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KALYPTO – DIE HERREN DER WÄLDER – Leseprobe (Teil 2) des gleichnamigen Romans. Aus: KALYPTO – Band 1 von Tom Jacuba

KALYPTO – DIE HERREN DER WÄLDER

Leseprobe (Teil 2) des gleichnamigen Romans.
Aus: KALYPTO – Band 1
von
Tom Jacuba

(Zurück zum vorherigen Teil)

Ein Kolk segelte heran und ließ sich auf Voglers Schulter nieder. Nicht Schrat, der große Rabenvogel mit dem weißen Fleck im Brustgefieder, sondern Tekla, Schrats kleinere Gefährtin. Ihr Gefieder schillerte schwarzblau wie siedendes Pech.

Die Wolkendecke riss weiter auf, und viele Lichtbalken der Vormittagssonne flirrten auf einmal zwischen Baumkronen und Unterholz. Im Geäst der Blutbuche krähte Schrat seine Eifersucht in den Wald, flatterte schließlich herab und landete auf Voglers freier Schulter. Der ließ ihn diesmal gewähren, nahm ihn kaum wahr.

Kinder und Halbwüchsige riefen aufgeregt und deuteten zum Himmel hinauf – gleich drei Regenbogen strahlten über dem Laubdach des Flusswaldes. Überall auf Dächern, Leitern, Veranden und im seichten Wasser zwischen den Baumstämmen legten Waldleute die Köpfe in den Nacken, um einen Blick auf das farbige Lichtspektakel zu erhaschen.

Der Eichgraf sah keinen einzigen Regenbogen. Er stand schon wieder still und schielte zu den Frauen am nahen Ufer des Flussarmes hinüber. Jetzt schrien sie alle vier, und am lautesten schrie seine Frau. Mehr Spektakel brauchte Vogler nicht.

Seine Frau wand sich auf dem Holzgestell, an das man sie gebunden hatte. In der sanften Strömung des Uferwassers schaukelte sie auf und ab. Die Wehen kamen jetzt immer öfter, und bei jeder brüllte sie wie eine Wasserkuh, der die Alligatoren das Fleisch bei lebendigem Leib aus den Flanken fraßen. Die Hebammen schrien mit ihr. Am liebsten hätte auch Vogler geschrien; lange würde er das Weibergebrüll nicht mehr ertragen.

Keinen halben Lanzenwurf entfernt von den Frauen trieben vier an Hausbaumstämmen befestigte Kähne in der Strömung. Jäger standen breitbeinig in ihnen oder knieten darin und belauerten das Wasser. Manche sangen, andere plauderten, doch jeder von ihnen hielt sich bereit, seinen Jagdbogen zu spannen oder seine Lanze zum Wurf über die Schulter zu stemmen.

Der Anblick seiner kampfbereiten Jagdkerle beruhigte Vogler überhaupt nicht. Im Gegenteil: Er erinnerte ihn daran, dass das Frühjahrshochwasser leider nicht nur leckeres und hoch willkommenes Federvieh und Fischzeug in unmittelbare Nähe der Hausbäume brachte, sondern auch Raubtiere, die selbst nichts anderes als Jagen und Fressen im Sinn hatten. Alligatoren etwa oder Flussparder. Der Anblick der Geburtswächter drohte Voglers Unruhe zur Panik zu steigern.

Er riss sich zusammen. Schließlich war er nicht irgendjemand, schließlich war er der Eichgraf von Stommfurt. Er blieb stehen, atmete tief, stimmte für ein paar Takte in den Gebetssingsang der Wettermänner ein. Bux bewarf ihn einmal mehr mit Tannensamen und wedelte süßlich duftenden Rauch von der Veranda auf ihn herab. Und wahrhaftig: Das half dem Eichgrafen, die aufbrandende Panik zu überwinden.

Ein Kind oben im Hausbaum zu gebären – oder wenigstens im noch nicht vom Hochwasser überschwemmten Unterholz – wäre ungefährlicher gewesen, sicher; doch wer sich, wie Vogler, einen starken Jäger als Sohn oder eine zähe, fruchtbare Mutter als Tochter wünschte, musste schon ins Wasser des Stroms steigen, wenn die Wehen einsetzten. So war es nun einmal Sitte in Strömenholz und den anderen Waldgauen im Mündungsdelta des Stomms. Immerhin ersparten die Hochwasserzeiten einer Gebärenden und ihrer Sippe die beiden Wegstunden durchs Unterholz bis zum Stromufer – die Fluten des Stomms strömten dann nahe der Hausbäume durch den Wald.

Die Wolkendecke über dem Laubdach schloss sich, und erneut schien das Licht in den Hausbaumkronen und auf den Flussarmen zu erlöschen. Der Nieselregen setzte wieder ein. Auf allen Veranden, Stammleitern und Hausbaumveranden rund um Voglers Blutbuche hatten sich inzwischen Waldleute versammelt, um Voglers Frau beim Gebären zuzuschauen, vor allem Mütter und Jungweiber. Von einer Kronenhütte aus stimmten die Frauen in ihr Geschrei mit ein, wenn wieder eine Wehe kam, von einer anderen riefen sie ihr Durchhalteparolen zu und vom Rundhaus einer Eiche aus sangen sie mehrstimmige Lieder zu ihr hinunter.

Sie gebar zum ersten Mal, und bei allen Wolkengöttern, es war nicht zu überhören: Ihr Gebrüll klang jetzt so laut und durchdringend, dass es Vogler schier das Hirn aus den Ohren zerrte. Er hielt es nicht länger aus unter seiner Blutbuche und den rauchenden und betenden Wettermännern – er scheuchte die Kolks von seinen Schultern, watete zum Hochwasserarm hinüber und näherte sich seiner schreienden Frau.

Flehend sah sie ihm entgegen und streckte die Arme nach ihm aus. Zwischen ihren Schenkeln stiegen Blasen und Blut an die Wasseroberfläche. Eine der drei Hebammen, die Voglers Frau auf dem Holzgestell festhielten, schrie: „Atmen!“, „Drücken!“, „Pressen!“ und solches Zeug. Die zweite rief den Geist der Blutbuche an, und die älteste fuchtelte mit den Armen, um Vogler zu bedeuten, dass er zu verschwinden hatte. Doch das Gekreische seiner geliebten Frau schnürte Vogler das Herz zusammen. Sie tat ihm leid und, ja, er hing an ihr; also vergaß er die Regeln und guten Sitten, überwand die letzten Meter und ergriff ihre ausgestreckte Hand.

„Ich sterbe!“, schrie sie und klammerte sich an ihn. „Ich sterbe!“

Vogler hatte schon früher Gebärende wie in Todesnot schreien gehört, ohne dass eine von ihnen wirklich gestorben wäre; dennoch bekam er es mit der Angst zu tun. Er hielt ihren Kopf fest, beugte sich über sie, presste seine vernarbte Wange an ihre heiße und weiche Wange. War sie vom Wasser so nass oder von Schweiß?

Zwischen ihren Schenkeln blubberten jetzt besonders große Blasen, und das Wasser färbte sich noch dunkler. Er erschrak.

„Pressen!“, krähte der Chor der Hebammen, von den Hausbäumen aus sangen sie es mehrstimmig: „Pressen!“ Und dann bäumte seine Frau sich auf dem Holzgestell auf, stimmte einen Schrei an, der gar nicht mehr aufhören wollte, und ihre schwarzen Fingernägel bohrten sich tief in die Haut von Voglers haarigen Armen. Inmitten des blutigen Flusswassers schimmerte nun etwas Fahles, Rundes und trieb Richtung Wasseroberfläche: ein Kinderkopf.

In diesem Augenblick riss die Wolkendecke einmal mehr auf, und die Sonne streute ihr Licht über Baumkronen, Teiche und Hochwasserarme. Die älteste Hebamme griff zu und zog das Neugeborene an den Beinchen aus dem Fluss, eine andere setzte eine Kupferklinge an und zerschnitt die Nabelschnur; Blut spritzte. Die dritte holte aus, es machte Klatsch!, und das zappelnde Kind begann zu quäken.

Aus allen Hausbäumen und von allen Kähnen jubelte es nun. Die beiden Kolks kreisten krächzend über der jungen Mutter und ihrem Neugeborenen, und Vogler wurde es ganz schwarz vor Augen. Er blinzelte und hielt sich an einer Hebamme und dem Holzgestell fest, auf dem seine Frau lag. Dann sah er in ihr erschöpftes aber glückliches Gesicht, sah das Kleine an ihrer Brust, sah Zwergbarsche um die Nabelschnur und das blutige Etwas streiten, das da noch neben den schlaffen Beinen seiner Frau im Wasser schaukelte. Ein Lachen stieg ihm aus der Brust die Kehle hoch, und Tränen traten ihm in die Augen. Er spürte, wie die Hebammen ihm auf Schultern und Rücken klopften.

„Es ist alles dran an euerm Grünsprössling“, krähte die älteste. „Freu dich, Vogler! Ein kleiner Waldmann wird bald in deinem Hausbaum herumklettern! Freue dich und danke dem großen Waldgeist!“ Dann sah sie zu den Hausbäumen hinauf und rief es so laut, dass auch die Schwerhörigen unter den Morschen – so nannten die Waldleute ihre Greise – es hören konnten: „Alles dran! Ein neuer Waldmann ist da!“ Und sofort stimmte jemand ein Jubellied an. Vogler aber wischte sich über die Augen, strahlte, küsste Mutter und Kind und stapfte durchs Wasser zurück zu seiner Blutbuche.

Der Gehilfe des Wettermannes, ein Kerlchen mit großem Schädel, kurzen, weißblonden Locken und Kindergesicht, sprang von der unteren Veranda und watete ihm entgegen. „Wie soll er denn heißen?“ Er sprach mit heiserer Stimme, wie immer; im Grunde röchelte er mehr, als dass er sprach.

„Lasnic“, murmelte Vogler und kicherte. „Lasnic soll er heißen.“

„Wie?!“ Kauzer blieb stehen und hielt die Hand ans Ohr.

„Lasnic!“, rief Vogler. Plötzlich platzte es aus ihm heraus, und er lachte laut und wie von Sinnen. Oben in den Baumkronen jubelten sie wieder, und der Name ging von Mund zu Mund: „Lasnic heißt Voglers Sohn! Habt ihr‘s gehört? Lasnic! Lasnic …“

Kauzer taumelte plötzlich rückwärts ins überflutete Wurzelgeflecht, erstarrte nach drei Schritten, riss Mund und Augen auf und stierte an Vogler vorbei zum Hochwasserarm. Vogler hörte auf zu lachen und runzelte die Stirn. Von einem Atemzug auf den anderen schlugen Gesang und Jubel aus den Bäumen in Angstgeschrei um. Die Rabenvögel in der Blutbuche lärmten, als wäre ein Baumgreif unter sie gefahren.

„Schlammwelse!“, brüllten die Jagdkerle in den Kähnen. Die alten Hebammen schrien wieder, jedoch anders als zuvor; und Warnrufe gellten hin und her.

Vogler fuhr herum. Er sah sofort das, was jedem Jäger den Angriff eines Schlammwelses verriet: eine große Bugwelle schlammigen Wassers. Sie trieb zwischen zwei Kähnen hindurch, einige Jagdkerle schossen bereits ihre Pfeile ab, einer schleuderte seine Lanze. Die meisten trafen, doch die Bugwelle rollte immer weiter dem Ufer entgegen, wo die schreienden Hebammen zu fliehen versuchten und das Gestell mit Mutter und Kind durchs aufgewühlte Wasser zogen. Hinter der Bugwelle sah Vogler zwei Pfeile und einen Lanzenschaft erst aus den braunen Fluten und dann aus einem Welsrücken ragen. Er warf sich in den Flussarm und schwamm den Hebammen entgegen.

Nicht ungefährlich, denn die Jäger in den Flößen zielten schon wieder mit ihren Waffen, zögerten jedoch – nicht wegen Vogler oder der Hebammen, sondern wegen des Neugeborenen und seiner Mutter. Im nächsten Augenblick hob sich das Heck des linken Kahns, und einen Atemzug lang sah Vogler den breiten schwarzbraunen Rücken eines großen Schlammwelses aufragen. Die Jäger stürzten aus dem Kahn in den Hochwasserarm.

Hinter dem Nachbarkahn schäumte und spritzte das Wasser und teilte sich. Zwei junge Schlammwelse warfen sich auf das Boot. Vogler sah stachlige Rachen, spitze Zähne, schillernde Brustflossen. Die zwei Lanzenlängen großen Raubfische schnappten nach Beinen und Armen der Jäger oder fegten sie mit den Schwanzflossen aus den Kähnen.

Von den Kronenhütten aus begannen die Schützen von Stommfurt auf die Großfische zu zielen. Ein alter, schwerer Wels hatte sich auf den dritten Kahn gewälzt, der vierte kippte gerade um, und das Geschrei der Waldleute war nun allgegenwärtig.

Auch Vogler schrie, denn die schlammige Bugwelle schwappte über das Gestell mit Mutter und Neugeborenem, und er begriff, dass er Frau und Kind verlieren würde. Zwei der Hebammen verschwanden unter Wasser, und nichts als Haare, Fleischfetzen und Blutschlieren tauchten wieder auf. Die dritte Hebamme ließ das Holzgerüst los und floh.

Das Gebärgestell mit Voglers Frau und ihrem neugeborenen Sohn hob und senkte sich, bis es halb unter rötlichem Schaum und schmutzigen Wasserwirbeln verschwand. Vogler sah eine Schwanzflosse; und dann sah er, wie das Gestell mit Mutter und Kind zwischen den leeren Kähnen hindurch, an im Wasser treibenden Leichen vorbei in die Mitte des Hochwasserarmes gezogen wurde. Voglers Frau gab keinen Ton von sich, den neugeborenen Sohn des Eichgrafen aber konnte jeder plärren hören.

„Tötet den verfluchten Wels!“ Vogler brüllte. „Haltet ihn auf!“ Doch aus Angst, das Kind zu treffen, schoss niemand mehr einen Pfeil ab. So verlor sich das dünne Stimmchen des Neugeborenen rasch, und die vor seiner Mutter und ihm aus dem Wasser ragenden Pfeile und der Lanzenschaft verschwammen mit dem Gehölz rechts und links des Hochwasserarms. (…)

(zur Fortsetzung)

Copyright © 2015 by Tom Jacuba. Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Lübbe-Verlags.

Bildrechte: Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

ZUM BUCH:

 

KALYPTO – Die Herren der Wälder (Kartoniert)
Roman. Band 1
von Jacuba, Tom

Verlag:  Lübbe
Medium:  Buch
Seiten:  556
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  April 2015
Maße:  134 x 216 mm
Gewicht:  673 g
ISBN-10:  3404207912
ISBN-13:  9783404207916

Beschreibung
Der junge und impulsive Lasnic, Angehöriger des Waldvolks, kann es nicht glauben: Ausgerechnet er wurde von der Ratsversammlung zum Waldfürsten berufen! Kurzentschlossen packt er seine Sachen und flüchtet vor der Verantwortung, ohne zu ahnen, dass er in ein viel größeres Abenteuer hineinstolpert. Denn im Verborgenen naht eine Gefahr, die alle freien Völker bedroht: Die Magier des vor Jahrtausenden untergegangenen Reichs Kalypto sind wieder erwacht – und sie schicken vier Späher aus, um das Volk zu finden, das sich am besten zur Versklavung eignet …

Autor

Tom Jacuba ist das Pseudonym eines deutschen Autors. Jacuba war bis Mitte der 90er Jahre Diakon und Sozialpädagoge und schrieb vorwiegend Satiren, Kurzgeschichten und Kinderbücher. Seither ist er freier Autor und verfasst Fantasyromane, historische Romane, Spannungs- und Science-Fiction-Geschichten. Er erhielt 2001 den Deutschen Phantastik-Preis als Autor des Jahres.

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Interview: Sarah Fußhoeller im Gespräch mit dem Fantasy-Autoren Tom Jacuba

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Updated: 25. März 2016 — 14:58

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