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Leseprobe: Jean-Louis Brunaux: Druiden – Die Weisheit der Kelten

Leseprobe:

Jean-Louis Brunaux 
Druiden – Die Weisheit der Kelten

Gelehrte

Im 2. Jahrhundert v. Chr. erlebten die Druiden wohl ihre Blütezeit, das heißt sie übten in kultureller Hinsicht die größte Ausstrahlung aus und fanden die weiteste geographische Ausbreitung. Gallien kannte im Lauf der Geschichte seiner Unabhängigkeit zu keinem Zeitpunkt so etwas wie politische Einheit, nicht einmal eine parallele Entwicklung seiner sozialen Institutionen. Jeder Stamm folgte auf seinem Weg hin zu einer differenzierten Staatsform seinem eigenen Rhythmus, wobei die Lösungen der Nachbarn zunehmend in den Blick gerieten und auch die Gesamtsituation immer mehr ins Bewusstsein kam, zunächst die der nächstgrößeren ethnischen Gruppe, zu der ein Stamm gehörte (Kelten im Zentrum, Belger im Norden oder Aquitaner im Süd-Westen), dann die Situation des gesamten Gallien. Zu Beginn des 2. Jahrhunderts wurden erste Anstrengungen zu einer Vereinheitlichung spürbar, doch erst in den ersten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts v. Chr. trugen sie wirklich Früchte – möglicherweise für Caesar ein zusätzlicher Grund, in Gallien einzumarschieren.

Diese neuen politischen Bestrebungen – die Stämme beginnen sich zusammenzuschließen, auch außerhalb der Kriegszeiten, und ihre Beziehungen untereinander zu institutionalisieren und zu reglementieren – gingen von den Druiden aus. Wir werden das am Beispiel der Versammlungen sehen, die sie bei den Carnuten abhielten. Sie setzen voraus, dass die Druiden damals in diversen Bereichen wichtige Machtbefugnisse hatten. Genau diese Situation beschreibt Poseidonios für die letzten Jahre des

2. Jahrhunderts v. Chr. Die vielfältigen Funktionen der Druiden in der Gesellschaft, die in Caesars Text detailliert beschrieben sind, 1 wurden ihnen nicht auf einmal übertragen, als sie sich im Lauf des 5. Jahrhunderts, vielleicht auch früher, als kohärente Gruppe zusammenzufinden begannen. Auch haben sie sich nicht unvermittelt dieser Funktionen bemächtigt – ganz einfach weil keine ihrer Funktionen einem unmittelbaren, artikulierten Bedürfnis ihrer Mitbürger entsprach. Sie selbst sind es, die allmählich die Bedingungen für ihre späteren Aktivitäten schaffen und damit gleichzeitig die Gesellschaft umwandeln.

Sicherlich waren es zuerst die Wissenschaften im engeren Sinn, in denen sie sich hervortaten und durch die sie für das Funktionieren der Gemeinschaften, in denen sie lebten, unentbehrlich wurden. Ihre besondere Vorliebe galt von alters her der Astronomie mit all ihren vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten im Alltag. Sie als einzige wird von den antiken Autoren explizit genannt, wenn es um eine von den Druiden regelmäßig ausgeübte Betätigung geht: »Die Druiden stellen häufig Erörterungen an über die Gestirne und ihre Bahn, über die Größe der Welt und des Erdkreises […] und vermitteln dies alles der Jugend.« 2 Dieser Satz Caesars bringt deutlich, wenn auch knapp zum Ausdruck, dass die Beobachtung des Himmels und der Gestirne in eine Reihe von Spekulationen sehr weitreichender Art mündete, die auch Fragen zur Natur und und der Form der Erde, ja des ganzen Universums mit einschlossen. In dieser Hinsicht unterschieden sie sich kaum von den ersten griechischen Denkern, den Vorsokratikern, und dann den Pythagoreern, für die die Astronomie sowohl ein Forschungsfeld im engeren Sinn war als auch ein Mittel, um allgemeinere Phänomene (das Wesen und den Ursprung der Materie) sowie speziellere Fragen (die Geographie der Erde) zu untersuchen.

Wir haben kaum die Möglichkeit, uns eine Vorstellung von ihrem positiven Wissen zu machen, denn es wurde weder von ihnen selbst schriftlich festgehalten noch von ihren Nachbarn, die sich der Schrift bedienten. Vielleicht hat Poseidonios etwas aufgezeichnet, doch wenn er es tat, dann ist nichts davon erhalten geblieben. Immerhin wissen wir, dass die astronomischen Beobachtungen zur Erstellung von Kalendarien führten; das berühmteste Beispiel ist der Kalender von Coligny. Solche Kalendarien waren als immerwährende Kalender konzipiert, und ihre Konstruktion setzte Beobachtungen über sehr lange Zeiträume voraus 3 und erforderte komplizierte Berechnungen, und sei es nur, um den Mondzyklus – auf dessen Basis der Monat berechnet wurde – mit dem Sonnenzyklus zusammenzuführen, womit man ein Kalenderjahr festlegen konnte. Ein annähernder Ausgleich wurde nach dem Ablauf von zweieinhalb Jahren vorgenommen, ein vollständiger Ausgleich nach dem Ende jedes fünften Jahres. Der Anfangspunkt dieser Fünfjahreszyklen war jeweils ein kultischer Festakt. Ein Saeculum umfasste 30 Jahre, entsprach also ungefähr der Lebensdauer einer Generation. Die Druiden beherrschten die Handhabung dieser komplexen Kalender, bestimmten die Fastentage und wahrscheinlich außerdem die Zeiträume, die sich für religiöse Zeremonien eigneten oder an denen kriegerische Unternehmungen in Angriff genommen werden konnten. Sie waren so etwas wie die Herren der Zeit und traten damit in direkte Konkurrenz mit den Sehern, deren Voraussagen über den Lauf der Dinge eher punktuell waren und zufällig.

Die Wissenschaft der Astronomie spielte auch in Fragen des Kultes eine Rolle. Seit ältesten Zeiten waren die Menschen überzeugt, dass die Wirksamkeit religiöser Zeremonien davon abhing, dass man sie mit der kosmischen Entwicklung des Universums abstimmte, das heißt den Himmel und den Lauf der Gestirne in die Planungen mit einbezog. Opfer- und andere Kulthandlungen wurden an Tagen vorgenommen, die sich durch bestimmte Konstellationen der Gestirne besonders auszeichneten. Die Einrichtung fester, für die Ewigkeit errichteter Kultorte erforderte noch mehr Rücksicht auf die Harmonie zwischen den Einrichtungen der Menschen und dem sie umgebenden Kosmos. Die Umfriedungsmauern der Kultorte wurden nach dem Sonnenaufgang ausgerichtet, und man orientierte sich an markanten Ereignissen wie der Sonnenwende. Gelegentlich wurden zunächst die Seiten der Gesamtanlage nach den vier Himmelsrichtungen und anschließend Altar und Eingangstor nach dem Sonnenstand am Tag der Sommersonnenwende ausgerichtet. 4 Eine solche Platzierung architektonischer Elemente im Rahmen einer kosmischen Ordnung war ohne hohe rechnerische Kompetenz und außerordentliche Fähigkeiten auf dem Gebiet der Geometrie nicht zu realisieren. Es war sicher kein »niederes Volk«, wie Caesar meinte, 5 das solche Projekte in Angriff nehmen konnte, genauso wenig wie Krieger, die sich im Verlauf eines Jahres in anderen Künsten übten. Nur die Druiden und andere, die sich ihrer intellektuellen Autorität unterstellten, waren in der Lage, so etwas zu vollbringen.

Poseidonios, ebenso wie Cicero, 6 teilen uns mit, dass die Druiden sich auch intensiv mit einem anderen ausgedehnten Wissenschaftsbereich befassen, der in der griechischen Antike so genannten physiologia , 7 der nach heutigen Begriffen ein breites Spektrum einzelner Wissenschaften (Physik, Chemie, Geologie, Botanik, Zoologie, um nur die wichtigsten zu nennen) entspricht. Der Umstand, dass die einzelnen Wissenschaften damals noch nicht ausdifferenziert waren, ist alles andere als ein Hinweis auf die mangelhafte Qualität des Wissens selbst, sondern vielmehr Zeichen einer umfassenden Interdisziplinarität, die um so profunder ist, als sie von Männern praktiziert wurde, die ihre Kenntnisse sorgfältig abschirmten. Die Vorstellung vom Studium der »Natur« war bei den Vorsokratikern ganz ähnlich. Der einzige bedeutende Unterschied zwischen ihnen und den Druiden betrifft den Zeitpunkt: Sie betrieben diese Form von Wissenschaft bereits zwei oder drei Jahrhunderte vor den Druiden. Wie die ersten griechischen Philosophen stellten die Druiden ausführliche Spekulationen zur Zusammensetzung der Materie an. Offenbar gingen sie ebenfalls von einem dynamischen Zusammenwirken mehrerer Urelemente aus, wobei Luft, Wasser und Feuer die wichtigste Rolle spielten. Das Ende der Welt stellte sich für sie als Trennung dieser Elemente dar und als unbeschränkte Herrschaft von Feuer und Wasser. 8

Glücklicherweise gibt es einen Bereich der Naturwissenschaft – die Botanik –, in dem die Kenntnisse der Druiden Spuren hinterlassen haben, die auf den Umfang ihres Wissens und seine praktische Anwendung schließen lassen. Wir verdanken diese Spuren Plinius dem Älteren und seiner Naturkunde . 9 Ein Großteil der Materialien, die er untersucht, und der Themen, die er anspricht, hat mit Gallien zu tun. Die antiken Autoren, die er als Vorlage benutzt, verdanken der Tradition der Druiden wahrscheinlich mehr, als der Text der Naturkunde zu erkennen gibt. Was er allerdings über drei einzelne Pflanzen mitteilt, reicht aus, um deutlich zu machen, dass die Druiden sich mit der Bestimmung zahlreicher Arten befassten, mit ihrer Benennung (zwei der Bezeichnungen, selago und samolus , stammen aus dem Gallischen) und ihrer Einordnung in eine Heilmittelliste; dazu kamen genau festgelegte Ernteriten. Die Mistel, deren therapeutischer Nutzen auch heute noch bekannt ist, 10 galt als Allheilmittel, daher fand die Ernte im Rahmen von darauf abgestimmten Riten und religiösen Zeremonien höchster Feierlichkeit statt (die Opferung eines Paars von Stieren ist, das haben archäologische Entdeckungen gezeigt, vollkommen außergewöhnlich). Der selago , der zu den Nachtschattengewächsen zählt und bisher nicht näher identifiziert werden konnte, hatte magische Abwehrkräfte und Heilwirkungen bei Augenerkrankungen. Rituelle Gesten und eine Opfergabe in Form von Brot und Wein begleiteten seine Ernte. Und der samolus , eine Sumpfpflanze, heilte Krankheiten bei Schweinen und Rindern; wer sie erntete, durfte sie nicht anschauen, sondern nur in den Trog legen, aus dem die Tiere sie dann später aufnahmen.

Wir haben oben gesehen, 11 dass die Druiden seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. und möglicherweise unter dem Einfluss pythagoreischen Gedankenguts Meister der Geometrie wurden. Es gab für diese Wissenschaft zahlreiche Anwendungsgebiete, und mit ihrer Hilfe konnten viele Alltagsprobleme gelöst werden. Auf dem Gebiet der Kunst fand die Geometrie für Menschen, deren Augen an die Betrachtung reiner, regelmäßiger Formen nicht gewöhnt waren, ihren faszinierendsten Ausdruck. Am meisten aber profitierte der Bereich der Technik. Die Geometrie ermöglicht die Umsetzung von Planungsentwürfen auf unebenen Flächen, 12 die Realisierung von Entwürfen für Metallarbeiten in drei Dimensionen und vor allem die Herstellung von Konstruktionsplänen für komplexere Produkte wie etwa Fahrzeuge, Bergwerksstollen, Festungen und ihre Zugänge und so weiter.

Durch derartige Kenntnisse besaßen die Druiden mit Sicherheit eine Aura, die wir uns heute nur schwer vorstellen können. Sie ging einher mit großem Vertrauen, das nicht nur das gesamte Volk, sondern auch seine aristokratische und politische Elite den Menschen entgegenbrachte, die sie, wie Caesar es ausdrückt, »besonders verehren«. Auf dieser Grundlage von Vertrauen und Charisma konnten die Druiden allmählich jene außerordentliche Position im Gefüge der gallischen Gesellschaft einnahmen.

Die Beherrschung der Schrift

In ihrer intellektuellen Entwicklung und bei der Festigung ihrer sozialen Position spielte die Schrift eine fundamentale Rolle. Diese ist nicht ganz einfach zu fassen, weil hierfür zwei Sichtweisen kombiniert werden müssen, die normalerweise als unvereinbar gelten. Die erste, vertrautere sieht in der Schrift das Mittel, Kenntnisse zu erwerben und weiterzugeben. Auf einer zweiten Ebene, die weniger häufig beachtet wird, spielt die Schrift als äußerst wirkungsvolles Instrument der Machtausübung eine zentrale Rolle. Die Genialität der Druiden bestand darin, diese beiden Eigenschaften zu verbinden, wie das auch die Pythagoreer einige Jahrhunderte früher versucht hatten. Diese waren dabei jedoch letztlich gescheitert, weil sie in einer Welt lebten, die von der Schrift bereits reichlich Gebrauch machte, wohingegen die Druiden sich tatsächlich der Kontrolle und der Herrschaft über die Schrift bemächtigen konnten. In der Geschichte der Menschheit stellt dies eine absolute Ausnahme dar.

Caesar, der vermutlich recht unzulänglich eine sehr viel differenziertere Darstellung bei Poseidonios zusammenfasst, erklärt: Die Druiden

halten es für Frevel, ihre Lehre aufzuschreiben, während sie in fast allen übrigen Dingen im öffentlichen und privaten Bereich die griechische Schrift benutzen. Wie mir scheint, haben sie das aus zwei Gründen so geregelt: Einmal wollen sie nicht, daß ihre Lehre allgemein bekannt wird, zum andern wollen sie verhindern, daß die Lernenden sich auf das Geschriebene verlassen und ihr Gedächtnis weniger üben. Denn in der Regel geschieht es, daß die meisten im Vertrauen auf Geschriebenes in der Genauigkeit beim Auswendiglernen und in ihrer Gedächtnisleistung nachlassen. 13

Man hat daraus den Schluss gezogen, dass die Druiden den Gebrauch der Schrift untersagten, wenn es nicht um kaufmännische Transaktionen ging, was durch Graffiti auf Tellern bestätigt zu werden schien, die als Abrechnungen eines Töpfers interpretiert wurden. 14 Man hat sich allerdings nie über den Wahrheitsgehalt der Angaben bei Caesar Gedanken gemacht, über den objektiven Gehalt dieses Exzerpts seiner Vorlage – es muss einer der wichtigsten Abschnitte in der Beschreibung der Gallier bei Poseidonios gewesen sein. Es ist also notwendig, auf die Originalquelle zurückzugehen. Wie wir bereits feststellten, wurde sie abgeschrieben und modifiziert, das heißt: Weder Diodor von Sizilien noch Strabon haben sie korrekt wiedergegeben. Die Art, wie Caesar Poseidonios auswertet, lässt leicht auf seine ganz spezielle Zielrichtung schließen; er nimmt keinerlei Rücksicht auf den philosophischen Zusammenhang, in dem die Druiden behandelt werden. Denn sicher drängte sich Poseidonios der Vergleich mit den Gebräuchen der Pythagoreer auf, und vermutlich hat er diesen Vergleich an seine Leser weitergegeben. Der Grund, den Caesar anführt, um die Ablehnung der Schrift zu erklären (dass das Gedächtnis geschwächt würde), zeigt wieder einmal, dass er sich von Poseidonios nur die harmlosesten Informationen holt, die garantiert keinen ideologischen Sprengstoff in sich bergen.

Um den Abschnitt abzufassen, der sich mit der Ausbildung und den Medien der Kommunikation beschäftigt, griff der Rhodier, wie Poseidonios häufig auch genannt wird, nicht in erster Linie auf ältere Autoren zurück. Die Existenz gallischer Texte in griechischer Schrift, abgefasst für politische und private Zwecke, wurde kürzlich durch archäologische Untersuchungen bestätigt, 15 sicher reicht sie nicht weiter zurück als bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. Mit anderen Worten: Autoren wie Timaios oder Ephoros können solche Schriften kaum gekannt haben, zu der Zeit jedoch, als Poseidonios seine Forschungen anstellte, waren sie von größter Aktualität. Es handelt sich also nicht nur um eine Information, die ziemlich genau auf das Ende des 2. und den Beginn des 1. Jahrhunderts datiert werden kann, sondern sie lag Poseidonios auch nicht in schriftlicher Form vor: Der Ethnograph Galliens muss sie während seiner Feldforschungen selbst ermittelt haben. Sie war Teil einer Sammlung von Angaben aus dem Bereich der Wissenschaft (etwa astronomischer Erkenntnisse), der Metaphysik und Eschatologie (der Glaube an die Seelenwanderung, die Vorstellung vom Jenseits) oder auch der Gesellschaftsordnung (Zusammenhang der verschiedenen sozialen Schichten, Rolle der Ausbildung durch die Druiden), die gut mit genau dieser Epoche übereinstimmen und die Poseidonios als bereits zusammengestelltes und geordnetes, kohärentes Korpus mit Sicherheit nicht von einem griechischen Händler oder einem römischen Verwalter der Provincia erhielt. Bei dem Informanten kann es sich auch hier wieder nur um einen Druiden oder einen Aristokraten gehandelt haben, der von den Druiden ausgebildet wurde; nur dieser Personenkreis kann in den Jahren um 90 v. Chr. über einen so differenzierten Wissensstand verfügt haben. Zu dieser Schlussfolgerung berechtigen uns die präzisen Details über den Gebrauch der Schrift in Gallien, und sie ist von allergrößter Bedeutung: Poseidonios stand in direktem Kontakt mit einem oder mehreren Druiden, genau wie 40 Jahre später Cicero mit dem Häduer Diviciacus, der, wahrscheinlich ebenso wie die Gesprächspartner des Poseidonios, nicht nur Druide, sondern auch Aristokrat und Politiker war, betraut mit dem Amt des obersten Magistrats seiner Stadt.

Der Verlust des Textes von Poseidonios ist also höchst bedauerlich. Mit dem, was Caesar – vor allem über den Gebrauch der Schrift – daraus übernahm, verfolgt er offenbar nur ein einziges Anliegen: Es soll das eifrige Bestreben der Gallier demonstrieren, sämtliche Arten von Wissen zu erwerben; dies war eine der Schablonen – eine der schmeichelhafteren Sorte, wie wir hinzufügen müssen –, mit denen die griechischen und römischen Schriftsteller jene erstaunlichen Barbaren charakterisierten, die es in jeder Hinsicht verdienten, kolonialisiert zu werden. Die politischen und philosophischen Gründe aber sind nicht mehr erkennbar, welche die Druiden zu der paradoxen Entscheidung bewogen hatten, dem größten Teil der Bevölkerung den Gebrauch der Schrift zu verbieten. Wir müssen diese Gründe also rekonstruieren. Offenbar haben sie mit dem Geheimcharakter der Lehre zu tun, die von Caesar nicht eindeutig benannt wird, aber etwa bei Pomponius Mela 16 sehr deutlich erscheint: »Sie unterweisen die Edelsten ihres Volkes heimlich und lange – je zwanzig Jahre – in vielerlei Dingen entweder in einer Höhle oder in abgelegenen Bergwäldern.« 17

Offenbar hatten die Druiden also eine pädagogische Initiation von sehr langer Dauer begründet, die sich wahrscheinlich in mehrere, möglicherweise durch Passage-Riten markierte Etappen aufgliederte und nach deren Ablauf die Schüler selbst den Status eines Druiden erworben hatten. Das enzyklopädische Wissen, das im Lauf dieser Ausbildung vermittelt wurde, verlieh denen, die es empfingen, beträchtliche Macht, vor allem in der Politik. Da die Druiden bestrebt waren, diese Aktivität streng zu kontrollieren, und weil sie sich auch, wie wir im weiteren Verlauf sehen werden, um die Macht auf der Ebene der Rechtsprechung bemühten, hielten sie ihr gesamtes Wissen geheim und teilten es nur den ausgewählten Individuen mit, denen sie auf lange Frist zutrauten, die Eigenschaften und die Orientierung zu entwickeln, die ihren politischen Vorstellungen entsprachen. In der Anfangszeit und sicherlich auch für die folgenden Jahrhunderte hatte diese systematische, strenge Auswahl philosophische Gründe: Die Druiden hielten wie die Pythagoreer und Platon die Politik für eine zu vornehme und für die Gesellschaft unverzichtbare Betätigung, als dass man sie jedermann anvertrauen durfte. Die Initiation in die Schrift und ihr kontrollierter Gebrauch dienten als Filter, durch den nur einige wenige Individuen hindurchgelangten, die später die größte Verantwortung übernehmen sollten und dabei ihr ganzes Leben lang der geistigen Gemeinschaft verpflichtet blieben, aus der sie hervorgingen.

So kann man sicher davon ausgehen, dass die Druiden zwar den allgemeinen Gebrauch der Schrift verboten, auf sich selbst – entgegen einer lange Zeit verbreiteten Annahme 18 – dieses Verbot jedoch nicht anwandten. Sie waren sich des Wertes und der Wirksamkeit der Schrift sehr bewusst, daher beanspruchten sie den Gebrauch für sich allein und untersagten allen anderen den Zugang dazu. Schon früh waren sie mit der Schrift in Kontakt gekommen, wahrscheinlich bereits während der Zeit ihrer Entstehung, weil die Druiden aus der Begegnung mit dem griechischen Wissen und dem damit verbundenen wissenschaftlichen Handwerkszeug hervorgingen. Zu diesem Handwerkszeug gehörte die Schrift, ebenso wie die Zahlen, die bekanntlich in ihrem Denken und ihrer Spezialaufgabe als Wahrsager eine große Rolle spielten. Es ist kaum nachzuvollziehen, warum sie die Zahlen, die als genauso heilig galten, schriftlich notiert haben sollen, die Buchstaben aber nicht – zumal da die einen wie die anderen mit denselben Zeichen notiert wurden. 19 Es war ein logischer Schritt, die gallischen Laute jeweils mit den griechischen Buchstaben zu umschreiben, die ihnen am nächsten kamen. Diese Umschreibungen fielen ihnen umso leichter, als sie dringend gebraucht wurden. Ohne die Aufzeichnung der Auf- und Untergangszeiten der Gestirne konnte es keinen Fortschritt in der Astronomie geben, in der die Druiden sich so hervortaten. Vor allem ist es ohne sie nicht möglich, einen Kalender zu erstellen. Die einzigen bekannten Kalender, diejenigen von Coligny und von Villards-d’Héria, zeigen daher auch neben den numerischen Angaben zu den Tagen Anmerkungen zu ihrem Charakter als Feiertag oder ihrer Eignung für profane Tätigkeiten. Diese Beispiele vom Beginn unserer Zeitrechnung sind die Erben einer langen Tradition von Berechnungen und Beobachtungen, in der über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte hinweg die wesentlichen Daten zusammengetragen wurden.

Die Gallier lernten die Schrift zu einer Zeit kennen, da die Griechen sie als Ausweis ihrer glänzenden Kultur mit sich brachten. Die geschäftlichen und diplomatischen Beziehungen, die daraufhin sehr schnell entstanden, machten es für die Repräsentanten der beiden Völker unumgänglich, ihre jeweiligen Kalender aufeinander abzustimmen. Man musste die Möglichkeit haben, langfristig Termine zu vereinbaren, um Gruppen von Reisenden oder Händlern ihren Weg sichern oder um sich etruskischen oder griechischen Truppen anschließen zu können, die die Unterstützung gallischer Söldner brauchten. Diese neuen Erfahrungen führten im Lauf der Zeit dazu, dass wichtige Ereignisse, die in der Zusammenarbeit von Galliern und Griechen eine Rolle spielten (religiöse Feste, Inthronisation neuer Herrscher usw.), berücksichtigt wurden. Bündnisverträge wurden archiviert, und man hielt die Zeitpunkte denkwürdiger Ereignisse fest (wie etwa Schlachten, den Empfang von Botschaftern, den Austausch von Geschenken), was zu einer frühen Form der Geschichtsschreibung führte. Sie hob sich immer deutlicher von den zuvor üblichen mythischen Genealogien ab, die ihrerseits bereits das Terrain der Druiden gewesen waren. Es entstanden Familienarchive für die Familien der Oberschicht, vor allem für diejenigen, aus der Druiden hervorgegangen waren. So kann im 4. Jahrhundert n. Chr. der Dichter Ausonius den Priester eines Belenus-Heiligtums erwähnen, der ein später Abkömmling einer Druidenfamilie aus der Aremorica ist. Die Druiden gab es schon lange nicht mehr, doch ihre genealogischen Aufzeichnungen hatten sich erhalten. Diese Erinnerungs arbeit hatten die Druiden auf die Geschichte ihres Stammes ausgedehnt, seiner Einrichtungen, seiner höchsten Amtsträger und seiner Beziehungen zu den Nachbarstämmen.

Die Aufbewahrung der Annalen, der Regierungsakten und der Gesetze war ein Machtinstrument von ähnlicher Wirksamkeit wie die Wahrsagekunst. Ammianus Marcellinus 20 bringt klar zum Ausdruck, dass die Druiden die offiziellen Bewahrer der gallischen Geschichte waren:

Die Druiden erklären, dass ein Teil dieses (gallischen) Volkes schon immer hier lebte, dass aber andere auch von außen hereinströmten, sie kamen von weit entfernten Inseln und Gebieten, die jenseits des Rheins liegen; aus ihrer Heimat wurden sie durch häufige Kriege und Überschwemmungen vertrieben.

Ammianus fügt hinzu, dass er diese Informationen von Timagenes übernommen hat, der sie seinerseits von Poseidonios abschrieb. Diese Migrationsbewegungen, vor allem die durch die angeblichen Überschwemmungen ausgelösten, hatten bereits vor langer Zeit stattgefunden. Sie werden wohl bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. von griechischen Autoren erwähnt. Ein Echo findet sich noch in einem über die Kelten überlieferten Detail – irrtümlich wurde es Aristoteles zugeschrieben, tatsächlich stammt es von Eudemos. 21 Es besagt, dass sie in voller Rüstung den entfesselten Fluten entgegengetreten seien. Die Immigration aus der Gegend jenseits des Rhein fand nur unwesentlich später statt, man datiert sie heute auf die Zeit zwischen dem Ende des 4. und dem Ende des 3. Jahrhunderts; sie betraf das gesamte Gallien nördlich der Seine. Diese Information wird von einer anderen Quelle bestätigt: Die Remer, bei denen Caesar sich nach den einzelnen Stämmen der Belger erkundigt, geben an, dass »die meisten Belger von den Germanen abstammten und in alten Zeiten (antiquitus) über den Rhein gekommen waren«. 22 Man muss daraus den Schluss ziehen, dass die Druiden schon im 4. Jahrhundert v. Chr., wenn nicht noch früher, mit der Erstellung von Annalen begonnen hatten, die die Grundlage einer allgemein anerkannten, offiziellen Geschichtsschreibung bildeten und bis zur Eroberung durch die Römer fortgeführt wurden.

Moralisten

Die Art, wie Caesar die Rolle und den Platz der Druiden in der gallischen Gesellschaft beschreibt, belegt hinlänglich, dass ihr Wirken sich auch auf die Bereiche der Gesellschaft und der Politik erstreckte. Dies äußert sich unverkennbar in ihrem Bestreben, einen öffentlichen Kult, eine von allen geteilte Religionsausübung einzuführen, in ihren Aktivitäten im Rahmen der Rechtsprechung und in ihrer Rolle als Erzieher. Die Aneignung so verschiedener Aufgabenbereiche brauchte freilich ihre Zeit und wird sich kaum unmittelbar nach der Entstehung des Druidentums als eigenständiger geistiger Gemeinschaft, die sich von anderen Gruppen, den Barden und den Sehern etwa, deutlich abhob, zugetragen haben. Der öffentliche Kult unterschied sich noch nicht klar von den Privatriten und den Wahrsagebräuchen. Die Idee von einer Rechtsprechung, die weder eine Form von Rache noch das Ergebnis zufälligen göttlichen Wirkens ist, zeichnete sich noch nicht einmal andeutungsweise ab. Erziehung in Form der Aneignung von Wissen war vor dem 6., vielleicht auch noch vor dem 5. Jahrhundert überhaupt nicht vorstellbar. Die Druiden mussten also ihre Zeitgenossen davon überzeugen, dass ihre Überlegungen zum Leben in der Gesellschaft und ihre Bemühungen, dieses Leben zu verbessern, wohlbegründet waren. Ihre wissenschaftlichen Tätigkeiten, die oben beschrieben wurden, waren wohl geeignet, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Druiden den Normalsterblichen überlegen waren, dass sie vielleicht sogar einen Platz zwischen den Menschen und den Göttern einnahmen. Dieses Ansehen konnte von nun an in den Dienst weitergehender Zielsetzungen gestellt werden.

Um das Leben in der Gesellschaft zu harmonisieren und es angenehmer zu gestalten, brauchte man nicht nur neue Lebensregeln und geeignete Gesetze. Die Menschen selbst mussten geändert und angeleitet werden, weniger aggressiv zu handeln. Es galt, das Recht des Stärkeren zu unterdrücken und solidarische Verhaltensweisen einzuüben, wenn man sich wie die Druiden daran machen wollte, Politik im griechischen Sinn des Wortes einzuführen. Über mehrere Jahrhunderte hin beschäftigten sie sich mit der Moralisierung der Gesellschaft. Es gab bei den Kelten am Ende der frühen Eisenzeit kaum Grundlagen für irgendeine Form von Moral. 23 Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse war kaum ausgebildet. Sie hing völlig von der sozialen Stellung der Menschen ab: Die Adligen und Krieger hatten unbegrenzte Rechte, die Angehörigen des niederen Volkes dagegen fast keine. Das Wirken der Götter manifestierte sich in den einzelnen sozialen Klassen sehr unterschiedlich. Kriegerische Handlungen, seien sie nun aktiv herbeigeführt oder passiv erduldet, erschütterten häufig das fragile Gleichgewicht zwischen einzelnen Stämmen. Es gab lediglich eine Möglichkeit, den Menschen Regeln des Zusammenlebens zu vermitteln: Man musste sich der Hilfe der Götter versichern. Nur in ihrem Namen war es möglich, dem Gemeinwohl den nötigen Respekt zu verschaffen und die Ansprüche der Privilegierten auf die hemmungslose Durchsetzung ihrer Eigeninteressen zu dämpfen. Daher begann das Wirken der Druiden in der Gesellschaft sich auf dem Gebiet der Religion zu entfalten. Sie führten einen öffentlichen Kult ein und bewirkten in der Folge, dass die meisten privaten Kulte fast völlig verschwanden. 24

Wir haben die einzige explizite Formulierung der Moral der Druiden, die uns überliefert wurde, bereits angesprochen. 25 Es ist der berühmte, von Diogenes Laertius überlieferte Satz: »Man soll die Götter ehren, nichts Böses tun und Tapferkeit üben.« 26 Diese drei Anweisungen liegen von ihrem jeweiligen moralischen Impetus her nicht auf einer Ebene. Lediglich die zweite scheint tatsächlich aus dem Bereich der Ethik zu stammen und sich auf deren Voraussetzung, die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, zu beziehen. Die beiden anderen wirken eher zufällig und deuten den geistigen und sozialen Kontext an, aus dem die Moral entsteht: die Werte, die zu Recht oder zu Unrecht als göttlich gelten, und die kriegerischen Tugenden. Sie machen das Fundament für die Entwicklung eines moralischen Verhaltens aus. Wir haben gesehen, dass dieser dreigegliederte Merkspruch ein hohes Alter hat und wahrscheinlich aus den berühmten Pythagorica Hypomnemata stammt. Er kommt also aus einer Zeit, in der die Vorstellung des Guten sich noch auf zwei Wertesysteme stützte, die uns heute widersprüchlich zu sein scheinen, was jedoch in der Antike, sowohl von den Griechen als auch von den Kelten, nicht so gesehen wurde: Sie kannten keinen Widerspruch zwischen den Werten der Religion und den Werten jenes Bereichs, der am besten mit dem griechischen Begriff agón gefasst wird (Wettstreit, Mut, Bemühung um den Sieg).

Die Vorstellung vom an sich Guten und die damit verbundenen Tugenden haben sich weder in Gallien noch in anderen Regionen von allein durchgesetzt, immerhin hat man es in jedem Fall mit Bevölkerungen zu tun, die zum größten Teil vom Leben rein gar nichts erwarteten. Was jedoch die Durchsetzung der Idee des moralisch Guten nachhaltig unterstützte, war die Verbreitung von eschatologischen Gewissheiten, die die Druiden kausal mit der Idee des Guten verknüpften. Diese beiden Vorstellungsbereiche, das Gute und ein möglicherweise gnädiges Jenseits, bestanden offenbar jeder autonom für sich; der zweite Bereich war vielleicht ursprünglich ein Bestandteil der druidischen Ideenwelt, der sorgfältig geheimgehalten und erst am Ende eines langen Einweihungsweges enthüllt wurde.

Wahrscheinlich aber bemerkten die Druiden recht schnell, dass es notwendig war, den Glauben an die Seelenwanderung und an eine Art von Paradies weiter zu verbreiten, um die Entstehung und Entwicklung der Moral in die drei Richtungen zu befördern, die der oben zitierte Merksatz angibt. Die Götter ehren, Gutes tun und tapfer kämpfen – das waren drei Wege, die durchaus die Aussicht auf eine Form des Seelenheils eröffnen konnten. Caesar weist ebenso wie Ammianus Marcellinus 27 darauf hin, dass der Glaube an ein Jenseits in der ganzen Bevölkerung verbreitet ist, er behält allerdings nur die dritte Argumentationsrichtung bei: »Da so die Angst vor dem Tod bedeutungslos wird, spornt das ihrer Meinung nach die Tapferkeit ganz besonders an.« 28 Es ist allerdings nicht nötig, dass uns erst von einem Strategen und Politiker von so materialistischer Grundeinstellung wie Caesar mitgeteilt wird, dass bei den Galliern das Paradies auch durch die Unterwerfung unter die Götter oder einen moralischen Lebenswandel gewonnen werden konnte. Caesar ging es vor allem darum, zu erklären, warum seine Feinde so mutig und daher so schwer zu besiegen waren. Das Seelenheil aber – das heißt im gallischen Denken der Ausstieg aus dem Zyklus der Reinkarnationen – musste auch durch andere Mittel erlangt werden können. Man kann sich kaum vorstellen, dass die Druiden, die am Krieg nicht teilnahmen, sich freiwillig von dem Paradies ausschlossen, dessen Vorzüge sie anpriesen. Sie taten Gutes, um dorthin zu gelangen. Dies fiel ihnen umso leichter, als sie selbst ja diejenigen waren, die bestimmten, was gut und böse war. Und für die übrige Bevölkerung, vor allem die Angehörigen des einfachen Volkes, war die Ehrfurcht vor den Göttern und den Gesetzen, die ihnen als heilig galten, ein einfacher Weg, der kein besonderes Wissen oder Können verlangte und vor allem eine gewisse Fügsamkeit mit sich brachte.

(Ende der Leseprobe.)

Copyright (C) 2009 bei Klett-Cotta-Verlag. Abdruck mit freundlicher Erlaubnis der Pressestelle Klett-Cotta-Verlag.

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Druiden: Die Weisheit der Kelten

Updated: 21. März 2009 — 19:12

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