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MULTIVERSUM – DER AUFBRUCH – Leseprobe (Teil 3) aus dem gleichnamigen Roman von Petra Mattfeldt

MULTIVERSUM – DER AUFBRUCH

Leseprobe (Teil 3)
aus dem gleichnamigen Roman
von
Petra Mattfeldt

(Zum vorherigen Teil 2)

*** Kapitel 6 ***

Es war stockdunkel und roch muffig. Tom spürte den nassen Lehmboden zwischen seinen Fingern. Er setzte sich auf, zog seine Beine aus dem Wasser und versuchte, irgendetwas zu erkennen, was ihm jedoch nicht gelang.

»Hallo?«, flüsterte er ins Nichts, »ist da jemand?«

Keine Antwort. Seine Stimme hallte nach. Offenbar war er in einer Höhle. Er versuchte es erneut, diesmal lauter.

»Hallo, hört mich jemand?«

»Ruhig«, zischte es plötzlich von weiter oben. »Ich komm runter!«

Tom erkannte die Stimme von Maximilian Winter.

»Wo sind wir hier?«, fragte er leise.

»Keine Ahnung«, gab der Historiker zu. »Ich würde sagen, in einer Grotte. Leider habe ich den Ausgang noch nicht gefunden.«

»Und was jetzt?«, wollte Tom wissen.

»Wir sehen zu, wie wir hier rauskommen, was sonst? Streif deine Schwimmflossen ab und klettere hier an der Seite hoch, aber pass auf, es ist ziemlich rutschig. Nimm meine Hand!«

Geschickt robbte sich Tom zu ihm hinauf.

»Gut so. Du hast nicht zufällig eine Taschenlampe dabei?«

»Schön wär’s!«, rief Tom aus. »Ich hatte eine, muss sie aber fallengelassen haben. Hast du eine Ahnung, wie wir hier hergekommen sind?«

»Wir müssen durch die Strömung abgetrieben worden sein«, vermutete Maximilian. »Anders kann ich es mir nicht erklären. Lass uns jetzt den Ausgang suchen, dann sehen wir weiter«, setzte er fort und bahnte sich einen Weg zwischen den schmalen und glitschigen Steinwänden hindurch.

»Das da hinten, ist das vielleicht ein Ausgang?«, fragte Tom, wobei er auf eine Stelle deutete, wo ein schwacher Lichteinfall zu erkennen war.

»Möglich. Schauen wir nach.«

Sie kletterten gerade hinauf, indem sie sich fest an die rutschigen Wände pressten und Stück für Stück weiter herauf kamen. Je höher sie stiegen, desto mehr konnten sie erkennen, bis sie schräg über einem Höhlenabsatz eine Öffnung ausmachen konnten.

»Kommst du da hoch, Tom?« Maximilian blickte sich zu Tom um, dessen Umrisse er nur schwach wahrnehmen konnte.

»Das schaffe ich«, hallte die Antwort des Jüngeren zu ihm hinauf.

Maximilian kletterte die feuchten Wände hoch, bis er fast auf der Höhe des Steinvorsprungs angekommen war. Mit seinen Händen suchte er Halt, schwang ein Bein hinüber, stieß sich mit dem anderen kräftig ab und prallte dann mit seinem Körper auf die Fläche. Er wartete, bis Tom ihn fast erreicht hatte, reichte ihm die Hand und zog ihn zu sich hinauf. Mühelos konnten sie dann durch die Öffnung ins Freie klettern.

Draußen war es dämmrig.

»Wo sind wir?« Tom drehte sich einmal um sich selbst.

»Wahrscheinlich sind wir in Richtung Newport gespült worden«, vermutete Maximilian. »Der Professor und deine Großmutter werden bereits eine Suchaktion gestartet haben. Du hast nicht zufällig ein Handy dabei?«

»Sehr witzig. Sonst noch was?« Tom lächelte. Er war erschöpft, doch der Gedanke daran, bald nach Hause zu können, ermutigte ihn.

»Dann sollten wir zusehen, dass wir möglichst schnell ein Telefon finden.« Maximilian öffnete das Oberteil seines Tauchanzugs, um sich Luft zu verschaffen.

Sie stiegen über die Klippen ein weiteres Stück hinauf, bis sie in etwa einer Meile Entfernung einen Wald vor sich sahen.

»In welche Richtung wollen wir gehen?«, fragte Tom. »Hier gibt es nirgendwo eine Straße.«

»Gute Frage.« Der Historiker sah sich um. »Hier an den Klippen kommen wir nicht weiter. Siehst du?« Er deutete mit der Hand, und Tom erkannte, dass die Felsen in einiger Entfernung steil zum Meer abfielen.

»Wir müssen also wohl oder übel an dem Wald dort vorbei. Ich wette, dass dahinter die Zivilisation auf uns wartet.«

Tom nickte und folgte ihm.

»Ich wusste gar nicht, wie grün diese Gegend ist«, bemerkte Maximilian nach einiger Zeit. »Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen so hoch gewachsenen und dichten Wald gesehen zu haben.«

»Stimmt. Die Bäume haben einen gewaltigen Umfang. Ist mir auch schon aufgefallen.«

»Lass uns das mal genauer unter die Lupe nehmen.« Maximilian ging weiter auf den Wald zu, bis dieser sich direkt vor ihnen in den Himmel erhob.

In der Zwischenzeit war es zwar heller geworden, doch im Schatten des Waldes herrschte immer noch Dunkelheit.

»Wir müssen ziemlich lange bewusstlos gewesen sein«, bemerkte Tom. »Es wird Tag. Dabei dachte ich eigentlich, es ginge auf den Abend zu, so wie der Himmel aussah.«

»Eigenartig, du hast recht.« Winter hockte sich direkt am Waldrand auf den Boden. »Und schau dir mal diesen Moosbewuchs an, Tom!« Er nahm ein Stück vom Moos und hielt es Tom entgegen. Ehe sein junger Begleiter antworten konnte, hörten sie lautes Gebrüll und das dumpfe Aufschlagen von Pferdehufen, das sich näherte.

Jemand rief einen Befehl. Die Reiter kamen anscheinend rasch in ihre Richtung.

Tom wollte aufstehen und nachsehen, aber Maximilian packte ihn am Arm und zog ihn grob ins Gebüsch. Dort riss er den völlig verdutzten Tom zu Boden. Maximilians Gesicht war direkt vor seinem, als er flüsterte: »Keinen einzigen Laut, bis ich es sage! Beweg dich keinen Millimeter!«

Sie verharrten im Unterholz, reglos. Nur einen Steinwurf von ihnen entfernt jagte eine Gruppe von Reitern einen einzelnen Mann, dessen Vorsprung immer kleiner wurde und der sich ängstlich zu seinen Verfolgern umdrehte. Sein Pferd strauchelte, und ehe er sein Gleichgewicht zurückerlangen konnte, wurde er zu Boden geschleudert. Hastig kam er wieder auf die Beine und eilte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf sein Tier zu. Das Pferd scheute, stieg mit den Vorderhufen und preschte davon. Der Mann jaulte auf wie ein Tier, als er den Anführer seiner Verfolger weit mit dem Schwert ausholen sah. Durch einen einzigen, sicher geführten Schlag wurde ihm der Kopf vom Rumpf getrennt. Meterweit flog das Haupt durch die Luft und landete nicht weiter als eine Armlänge von Tom und Maximilian entfernt am Waldboden. Schreckerstarrt blickten sie in die weit aufgerissenen Augen des Toten.

Das Pferd des Anführers wieherte wild, während die Männer lauthals lachten. Dann rief er seinen Leuten etwas zu, das Tom nicht verstand und alle preschten unter dröhnendem Gejohle in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren.

Tom sah Maximilian an, der offenbar ebenso schockiert war wie er selbst.

»Komm schon«, sagte der Ältere, »es ist vorbei.« Er versuchte den Jungen hochzuziehen. Doch Tom konnte seinen Blick nicht von den Augen des Enthaupteten abwenden – und übergab sich neben dem Kopf auf dem Waldboden.

Erschöpft ließ er sich auf den Rücken rollen. Maximilian kniete sich neben ihn. »Geht’s wieder?«, wollte er wissen und wischte ihm mit der Hand den Schweiß von der Stirn. Tom nickte und setzte sich auf.

»Los jetzt, wir müssen hier weg.« Der Historiker zog ihn am Arm nach oben und stützte ihn einen Augenblick, bis er sein Gleichgewicht wiedergewonnen hatte.

»Alles okay?«, fragte Maximilian und suchte dabei Toms Blick. Dieser war kreideweiß und nickte stumm.

Winter drehte sich noch einmal zu dem Kopf um, aus dem inzwischen Blut in den Boden sickerte und die Erde dunkel färbte.

»Wir müssen durch den Wald«, stellte er fest. »Auf der freien Lichtung ist es zu gefährlich. Komm schon.«

Er ging voran und Tom folgte ihm wortlos. Vom Laufen über den mit kleinen Zweigen bedeckten Waldboden schmerzten seine nackten Fußsohlen, was er aber kaum wahrnahm. Immer wieder sah er vor seinem geistigen Auge den Kopf des Mannes durch die Luft wirbeln und unmittelbar vor sich landen. Nie zuvor in seinem Leben hatte er eine solche Angst gehabt. Die eben erst überstandene Übelkeit stieg erneut in ihm auf. »Mir ist schlecht!«, rief er schrill.

Mit einer raschen Bewegung drehte sich sein Reisegefährte um.

»Sei nicht so laut«, zischte er ihn an, »das könnte unser Todesurteil sein. Reiß dich jetzt zusammen, wir werden einen Unterschlupf suchen.«

Schnell bahnte er sich weiter seinen Weg durch das dichte Gehölz. Tom lief ihm nach und unterdrückte alles, was in ihm aufstieg. Er funktionierte nur noch, wusste nicht, was los war, aber Maximilians Gesichtsausdruck hatte ihn gewarnt. Da die Zweige kleine Risse in seine Haut schnitten, duckte er sich, um sein Gesicht zu schützen und sah nur gelegentlich auf, damit er Maximilian nicht verlor.

Nach einer Weile hielt der Historiker an. »Das Gehölz wird immer dichter«, flüsterte er und drehte seinen Kopf nach hinten. »So kommen wir da nicht durch. Verdammt«, schimpfte er, »wir müssen umkehren.«

»Auf keinen Fall«, protestierte der Jüngere. »Ich gehe nicht dahin zurück. Was ist, wenn die wiederkommen?« Seine Stimme klang panisch, dennoch bemühte er sich, leise zu sprechen.

Maximilian hatte sich nun vollständig umgedreht. »Hör zu«, sagte er, »mir ist auch nicht besonders wohl dabei. Aber hier kommen wir nicht weiter.«

»Was waren das für Kerle?«

»Ich weiß es nicht. Aber sie wollen mit Sicherheit keine Zeugen für ihren Mord.«

Tom nickte. »Ich habe die Sprache nicht verstanden.«

Maximilian atmete schwer. »Tja, kein Wunder«, presste er dann hervor, »es war Altenglisch. Und das hat mich fast mehr erschreckt als der Mord selbst. Ich habe noch nie gehört, dass es jemand tatsächlich gesprochen hat.«

»Was kann das bedeuten? Wo sind wir hier? In welcher Gegend wird die Sprache heute noch benutzt?«

»Soweit ich weiß«, Maximilian machte eine kurze Pause, »soweit ich weiß … nirgends!«

Tom ließ sich auf den Boden sinken, Maximilian setzte sich neben ihn.

»Kannst du dir das erklären?«

Maximilian schüttelte den Kopf. »Nein, kann ich nicht.«

Tom zog die Knie näher an sich heran. »Was ist, wenn Mr Steiner recht haben sollte? Ich meine, die Sache mit dem Paralleluniversum. Mit der Natur, die einen Fehler gemacht hat und nun eine oder mehrere Zeiten parallel zu unserer stattfinden lässt; du erinnerst dich?«

Maximilian hielt inne und sah Tom durch die wenigen einfallenden Lichtstrahlen an. »Eigentlich bin ich getaucht, um das Gegenteil zu beweisen.«

»Aber was ist, wenn es doch so ist, wie der Professor gesagt hat?«

»Das kann nicht sein.«

»Und wenn doch?«

Maximilian seufzte. »Seit ich die Kerle vorhin gehört habe, gehen mir auch die verrücktesten Ideen durch den Kopf.«

»Also hältst du es für möglich?«

Maximilian schwieg, daher setzte Tom nach: »Wenn du nun alles zusammennimmst. Die Landschaft, dieser Wald, die durchgedrehten Typen von vorhin. Allein der Umfang der Bäume. Hast du so etwas schon mal gesehen?« Er klopfte gegen einen der Stämme. »Ich noch nicht. Und dann diese Klippen und die ganze Gegend, die völlig unbesiedelt ist. Eigentlich würde man in so einer Lage die Villa eines Hollywoodstars erwarten oder irgendwelche Luxushotels. Aber bestimmt nicht ein paar Typen auf Pferden, die gerade einen armen Teufel enthaupten. Und dann die Sprache.« Er hielt inne. »Was denkst du?«

»Eigentlich«, antwortete Maximilian nach kurzem Zögern, »muss ich klar sagen – nein! Ich halte es nicht für möglich, dass wir in einem anderen Universum sind. Aber dass es merkwürdig ist, kann man nicht von der Hand weisen.«

»Aber das bedeutet ja …« Tom schluckte schwer. »Wenn es doch stimmt, sind wir nicht mehr in unserer Zeit.«

(…)
Copyright (C) 2015 by Petra Mattfeldt (Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Bookspot Verlags)

Bildrechte: “Zeitlinien – manchmal gehen Uhren anders (Zeitlinien5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

ZUM VORLIEGENDEN ROMAN:


Multiversum (Kartoniert)
Der Aufbruch
von Mattfeldt, Petra

Verlag:  Bookspot Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  200
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erscheint:  Juni 2015
ISBN-10:  3956690281
ISBN-13:  9783956690280

Beschreibung
Multiversum ist die Geschichte von Tom Stafford, der gerade neun Jahre alt ist, als seine Eltern bei einem Bootsunfall ums Leben kommen. Er wächst fortan bei seiner Großmutter auf, bis er sechs Jahre später eine Nachricht erhält, die scheinbar von seiner Mutter geschrieben wurde. Nicht nur, dass seine Eltern eigentlich tot sein müssten – die Nachricht stammt allem Anschein nach auch noch aus dem Mittelalter.

Auf unerklärliche Art tauchen auch andere mittelalterliche Artefakte auf. Außerdem schalten sich der Geheimdienst und ein Professor mit einer scheinbar verrückten Theorie ein. Er behauptet, die Lösung des Falles könnte in der “Viele-Welten-Theorie” der Quantenforschung zu finden sein. Diese “Viele-Welten-Theorie” sagt aus, dass es nicht nur ein Universum, sondern eine Vielzahl von Universen gibt, die nebeneinander existieren und sich an manchen Stellen überschneiden. Bei einem Test an der Stelle, wo Toms Eltern mit dem Boot verunglückten, entdeckt man eigenartige Veränderungen. Bei dem Versuch, diese zu erforschen, verschwinden auch Tom und Maximilian spurlos …

Autor
Petra Mattfeldt, geboren 1971, wuchs in einer norddeutschen Kleinstadt auf. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten und arbeitete danach als freie Journalistin. Anfang 2014 erschien ihr Krimidebüt “Sekundentod” um den Lüneburger Kommissar Falko Cornelsen, darauf folgte mit „Der Jahrbuchcode“ ihr erster Jugendkrimi, dessen Fortsetzung Ende 2015 im Bookspot Verlag erscheinen wird. Seit 2010 veröffentlicht sie außerdem historische Romane unter dem Pseudonym Caren Benedikt. 2015 stieg sie schliesslich mit »Multiversum – Der Aufbruch« ins SF-Genre ein.

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