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OTTERMAN´S – Leseprobe (Teil 2) aus dem Roman “Silenus” von Robert Jackson Bennett

OTTERMAN´S

Leseprobe (Teil 2)
aus dem Roman „Silenus“
von Robert Jackson Bennett

Zu diesem Buch

Der Puppenspieler mit den lebendigen Marionetten, die weiße Tänzerin aus Persien, die Gewichtheberin mit ihrer mechanischen Kraft – und nicht zuletzt der phantastische Silenus selbst : Seine Truppe ist weit über den legendären Keith-Albee-Circuit hinaus bekannt für das beste Vaudevilletheater der Staaten. Der Ausnahmepianist George Carole wünscht sich nichts sehnlicher als für diese Truppe spielen zu dürfen ; nicht zuletzt, weil Silenus sein leiblicher Vater zu sein scheint. Deshalb reist George durch das Land auf der Suche nach ihm. Aber weshalb sind auch jene unheimlichen Männer in Grau hinter den Schaustellern her ? Und warum kann sich nie jemand aus dem Publikum an die Vorstellung der Silenus-Truppe erinnern ? Als sich vor George schließlich der Vorhang öffnet, wird er eingeweiht in ein Geheimnis, das so alt ist wie die Menschheit selbst.

Robert Jackson Bennett wurde in Baton Rouge, Louisiana, geboren und wuchs in Katy, Texas, auf. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn in Austin und schreibt preisgekrönte Horrorromane, darunter sein Debüt » Mr. Shivers « und » Silenus «.

Bennett wurde mit dem renommierten Shirley Jackson Award ausgezeichnet und für den Philip K. Dick Award sowie für den Edgar Award nominiert.

Weiteres zum Autor unter : www.robertjacksonbennett.com

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Teil 2:

≫Ich verstehe≪, sagte sie. ≫Nun, ich erinnere mich, dass du immer wieder nach dieser Truppe gefragt hast, fast täglich. Du wolltest wissen, ob irgendjemand dir sagen könnte, wann sie bei uns auftreten werden. Sie waren doch schon bei uns aufgetreten, nicht wahr? Meint jemand, sie würden zumindest irgendwo in der Nähe auftreten? Ich glaube, ich erinnere mich sogar an den Namen … Ach, ja, es war die Silenus-Truppe, richtig?≪

Georges Miene wirkte nun sehr verschlossen, er nickte kaum wahrnehmbar.

≫Ja≪, sagte die alte Frau und rieb sich die Handgelenke, um die Arthritisschmerzen zu lindern. ≫Das war es. Dich hat nichts interessiert auser diesem Silenus. Nach dem hast du ständig gefragt. Aber wir haben immer nur gesagt, nein, wir wissen nichts über diese Truppe. Und wir wussten auch nichts. Einmal ist er hier aufgetreten, dieser Silenus, vor vielen, vielen Monaten. Damals hat der Mann Van Hoever mit seinen zahlreichen Forderungen fürchterlich verärgert, aber seitdem haben wir nichts mehr von ihm zu sehen bekommen, und niemand wusste, wo er als Nächstes auftreten wurde. Erinnerst du dich daran, Junge?≪

Dieses Mal nickte George nicht, aber das war auch nicht notig.

≫Ja≪, sagte Irina, ≫ich denke, das tust du. Und dann, heute Morgen, höre ich, dass Van Hoever sehr wütend ist. Er ist wütend, weil ein Künstler uns im Circuit übergangen hat und nun in Parma auftritt, westlich von hier. Und kaum habe ich die Neuigkeit über Van Hoever gehört, da kommt mir eine weitere zu Ohren, aber in der geht es um unseren jungen, sagenhaften Pianisten. Er verlässt uns. Hat einfach ganz plötzlich beschlossen zu gehen. Ist das nicht merkwurdig? Wie eine Neuigkeit auf die andere folgt?≪

George schwieg. Irina nickte und nahm einen langen Zug von ihrer Zigarette. ≫Ich war nicht überrascht, als ich herausgefunden habe, dass es sich bei diesem Künstler um Silenus handelt≪, sagte sie. ≫Und wenn ich nicht irre, hast du vor, ihm nachzulaufen. Habe ich recht?≪

George rausperte sich. ≫Ja≪, bestatigte er heiser.

≫Ja. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann kommt es mir vor, als wäre diese Truppe der einzige Grund dafür, dass du bei uns als Hauspianist unterschrieben hast. Immerhin hättest du auch eine bessere Stelle finden können. Aber du wusstest, dass Silenus schon einmal hier aufgetreten war, also würde er es vielleicht wieder tun, und wenn ja, dann wolltest du hier sein, um ihn zu sehen, nicht wahr?≪

George nickte.

Irina lächelte, zufrieden mit ihren eigenen Schlussfolgerungen.

≫Der berühmte Silenus≪, sagte sie. ≫Zu meiner Zeit habe ich viele Geruchte über ihn gehört. Zum Beispiel, dass seine Truppe aus einer Horde Zigeuner bestünde, die aus dem Ausland gekommen seien. Man sagt, er wurde die Theater des Circuits ganz nach seinem Gutdunken besuchen. Und dass er schon Vaudevillekünstler war, ehe es Vaudeville überhaupt gegeben hat.≪

≫Haben Sie auch gehört, dass jedes Hotel ein Separee für ihn reserviert?≪, fragte George. ≫Das ist ein ziemlich bekanntes Gerücht.≪

≫Nein, das habe ich noch nicht gehört. Aber ich frage mich, warum du so an diesem Mann interessiert bist.≪

George dachte darüber nach. Dann griff er gemächlich in seine Brusttasche und holte ein Stuck Papier hervor. Zwar waren die Ecken im Lauf der Zeit weich und rund geworden, doch hatte er es sorgsam verwahrt: Das Papier war säuberlich gefaltet und mit einem Stück Schnur zusammengebunden worden, so, als handele es sich um eine wichtige Botschaft. George zupfte an der Schlinge und loste die Schnur, ehe er das Stuck Papier mit dem feierlichen Ernst eines Priesters, der ein heiliges Dokument abrollt, auseinanderfaltete. Es war – zumindest früher einmal – eine Theaterkarte.

Nach den wenigen gebotenen Darbietungen und dem einfachen, schludrigen Druckbild zu urteilen, stammte sie von einem sehr kleinen Theater, unbedeutender noch als das Otterman’s. Dennoch nahm eine große, eindrucksvolle Illustration die Hälfte einer Seite ein, und wenngleich die Tinte stellenweise stark verblasst war, konnte man doch sehen, dass die Illustration einen kleinen, stammigen Mann mit Zylinder in der Mitte einer Bühne darstellte, gebadet in dem reinen, klaren Licht der Scheinwerfer. Seine Hande hatte er in extrem theatralischer Geste dem Publikum entgegengereckt, als wäre er gerade dabei, den Zuschauern die packendste Geschichte der Welt vorzutragen. Unter dem Bild standen in einer verschnörkelten Schrift, die man in diesem kleinen Theater wohl als schick erachtet hätte, die Worte: DIE SILENUS-TRUPPE.

George beruhrte die Illustration ehrfurchtig; es schien, als würde er am liebsten hineintauchen, um sich die Geschichte anzuhören, die der Mann erzählte. ≫Das habe ich aus meiner Heimatstadt≪, sagte er. ≫Dort war er auch einmal, aber ich bin nicht hingegangen.≪ Dann sah er Irina mit eigentümlich glänzenden Augen an und fragte: ≫An was können Sie sich erinnern von damals, als er hier war?≪

≫An was ich mich erinnere?≪

≫Ja. Sie müssen mit ihm geprobt haben, als er hier aufgetreten ist, nicht wahr? Sie müssen seinen Auftritt gesehen haben. Also, an was erinnern Sie sich?≪

≫Jeder weis doch, woraus seine Vorstellung besteht, oder? Warum fragst du dann mich?≪

Aber George antwortete nicht. Er beobachtete sie nur aufmerksam.

Sie ächzte. ≫Also gut, lass mich nachdenken. Es ist schon so lange her …≪ Sie nahm einen kontemplativen Zug von ihrer Zigarette. ≫Es waren vier Darbietungen, das weiß ich noch. Das war merkwurdig. Heutzutage reist niemand mit mehr als einer Nummer an. Das war es auch, was Van Hoever so aufgeregt hat.≪

George beugte sich vor. ≫Was sonst?≪

≫Ich erinnere mich … ich erinnere mich an einen Mann mit Marionetten, der gleich zu Beginn aufgetreten ist. Aber das waren keine lustigen Puppen. Und dann war da eine Tanzerin und eine … eine starke Frau. Moment, nein. Das war auch eine Marionette, oder nicht? Ich glaube, es konnte eine gewesen sein. Und dann war da noch eine vierte Nummer, und sie … sie …≪ Sie verstummte verwirrt.

≫Sie erinnern sich nicht≪, stellte George fest.

≫Naturlich erinnere ich mich≪, widersprach Irina. ≫Zumindest glaube ich, dass ich mich erinnere … ich erinnere mich an jede Nummer, fur die ich je gespielt habe, aber diese … Vielleicht irre ich mich. Ich hatte schwören konnen, dass ich bei dieser Nummer gespielt habe. Aber habe ich das wirklich?≪

≫Das haben Sie.≪

≫So? Wieso bist du da so sicher?≪

≫Ich habe auch mit anderen Leuten gesprochen, die seine Vorstellung gesehen haben, Irina≪, sagte er. ≫Mit Dutzenden. Und sie sagen alle das Gleiche. Sie erinnern sich vage an die ersten drei Nummern – die Marionetten, die Tänzerin in Weis und die starke Frau –, aber nicht an die vierte. Und wenn sie versuchen, sie sich ins Gedachtnis zu rufen, fragen sie sich hinterher alle, ob sie die Vorstellung wirklich gesehen haben. Das ist so seltsam. Jeder hat von der Vorstellung gehört und viele haben sie besucht, aber niemand kann sich daran erinnern, was er gesehen hat.≪

Irina rieb sich die Seite ihres Kopfes, als wollte sie die Erinnerung aus irgendeinem Sprung im Schädel herausmassieren, aber es wollte nicht gelingen. ≫Was willst du damit sagen?≪

≫Ich will damit sagen, dass, wenn Leute Silenus’ Vorstellung besuchen … irgendwas passiert. Ich weis nicht, was es ist. Aber sie können sich anschliesend nie erinnern. Sie können kaum beschreiben, was sie gesehen haben. Es ist, als wäre es nur ein Traum gewesen.≪

≫Das ist unmöglich≪, meinte Irina. ≫Es kommt mir unwahrscheinlich vor, dass eine Darbietung so auf einen Menschen wirken kann.≪

≫Und doch können selbst Sie sich nicht erinnern≪, gab George zurück. ≫Und auch niemand sonst. Die Leute hier wissen nur, dass Silenus in diesem Theater aufgetreten ist, aber was er auf der Bühne getan hat, ist ihnen ein Rätsel, obwohl sie während seiner Auftritte gespielt haben.≪

≫Und das willst du dir persönlich ansehen? Darum geht es?≪

George zogerte. ≫Na ja, etwas mehr ist schon dran. Aber, ja, ich möchte ihn sehen.≪

≫Aber warum, Kind? Was du mir erzählst, ist wirklich seltsam, das gebe ich zu, aber du hast es mit uns sehr gut getroffen. Du verdienst Geld. Du kannst deinen Lebensunterhalt bestreiten. ≫

Mit Blick auf Georges cremefarbenen Anzug. ≫… und das sogar einigermasen ordentlich. Du setzt eine Menge aufs Spiel.≪

≫Was geht es Sie an? Warum interessieren Sie sich überhaupt so fur mich?≪

Irina seufzte. ≫Tja, sagen wir einfach, dass ich auch mal in deinem Alter war. Und ich hatte etwa genauso viel Talent wie du, Junge. Aber manche Entscheidungen, die ich getroffen habe, waren … töricht. Ich habe dafur einen hohen Preis bezahlt, und ich bezahle ihn noch immer.≪ Ihre Stimme verlor sich, und sie rieb sich den Hals. George sagte nichts; Irina sprach nur sehr selten über ihre Vergangenheit. Endlich räusperte sie sich und fuhr fort: ≫Ich würde nur ungern erleben, dass dir das Gleiche widerfahrt. Du hattest bisher Gluck, George. Wenn du aber das, was du hast, zurücklässt und Silenus nachjagst, dann wirst du dein Glück auf die Probe stellen.≪

≫Ich brauche kein Glück≪, sagte George. ≫Sie haben selbst gesagt, ich könnte bessere Engagements finden. Jeder sagt das.≪

≫Du bist hier verhätschelt worden≪, entgegnete sie streng. ≫Standig wurdest du nur gelobt, und das verleitet dich zu

Dummheiten.≪

George richtete sich gekränkt auf, faltete die Theaterkarte sorgsam zusammen und steckte sie wieder in die Tasche.

≫Vielleicht. Aber ich würde alles auf Erden riskieren, um ihn zu sehen, Irina. Sie haben keine Ahnung, was ich auf mich genommen habe, um diese Chance zu bekommen.≪

≫Und was, denkst du, wird passieren, wenn du diesen Silenus findest?≪, fragte sie.

Schweigend dachte George über die Frage nach, aber noch ehe er etwas sagen konnte, wurde die Tür aufgerissen, und Van Hoever stolzierte heraus. Als er George dort sitzen sah, blieb Van Hoever stehen. Ein kaltes Glitzern zeigte sich in seinen Augen. ≫Du.≪

≫Ich≪, entgegnete George milde.

Van Hoever deutete auf sein Buro. ≫Rein da. Sofort.≪

George stand auf, schnappte sich seine Sachen und ging mit einem letzten Blick auf Irina in Van Hoevers Büro. Irina sah ihm nach, schüttelte den Kopf. ≫Du bist immer noch ein Junge. Vergiss das nicht≪, sagte sie. Dann schloss sich die Tür hinter ihm, und sie war fort.

Keine halbe Stunde später trat George aus der Theatertur hinaus in das unwirtliche Februarwetter. Van Hoevers Tirade war erstaunlich knapp ausgefallen; der Mann hatte sich verzweifelt darum bemüht, George wenigstens so lange zu halten, bis er Ersatz fur ihn gefunden hätte, und war bereit gewesen, ihn entsprechend zu bezahlen, aber George wollte sich nicht darauf einlassen. Er hatte erst heute, am Freitag, Neuigkeiten über Silenus’ Vorstellung am selben Abend erhalten, und der Mann würde Parma mit seiner Truppe schon morgen verlassen. Dies war seine einzige Chance, und es würde so oder so recht knapp für ihn werden, da die Zugfahrt nach Parma beinahe den ganzen Tag dauern wurde.

Nachdem er die Gage fur die vergangene Woche eingestrichen hatte, kehrte er in seine Unterkunft zuruck, packte seine Sachen (was auch eine Weile dauerte, da George sehr auf eine anständige Garderobe bedacht war), bezahlte seine restliche Miete und nahm die Straßenbahn zum Bahnhof. Dort wartete er auf den Zug, unterdrückte das Zittern in der winterlich kalten Luft und sah jede Minute zur Uhr. Es war schon eine Weile her, seit er sich das letzte Mal so verwundbar gefühlt hatte. Viel zu lange hatte er sich in die Abgeschiedenheit des Orchestergrabens zurückgezogen, sich zusammengekauert in der Dunkelheit auf der anderen Seite des Rampenlichts. Aber nun war das alles vorbei, und sollte irgendetwas schiefgehen, ehe er Parma erreicht hatte, dann waren die Monate im Otterman’s umsonst gewesen.

Erst, als George eingestiegen war und der Zug den Bahnhof verlies, atmete er wieder ruhiger. Und dann fing er an, ungläubig zu grinsen. Es passierte wirklich: Nachdem er ein halbes Jahr um Neuigkeiten geradezu gebettelt hatte, war er nun endlich unterwegs, um den legendaren Heironomo Silenus zu sehen, den Leiter einer Gruppe wundersamer Künstler, den berühmten Impresario, den am schwersten greifbaren und rätselhaftesten Künstler, der je in den Theatern des Keith-Albee-Circuits aufgetreten war. Und – und das war vielleicht das Unfassbarste – den Mann, den George Carole verdachtigte, sein Vater zu sein. (…)

Copyright (C) 2013 by Robert Jackson Bennett. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autoren und des Pieper Verlages

Bildrechte: Coverillustration “Überraschungsgeschichten-der-besonderen-Art1.jpg ” () © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildrechte: “Vintage (Steampunk5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen möchte, wie die Geschichte beginnt und wie sie auch endet, kann über die beigefügten Bestellinks oder mit Klick auf das Buchcover den Titel bestellen! Zur Unterstüzung bieten wir zwei Buchbesprechungen aus dem Buchrezicenter an!

Robert Jackson Bennett
Silenus

The Troupe (2012)
Piper Verlag
ISBN 978-3-492-26870-7
Fantasy, Thriller
Erschienen 2012
Übersetzer Frauke Meier
Titelbild mauritius images/Trigger Image
Umschlaggestaltung Guter Punkt, München
Umfang 575 Seiten

www.piper.de
www.robertjacksonbennett.com

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

Autorenporträt

Robert Jackson Bennett wurde in Baton Rouge, Louisiana, geboren und wuchs in Katy, Texas, auf. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn in Austin und schreibt preisgekrönte Horrorromane, darunter sein Debüt »Mr. Shivers« und »Silenus«. Bennett wurde mit dem renommierten Shirley Jackson Award ausgezeichnet und für den Philip K. Dick Award sowie für den Edgar Award nominiert.

Zum Buch

George ist ein zarter, dürrer Junge von gerade mal sechzehn Jahren. Sein ganzes Leben hat er bisher im Haushalt seiner Großmutter verbracht, da seine Mutter bei seiner Geburt verstarb. Seinen Vater hat George nie kennenlernen dürfen. Deshalb beschließt er, von Zuhause fortzugehen und seinen Vater zu suchen. Sein einziger Anhaltspunkt ist eine alte Eintrittskarte mit dem Bild seines Vaters darauf, denn dieser gehört einer reisenden Künstlertruppe an. Er tritt in die Fußstampfen seines Vaters und wird Hauspianist eines kleinen Theaters, in dem sein Vater schon einmal aufgetreten ist. Doch seine Hoffnung wird vollkommen zerstört, als sein Vater beschließt, auf dieser Tour nicht in diesem Theater aufzutreten. Deshalb tut George, was er tun muss: Er kündigt seinen Job und reist seinem Vater hinterher. Auf dieser Reise begegnet er seltsamen Gestalten und der Stille. Als George seinen Vater endlich eingeholt hat, ist der Empfang nicht so, wie George ihn erwartet hat. Schnell kommt für ihn das böse Erwachen …

Fazit

Den Leser erwartet bei diesem Roman eine wirklich abwechslungsreiche Story mit vielen überraschenden Wendungen. Die Inhaltsbeschreibung lässt zunächst altbekannte Motive vermuten, wie etwa die Findung der eigenen Identität, der Roman ist aber auf den zweiten Blick vollkommen anders gestrickt. Schnell taucht der Leser nicht nur in die Welt des Theaters, sondern auch in eine ihm unbekannte Parallelwelt zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein, in deren Ecken dunkle Schatten lauern. Die Charaktere sind sehr ambivalent und lassen sich nicht in eine Schublade stecken. Wer hier nach Archetypen sucht, sucht sie vergebens. Schnell findet man im Bösen etwas Gutes und die Motive der guten Figuren erscheinen einem auf einmal eigennützig.

Interessanterweise war überall im Roman die irische Mythologie verwoben und konnte sogar mit längst vergessenen Göttern aufwarten. Die Storylinie war dabei nicht besonders vorhersehbar und wechselte häufig die Schauplätze und schuf so eine zweite Realität, die einem so manchen Schauer über den Rücken laufen ließ. Auch Elemente des subtilen Horrors waren in dem Roman verbaut, die in der Lage waren menschliche Urängste anzusprechen. Schattenmänner, wandelnde Tote und Mörderpuppen gehörten genauso zu dieser Welt wie zauberhafte Feen und vergnügungssüchtige Elfen. Das Ende war die Krönung des Unerwarteten und lichtete zu meinem Leidwesen die Reihe der Hauptcharaktere stark. Auch scheint das Ende hier wirklich das Ende zu sein, denn es lässt nicht viel Raum für eine mögliche Fortsetzung.

Ein etwas anderer Roman, der den Leser zwar herausfordert, ihm aber dafür auch vieles Neues und Interessantes bieten kann.

Copyright © 2012 by Yvonne Rheinganz

Und noch eine weitere Rezension:

Das geschieht:

Um das Jahr 1910 beginnt der 16-jährige George Caroles die Suche nach seinem Vater. Er wuchs bei seiner Großmutter auf, die Mutter starb bei seiner Geburt. Der Vater hatte sich da schon davongemacht. Heironomo Silenus genießt einen legendären Ruf als Impresario einer kleinen aber feinen Gruppe, die in den „Vaudeville“-Theatern bemerkenswerte Vorstellungen gibt, an die sich allerdings anschließend kaum ein Zuschauer wirklich erinnern kann.

George, ein begabter Pianist, findet als Musiker Zugang ins Kleinkunst-Milieu. Wie es üblich ist, reist er als Mitglied einer Theatergruppe – einer „troupe“ – kreuz und quer durch Amerika. Viele Monate bleibt Georges Suche vergeblich, bis er Silenus‘ Spur aufnehmen und halten kann. In einer kleinen Stadt trifft George endlich seinen Vater und dessen bizarre Begleiter: ‚Professor‘ Kingsley und seine beunruhigend lebendigen ‚Marionetten‘; Colette, eine persische Sängerin und Tänzerin; Stanley, den stummen Cellisten, und Franny, die mit bloßen Händen Stahlträger verbiegen kann.

Silenus nimmt seinen Sohn nicht mit offenen Armen auf. Trotzdem darf George sich der Truppe anschließen. Noch seltsamer als die Vorstellungen sind deren Aktivitäten nach Theaterschluss: Die „troupe“ kämpft gegen die archaische Finsternis aus der Zeit vor der Entstehung der Welt, die sich anschickt, das Licht und mit ihm das gesamte Universum auszulöschen.

Silenus setzt ihren Attacken die „Erste Weise“ entgegen, deren Melodie die Lebensessenz der Schöpfung konserviert. Sie hält nicht nur die Finsternis, sondern auch ihre gefährlichen Handlanger, die „Wölfe“, in Schach, die notdürftig als Menschen getarnt Jagd auf die verhassten Lichtbringer machen. Doch die „Weise“ beginnt ihre Kraft zu verlieren. In größter Not sucht Silenus nach neuen, oft zweifelhaften Verbündeten und bringt dabei nicht nur seine Truppe, sondern vor allem George in Lebensgefahr, der nichts von seiner Schlüsselrolle in diesem Krieg ahnt …

Kunst als Handwerk und harte Arbeit

Der Freund der „urban fantasy“, jener Variante der Phantastik, die Fiktion und (literarische) Realität gleichzeitig mischt und doch mit einem gewissen Abstand voneinander existieren lässt, hat es in den letzten Jahren nicht leicht, wenn er (seltener sie) weder jung noch süchtig nach romantasyastisch gezähmten Schreckensgestalten ist. Wenn das Irreale in die jeweilige Gegenwart einbricht, scheinen gegenwärtig in erster Linie jungendliche Protagonisten davon betroffen zu sein, die an den daraus resultierenden Herausforderungen gleichzeitig reifen sollen. Über die Daseinsberechtigung schmachtender Vampire und kuscheliger Werwölfe muss und soll an dieser Stelle (lieber) nicht gemutmaßt werden; sie sei als Tatsache hingenommen.

Auch „Silenus“ erzählt eine „Coming-of-Age“-Geschichte. Die Hauptfigur ist 16 Jahre ‚alt‘ und recht naiv, wie es sich für einen zukünftigen Helden wider Willen gehört. Zusätzlich übernimmt George die Vertreterrolle für den Leser, wenn es darum geht, mit den Besonderheiten der geschilderten Welt vertraut zu werden. Schon bevor sich irritierende Brüche öffnen, wirkt sie exotisch, denn Autor Bennett platziert die Handlung in die Vergangenheit und dort in das Milieu einer heute ausgestorbenen Kleinkunst-Form.

Bis zum I. Weltkrieg nahm das „Vaudeville“ (in Europa: die „Music Hall“) in der Theater-Szene der USA eine wichtige Stellung ein. Vor der Erfindung des Kinos und besonders des Fernsehens wurde Unterhaltung ‚live‘ und auf der Bühne präsentiert. Nicht die Erhabenheit des großen Theaters, sondern Entertainment für ein Publikum, das nicht intellektuell stimuliert, sondern unterhalten werden wollte, war die Intention unzähliger Sänger, Komödianten oder Artisten, die einzeln oder in Gruppen von Spielort zu Spielort zogen, um dort zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen aufzutreten.

Die Welt hat mehr als vier Dimensionen

Für eine Geschichte, die wie „Silenus“ auf rasche Ortswechsel angewiesen ist, birgt dieses Milieu viele Möglichkeiten. Die Reise ist Schauspieler- und Artisten-Alltag. Bis zu einer Queste ist es quasi nur ein Schritt. Anstelle eines heiligen Grals suchen Silenus und seine Truppe nach den verstreuten Elementen der „Ersten Weise“. Anders als der Gral wird sie schließlich gefunden bzw. vervollständigt.

Bis dies gelingt, ist wieder einmal der Weg das Ziel. An gewissen Orten der realen Welt gibt es Portale, die in andere Realitäten führen. Der Besuch solcher Stätten außerhalb bekannter Räume und Zeiten sorgt einerseits für interessante Verwicklungen. Andererseits erleichtern sie dem Verfasser die Arbeit: Er kann die Handlung auf Länge bringen, indem er den einen oder anderen Ausflug einfügt, der sich spannend liest, ohne für das Geschehen von elementarer Bedeutung zu sein. Vor allem im Mittelteil verlässt sich Bennett ein wenig zu deutlich auf dieses Erzählen um des Erzählens willen.

Man verzeiht ihm aufgrund seines Einfallsreichtums sowie der Eleganz, mit der er selbst Klischee-Gestalten der Phantastik – Gespenster, (böse) Elfen, Naturgeister – neu interpretiert und ihnen frisches Leben einhaucht. In seinen besten Szenen – und diese sind erfreulich zahlreich – gelingt es Bennett, das Reale und das Irreale nicht nur zu verknüpfen, sondern dieser Verbindung eine ganz eigene Bühne zu schaffen. Darin war er in „Mr. Shivers“, seinem Roman-Erstling, noch gescheitert.

Langer Anlauf, hoher Sprung

Schon angedeutet wurde eine Auflösung, die viele lose Fäden aufgreift und verknüpft. Angesichts des buchstäblich kosmischen Rahmens, in den Bennett „Silenus“ einbettet, wird dies zu einer echten Herausforderung. Die Gefahr war groß, mit der Schilderung des wahrhaft Epischen ins Lächerliche abzudriften. Bennett kann dem nicht immer entgehen, doch insgesamt hat er seine Geschichte im Griff und krönt sie mit einem angemessen grandiosen Finale.

Ins Stolpern gerät er stattdessen in jenen Szenen, die Georges steinigen Weg zur Erkenntnis und ins Erwachsenenalter beschreiben. Während das schwierige Verhältnis zwischen Vater und Sohn selbst unter Nutzung einschlägiger, spätestens aus Kino und Fernsehen sattsam bekannter Gefühlsausbrüche glaubhaft erscheint, bietet die ‚Liebesgeschichte‘ zwischen George und Colette nur seifenoperschaumigen Kitsch, der sich über viel zu viele Seiten ergießt.

Für einen weiteren Fehler darf man nicht dem Verfasser die Verantwortung geben: „Silenus“ ist der denkbar falsche Titel für diesen Roman. Er weist der gleichnamigen Figur eine zentrale Position zu, die ihr in der Geschichte nicht zukommt. Diese heißt im Original sehr viel treffender „The Troupe“, denn es ist die besondere Dynamik der Gruppe, die diese Handlung trägt. Silenus ist auch keineswegs jener dämonisch attraktive Magier, der uns auf dem deutschen Cover mit blitzendem Blauauge durchbohrt, sondern – viel interessanter – ein verbrauchter, ausgelaugter Ritter, der mehr oder weniger erfolgreich verdrängt, dass er für die Rettung der Welt seine Mitstreiter und Freunde verheizt.

Es geht voran

Nur zwei Jahre (und ein weiteres Buch) liegen zwischen „Mr. Shivers“, Bennetts Debüt-Roman, und „Silenus“. In dieser kurzen Zeitspanne hat der Autor sichtlich an Professionalität gewonnen. Das unentschlossene Mäandern einer an sich fesselnden Geschichte ist nicht verschwunden – noch nicht, denn die Fortschritte sind so deutlich, dass sie zu der Hoffnung Anlass geben, mit Bennett einen Schriftsteller entdeckt zu haben, der nicht nur routiniert erfolgreiche Muster kopiert, sondern Innovationen versucht und sich darin noch steigern kann.

Der deutsche Verlag scheint ebenfalls an Bennett zu glauben. Abermals erscheint sein aktuelles Werk als Paperback und mit modisch ‚unbeschnitten‘ wirkender Papierkante. Wichtiger ist die ebenfalls gute Übersetzung, und erfreulich ist „Silenus“ schließlich als Lebenszeichen einer Fantasy, die wider Erwarten im trost- und geistlos toten Meer der Romantasy überdauert zu haben scheint.

Autor

Über den privaten Robert Jackson Bennett, einen jungen aber sehr aktiven Schriftsteller, ist (noch) wenig bekannt. Er wurde 1984 in Baton Rouge, US-Staat Louisiana, geboren und wuchs in Katy, einer Kleinstadt in Texas, auf. Später studierte Bennett an der „University of Texas“ in Austin.

Eine akademische Karriere schlug er nicht ein, sondern sich – bald ein junger Familienvater – in einer Reihe unterbezahlter Jobs durch; u. a. arbeitete er in einem Callcenter und als Packer in einer Fabrik.

In dieser Zeit entstand „Mr. Shivers“, Bennetts Romandebüt, ein Historien-Roman mit phantastischen Elementen, dem er mit „The Company Man“ einen Kriminalroman folgen ließ, der im Jahre 1919 spielt. Auch „The Troupe“, Bennetts dritter Roman, ist wieder ein „period piece“, das dieses Mal im Milieu des US-Vaudevilles angesiedelt ist.

Mit seiner Familie lebt Robert Jackson Bennett in Austin.

Robert J. Bennetts Blog

[md]

Titel bei Buch24.de
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Updated: 3. September 2013 — 14:05

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