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MEIN ERSTER BRUCH – eine Kurzgeschichte von Martina Müller

MEIN ERSTER BRUCH

eine

Kurzgeschichte

von

Martina Müller


Wem sonntags etwas passiert, der muß mit Überraschungen rechnen! Schon gar nicht sollte man sich den kleinen Finger brechen. Es ist genauso schwierig einen Facharzt zu erreichen, wie frisch gemolkene Milch zu Mitternacht zu erhalten.

Ungeschicklichkeiten sind dazu da, damit sie passieren. Bis zu diesem Moment war ich eine der Glücklichen, die sich niemals auch nur das kleinste Glied brachen. Doch wie heißt es so schön: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Jedenfalls durfte ich nun auch im fortgeschrittenen Alter endlich die Erfahrung machen, die man eigentlich als junges Mädchen, das ständig am Tollen und Hüpfen ist, erwarten würde.

Egal, passiert ist passiert und nun stehe ich hier und weiß nicht, wie mir geschieht: mein kleiner Finger schmerzt unerträglich! Also: ab in die Notaufnahme der nächstgelegenen Klinik. Da ich in einem solchen Moment niemanden um mich ertragen kann, setze ich mich trotz der Proteste meiner Verwandtschaft in die nächste S-Bahn, die erwartungsgemäß an einem Sonntagmorgen angenehm leer ist, und fahre eine Station.

In der Klinik angekommen, ergebe ich mich dem Prozedere der Aufnahme mit all ihren bürokratischen Schikanen. Man sagt zwar, dass diese einen von den Schmerzen und der Aufregung ablenken würden, doch bei mir greift diese Binsenweißheit aus irgend einem Grund nicht.

Der Mann am Empfang beschreibt mir den Weg zum Warteraum. Auf halber Strecke ist diese Information jedoch irgendwo im Nirwana gelandet und ich mache auf dem Absatz kehrt und frage noch einmal nach.

Im Wartebereich angekommen, erkenne ich, dass auch hier der moderne Fortschritt Einzug gehalten hat. Wie auf inzwischen allen Ämtern in diesem Land wird man vom Menschen zu einer laufenden Nummer degradiert. Beim Abreißen des Nummerzettelchens von der Rolle an der Wand kommt mir spontan ein Gedanke: Vor Jahren wurde bei Milchkühen eine Plastikerkennungsmarke mit registriertem Code im Ohr von amts wegen eingeführt. Neuerdings müssen ja auch alle Haustiere, die die Landesgrenze und eine gewisse Körpergröße überschreiten, einen Chip implantiert haben. Wann das wohl auch bei uns Menschen so weit sein wird? Zumindest wäre dann das Prozedere der Aufnahme in Zukunft nicht mehr nötig.

Obwohl nur eine Hand voll Patienten warten, dauert es entsprechend lange, da natürlich auch nur ein Arzt Dienst hat am Wochenende. Als meine Nummer aufgerufen wird, tapse ich verängstigt in den Behandlungsraum. Ich hoffe darauf, dass es kein Bruch sondern nur eine Verstauchung ist, doch das Röntgenbild belehrt mich eines Besseren! Der Arzt meint lapidar: „Entweder heilt der Bruch ohne OP oder auch nicht.“ Da es sich bei dem Notaufnahmearzt nicht um einen Knochenchirurgen handelt, bin ich aber auch nicht wirklich viel schlauer. Sein Tipp: „Lassen Sie sich so schnell wie möglich einen Termin beim Handchirurgen geben!“

Am darauffolgenden Werktag trifft mich die volle Wucht der Wirklichkeit: Der Anruf in der Handchirurgie des Krankenhauses bescherte mir nämlich erst einen Termin für in 10 Tagen! Wahnsinn! Um der Sache noch eins drauf zu setzen, wirft man mir dann später vor, dass ich doch bei einer solchen Bruchverletzung nicht so lange hätte warten dürfen. Vielmehr sollte so etwas sofort gerichtet werden. Als wenn ich mir es ausgesucht hätte! Vor allem den späten Termin, von dem nun auch selbst der Arzt erstaunt ist. Krankenhausbürokratie.

Dann ging es auf einmal ganz schnell – mir fast schon zu schnell – denn von mir wurde erwartet, dass ich mich bereits für den nächsten Morgen in nüchternem Zustand für die Operation einzufinden hätte…

Was daraus wurde? Alles prima geklappt, die Reha war zwar erst schmerzhaft aber später auch entspannend, nur dass ich, um dazu erst einmal zu kommen, einen ähnlichen Kampf um einen zeitnahen Behandlungstermin ausfechten mußte. Nach vier Absagen bei diversen Physiotherapeuten ergatterte ich mir endlich die gewünschte Krankengymnastik für meine Hand. Als ich dem Mann im weißen Sweatshirt endlich Aug in Aug gegenüberstand und ihn fragte, warum ein zeitnaher Termin so schwierig sei, sagte er mir: „Vielleicht sollte man sich doch den Termin schon vor dem eigentlichen Unfall geben lassen, gute Frau!“

Copyright (c) 2011 by Martina Müller

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus150-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Kaufempfehlung der Autorin:

Hübner, Marie
Ein Indianer kennt keinen Schmerz


Illustriert von Hübner, Marie
Verlag :      Kinderbuchverlag Wolff
ISBN :      978-3-938766-27-9
Einband :      gebunden
Preisinfo :      9,90 Eur[D] / 10,20 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Seiten/Umfang :      ca. 32 S., durchg. vierfarb. Ill. – 12,5 x 18,5 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Auflage 08.2011

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Ein Indianer kennt keinen Schmerz – was aber ist, wenn es doch mal wehtut? Zum Beispiel beim Medizinmann? Was passiert, wenn ein Indianer (ganz, ganz, ganz ausnahmsweise) auch mal Indianerzahnweh bekommt? Ein lustiges und ernsthaftes Buch über Indianer und Schmerzen. Übrigens: Auch tapfere Menschen kennen Schmerzen. Gerade die. Für alle Eltern und Kinder, die vor Arztbesuchen miteinander sprechen wollen und dafür einen spaßigen Anlass suchen …

Marie Hübner wurde am 22.9.1969 in Aurich geboren. Sie hat an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert und arbeitete dann als freie Grafikerin und Illustratorin für Agenturen und Verlage. Sie hat im Kinderbuchverlag Wolff drei Bücher veröffentlicht. Sie arbeitet auch für Ravensburger und NordSüd.

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9 Comments

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  1. Bruchhistorie:

    – Linkes Ellenbogengelenk beim Fussballspielen
    – Drei Rippen rechts beim Skifahren (seitdem fahre ich nicht mehr, sondern ergötze mich im TV frei nach Rainhard Fendrichs „Es lebe der Sport“)
    – Linkes Handgelenk beim Motorradsturz (das Arschloch, dass mir die Vorfahrt genommen hat, kriege ich noch)
    – Rechtes Fussgelenk Haarriss beim Aussteigen aus dem Auto (saublöd)

    mit galaktischen Grüßen 😉
    galaxykarl (ein gaaanz harter Knochen)

  2. Felis Breitendorf

    Die Story ist irgendwie witzig, wenn auch etwas verhalten. Dennoch finde ich es gut, dass das Spektrum unserer Storys wächst! Was meint Ihr?

  3. Felis Breitendorf

    Der Buchtipp: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ paßt natürlich wie die Faust aufs Auge! 😉

  4. Felis Breitendorf

    Soll ich auch mal meine Narben aufzählen? 😉

  5. Felis Breitendorf

    Als ich die Überschrift der Geschichte laß, dachte ich zuerst an einen Einbruch in eine Bank oder so! Ging es nur mir so?

  6. Die Sache mit den Terminen, das kenne ich.

    „Ich brauche einen Termin.“
    „Habe sie in einem Jahr Donnerstag Morgen um 10:45 Uhr Zeit?“
    „Augenblick, ich gucke mal gerade in meiner Kristallkugel nach.“

    🙂

  7. Eine Story aus dem Leben. Die lassen einen warten und warten und warten….(Mein REkord bisher 5(!) Stunden)

    Ich hab mir nen Arm nur mal angebrochen, war aber zu klein um mich jetzt noch dran zu erinnern.

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