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DUNKELHEIT – Science-Fiction-Kurzgeschichte von Ann-Kathrin Karschnick

Dunkelheit

Science-Fiction-Kurzgeschichte von


Traurig stach ich in See. Es war meine letzte Fahrt und ich wollte sie genießen. Noch einmal die salzige Gischt auf meiner Haut spüren, den kühlen Fahrtwind ein letztes Mal Besitz von mir ergreifen lassen. Geblendet werden von den gleißenden Strahlen der Sonne, während ich darauf warte ihr zuzusehen, wie sie am ewigen Horizont sich mit meiner großen Liebe vereinigt und in ihr eintaucht.

Doch bis dahin blieb noch ein wenig Zeit, denn jetzt stand sie hoch am Himmel und strich über mein Antlitz. Die Wärme kam langsam, aber sie hielt sich in mir. Es war ein schöner Tag für die letzte Fahrt auf dem Meer. Seit fast vierzig Jahren bin ich ein Liebhaber des blauen Elementes. Wir haben uns liebkost, uns abgestoßen, uns zeitweise aus den Augen verloren, doch nie haben wir die tiefe Verbundenheit verloren, die wir füreinander empfanden. Kein Tag in meinem langen Leben verging, ohne dass ich an die Härte dachte, die das Leben auf See mit sich brachte.

Und die Einsamkeit.

Sie war allgegenwärtig. Tagein tagaus verbrachte man damit Ausschau zu halten nach anderen wie mich, die ebenfalls der Sucht des Ozeans verfallen waren. Manchmal erblickte man gleich mehrere am Horizont. Doch nur selten kommt man sich nah genug, um einen Gruß zu erwidern, der dann tief und dröhnen die Einsamkeit aus meinem Herzen vertreibt.

Ein Vogel glitt neben mir über das Meer. Seine weißen, großen Schwingen schlugen nur selten auf und ab, denn er glitt auf dem Wind voran, der mir bereits so vertraut war. Ab und an schaute er zu mir und schien mich zu ermuntern, den Weg, den ich begonnen hatte, zu Ende zu bringen. Seine dunklen Augen stachen im heftigen Kontrast zu seinem strahlend hellen Federkleid heraus. Während er mich begleitete, verlor er eine seiner Federn. Sanft und zart schwebte sie mit den Luftströmungen des Ozeans, stieg dem Himmel entgegen auf, ließ sich kurz darauf wieder fallen, um schließlich auf mir zu landen. Ich kümmerte mich nicht darum sie fortzuwischen, denn der Wind würde dies für mich tun. Ein letztes Mal betrachtete ich den Vogel, ehe er sich wieder seinem einsamen Flug zuwandte und aus meinem Sichtbereich verschwand.

Heute war ein Tag, an dem ich keine Einsamkeit verspürte, denn ich wusste, dass der heutige Tag mein letzter auf den Wellen der See war. Als wenn die Tiefen dies ahnten, zeigten sie sich von ihrer schönsten und bezauberndsten Seite. Glitzernd ergossen sich die Sonnenstrahlen auf den Wellenkämmen und färbten sie in bunte, glückliche Farben.

Nur für mich! schoss es durch meine Gedanken.

So glitt ich Stunde um Stunde über das Nass, getragen von der einzigen Macht, die mich bändigen konnte. Die Strahlen der Sonne verblassten sanft und ließen Platz für die immer Besitz ergreifenderen Hände der Kälte. Endlich begann das Schauspiel, auf welches ich seit dem Morgen wartete. Zitternd am ganzen Körper sah ich zum letzten Mal das frohe Farbenspiel des Sonnenunterganges. Die wenigen Wolken am Firmament färbten sich erst blutrot und verblassten nach und nach zu einem zarten rosa. Flockig überzogen die Wolken den Himmel, ehe die Sonne im Meer versank und der Dämmerung den Vortritt ließ. Gerührt dank dieser wunderschönen Vorstellung zu meinem Abschied konnte ich mich für einen langen Moment nicht rühren. Immer weiter fuhr ich auf den Horizont zu, ohne mich zu bewegen oder in eine andere Richtung zu sehen. Der Anblick der näher kommenden Dunkelheit und des sich immer schneller entfernenden Lichtes fesselte mich.

Ein heftiges Rucken erschütterte plötzlich meinen gesamten Körper und ließ mich schwanken. Nur einen kurzen Augenblick lang war ich verwirrt und ängstlich, doch der Schmerz, der sich durch mich wand, verdrängte alle anderen Gefühle. Vorbei war das Empfinden der Einsamkeit, beendet die Glückseligkeit der Fahrt und doch spürte ich keine Angst mehr.

Etwas hatte sich durch meine Haut gebohrt und sie der Länge nach aufgerissen. Nur mit Mühe konnte ich mich aufrecht halten. Nach einigen Sekunden vergaß ich den Schmerz. Es blieb die Gewissheit des baldigen Endes und dem wollte ich mit Würde und Anstand entgegensehen. Kurz darauf erhob ich mein Haupt und streckte es dem Himmel entgegen. Noch nie war ich ihm so nah gekommen. Die Nacht brach herein und mit ihr kamen die Sterne. Glitzernd und funkelnd zwinkerten sie mir zu. Fröhlich tanzten sie am Himmelszelt um mir auf Wiedersehen zu sagen. Doch auch ihnen war klar:

Es würde kein Wiedersehen geben.

Dennoch dankte ich ihnen von ganzem Herzen für diese Freundschaftsbekundung. Langsam glitt ich hinab und spürte das Meer, meine unendliche Liebe, nach mir greifen. Sie packte mich, ließ mich nicht mehr los, wie schon seit unserer ersten Begegnung. Ich wehrte mich nicht, denn ich wusste, dass es kein Zurück mehr gab.

Neugierde kroch in mir empor. Neugierde über die Dinge jenseits der Wellen. Dinge, die ich nie zuvor gesehen habe. Nun würde es soweit sein. Über mir verschwand der Himmel. Wellen schlugen über meinem Haupt zusammen und umspülten meinen Körper. Eiseskälte umfasst mich und zog mich tiefer hinab. Die letzten Lichter der Wasseroberfläche verblassten. Die Dunkelheit erfasste mich, je tiefer ich sank. Sie war allumfassend, hielt mich gefangen und ließ mich nicht mehr los. Kein Licht drang mehr durch sie hindurch und erhellte meine Umgebung. Alles war schwarz und undurchdringlich. Letzte Blasen entwichen mir, ehe ich dem tiefen Schwarz des Meeresbodens entgegensah.

Wer ich bin?

Ich bin die MS Caligatio.

-ENDE-

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Bildrechte: “Künstliche Intelligenzen” © 2013 by Karlheinz R. Friedhoff. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite:  http://www.charlys-phantastik-cafe.de/

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Updated: 15. März 2013 — 17:27

9 Comments

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  1. Hallo Ann-Kathrin,

    schön-traurig, deine Story. Ein Schiff, das ein Bewußtsein hat? Das vorher weiß, dass es auf Grund gehen wird, anstelle abgewrackt zu werden. Vielleicht ist ein Jahrtausende langes Dahinrosten am Meeresgrund einem Schiff mit KI(?) lieber, als ein mechanisches Zerlegen, entgültiges Sterben? Wenn sich die Bestandteile des Schiffes im Laufe der Äonen auflösen und Teil seines geliebten Ozenas werden, ein Trost? Sehr poetisch, sehr einsam, aber schön auf seine Weise. Danke für einen Moment der Ruhe.

    Gruß galaxykarl

  2. Hi Galaxykarl,

    danke schön. Ja, ich arbeite in der Schifffahrt und wenn man dort hört, dass ein Schiff nach Jahren verschrottet wird, da kommen einem einige Gedanken.

    Liebe Grüße,
    Ann-Kathrin

  3. Hallo Galaxykarl: Jetzt hast du sozugen postum diese Story zur Science-Fiction-Geschichte erklärt. Aber irgendwie würde das schon passen mit der KI.

    Was meinst du, Ann-Kathrin, wollen wir die Geschichte dann doch als sf-Kurzgeschichte deklarieren, ich kann´s noch ändern?

  4. Hi Detlef,

    ich denke, das sollte passen.
    Liebe Grüße,
    Ann-Kathrin

  5. So, habe es geändert. Hatte ich schon gesagt, dass mir deine Story ebenfalls sehr gut gefallen hat? Mach weiter so! Bin schon gespannt auf deine nächste Geschichte hier auf sfbasar.de!

  6. Ein Untergang. Bewusst. Nur mit einem Hauch von Traurigkeit, aber dennoch so menschlich. Schön beschrieben. Das Meer, der Himmel, der Horizont. Unendlich weit und doch so nah. Ein Stück Heimat. Im Leben wie im Tod.

    Soll ich nun traurig oder glücklich sein? Vermutlich gehört beides untrennbar zusammen.

    Liebe Grüße

    katziane

  7. Ich habe die Geschichte jetzt schon vier Mal gelesen. Und obwohl ich weiß wie sie endet, obwohl sie mit jedem Wort einen Hauch Traurigkeit ausstrahlt, genieße ich den Frieden, den sie gleichzeitig vermittelt. Wunderschön geschrieben. Bin auf weitere Geschichten von dir gespannt

    Liebe Grüße
    Ati

  8. Halla Ati, hallo Katziane,

    vielen Dank. es gibt inzwischen schon ein paar mehr Kurzgeschichten von mir hier.

    Liebe Grüße,
    Ann-Kathrin

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