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KALYPTO – DIE HERREN DER WÄLDER – Leseprobe (Teil 1) des gleichnamigen Romans. Aus: KALYPTO – Band 1 von Tom Jacuba

KALYPTO – DIE HERREN DER WÄLDER

Leseprobe (Teil 1) des gleichnamigen Romans.
Aus: KALYPTO – Band 1
von
Tom Jacuba

Doch eh ein Mensch vermag zu sagen: „Schaut!“,
Schlingt gierig ihn die Finsternis hinab:
So schnell verdunkelt sich des Glückes Schein!

W. Shakespeare, „Ein Sommernachtstraum“, I, 1

.

Prolog

Irgendwann, irgendwo

Licht. Wohin sie sich auch wandte, überall leuchtete es: warmes, meerblaues Licht.

Jemand rief ein Wort.

Obwohl es sich vertraut anhörte, erkannte sie es nicht; das Wort hallte durch das klare blaue Licht, und ihr wollte einfach nicht einfallen, was es bedeutete.

So trieb sie im warmen Wasser des Südmeeres, spürte die sanften Wogen über Schenkel und Brüste bis zur Kehle perlen und lauschte dem verklingenden Echo des fremden und doch so vertrauten Ausdrucks. Delfine sprangen neben ihr, Seeschwalben kreisten über ihr oder stürzten mit angelegten Schwingen pfeilgleich in die Fluten, und der warme Wind blies ihr in die geblähten Nasenflügel. Als das Wort erneut gerufen wurde, war ihr, als leuchtete das ERSTE MORGENLICHT im Himmel über ihr auf.

Das mochte sie am liebsten: Unter blauem Licht neben springenden Delfinen, unter kreisenden oder stürzenden Seevögeln im Meer treiben und Wind und Wasser auf der Haut spüren. Wie viele Sonnenwenden hatte sie so schon verbracht? Schwebend, schauend, selbstvergessen. Doch hatte sie jemals während all der Zeit dieses unbegreifliche Wort gehört?

Sie schloss die Augen, um ihre Aufmerksamkeit ganz und gar darauf zu richten – und jetzt erkannte sie eine spezielle Lautfolge: ca-to-lis ...

Plötzlich wusste sie, dass so ein Name klang; ein Name, den sie kannte.

Das Wasser wurde auf einmal kälter, die Wogen unruhiger; und als sie erschrocken die Augen aufriss, blickte sie in düsteres Nachtblau. Keine Seeschwalbe kreiste oder stürzte, kein Delfin sprang mehr – verflogen war er, der schöne Traum.

Und dann wieder – und lauter diesmal – der Name: Catolis! Noch ehe sie begriff, wer da gerufen wurde, erkannte sie die Stimme des Rufenden: Sie gehörte dem Wächter des Schlafes.

Kalt war das Meer jetzt, die Wogen wild und der Himmel dunkel wie vor einem Gewittersturm; sie ließ Beine, Becken und Oberkörper sinken und begann mit den Armen zu rudern, um sich über Wasser zu halten. Verwirrt spähte sie in alle Himmelsrichtungen. Was geschah hier?

Im Westen entdeckte sie ein Schiff. Es glitt durch die Wogen und kam rasch näher. Sie erschrak. Wer störte ihr friedliches Schweben? Und wieder rief der Wächter des Schlafes: „Catolis!“ Er stand am Bug des Schiffes – eine Gestalt ganz in Blau – und winkte. „Catolis!“

Wem winkte er denn? Wen rief er da?

Wieder blickte sie sich um, ruderte mit den Armen, fror auf einmal, versuchte zu verstehen. Endlich fiel es ihr wie eine schwarze Binde von den Augen: Ihr winkte der Wächter des Schlafes zu. Und jetzt erinnerte sie sich auch: Ihr Name war es, den er rief.

Schmerz und Schrecken durchzuckten sie – es war vorbei. Sie spürte, dass sie erwachte.

Tausende Sonnenwenden Schlaf: vorbei.

Zehntausende Träume: vorbei.

Catolis hörte auf, mit den Armen zu rudern und versank in eisigem Wasser. Das Erste Morgenlicht erlosch. Eine Hand griff nach ihrer Hand, hielt sie fest, zog sie hoch.

„Catolis, erwache!“

Erstes Buch

Kein Anfang ohne Tod
1.

Der Mann watete knietief im Wasser. Seine Haltung und die Hast, mit der er sich bewegte, erinnerten an ein Wildtier in der Falle. Er kaute auf seiner Unterlippe herum, schabte über seinen Bart, knabberte am Daumennagel, verscheuchte den Kolk, der schon wieder auf seiner Schulter zu landen versuchte. Warmer Regen nieselte aus dem Blätterdach des Waldes auf ihn herab, überall um ihn herum gurgelte schlammiges Wasser zwischen den Bäumen. Der Mann drehte Runde um Runde um den mächtigen Stamm seines Hausbaumes, schon seit der vorletzten Nachtstunde.

Das Gejammer seiner Frau hallte plötzlich wieder lauter durch den morgendlichen Wald. Der Mann blieb stehen und spähte hinüber zum Ufer des Hochwasserarmes, wo drei alte Weiber seine geliebte Gefährtin in der Strömung festhielten und auf sie einredeten. Über ihm, auf der unteren Veranda des Baumhauses, murmelten der Wettermann und sein Gehilfe ihre Gebete in den Regen. Hoch oben, im dunklen Rot der Laubkrone, hockte der beleidigte Kolk und schimpfte raunzend. Und in den Bäumen ringsum versammelten sich die Waldleute von Stommfurt auf ihren Veranden und Hausdächern. Grüße flogen hin und her, Gelächter und Gesang wurden laut.

Vogler hieß der Mann, der da im Wasser unter der Blutbuche seine Kreise zog, ein großer, kräftiger Jäger von etwas mehr als dreißig Sommern; lange, braune Locken rahmten sein vernarbtes, bärtiges Gesicht. Für ihn gab es an diesem Morgen nichts zu lachen und zu singen. Noch nicht.

Jeder hier in Stommfurt hörte auf Voglers Wort. Seit neun Sommern bereits zog er den Jagdkerlen der Waldsiedlung als Eichgraf auf ihren Jagdzügen voran, und zu beiden Ufern des Stomms wusste man allerhand Geschichten von seinem Mut und seiner Klugheit zu erzählen. Es gab Stommfurter Jäger, die schworen, mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie ihr Eichgraf selbst dem gefräßigen Flussparder oder dem massigen Sumpfbären kalten Blutes und nur mit der Lanze in den Fäusten gegenüber getreten war.

Eine Lüge, zu behaupten, Vogler wäre am heutigen Morgen kaltblütig – sein Mund war trocken, das Herz schlug ihm bis zum Hals und in seiner Brust tobte ein Aufruhr. Hatte er Angst? Darüber dachte er lieber nicht nach. Doch eines spürte er mit jeder Faser seines Leibes: Auf den Kampf, den er heute zu bestehen hatte, war er nicht vorbereitet.

Vogler wurde Vater. Zum ersten Mal.

Die Begegnung mit einem Sumpfbären wäre ihm lieber gewesen, als zur Tatenlosigkeit verdammt um seinen Hausbaum herumlaufen und warten zu müssen.

Das Gejammer seiner Frau ging allmählich wieder in keuchende Atemzüge über. Vogler sog tief die Luft ein und fuhr fort, durch das Wurzelgeflecht der Blutbuche zu waten. Es hörte auf zu nieseln, und die Morgensonne bohrte erste Lichtbalken durch das Laubdach ins überflutete Unterholz.

Wie jedes Frühjahr mäanderte Hochwasser in tausend Flussarmen durch die Wälder von Strömenholz, und Stommfurt, die größte der Strömenholzer Siedlungen, hatte es wieder besonders schlimm erwischt: Die meisten Bäume und Büsche standen in Teichen und Tümpeln, nur hier und da ragten kleine Inseln höher gelegenen Unterholzes aus der Flut heraus; der Bach, an dem die Waldleute sonst ihre Wäsche wuschen, badeten oder Trinkwasser schöpften, war zu einem breiten Fluss mit gefährlich starker Strömung angeschwollen. Unter Stommfurts Bewohnern hörte man dennoch keinen über das Hochwasser schimpfen. Sie lebten damit, seit Generationen schon, und machten auch in diesem Frühjahr das Beste daraus.

Während Vogler seine Kreise um die Blutbuche zog, begannen die Waldleute um ihn herum auf ihre Weise den neuen Tag. Frauen kletterten aus den Kronenhäusern, um ihre Wäsche direkt vor ihren Hausbäumen zu waschen. Andere sammelten brauchbares Treibgut ein: hölzernen Hausrat, Pfeile, Vogelnester mit Jungvögeln, Samenzapfen und Blütendolden, die der Gewittersturm der vergangenen Nacht aus den Baumkronen gerissen hatte. Männer wateten mit Stangennetzen oder zum Stoß erhobenen Jagdlanzen durch das Wasser, um ins Unterholz verirrte Aale und Flusskarpfen aufzustören. Andere kauerten dicht am Stamm ihres Hausbaumes, spähten ins Wasser und hielten ihren Jagdbogen bereit.

Von den unteren Schlafplätzen der Hausbäume aus sprangen nackte Kinder und Halbwüchsige ins Wasser. Auf den Veranden der Kronenhütten warfen einige ihre Angeln aus, veranstalteten Wettpinkeln oder schossen mit Schleudern nach Schwänen oder Enten, die sich auf über Nacht entstandenen Flussarmen in die Waldsiedlung verirrt hatten.

All das nahm Vogler nur beiläufig wahr.

Seine Frau schrie schon wieder, diesmal gellend und schrecklich langgezogen; und überall in den Bäumen und im Wasser hoben die Waldleute die Köpfe und spähten zu ihr hinüber. Auf ein Holzgestell gebunden und von zwei Hebammen gehalten schaukelte sie im Uferwasser, brüllte und presste die Hände auf ihren riesigen Kugelbauch. Vogler stand wie festgewachsen im Tümpel unter seiner Blutbuche und lauschte wieder mit angehaltenem Atem. Ihr Geschrei fuhr ihm tief in die Knochen. Wie eine Sterbende hörte sie sich an.

Einen halben Lanzenwurf weit entfernt tauchte die dritte Hebamme zwischen den Schenkeln seiner Frau auf, beugte sich über die Schreiende und redete auf sie ein. War es denn jetzt endlich so weit? Doch die Wehe schien nachzulassen, immer noch kein Kind, das Geschrei verebbte nach und nach. Zuerst ging es in Stöhnen über, dann in Gewimmer. Die Hebamme äugte zu ihm herüber und winkte ab. Nein, es war immer noch nicht so weit … Vogler seufzte und blinzelte ins Geäst seiner Blutbuche hinauf. Zwei Männer hockten dort oben auf seiner Veranda.

„Da muss sie durch“, sagte Bux, der alte Wettermann. „Es kann ihr keiner helfen, da muss sie ganz allein durch.“ Er rauchte irgendeines seiner stinkenden Kräuter und blies den Qualm in einen Strauß aus jungen Farnwedeln, den er mal hinauf zur Kronenhütte von Voglers Hausbaum, mal hinüber in Richtung der Gebärenden ausstreckte. Manchmal warf er eine Handvoll Tannensamen auf Vogler herab. All das tat er langsam und mit demselben Gleichmut, mit dem er morgens sein Nachtgeschirr zu leeren oder abends seinen Fisch zu schlachten pflegte.

Hinter Bux hockte mit gekreuzten Beinen Kauzer, sein jüngerer Gehilfe, neben einem rauchenden Topf und reichte dem Wettermann an, was der so brauchte, um Wolkengötter, Waldgeister und die Seele des Stomms zu beschwören, des Großen Stromes: Pfeifenkräuter, Pilzpulver, brennende Fettholzspäne, frischen Farn und Tannensamen und immer wieder den Eisenkrug mit dem Heiligen Trank. Vor allem letzterer half dem alten Wettermann mit Göttern und Geistern in Verbindung zu bleiben, das wusste Vogler. So eine Geburt konnte sich über ganze Tage hinziehen, länger oft als ein Todeskampf – ohne den Heiligen Trank gingen einem Wettermann da leicht mal die Worte aus, die es brauchte, um die Unsichtbaren der Anderen Welt zu Heil und Segen für Mutter und Kind zu überreden. Beide, Bux und Kauzer, beteten um die Wette und einer lauter als der andere.

Der monotone Singsang beruhigte Vogler ein wenig. Er drehte die nächste Runde im Hochwassertümpel über dem Wurzelgeflecht seines Hausbaumes. Es wuchsen nicht viele Blutbuchen in den Flusswäldern entlang des Stomms, und die wenigen waren nur selten bewohnt. Die Waldleute glaubten nämlich, dass ein eigensinniger und zum Zorn neigender Waldgeist im Wurzelwerk der roten Bäume hauste, dem kaum einer zu nahe kommen wollte.

Voglers Großvater hatte sein Haus vor vielen Sommern dennoch in die Krone der Blutbuche gebaut und sich der Freundschaft mit ihrem Geist gerühmt. Weil er viele Jäger und Mütter gezeugt und sein Leben lang reiche Beute gemacht hatte, glaubten ihm die Waldleute. Am Ende seiner Tage bewunderten die Strömenholzer ihn für seinen Mut, mit einem Blutbuchengeist im selben Baum zu hausen. Einen seiner Söhne, Voglers Vater, wählten sie sogar zu ihrem Waldfürsten. Bis zum heutigen Tag sprach man mit Hochachtung von Voglers Großvater und seiner Sippe.

Auch von Vogler sprach man mit Hochachtung. Jedenfalls an diesem Morgen noch. Später allerdings, als all das Unglück seinen Lauf nahm, hieß es: Selber schuld; und: Niemand fordert ungestraft einen Waldgeist heraus, von dem doch jeder Grünsprössling weiß, dass er ungeheuer böse werden kann, wenn man ihn nicht allein und ungestört in seiner Blutbuche hausen lässt. (…)

(zur Fortsetzung)

Copyright © 2015 by Tom Jacuba. Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Lübbe-Verlags.

Bildrechte: Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

ZUM BUCH:

KALYPTO – Die Herren der Wälder (Kartoniert)
Roman. Band 1
von Jacuba, Tom

Verlag:  Lübbe
Medium:  Buch
Seiten:  556
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  April 2015
Maße:  134 x 216 mm
Gewicht:  673 g
ISBN-10:  3404207912
ISBN-13:  9783404207916

Beschreibung
Der junge und impulsive Lasnic, Angehöriger des Waldvolks, kann es nicht glauben: Ausgerechnet er wurde von der Ratsversammlung zum Waldfürsten berufen! Kurzentschlossen packt er seine Sachen und flüchtet vor der Verantwortung, ohne zu ahnen, dass er in ein viel größeres Abenteuer hineinstolpert. Denn im Verborgenen naht eine Gefahr, die alle freien Völker bedroht: Die Magier des vor Jahrtausenden untergegangenen Reichs Kalypto sind wieder erwacht – und sie schicken vier Späher aus, um das Volk zu finden, das sich am besten zur Versklavung eignet …

Autor

Tom Jacuba ist das Pseudonym eines deutschen Autors. Jacuba war bis Mitte der 90er Jahre Diakon und Sozialpädagoge und schrieb vorwiegend Satiren, Kurzgeschichten und Kinderbücher. Seither ist er freier Autor und verfasst Fantasyromane, historische Romane, Spannungs- und Science-Fiction-Geschichten. Er erhielt 2001 den Deutschen Phantastik-Preis als Autor des Jahres.

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Interview: Sarah Fußhoeller im Gespräch mit dem Fantasy-Autoren Tom Jacuba

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Updated: 2. Dezember 2015 — 02:14

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