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MEERWEIBCHENUHR UND KLABATTERKATT AUF DEM ALLMERSHOF (Teil 1) – Phantastischer Besuch in Rechtenfleth an der Unterweser (Neue Version) von Ollivia Moore

In dieser Phantastischen Geschichte erzählt Ollivia Moore eine Begebenheit aus ihrer Heimatregion, der märchenhaften Wesermarsch.

Lorelei und ihre Freundin Brigid besuchen mit ihrem Zauberschiff ‚Azimut‘ den Heimatdichter Hermann Allmers auf seinem Künstlerhof und  erfüllen so die alte Rechtenflether Chronik mit neuem Leben.

Der Allmershof, von seinen  Künstlerfreunden liebevoll ausgeschmückt, liegt in Rechtenfleth, in der alten Landschaft Osterstade der Wesermarsch und ist heute ein wunderschön gepflegtes Heimatmuseum der Region.

Grafik (Feder/Aquarell) Copyright © 2013 by Ollivia Moore

MEERWEIBCHENUHR UND KLABATTERKATT AUF DEM ALLMERSHOF (Teil 1)

Phantastischer Besuch in Rechtenfleth an der Unterweser (Neue Version)

von Ollivia Moore

Meerweibchenuhr:

Die Meerweibchenuhr ist eine antike nautische Kostbarkeit, ein Zeitmesser mit dem Gehäuse einer Weserkogge und einer hübschen Meerjungfrau als Galionsfigur. Auf einen Befehl verwandelt sie sich in ein Zauberschiff.

Brigid:

Windsbraut. Sie ist Loreleis Studienkollegin, unzuverlässig und unberechenbar.

Lorelei:

Nymphe. Die Wasserleute dürfen sie nicht erblicken, denn dann hegen sie nicht nur unzüchtige Gedanken, sondern werden so tief ins Herz getroffen, wie es nur die wahre Liebe kann. Ich-Erzählerin.

Håke Nick Ekkemann:

Wassergeist und Philosoph. Kann die Liebe erkennen, wenn er sie findet.

Klabatterkatt Fellmotte:

Weserkatze – geboren aus einer Wettererscheinung. Krabauter und Seeheinzelmann. Er snackt Plattdütsch, die norddeutsche Haus- und Herzenssprache.

Hermann Allmers:

Marschendichter, Volkserzieher, revolutionärer Liberaler, Patriot, schrieb in dem ‚Marschenbuch’ über Kultur und Landschaft seiner norddeutschen Heimat, Wegbereiter der demokratischen Zivilgesellschaft.

Hermanns Freunde und Besucher, Schriftsteller, Künstler, Gelehrte:

Heinrich Vogeler und Otto Modersohn, Worpsweder Maler

Heinrich Freiherr von Dörnberg, malte sechs umlaufende Historische Marschenbilder

Arthur Fitger, malte auch

Georg Müller vom Siel, Gründer der Dötlinger Malerkolonie

Ludwig Franzius, Wasserbauingenieur der Weserkorrektion

Hoffmann von Fallersleben, ‚Gesellschaft zur Hülfe’ politisch Verfolgter

Hauptmann Heinrich Böse:

Zuckerfabrikant, Agitator, Bremer Freiheitskämpfer, mehr wohlwollender Patriarch als Militär, gründete das freiwillige Bremer Jägerkorps.

Professor Otto Knille:

Berliner Historienmaler mit Lehrauftrag.

Bund der Männer vom Morgenstern:

Historisch-geselliger Verein. Erkundung von Tradition der Marschen in mit ‚Alterthümern’ und launiger Reimchronik geschmücktem Gasthof ‚Schloß Morgenstern’ zu Bremerhaven.

Wierich:

Feinsinniger friesischer Historiker und Volksschullehrer.

Ubbo:

Marschenbauernsohn.

Dede:

Sohn aus einem friesischen Häuptlingsgeschlecht, Pirat, von aufbrausendem Temperament.

Männer vom Morgenstern

Unsere wunderbare Meerweibchenuhr hatte die Gestalt einer Hansekogge. Für gewöhnlich zierte sie die Familienbibliothek und zeigte einfach nur die Zeit an, aber immer wenn wir es von ihr verlangten, verwandelte sie sich in ein Reiseschiff namens ‚Azimut’ und trug uns über große und winzigkleine Gewässer.

An diesem Frühlingsabend saß ich auf einer Taurolle an Deck unseres Zauberschiffes und hielt zwei Botschaften in den Händen, die erste Notiz war von meiner Großmutter, die mich aufforderte, die Reise zu beenden – der Familienrat hätte einen Bräutigam für mich bestimmt.

»Schon wieder …«,  rief ich erzürnt.  »Lasst mich endlich zufrieden …«

»Was wollen sie diesmal?« Meine Studienfreundin Brigid lachte. Sie stand in der Dämmerung am Bug im frischen Fahrtwind. Die Luftströmung streichelte ihr Antlitz.

»Wie immer, sie versuchen mich zu verheiraten. Dieser hier ist ein Wassermann, angeblich kann er sogar zaubern.«

»Ach das.« Brigid blickte belustigt.

»… aber ich habe andere Pläne und verzichtete auf einen von meiner Familie ausgesuchten Ehemann!« Ärgerlich knüllte ich den Zettel zusammen und schleuderte ihn weit in die Weserflut. Brigid breitete die Arme aus und streckte sich noch weiter dem Zug entgegen, um sich durchpusten zu lassen, nun wehten ihre Haare wild durcheinander.

»Und der andere Brief?«

Ich entfaltete das zweite Schriftstück, es begann mit den liebenswürdigen Worten unseres Freundes Hermann Allmers und war eine Einladung in seine Heimstätte.

»Kommt, Freunde, flieht der Stadt Gewühl …«, las ich laut vor,

»… kommt in mein stilles Marschenland …«

In einem Nachsatz bat er uns, die Männer vom Heimatbund an der Nordseeküste abzuholen.

»Ich freue mich auf die Zusammenkunft«, sagte ich. »Es ist ein Künstlertreffen und Landbesuch im Marschenhof. Hermann ist bekannt für seine Gastfreundschaft und für seine Besucher verwandelt er jeden Tag in ein Ereignis!«

»Eine Herrenpartie. Ausgezeichnet!« Brigid badete im Wind.

Feuchte Nebel hingen am frühen Morgen wie klamme Tücher vor der Küste und hatten über Nacht den Kleiboden aufgeweicht. Den Männern vom Morgenstern, die den Weg von Weddewarden bis zur Mole wanderten, hing der Tonboden als zäher klebriger Teig schwer an den Füßen und sie kamen nur äußerst langsam vorwärts. Brigid winkte ihnen. Dede, Ubbo und Wierich, Marschenbauern und Schullehrer, traten sich an Land den Lehm von den Stiefeln, der Ton war von dunkelgrauer Farbe, fast schwarzblau, fett und schmierig wie Seife.

Auch Ubbo, ein Bauernsohn aus den Marschen, schwenkte grüßend Hermanns Einladung, als er mit wuchtigen Schritten die schwankende Gangway überquerte.

»Hier weht die Luft so frisch und kühl …«  Brigid ließ ihr Gewand absichtlich fliegen, der Wind modellierte den wallenden Stoff eng um die Konturen ihrer zarten Gliedmaßen. Ubbo starrte wie gebannt auf dieses hinreißende Bild.

Sie rümpfte die Nase über den moderigen Geruch seines groben Schuhwerks, musterte ihn aber genau aus den Augenwinkeln – rundes offenes Angesicht und breite Schultern.

Dann kletterte Wierich an Bord, ein verschmitztes Lächeln erschien auf seinem intelligenten Gesicht.

»Heute haben wir noch Glück«, sagte er. »Bei stärkerem Regen verwandeln sich hier die Straßen in flüssigen Brei, beim Reiten spritzt er in die Höhe und die Fußgänger sinken bis zu den Knöcheln darin ein.«

Dede, der stolze Friese, enterte zuletzt, seine Haltung war selbstbewusst und anmaßend. Er hatte sich ein Piratentuch um die widerspenstigen dunklen Locken gebunden und trug eine Seekiste, auf der in frischen Farben das Lübbener Wappen leuchtete – springender Löwe im blauen Feld.

»Und was habt ihr in eurem Geschichtsverein diesmal erforscht …?«, fragte Hauptmann Böse, mit dem wir schon seit Bremen das Bordleben teilten.  »… die sturm- und ruhmvolle Geschichte der Marschen?«

»Nein«, antwortete Wierich. »Diesmal hielt Ubbo einen Vortrag über Wappensammlungen alter Bauerngeschlechter des Landes.«

Die Ortschaften waren nur durch den Schiffsverkehr auf der Weser verbunden. Die ‚Azimut‘ schwenkte in die Flussmündung und zog die Niederweser stromaufwärts mit direktem Kurs auf Osterstade, das östliche Stedingerland am rechten Weserufer.

Plötzlich kamen von der anderen Schiffsseite überraschte Rufe: »Delphine!« Sie sprangen elegant vor dem Bug in die Höhe, zogen blitzschnell sich überkreuzende Schaumspuren ins Wasser und verschwanden dann wieder in die Tiefe tauchend. Der Anblick entzückte uns.

»Wenn munter jagend der Delphin dort auf- und niedertaucht in Reih’n«, deklamierte Wierich Allmerssche Lyrik.

»Bei Hochwasser kommen die Braunfische in die Weser zum spielen.« Ubbo blickte mit Begeisterung abwechselnd auf Brigid und das lebhafte Schauspiel der Meerestiere.

Brigid schäkerte mit Ubbo. Später knüpfte er aus einem Tau einen Liebesknoten ohne Anfang und Ende, sie hätte »ein Gesicht von feinstem Schnitt und Augen so zauberhaft tiefblau, als ob ein paar Tropfen Himmel in ihr Antlitz gefallen wären«, flüsterte er mir zu und schwärmte: »Eine so liebreizende Person könne gewiss auch sonst nur ein sanftmütiges Wesen sein.«

»Ganz gewiss«, bekräftigte ich verlogen.

Wetterkatze

Wir segelten entlang des Wesermarschenufers, nur weite grüne und baumlose Ebene, vorüber an Schlick, Sandstränden, Schlengen und Buhnen.

Ein heiterer Tag brach an, Tau in der Frühe und ein klarer Sonnenaufgang brachten Schönwetter, die Nebel der dunstgeschwängerten Atmosphäre in den weiten Ebenen schwebten empor und um 10 Uhr morgens hatte die Sonne den Nebelkampf gewonnen.

Die Wasserfläche glitzerte in der Sonne und die Luft begann zu flirren. Unter zusammengezogenen Augenbrauen beobachtete ich eine Luftspiegelung, am Horizont sah ich ein Flimmern und Zittern, wie von sehr schnellen Wellenschwingungen.

Die Fata Morgana zeigte einen großen stillen Landsee mit vielen Inseln, ein sehr entferntes Dorf schien oberhalb des Sees hoch und frei in der Luft zu schweben.

Wierich war Schullehrer, auch er interessierte sich für die auffallende Strahlenbrechung und hatte eine Erklärung:

»An warmen dunstigen, von hellem Sonnenschein begleiteten Frühlingstagen erwärmt die höher gestiegene Sonne die untersten Luftschichten und es schweben wie von mächtiger Überschwemmung Bäume, Häuser und Turmspitzen auf Inseln über dem Wasserhorizont. Dann löst sich das Trugbild plötzlich in Dunst auf oder weicht zurück. Diese Erscheinungen nennt man Wetterkatzen.«

Auf dieses Wort hin knisterte und prasselte es laut in der Luft um uns herum und etwas sehr Eigenartiges landete mit einem Überschlag und federndem Sprung auf den Decksplanken – ein großer schwarz-weißer Kater, mit einem frechen weißen Streifen quer über der Nase. Er stellte sich aufrecht. Gewandet war er in eine blaue Matrosenjacke mit vielen blinkenden Knöpfen, auf dem Kopf eine Schiffermütze, in seinem Ärmel steckte ein Seemannsdolch.

»Koppheister«, maunzte er und lud einen Seesack von der Schulter neben seine Stiefel. »Noch’n bilütten melangklöterig.«

Das seltsame Geschöpf schüttelte den Kopf und seine Ohren schlackerten. Neugierig betrachteten wir ihn.

»Wer bist du?«

Er tappte mit seiner Pfote an den Mützenschirm und stellte sich vor:

»Moin, moin! Bin een Klabatterkatt. Fellmotte het ik.«

Dede, der friesische Häuptlingssohn, trat hinter dem Mast hervor.

„Eine Klabauterkatze, ein Schiffskobold“, raunte er. Der Kater schaute zu Dede auf.

»Ealg frya Fresena! Heil freier Friese!«, begrüßte er ihn.

»Und was willst du?«, fragte Dede unfreundlich.

Fellmotte jammerte: »Groot  Mallör. Wi moet de Weser, de use Bischop bi de Witte Slot us tosläten hett, wedder open fluten, un den Bischop seine Käe tweiseilen. Slut de Weser wedder open.«

Ubbo übersetzte. »Er bittet um Hilfe. Die Weser ist zugeschlossen mit einer Kette. Schiffe zahlen Zoll am Zollschloss Witteborg. Die Bremer Bürger wollen wieder freien Handel haben.«

»Nur unsere kleinen Schmugglerboote können darunter hindurch fahren. Und dann jagen sie uns, aber durch den Schleichhandel machen wir gute Geschäfte, und ich sage, das soll auch so bleiben!« Dedes Gesicht wurde abweisend.

»Von See un no See wullt wi wedder freen Hannel hebben.«

»Nein!«, fuhr Dede dazwischen. Er packte den Wetterkater am Genickfell, um ihn über Bord zu schleudern. Fellmotte biss sofort zurück –  ein grollendes Geräusch kam tief aus seiner Kehle, er entblößte die Fangzähne, blitzschnell zückte er seinen spitzen Dolch  und drohend hielt er das Seemannsmesser in die Höhe. Dede stieg das Blut zu Kopf, er schüttelte ihn.

»Du ole Bullerballer«, fauchte Fellmotte und – Ratsch! – Dede stieß einen Schrei aus und ließ ihn fallen.

»Lass die Klabatterkatt zufrieden …«, sagte Wierich zu ihm mit seiner ruhigen Stimme, »… und du steck dein Segelmesser wieder ein«, zu Fellmotte. Dede hatte einen Riss in der Lippe. Wütend stapfte er den Niedergang hinunter, um unter Deck in seiner Hängematte die Fahrt zu verschlafen.

»Du kann’s mich mal an’ Mors kleien«, miaute ihm der Kater noch erbost hinterher.

»Fellmotte hat Recht.« Wierich und Ubbo wollten helfen, die Kette zu sprengen.

Witte Slot

Wierich wiegte dann aber doch zweifelnd den Kopf, die Kette sei sehr dick.

»Dies ist aber auch eine starke Kogge«, erwiderte ich.

Fellmotte nickte. »Un mit disse Kogge seil ick den Bischop seine Käe twei.«

Er winkte Brigid mit seiner Pfote und pustete spielerisch in das Segel. Sie verstand und tat es ihm nach … der Wind legte zu. Die Winden ächzten und die Segel füllten sich, die ‚Azimut‘ nahm Fahrt auf.

»So weiht he god.« Der Weserkater nickte zufrieden.

Unser Schiff rauschte unter dem Ufer dahin. Wanten und Stagen summten. Ein kahler steil abfallender Sandabhang schimmerte hell in der Sonne, das weiße Zollschloss am rechten Weserufer kam rasch näher. Getrieben von Herrschgelüsten und Habsucht diente die Feste dazu, den Strom nach Raubritterart vermittels Palisaden und Ketten zu sperren und Zoll für alle stromaufwärts gehenden Handelsschiffe einzufordern. Nur Piraten, Kaperunwesen und Schmuggel konnten sich der Willkür entziehen. Die Kette war eingehakt in die Witteborg, Brigid wedelte mit den Armen in Richtung Segel, der Wind wurde stärker. Die Kogge bohrte ihre Nase in das Wasser, mit prallen Segeln schäumte sie auf die Kette los.

»Wohrschau!« und »Achtung!«, schrien die Männer und Fellmotte gleichzeitig. In höchster Erregung hielten wir den Atem an. Ein Scharren!  Die Eisenkette straffte sich. Ein Stoß, ein Knacken im Gebälk, Knarren der Wanten. Dann ein Knall! Die Kettenenden flogen in die Luft und klatschten wieder in die Weser. Fellmotte lag durch den Aufprall auf dem Rücken. Die ‚Azimut‘ schoss mit einem Ruck durch die eröffnete Durchfahrt.

»Wi heft se broken! Twei is de Käe!«, kreischte die Wetterkatze und rappelte sich wieder auf die Beine. Wierich warf  noch einen letzten zornigen Blick auf das Zwingschloss: »In unserem Kampf für Freiheit, Herd und Heimat wollen wir nach alter Friesensitte auch kein Steinhaus an der Unterweser dulden.«

Manndränke

Der Wind strich oben an Deck durch die Takelage und wir machten gute Fahrt. Nach Sonnenuntergang war Brigid noch immer in überdrehter Stimmung, leichtfüßig wirbelte sie herum wie ein Kreisel, die Lüfte begannen zu brausen, ihre Röcke flogen.

Ich warnte sie: »Du flippst aus, übertreib es nicht!« Fellmotte attestierte: »Overdörig.«

Doch sie schüttelte nur den Kopf, rollte immer weiter, immer schneller – und dann platzte der Himmel auf – kalter Regen prasselte herab, der Wind drehte und ein furchtbarer Sturm aus Nordwest begann mit rasender Wucht zu toben. Der Fluss schwoll an zu ungeheurer Höhe, die Mondsichel verblich, kein Stern leuchtete, nur einzelne Blitze durchzuckten den finsteren Himmel.

Im Rollen des Donners und Getöse der einbrechenden Wogen zerteilte ein grimmiger Westwind die Flut in große steile Wellen, auf denen wir wie rasend dahintosten, nass, grün im Gesicht und seekrank. Wir tasteten uns über das schräge Deck.

»Fang den Sturm wieder ein!«, brüllte Ubbo.

»Das ist doch nur ein ganz feiner Wind …«, kreischte Brigid mutwillig zurück. »… richtig gute Stürme sind selten.«

Wie berauscht genoss sie das Inferno. Der Bug der Meerweibchenuhr tauchte in eine Welle, riesige Wassermassen schäumten empor, eimerweise übergoss uns die Weser mit eiskaltem Wasser. Rumms! Ein Knall und ein Dröhnen am Rumpf wie bei einem Schlag der erregten Wogen auf ein leeres Fass. Heck und Deck waren zu sehen und verschwanden wieder als das Schiff auf die nächste Welle traf und der Bug sich wieder hob. Die Segel knatterten. Ubbo und Wierich rissen in wahnsinniger Hast die Leinwand herunter und setzten das Sturmsegel. Böen von Stärke acht bis neun wühlten die Weser auf und zerrten ihnen beim Reffen beinahe das Ölzeug vom Körper, Klabatterkatts Weserschiffermütze flog davon.

»Hochwasser auf der Weser plus Springflut! Hör endlich auf damit«, grollte Wierich gegen das Heulen des Orkans.

»Er gehorcht mir nicht mehr!«, stieß Brigid keuchend hervor. Das fassungslose Entsetzen stand in ihren schreckgeweiteten Augen. Die entfesselten Gewalten ließen sich nicht wieder einfangen, ungehemmt tobten sie weiter die ganze Nacht, der Sturm peitschte ungeheure Mengen Wasser von der Nordsee durch die Weser und eine entsetzliche Sturmflut brach über die Marsch herein.

Die hochgeschwollenen unablässig heranbrausenden Fluten versuchten sich durch die Deichkappe einen Weg zu bahnen, eine gefährliche Kappenstürzung war vorauszusehen, der vollendete Durchbruch schien unvermeidlich.

»De Blanke Hans«, schrie Fellmotte mit schriller Stimme. Hektisch ergriff er ein Bund Stroh, packte es vor sich und warf sich damit auf die Deichkrone. So verhinderte er den Durchbruch und rettet den Deich unter Gefahr seines Lebens. Der Sturm legte sich.

»An’n Diek we staht alleen mit Not und Dood.« Der Wetterkater schlotterte vor Kälte, sein verschmutztes Fell klebte am Körper und erschöpft sank er auf eine Bank; niedergeschlagen, müde und nass hockten wir eng gedrängt in der Kombüse. Ich verteilte heißen Tee mit Rum, Brigid kauerte stumm und kleinlaut auf einer Seekiste.

Wierich legte beide Hände um den warmen Becher.

»Die Geschichte der Wasserfluten ist ein großer Teil unserer Lebenszeit«, sinnierte er. »Bei der Katharinenflut brauste eine furchtbare Sturmflut zwölf Meilen weit ins Land. Die Fluten gingen über die Deiche hinweg. Die Dämme zerrissen, mit reißender Schnelligkeit ergoss sich das wild tobende Wasser in die weiten offenen Ebenen, in wenigen Sekunden verwandelten sie sich in eine einzige verheerende wilde Wasserwüste. Kein Deich widerstand, Menschen und Vieh wurden fortgespült. Namenloses Elend und unbeschreibliches Unglück waren die Folge. Osterstade lag drei Jahre lang offen – nur öde Schlammebene, Binsen und Rohr.«

»De grote Manndränke un Wassersnot.« Klabatterkatt frottierte ihr Fell trocken.

»Und trotzdem haben die Überlebenden geklebt und festgehalten an dem mächtigen Wesen Heimat, sie bauten Bis-hierher-und-nicht-weiter-Deiche gegen die Fluten, doch die Lasten auf den Ländereien wurden unerträglich. Wer die Kosten des Deiches nicht erschwingen konnte, steckte nach altem Brauch einen Spaten hinein, manch mutiger Arbeiter hat dann den Spaten gezogen, für bessere Zeiten und durch dieses Spatenrecht das Land für sich erworben.«

Dem Weserkater standen die nassen Haarspitzen aufrecht wie bei einem Igel. »De nich will diken mut wiken«, bestätigte er.

Am nächsten Tag  zogen wir weiter durch getrübtes muddiges Wasser, vorüber an halben Häusern, Sparren, Brettern, Schränken, Betten, Kadavern, Heu, Stroh, Trümmern, Haus- und Ackergerät.

»Reid.« Fellmotte deutete mit der Tatze auf einem mächtigen Rohrstrich, an dem wir mehrere Stunden ununterbrochen vorüberzogen. Die langen Rohrfelder gaben der Marsch ein eigentümliches Gepränge, in hochrauschenden gedehnten Feldern wuchs dort Phragmites, die größte aller norddeutschen Gramineen. Das Rohr, Ried genannt, mit den leicht beweglichen Halmen, dem Wanken und Schwanken, Neigen und Beugen, war die Charakterpflanze der Marschen. Im Winter erntete man es mit speziellen kurzklingigen Sicheln auf dem Eis, um damit die Dächer der Bauernhäuser einzudecken.

Klubenstock

Leichter Nieselregen setzte ein. Das Land Stedinga orientalis, die Osterstader Marsch lag vor uns, grün und fruchtbar. Die blühende Marsch gründete ihren Reichtum auf Viehscharen, denn das Gras zur Rinderzucht wuchs auf dem schweren bindigen Boden in Menge und Üppigkeit.

Der Anker rasselte zu Grund, die Kogge lag auf dem Strom. Ubbo hechtete ans Ufer und Wierich ließ die Leinen fliegen. Wir hatten Rechtenfleth erreicht, die Meerweibchenuhr dümpelte am Strand.

In der Feldmark erblickten wir in der Ferne unseren Gastgeber: Hermann Allmers pflügte bei Regen unter einem Schirm, sein Pflug war mit vier Pferden bespannt und quälte sich durch die massigen Schollen.

»Pätsch«, nannte Fellmotte den nassen Kleiboden.

»Der Alte kuhlt, er pflügt ein Bohnenfeld«, grinste Wierich. Hermann wühlte die muschelhaltige Kuhlerde unter den Acker, die angebaute kleine Feldbohne ‚Ficia Faba’ würde er im Herbst auf seiner Diele dreschen. Am Rand des Ackers war die Erde noch dunkler – dort lag Dwo, schwarzer Marschton zum Ziegel brennen.

Als Hermann uns sah, übergab er Gespann und Regenschirm an einen Knecht und  machte sich auf zu seinem Marschenhof. Vor ihm lag ein Graben, er stützte sich auf eine merkwürdige Gerätschaft, einen Klubenstock, und sprang hinüber. Es war eine lange Stange aus zähem Eschenholz, an deren Ende eine kurze stumpfe eiserne Gabel angebracht war, um ein Einsinken zu verhindern.

»Hä, wat hest du’t hild? Gah sacht hen.« Fellmotte hing über der Reling und rief ihm nach.

»Ja wöllt sehn, wat’t deit«, kam Hermanns Antwort zurück und er setzte über einen weiteren Wasserzug nach Hause.

(Fortsetzung folgt!)

Copyright © 2013/14 by Ollivia Moore

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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