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MARC ZEICHNET SCHWARZ-WEISS – Leseprobe (Teil 3) aus dem gleichnamigen Roman von Karsten Harms

MARC ZEICHNET SCHWARZ-WEISS

– Leseprobe (Teil 3) –

aus dem gleichnamigen Roman

von Karsten Harms

(Zum vorherigen Teil)

Man kann über alles spötteln,
weil alles eine Kehrseite hat.

Charles-Louis de Montesquieu

Montag

1

Ich fange am besten bei dem Tag an, an dem der ganze Schlamassel losging. Das ist noch nicht lange her, es war Anfang April. Es war der Tag, an dem ich gefeuert wurde. Ein richtig toller Aprilscherz! Jedenfalls war es so, dass mich der Abteilungsleiter, ein gewisser Herr Dr. Mertens, an einem Donnerstag zu sich zitierte und mir in einem Gespräch unter vier Augen deutlich machte, was er von mir und meiner Arbeitsleistung hielt. Er sagte, für das, was ich leistete, bekämen anderswo Leute nicht einmal einen Hungerlohn. Er rechnete mir irgendeinen Kram vor, meinte, ich hätte schon lange keine Steigerung mehr beim Umsatz gehabt. Das war schon ein ziemlicher Hammer, zumal ich noch zwei Monate zuvor für eine Gehaltserhöhung vorgeschlagen worden war, weil ich durch meine Eigeninitiative Unheil von der Versicherung, für die ich arbeitete, abgewendet hatte.

Dann fing der gute Herr Mertens auch noch an, mich als Person zu attackieren. Mein Kleidungsstil sei zu leger, meinte er, und ich hätte mehr Interesse an den langen Beinen der neuen Auszubildenden als an meiner Arbeit. Dass er genau damit anfing, war bezeichnend, gar verräterisch, denn er selbst hatte mir beim letzten Betriebsfest in schwer angetrunkenem Zustand erzählt, eben jene Auszubildende hätte die hübschesten Beine im ganzen Unternehmen. Mich so direkt anzugreifen, musste auf reinem Neid basieren! Schließlich hatte er bei besagtem Betriebsfest wohl mit angesehen, wie ich selbst am Ende – mittlerweile ebenfalls betrunken – mit der jungen, hübschen Dame abseits des Geschehens im Gebüsch verschwunden war.

Langer Rede kurzer Sinn: er ließ sich weiter über mich aus, war ungerecht, machte mich schlecht, so dass langsam das Blut in meinen Adern zu kochen begann. Irgendwann konnte ich nicht mehr an mich halten. Ich sprang von meinem Stuhl auf und brüllte ihn an; ich schrie, dass er nicht das Recht hätte, so mit mir umzugehen, weil ich für die Versicherung gute Arbeit leisten würde. Ich sagte ihm, dass er sich seit seinem Aufstieg zum Abteilungsleiter zu einem arroganten und verlogenen Arschloch entwickelt hätte. Dann erinnerte ich ihn daran, wie er noch vor zwei Jahren, also vor seiner Beförderung, mit uns allen zusammen entspannt in den Kaffeepausen geblödelt, über die Versicherung hergezogen und dumme Witze über die Gruppenleiter gemacht hatte. Ich fragte ihn, wie um Himmels willen es hatte passieren können, dass aus dem einstmals netten Kollegen und Kumpel ein angespannter, ständig schwitzender, egozentrischer und selbstverliebter Kerl geworden war, der sich mehr Gedanken um die Alufelgen seines neuen Dienstwagens machte als um den Fortbestand des Unternehmens und die Zufriedenheit der Mitarbeiter. Ich wollte von ihm wissen, wie es verdammt noch mal möglich sei, dass aus einem ehemals kollegialen und mitfühlenden Angestellten jemand hatte werden können, der mit Eiseskälte andere entlässt, der ganze Arbeitsgruppen allein aus dem Grund auflöst, um im Kostenbudget der Abteilung Geld zu sparen, und der überdies mit größtem, fast diebischem Vergnügen das Gehalt seiner Untergebenen – also nicht zuletzt seiner ehemaligen befreundeten Kollegen – herunterhandelt, damit für ihn selbst mehr vom Gewinn abfallen kann. Zudem machte ich ihm klar, dass er seit jener Zeit nicht nur grau und fett, sondern auch träge geworden war – und impotent. Letztere, zugegebenermaßen unsachliche Attacke feuerte ich mit dem reinsten Vergnügen gegen ihn ab! Ein Kollege hatte mir einmal gesteckt, dass der gute Mertens seine Frau nicht mehr richtig befriedigen würde. Dies wusste er offenbar aus vertraulicher Quelle, weil nämlich ein Freund von ihm die Ehefrau jeden Freitagnachmittag besuchte – also immer dann, wenn ihr machtgeiler Mann beim Vorstand zum wöchentlichen Rapport antreten musste – und ihr genüsslich das Hirn zur Schädeldecke hinausfickte.

Dann kam ich richtig in Fahrt, überlegte nicht mehr, was ich sagte. Mit bösem Blick fragte ich den Abteilungsleiter, der mittlerweile angefangen hatte, nach Luft zu schnappen, wann er das letzte Mal seine Alte richtig rangenommen hätte, wann er ihr das letzte Mal einen Orgasmus hätte bescheren können und warum er seinen kleinen Freund nur noch so selten hoch bekäme. Ich teilte ihm mit, dass sich Stress und Fettleibigkeit äußerst negativ auf die Libido auswirkten. Ich stellte ihm die Frage, ob er von den wissenschaftlichen Studien wüsste, die zweifelsfrei belegten, dass männliches Bauchfett jede Menge weibliche Sexualhormone, Östrogene, produziert. Ich provozierte ihn weiter mit der Bemerkung, dass ihm höchstwahrscheinlich noch kleine Titten wachsen würden, wenn er nicht damit aufhörte, einen Haufen Essen in sich hineinzustopfen und den ganzen Tag lang nichts anderes zu tun, als seinen dicken Hintern auf dem Chefsessel platt zu sitzen. Am Ende gestand ich ihm noch – mit dem allergrößten Vergnügen, weil mir mittlerweile alles, was mit meiner Arbeit zu tun hatte, gleichgültig geworden war –, dass es niemand anderes als ich gewesen war, der seit Wochen heimlich unverschämte Karikaturen am schwarzen Brett platziert hatte. Ich muss ehrlich sagen: meine Karikaturen sind der Hammer! Ich bin ein guter Zeichner – so gut, dass man bei den dargestellten Personen auf den ersten Blick erkennt, um wen es sich handelt. Am liebsten hatte ich den guten Mertens höchstpersönlich gezeichnet. Er gab die beste Zielscheibe ab, weil er mit Abstand der Verlogenste der Abteilung war. Bei einer Karikatur hatte ich ihn zum Beispiel als feisten Herren gemalt, einen Arsch mit Ohren im wahrsten Sinne des Wortes, der zornig einen angeketteten Elefanten antreibt, sein vieles Geld im Keller platt zu trampeln, damit genug Platz für Nachschub entsteht. Ich weiß noch, wie ich selbst laut losprusten musste, als ich die Zeichnung, mit der ich die Belegschaft gleichermaßen wachrütteln wie amüsieren wollte, nach Fertigstellung genüsslich betrachtete.

Nachdem ich beim Personalgespräch mit meinen hitzigen Ausführungen fürs Erste am Ende war, schluckte Mertens betroffen, zupfte sich nervös an seinem verschwitzten Hemdkragen, wusste nichts mehr zu erwidern und stammelte lediglich etwas wie „das wird Konsequenzen haben“ oder so. Ich schlug noch einmal mit der Faust auf den Tisch, schaute ihm lange und eindringlich in seine starren Augen und sagte, dass ich froh wäre, nicht so enden zu müssen wie er, weil ich einen Dreck auf Ansehen, Vermögen und Statussymbole gäbe; ich schimpfte, ich müsste kein Jahresgehalt im sechsstelligen Bereich haben, weil ich im Gegensatz zu ihm keine geldgeile Gebärmaschine geheiratet hatte, die mir irgendwann die Hölle heiß machen würde, wenn ich nicht genug Kohle für die ganze Familie herbeischaffen könnte. Ich baute mich schließlich in ganzer Größe vor ihm auf, brachte mein Gesicht dicht vor seins und sagte ihm, ich gäbe auf Luxus rein gar nichts und führte viel lieber ein Leben, bei dem ich nicht gehetzt, nicht getrieben wäre und fröhlich und freundlich bleiben könnte, weil ich genau das täte, was mir gefiele, was mir läge und was meine Leidenschaft wäre; ein Leben, bei dem es mir gleichgültig wäre, wie viel Geld ich auf dem Konto hortete, ob die Felgen des Dienstwagens aus Aluminium seien und ob sich die Außenspiegel elektronisch einklappen ließen.

Das mit den blöden Spiegeln war noch einmal ein Volltreffer mitten in seine Magengrube; das habe ich an dem Flimmern in seinen Augen gesehen. Damit spielte ich darauf an, dass er seinen Dienstwagen, immerhin einen nagelneuen Audi A6, also nicht gerade eine poplige Karre, nur deshalb hatte zurückgehen lassen, weil die Außenspiegel nicht elektronisch einzuklappen gewesen waren. Auch diese ungeheuerliche Nachricht hatte ich an einem geselligen Abend von einem Kollegen erfahren. Nun gut, jedenfalls kritisierte ich den immer stärker schwitzenden Mertens derart laut, dass wahrscheinlich die alte, verrunzelte Vorzimmerdame, die schon immer zu dem antiquierten Inventar des konservativen Versicherungsunternehmens gehört zu haben schien, keine Mühe gehabt hatte, trotz geschlossener Bürotür meine Worte mitzustenographieren. Mir gefiel die Vorstellung, wie nach meinem Auftritt die Gerüchteküche in dem geschwätzigen Sekretariat zu brodeln begänne und die gesamte Belegschaft noch am gleichen Tag über den Flurfunk erführe, dass und wie ich dem Abteilungsleiter lauthals die Meinung gegeigt hatte.

Copyright © 2013 by Karsten Harms / Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Wenz-Verlages.

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Bildrechte: “Psychogenese – Dem Wahnsinn auf der Spur” (Psychogenese5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Psychogenese-50-minus^20-0.jpg” (Originaltitel: Psychogenese5.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Und hier geht es zum Buch von Karsten Harms:

Harms, Karsten
Marc zeichnet schwarz-weiß

Verlag :      Wenz Verlag
ISBN :      978-3-937791-42-5
Einband :      Paperback
Preisinfo :      13,95 Eur[D] / 14,40 Eur[A] / 20,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 21.02.2013
Seiten/Umfang :      516 S., schw.-w. Zeichn. – 21,0 x 14,8 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      03.2013

Engel oder Teufel? Liebe oder Triebe? Vitalität oder Selbstmitleid? Marc schwankt zwischen Extremen und versucht dabei stets, sich selbst treu zu bleiben. Seine Mitmenschen, ob mit guten oder schlechten Absichten, sind dabei nicht immer hilfreich: sei es der überhebliche Chef, dessen herablassenden Tadel Marc sich nicht länger gefallen lassen will – woraufhin er prompt gefeuert wird; sei es die Exfreundin, die statt Mitgefühl nur Vorwürfe zu bieten hat oder die spannende neue Bekanntschaft, die Marc dermaßen verwirrt, dass er kaum wagt, ihren Brief zu öffnen. Am Ende einer ereignisreichen Woche findet er sich in einer psychiatrischen Klinik wieder und rekapituliert, was ihn und die Welt an diesen Punkt gebracht hat.

Karsten Harms, gebürtiger Berliner und studierter Molekularbiologe, schreibt seit vielen Jahren Kurzgeschichten, stets mit einer gesunden Portion Ironie und Bissigkeit. „Marc zeichnet schwarz-weiß“, ein polarisierender, gesellschaftskritischer Roman, ist seine erste literarische Publikation. Der Autor lebt und arbeitet heute im Rheinhessischen.

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Updated: 3. September 2013 — 14:07

4 Comments

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  1. Ungwöhnlich, wenn Autoren ihre Protagonisten solch deutliche Worte in den Mund und dabei kein Blatt davor nehmen lassen. Was meint Ihr?

  2. Wer von Euch war denn schon mal Insasse oder Patient in einer psychiatrischen Klinik weil er ausgerastet ist? Die meisten Menschen in dieser Gesellschaft wandern doch oft wegen Depressionen und Selbstmorabsichen und -versuchen in solche Häuser.

    Ich hatte mal eine Bekannte, die litt immer mehr unter Verfolgungwahn, dass die Menschen und die Gesellschaft um sie herum sie fertig zu machen drohten. Ich war damals ziemlich schockiert, wie sich ein Mensche so verändern kann, wenn er dem Druck des Täglichen nicht mehr standhält.

    Wer hat Ähnliches erlebt?

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