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LASST ALTE KNOCHEN SPRECHEN – Kurzgeschichte aus dem Story-Reader “Gestorben um zu leben (SPUKVERWALTUNG OHG)” von Margret Schwekendiek (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 2/2014 – gedrittelter Preis)

LASST ALTE KNOCHEN SPRECHEN

Kurzgeschichte aus dem Story-Reader “Gestorben um zu leben (SPUKVERWALTUNG OHG)”

von

Margret Schwekendiek

Wo kamen die denn alle her? Von einem Augenblick auf den nächsten war mein kleines Büro hoffnungslos überfüllt. Kain und Abel, meine tumben Diener, die eigentlich den Auftrag haben, mich vor lästigen Besuchern zu schützen, landeten mit klappernden Knochen in einer Ecke.

Glauben Sie nur nicht, dass hier unten in der Hölle mit allen angeschlossenen Abteilungen alles völlig körperlos ist. Sie als etwas beschränkter Mensch – was ich nicht abwertend meine – sollten sich unsere Welt wie ein kleines eigenes Universum vorstellen. Die Geister, die Ihnen manchmal Ärger bereiten oder Sie belästigen, sind nur in Ihrer Welt als Schemen vorhanden, hier unten können sie einen Körper besitzen, so wie der Teufel oder auch ich. Aber die meisten von denen besitzen die Fähigkeit, sich innerhalb unserer Sphäre von einem Ort zum anderen zu versetzen, so sie denn dürfen.

Alle, die sich hier plötzlich drängten, durften offenbar. Ich sollte etwas dagegen tun.

„Du musst sofort etwas dagegen unternehmen.“

„Diese Verzögerungen sind unzumutbar!“

„Was ist denn das hier für eine Organisation?“

„Wer gibt diesen Wichtigtuern das Recht, den kompletten Gerichtshof zu blockieren?“

„Haben die im Leben nicht schon genug Unheil angerichtet? Ich will auch mal!“

„Es wäre nur richtig, würden die selbst bis in alle Ewigkeit schmoren und auf den Prozess warten müssen!“

„Nun unternimm doch endlich etwas, Samtara!“

Alle quatschten wild und laut durcheinander, ich hatte keine Ahnung, was die überhaupt von mir wollten. Ich wollte doch nichts weiter als meine Ruhe haben, schließlich habe ich noch mehr zu tun, als Sprechstunden für unzufriedene Geister abzuhalten. Davon gibt es hier nämlich eine ganze Menge; nun, um genau zu sein, eigentlich gilt das für jeden hier unten. Eine ganze Reihe von ihnen klagt vor unseren unterschiedlichen Gerichten, die aber bisher nur einmal ein Urteil revidiert haben. Warum sich trotzdem alle um einen Prozess reißen, ist mir ein Rätsel, aber auch verdammt egal. In meinem Büro haben die jedenfalls nichts zu suchen, schon gar nicht in einem solchen Durcheinander und einer derartiger Lautstärke.

So nicht, Herrschaften.

„Ruhe“, brüllte ich, aber scheinbar wollte keiner auf mich hören. Na, ich kann auch anders. Vor den Augen der Verdammten wuchs und wuchs ich, drängte sie alle zusammen, bis auch der letzte sein vorlautes Mundwerk halten musste.

„Du! Rede! Was wollt ihr von mir? Um was geht es eigentlich?“ Ich bekam tatsächlich Antwort. Bei Satans glühender Peitsche, ausgerechnet Napoleon. Der kleine Franzosenkaiser versuchte sich in Positur zu stellen, aber das wirkte hier nur lächerlich. Er führte nicht zum erstenmal eine Meute an, ich würde wohl dafür sorgen müssen, dass er endlich dauerhaft zur Ruhe kam.

„Unsere Eingaben und Prozesse vor dem Unordentlichen Gerichtshof für Hass und späte Rache bleiben seit Jahrhunderten liegen. Es ist ein endloser Stau. Und das alles, weil dieser eingebildete Spanier glaubt, er hätte als ehemaliger Papst mehr Rechte, als sie mir zustehen, der ich immerhin Kaiser bin. Sie müssen das ändern, Madame.“ Welche eine wunderbar höfliche Anrede.

„Ich verstehe noch immer kein Wort.“

„Nun, immerhin bin ich der größte Herrscher aller Zeiten, sogar größer als Alexander…“

„Wovon redest du? Was ist mit dem Gerichtshof? Es interessiert mich nicht, für wie wichtig du dich selbst hältst. Ich will, dass ihr verschwindet. Alle.“

Napoleon reckte sich und reichte mir jetzt gerade bis zur Hüfte, eine bemerkenswerte Größe, in der Tat. Er schaute mich finster an.

„Rodrigo Borgia, also Alexander VI., und sein Anhang haben vor dem Gericht geklagt, um sich an all denen zu rächen, die sie am weiteren Unheil unter den Menschen gehindert haben, allen voran della Rovere. Der wiederum hat Gegenklage erhoben, weil er keine Gelegenheit hatte, den Borgia selbst umzubringen.“

„Ja und? Es ist doch völlig normal, dass hier unten solche Prozesse geführt werden. Selbst wer gewinnt, hat verloren, wir sind schließlich in der Hölle. Wo ist also das Problem?“

Napoleon überlegte offenbar gerade, ob er mich ins Bein beißen sollte, unterließ es aber. „Die Anwälte verzögern den Prozess, rufen hunderte von Zeugen auf und lassen uns gar nicht mehr an die Reihe kommen. Immerhin warte ich schon mehr als zweihundert Jahre darauf, meine genialen Strategien darzulegen und die entscheidende Schlacht gewinnen zu können, um mich an meinen Feinden zu rächen.“

„Darauf kannst du meinetwegen auch noch zweihundert Jahre länger warten, du hast Zeit. Hier in der Hölle herrscht geordnete Bürokratie, das dauert eben ein bisschen länger“, erklärte ich trocken. „Seid ihr etwa alle aus dem gleichen Grund hier?“

Warum fragte ich eigentlich? Der Unordentliche Gerichtshof für Hass und späte Rache war nur für die großen Tiere zuständig; Päpste, Herrscher, Massenmörder, Inquisitoren oder Konquistadoren zum Beispiel. Sie waren verdammt dazu, ihre Taten wieder und wieder neu verhandeln zu lassen, um immer wieder mit ihren Fehlern konfrontiert zu werden, und nur selten drängten sie sich danach. Wer dort erschien, hatte seine Zeit im reinigenden Fegefeuer hinter sich und häufig schon eine Aufgabe zugewiesen bekommen, die oft genau das Gegenteil von dem war, was derjenige zu Lebzeiten angestrebt hatte. Das Gericht entschied dann darüber, ob er eine zusätzliche Verschärfung bekam, seine Rache an anderen verdammten Seelen ausüben konnte, was ebenfalls eine zusätzliche Verschärfung der eigenen Qualen bedeutete, oder einfach vergessen wurde. Das war für die meisten das schlimmste Urteil und wurde relativ häufig angewandt.

Ich kümmerte mich selten darum, das erledigte der Chef sonst persönlich. Wo steckte Satan überhaupt, dass diese Seelen alle zu mir kamen?

Erst einmal wollte ich wieder meine Ruhe haben. „Ihr werdet sofort alle von hier verschwinden“, befahl ich. „Was fällt euch ein, mich mit solchen Nichtigkeiten zu belästigen? Ihr seid in der Hölle, schon vergessen? Hier habt ihr alle Zeit des Universums, und wenn ihr noch zweitausend Jahre warten müsst, dann werdet ihr das tun, verstanden?“

Trotzig blickten einige mich an, Richard III., Philipp der Schöne, Isabella von Kastilien. „Verstanden?“, fragte ich ganz leise, und sie knickten zusammen.

„Ja, Samtara“, kam es zögernd. Einer nach dem anderen verschwand.

Ich rief über den Computer – eine genial teuflische Erfindung, die allen Nutzern die Zeit stiehlt – den Anschluss des Satans auf. Er war nicht in der Hölle, er umgarnte auf der Erde gerade einen leitenden Mitarbeiter einer Softwarefirma.

Ich sage doch, der Computer ist eine teuflische Entwicklung, Satan flüsterte diesem Kerl ein, wie er immer bessere Anwendungen erstellen konnte, um immer mehr Menschen zu kontrollieren. Große Klasse, kann man nicht anders sagen, und die Menschen folgen gehorsam wie eine Horde Lemminge.

Aber deswegen blieb die Arbeit wieder mal an mir hängen.

Der Borgia, hatte Napoleon gesagt. O ja, den kannte ich. Nur wenige wussten, dass ich in einem meiner menschlichen Leben seine Tochter gewesen war. Mein Fluch war es nicht nur, auf ewig in der Hölle zu dienen, ich musste auch von Zeit zu Zeit ein Menschenleben führen. Sehr lästig sowas, das dürfen Sie mir glauben.

Nun, ich würde mal nachsehen, was da vorging. Kain und Abel sortierten noch immer ihre Knochen.

„Nun beeilt euch, sonst helfe ich nach. Habe ich euch nicht gesagt, ihr sollt aufpassen? Wozu dient ihr nutzlosen Knochengestelle, wenn nicht, um mir den Rücken freizuhalten?“

Der größte Vorteil der beiden ist ihre Schweigsamkeit. Sie tun alles, was ich sage, verfügen über bemerkenswerte Kräfte, aber sie sprechen nicht, sie können es nicht.

Die beiden Skelette standen endlich wieder komplett da – nein, Kain fehlte eine Rippe, ich schaute mich genervt um. Sie lag unter meinem Schreibtisch. Ich hob sie auf und rammte sie an ihren Platz in der Wirbelsäule, jetzt war er wieder komplett.

*

Der Unordentliche Gerichtshof tagte unter dem Vorsitz von Rasputin. Oje, dieser frömmelnde Bauer war den beiden Anwälten von Klage und Verteidigung hilflos ausgeliefert. Niccolo Machiavelli vertrat Rodrigo Borgia, Marcus Tullius Cicero war auf Seiten von Giuliano della Rovere. Das war nun wirklich Strafverschärfung für alle Seiten. Diese beiden Anwälte waren brillant, keine Frage. Aber sie hörten sich selbst gerne reden und schafften es mühelos, so viele Anträge zu stellen, dass selbst ein klügerer Richter als Rasputin seine Mühe gehabt hätte. Es verwunderte mich nicht mehr, dass der komplette Gerichtshof blockiert war.

Cicero hatte mehrere hundert Zeugen benannt, die er alle befragen wollte – auch das wunderte mich nicht, schon im alten Rom war er als Anwalt berüchtigt gewesen.

Gerade hielt der einen längeren Vortrag darüber, wie wichtig es wäre, die absolute Wahrheit zu erfahren, das ginge nur durch eine intensive Befragung.

„Dafür brauchst du nicht solch eine Menge an Zeugen“, unterbrach ich ihn schroff.

Cicero blickte mich verständnislos an. „Wie willst du sonst die Wahrheit finden…“

„Verstehst du jetzt, was ich meine?“, mischte sich Napoleon ungefragt schon wieder ein.

„Was willst du denn schon wieder?“, fauchte ich ihn an. „Solltest du nicht mit deinen Zinnsoldaten den Nordpol erobern?“

„Ich bin ein Genie, Madame, Zinnsoldaten sind unter meiner Würde. Meine Fähigkeiten waren bereits zu meinen Lebzeiten verschwendet. Denken Sie nur an die Zeit meines Exils auf Elba und Sankt Helena…“

„Ich denke gerade daran, dich erneut zu verbannen“, gab ich zurück. „Wenn du glaubst, einen Anspruch auf späte Rache zu haben, wirst du genau so lange warten, bis du an der Reihe bist.“

Er war ganz gekränkte Eitelkeit. „Ich werde es erwägen, Sie ebenfalls auf meine Liste für späte Rache zu setzen“, erklärte er beleidigt.

„Ich bitte darum, und jetzt verschwinde“, brüllte ich. „Cicero, könntest du mal die Klappe halten?“ Der hatte tatsächlich die ganze Zeit ungerührt weiter geredet. „Moment mal, was hast du da gerade gesagt?“

„Du bist ebenfalls als Zeugin geladen, immerhin warst du in einem deiner Leben die Tochter des Borgia“, wiederholte er geduldig.

Jetzt explodierte ich. „Hast du noch alle Knochen im Sack?“, schrie ich ihn an. „Glaubst du ernsthaft, ich hätte Lust oder gar Zeit, mich hierher zu stellen und Fragen zu beantworten, die alle längst geklärt sind? Du kannst die Archive der Ultimativen Wahrheit aufschlagen, da stehen alle Tatsachen drin. Und die hat niemand geschönt“, fügte ich süffisant hinzu.

„Darin gebe ich dir recht, alle Tatsachen wurden darin verzeichnet, doch die Gründe, warum du zum Beispiel so bereitwillig den Wünschen deines Vaters gefolgt bist, gehen daraus nicht hervor. Im Übrigen hat diese Arbeit nichts mit Lust zu tun, wie du sehr wohl weißt. Ich würde auch lieber ein paar Abhandlungen über die Herrscher in der Menschenwelt verfassen. Stattdessen muss ich den ungeliebten Beruf als Anwalt fortführen.“

„Die Hölle ist kein Wunschkonzert“, grinste ich plötzlich. „Aber du hältst tatsächlich alle anderen auf. Das geht nicht, ihr müsst schneller vorankommen. Ich mache dir einen Vorschlag. Du stellst mir deine Fragen, die Gegenseite ebenso, falls es überhaupt noch Fragen gibt, und dann soll Rasputin ein Urteil sprechen, damit ist die Angelegenheit erledigt. Das sollte nicht länger als ein paar Minuten dauern.“

„Ich lehne diesen Richter ab.“

„Wie schön für dich, du bist schließlich nicht hier, um zufrieden zu sein. – Bist du jetzt einverstanden, oder soll ich den Prozess selbst auflösen?“

Cicero zögerte noch immer, das hatte er auch schon im Leben getan, daran war er letztendlich gescheitert.

„Wie lange willst du noch auf eine Antwort warten?“

„Napoleon“, sagte ich leise und warf dem aufdringlichen Kaiser, der schon wieder ungefragt auftauchte, einen wütenden Blick zu. „Was willst du jetzt schon wieder?“

„Ich habe gerade beschlossen, mich selbst vor Gericht zu vertreten.“

„Und ich habe gerade beschlossen, dich auf dem Teppich des Satans zu vertreten – als Fußmatte.“ Schwupps, er war wieder weg.

„Kain, Abel, herkommen!“ Meine Knochengestelle erschienen aus dem Nichts, ich fragte nicht, wo sie wieder herumgestanden hatten. „Cicero hat eine Ehrenrunde im Fegefeuer…“

„Nein, warte“, sagte er rasch. „Ich bin natürlich mit deinem überaus klugen Vorschlag einverstanden.“

Ich deutete mit dem Zeigefinger auf die Felsen über uns, die beiden Skelette blieben da oben hängen wie angeklebt und standen so nicht im Wege. Cicero deutete an, dass ich vor dem Gerichtshof zu knien hätte, eine unerhörte Zumutung, die ich natürlich ablehnte. Aus dem Nichts erschien der Tisch des Richters, rechts die Bank des Angeklagten mit Rodrigo Borgia und Machiavelli, der mich gequält anstarrte.

Nun, auch in dieser Funktion blieb ihm nichts erspart. Unzählige kleine Blutsauger hatten sich auf dem ganzen Körper niedergelassen und quälten ihn mit Bissen und Stichen, er leidet tatsächlich Höllenqualen. Links des Richtertisches war der Kläger della Rovere, auch ein sehr netter Zeitgenosse, dem Satan die Stimme genommen hatte. Außerdem durfte er nie aufhören zu weinen. Er wird nie mehr Freude empfinden können, warum auch? Mein Mitleid hielt sich in Grenzen – nun ja, sowas empfinde ich eigentlich gar nicht.

Mir war allerdings klar, warum Cicero so darauf drängte, diesen Prozess zu führen. Er hegte die Hoffnung, dass er dann aufrücken durfte bis ins himmlische Wartezimmer. Seltsam, dass manche Seelen selbst hier noch Hoffnung haben.

Ich seufzte und setzte mich in einen bequemen Stuhl. Das hätte er wohl gerne, dass ich selbst wie ein armer Sünder hier kniete. Wenn ich schon bei dieser Farce mitmachte, wollte ich wenigstens etwas Bequemlichkeit haben.

„So, nun beeile dich“, forderte ich von Cicero. „Meine Zeit ist knapp.“

Er setzte zu einer ausführlichen Fragestellung an. Bei Satans Pferdefuß, für was hielt sich dieser verdammte Geist eigentlich? Ich konnte mühelos seine Gedanken lesen und beschloss, das Verfahren abzukürzen.

„Du kannst dir deine Fragen sparen, ich kenne sie und werde gleich antworten“, riet ich ihm. „Ja, es stimmt, ich war Lucretia, die gehorsame Tochter meines Vaters Rodrigo, auch Papst Alexander VI. genannt. Selbst hier in der Hölle ist bekannt, dass eine Tochter den Eltern zu gehorchen hat, also habe ich geheiratet, was mir vorgesetzt wurde. Sonst noch was? Ach ja, ich bin schuldig der Lüge, des Betrugs, der Vorspiegelung falscher Tatsachen und ein paar anderer Dinge. Und ich habe natürlich unliebsame Personen aus dem Weg geräumt, mit Gift oder auch Befehlen. War das jetzt alles, was du wissen wolltest? Prima. Hat die Gegenseite noch Fragen? Nein? Danke! – Rasputin, du darfst jetzt ein Urteil sprechen.“

Cicero hatte noch nicht mal seine Gedanken soweit geordnet, dass er meinen Worten folgen konnte, aber er wollte doch tatsächlich protestieren.

„Kain und Abel, ihr bringt diese Seele in die Abteilung für bürokratischen Hürdenaufbau, dort ist sie gut aufgehoben.“ Meine Diener gehorchten ohne Widerspruch. Wenigstens die redeten nicht stundenlang.

Ich bemerkte, dass Machiavelli trotz seiner Qualen versuchte zu lächeln. Rasputin, dem bis zum Jüngsten Gericht glühende Kohlen aufs Haupt rieselten, starrte ins Leere, plötzlich stand er von seinem Platz auf.

„Dämonen sind schuld“, stieß er hervor. „Dämonen haben diesen Geist verwirrt. Das Feuer wird ihn läutern. Ins Feuer mit ihm – ins Feuer.“ Keiner hatte eine Ahnung, wen er eigentlich meinte, also gab ich den Wächtern der Dunkelheit den Befehl, alle zu einer Ehrenrunde ins Fegefeuer zu bringen, inklusive Rasputin. Dabei überlegte ich mittlerweile, ob ich eine Sonderabteilung für verrückte Mönche einrichten sollte.

„Das hast du wirklich schnell erledigt. Hättest du mich damit beauftragt, wäre das allerdings schon lange vom Tisch, und ich wäre an der Reihe…“

„Napoleone Buonaparte“, rief ich ihn bei seinem ursprünglichen Namen. Meine Worte gellten durch die gesamte Hölle und brachten eine ganze Armee verlorener Seelen zum Erzittern. Nur der kleine Kaiser stand doch tatsächlich noch immer vor mir.

„Ich verlange eine mir angemessene Behandlung, schließlich bin ich der Kaiser und ein Genie.“ Er warf sich in die Brust.

„Eine angemessene Behandlung?“, wiederholte ich leise.

„Ja, Madame, das steht mir zu.“

„O ja, du wirst die angemessene Behandlung bekommen, du Genie. – Kain und Abel, bringt mir meinen Spiegel“, brüllte ich. Augenblicklich erschienen die beiden mit dem Spiegel, der eine Seele immer so zeigt, wie sie tatsächlich ist. Er besitzt noch ein paar andere Fähigkeiten, und eine davon würde das kaiserliche Genie gleich kennenlernen.

„Schau dich selbst an“, forderte ich barsch. „Was siehst du? Einen Mistkerl, der den Tod mehrerer hunderttausend Leben zu verantworten hat; jemanden, der unsägliches Leid sogar über Unschuldige ausgeschüttet hat. Das wenige Gute, was du vollbracht hast, fällt dabei kaum ins Gewicht. Aber du bist ein Genie und weißt grundsätzlich alles besser. Das werde ich natürlich respektieren.“

„Dann haben Sie es also endlich erkannt, Madame“, bemerkte er arrogant.

„Aber ja. Damit du noch ein bisschen länger etwas von deiner Einbildung hast, wirst du von unserer Seite aus zusehen dürfen, wie sich die Welt entwickelt, oder auch nicht…“

„Was?“

Ich machte eine Handbewegung, und das Genie befand sich innerhalb des Spiegels und wurde zu einer leeren Spiegelmatrix weitergeleitet. Jedes Mal, wenn in der Menschenwelt jemand vor einem bestimmten Spiegel steht, erhält Napoleon einen kleinen Ausblick, ohne jemals selbst etwas tun zu können. Ich fragte mich kurz, wo ich den Spiegel platzieren sollte, dann beschloss ich, dass die französische Regierung unbedingt ein Staatsgeschenk von einem kleinen obskuren Land in Afrika brauchte. Natürlich wusste dieses Land nicht einmal, was es da herschenkte, schließlich besitze ich die Fähigkeit, Menschen in gewissem Maße zu beeinflussen. Der glatt polierte Spiegel in einem abscheulichen Rahmen wurde, wie viele andere unnütze Geschenke auch, in einem Abstellraum deponiert. Falls Napoleon Glück hatte, schaute einmal im Jahr beim Putzen jemand hinein.

Ach, Sie wünschen sich, Sie könnten das mit Ihrem Vorgesetzten machen? Glauben Sie mir, das wünsche ich mir auch.

ENDE

Copyright (c) 2013 by Margret Schwekendiek

Bildrechte: “Das Böse” (Das Böse.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/


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Margret Schwekendiek, Jahrgang 1955, schreibt seit fast zwanzig Jahren professionell und hat schon viele Genres bedient. Ihre Leidenschaft liegt eindeutig in der SF und im Horror. Neugier, Kreativität und Fantasie gehen Hand in Hand, wenn ein neues Projekt ansteht.

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