierenden Herausforderungen gleichzeitig reifen sollen. Über die Daseinsberechtigung schmachtender Vampire und kuscheliger Werwölfe muss und soll an dieser Stelle (lieber) nicht gemutmaßt werden; sie sei als Tatsache hingenommen.

Auch „Silenus“ erzählt eine „Coming-of-Age“-Geschichte. Die Hauptfigur ist 16 Jahre ‚alt‘ und recht naiv, wie es sich für einen zukünftigen Helden wider Willen gehört. Zusätzlich übernimmt George die Vertreterrolle für den Leser, wenn es darum geht, mit den Besonderheiten der geschilderten Welt vertraut zu werden. Schon bevor sich irritierende Brüche öffnen, wirkt sie exotisch, denn Autor Bennett platziert die Handlung in die Vergangenheit und dort in das Milieu einer heute ausgestorbenen Kleinkunst-Form.

Bis zum I. Weltkrieg nahm das „Vaudeville“ (in Europa: die „Music Hall“) in der Theater-Szene der USA eine wichtige Stellung ein. Vor der Erfindung des Kinos und besonders des Fernsehens wurde Unterhaltung ‚live‘ und auf der Bühne präsentiert. Nicht die Erhabenheit des großen Theaters, sondern Entertainment für ein Publikum, das nicht intellektuell stimuliert, sondern unterhalten werden wollte, war die Intention unzähliger Sänger, Komödianten oder Artisten, die einzeln oder in Gruppen von Spielort zu Spielort zogen, um dort zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen aufzutreten.

Die Welt hat mehr als vier Dimensionen

Für eine Geschichte, die wie „Silenus“ auf rasche Ortswechsel angewiesen ist, birgt dieses Milieu viele Möglichkeiten. Die Reise ist Schauspieler- und Artisten-Alltag. Bis zu einer Queste ist es quasi nur ein Schritt. Anstelle eines heiligen Grals suchen Silenus und seine Truppe nach den verstreuten Elementen der „Ersten Weise“. Anders als der Gral wird sie schließlich gefunden bzw. vervollständigt.

Bis dies gelingt, ist wieder einmal der Weg das Ziel. An gewissen Orten der realen Welt gibt es Portale, die in andere Realitäten führen. Der Besuch solcher Stätten außerhalb bekannter Räume und Zeiten sorgt einerseits für interessante Verwicklungen. Andererseits erleichtern sie dem Verfasser die Arbeit: Er kann die Handlung auf Länge bringen, indem er den einen oder anderen Ausflug einfügt, der sich spannend liest, ohne für das Geschehen von elementarer Bedeutung zu sein. Vor allem im Mittelteil verlässt sich Bennett ein wenig zu deutlich auf dieses Erzählen um des Erzählens willen.

Man verzeiht ihm aufgrund seines Einfallsreichtums sowie der Eleganz, mit der er selbst Klischee-Gestalten der Phantastik – Gespenster, (böse) Elfen, Naturgeister – neu interpretiert und ihnen frisches Leben einhaucht. In seinen besten Szenen – und diese sind erfreulich zahlreich – gelingt es Bennett, das Reale und das Irreale nicht nur zu verknüpfen, sondern dieser Verbindung eine ganz eigene Bühne zu schaffen. Darin war er in „Mr. Shivers“, seinem Roman-Erstling, noch gescheitert.

Langer Anlauf, hoher Sprung

Schon angedeutet wurde eine Auflösung, die viele lose Fäden aufgreift und verknüpft. Angesichts des buchstäblich kosmischen Rahmens, in den Bennett „Silenus“ einbettet, wird dies zu einer echten Herausforderung. Die Gefahr war groß, mit der Schilderung des wahrhaft Epischen ins Lächerliche abzudriften. Bennett kann dem nicht immer entgehen, doch insgesamt hat er seine Geschichte im Griff und krönt sie mit einem angemessen grandiosen Finale.

Ins Stolpern gerät er stattdessen in jenen Szenen, die Georges steinigen Weg zur Erkenntnis und ins Erwachsenenalter beschreiben. Während das schwierige Verhältnis zwischen Vater und Sohn selbst unter Nutzung einschlägiger, spätestens aus Kino und Fernsehen sattsam bekannter Gefühlsausbrüche glaubhaft erscheint, bietet die ‚Liebesgeschichte‘ zwischen George und Colette nur seifenoperschaumigen Kitsch, der sich über viel zu viele Seiten ergießt.

Für einen weiteren Fehler darf man nicht dem Verfasser die Verantwortung geben: „Silenus“ ist der denkbar falsche Titel für diesen Roman. Er weist der gleichnamigen Figur eine zentrale Position zu, die ihr in der Geschichte nicht zukommt. Diese heißt im Original sehr viel treffender „The Troupe“, denn es ist die besondere Dynamik der Gruppe, die diese Handlung trägt. Silenus ist auch keineswegs jener dämonisch attraktive Magier, der uns auf dem deutschen Cover mit blitzendem Blauauge durchbohrt, sondern – viel interessanter – ein verbrauchter, ausgelaugter Ritter, der mehr oder weniger erfolgreich verdrängt, dass er für die Rettung der Welt seine Mitstreiter und Freunde verheizt.

Es geht voran

Nur zwei Jahre (und ein weiteres Buch) liegen zwischen „Mr. Shivers“, Bennetts Debüt-Roman, und „Silenus“. In dieser kurzen Zeitspanne hat der Autor sichtlich an Professionalität gewonnen. Das unentschlossene Mäandern einer an sich fesselnden Geschichte ist nicht verschwunden – noch nicht, denn die Fortschritte sind so deutlich, dass sie zu der Hoffnung Anlass geben, mit Bennett einen Schriftsteller entdeckt zu haben, der nicht nur routiniert erfolgreiche Muster kopiert, sondern Innovationen versucht und sich darin noch steigern kann.

Der deutsche Verlag scheint ebenfalls an Bennett zu glauben. Abermals erscheint sein aktuelles Werk als Paperback und mit modisch ‚unbeschnitten‘ wirkender Papierkante. Wichtiger ist die ebenfalls gute Übersetzung, und erfreulich ist „Silenus“ schließlich als Lebenszeichen einer Fantasy, die wider Erwarten im trost- und geistlos toten Meer der Romantasy überdauert zu haben scheint.

Autor

Über den privaten Robert Jackson Bennett, einen jungen aber sehr aktiven Schriftsteller, ist (noch) wenig bekannt. Er wurde 1984 in Baton Rouge, US-Staat Louisiana, geboren und wuchs in Katy, einer Kleinstadt in Texas, auf. Später studierte Bennett an der „University of Texas“ in Austin.

Eine akademische Karriere schlug er nicht ein, sondern sich – bald ein junger Familienvater – in einer Reihe unterbezahlter Jobs durch; u. a. arbeitete er in einem Callcenter und als Packer in einer Fabrik.

In dieser Zeit entstand „Mr. Shivers“, Bennetts Romandebüt, ein Historien-Roman mit phantastischen Elementen, dem er mit „The Company Man“ einen Kriminalroman folgen ließ, der im Jahre 1919 spielt. Auch „The Troupe“, Bennetts dritter Roman, ist wieder ein „period piece“, das dieses Mal im Milieu des US-Vaudevilles angesiedelt ist.

Mit seiner Familie lebt Robert Jackson Bennett in Austin.

Robert J. Bennetts Blog

[md]

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Updated: 4. Juni 2013 — 19:12

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