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JOHANNA – Leseprobe aus: „ÜBER DIE LINKSHÄNDIGKEIT DER MÄNNER UND DIE LANGMÜTIGKEIT DER FRAUEN“, unveröffentlichter Roman von Thomas Rocha

JOHANNA

Leseprobe aus: „ÜBER DIE LINKSHÄNDIGKEIT DER MÄNNER UND DIE LANGMÜTIGKEIT DER FRAUEN“, unveröffentlichter Roman

von

Thomas Rocha


Prolog

Er ist der Letzte für heute gewesen, schwor ich mir. Es war bereits halb Sechs durch, kurz vor Schichtwechsel also, und ich fragte mich, ob ich den Job noch lange durchstehen kann. Ich wusch den leblosen Körper eines Jungen mit Ohrring, dessen Blick unbeteiligt an einer Wand zu haften schien. Die Wände des Krankenzimmers waren mit knalligen Postern förmlich zugekleistert, alles Motorräder, windschnittige Renner und coole Bikes, und am Kopfende des Betts hingen private Fotos aus der Zeit vor dem Unfall. Auf einem Bild saß der Junge auf einer schweren Maschine und hinter ihm, auf dem Beifahrersitz, ein Mädchen mit langen Haaren, das lächelnd in die Kamera winkte. Die untröstlichen Eltern machen sich in ihrem Schmerz etwas vor, dachte ich, während ich den geschundenen Rücken des Jungen mit einem Waschlappen abrieb.

Die Wahrheit ist kaum zu ertragen gewesen. Die Aussichten des schwer Gebeulteten, die Krankenstation in seiner angestammten, senkrechten Gangart zu verlassen, waren gleich null. Ganz zu schweigen, dass er jemals wieder auf einem heißen Ofen rumheizen könnte, einmal abgesehen von einem Elektrischen, als da der Rollstuhl wäre. Die Ärzte wissen nicht, wann und wie sich das Nervensystem wieder aktivieren lässt, wenn es vom Gehirn einmal abgeschaltet wird, verursacht durch einen Unfall oder Schlaganfall. Ich wußte nur, dass es mit der Geschwindigkeit von Gletschern vonstatten geht und dass viele Monate, mitunter Jahre ins Land ziehen, bevor die armen Schlucker auch nur mit dem großen Zeh wackeln können.

In den beiden zurückliegenden Jahren hat es auf Station einen einzigen Fall gegeben, ein junges Mädchen, das es tatsächlich geschafft hatte – wie durch ein Wunder – nach wenigen Wochen vom Krankenbett aufzustehen und die Station auf Krücken zu verlassen. Das Mädchen war auf einer Party betrunken vom Balkon gefallen und hatte die Nacht mit einer schweren Kopfverletzung in einem Gebüsch verbracht, bevor es am nächsten Morgen gefunden wurde. Die anderen Patienten verschandelten bloß die Landschaft und wurden, nachdem auch eine Reha keinen Erfolg gebracht hatte, von den nächsten Angehörigen in Heime für Greise oder Bekloppte gesteckt. Wo sie ein Dasein fristen, das am Treffendsten mit der Existenz einer Zimmerpflanze vergleichbar ist.

*

Ich rubbelte mit einem Frotteetuch den Jungen ab, als ich seine Erektion bemerkte. Ich versuchte mich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen und mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Es handelt sich beileibe nicht um ein Wunder, wie ich wußte, lediglich um einen intakten Muskelreflex, hervorgerufen durch meine Berührungen. Dem Jungen ist nicht einmal der kümmerliche Trost der Onanie geblieben, dachte ich und gab etwas Creme auf meine Gummihandschuhe. Ich hatte Erbarmen mit dem armen Sünder und rieb seinen steifen Penis damit ein, bis er zu meiner Überraschung nach wenigen Sekunden die Äuglein verdrehte und ein Röcheln ausstieß. Er hustete und schleuderte aus einer kleinen Öffnung im Hals, einen zähflüssigen grünen Schleim heraus. Ich wischte die kleine Sauerei behutsam weg, auch die etwas Größere weiter unten, dann tupfte ich Öl mit einem Wattestäbchen auf die verschorfte Haut und reinigte die Wunde des Luftröhrenschnitts.

Anschließend zog ich dem Achtzehnjährigen eine Windel an und packte ihn in eine Decke warm ein. Als ich damit fertig war, streifte ich die milchigen Handschuhe ab und warf sie in den Müllbehälter des Pflegewagens. Zum Abschied fuhr ich dem jungen Mann mit der hand durch die verschwitzten Haare, dabei ging sein Blick an mir vorbei, als wäre ich nicht vorhanden. Er starrte, von mir und der übrigen Welt vollkommen entrückt, die Wände mit den Postern an. Wer weiß, vielleicht machen sich die Eltern weniger etwas vor, als ich glaubte und verhalfen ihrem Jungen zu einer Traumwelt, in der er auf seinem Motorrad durch die Gegen fährt und glücklich ist.

(wird fortgesetzt!)

Copyright (c) 2011 by Thomas Rocha

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus80-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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Christoph Wortberg wurde 1963 in Köln geboren. Er studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte in Köln, machte eine Schauspielausbildung und war zwei Jahre lang Gasthörer an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Er arbeitet als Schauspieler (u.a. Lindenstraße) und Drehbuchautor für Film und Fernsehen (u.a. Tatort, Der letzte Zeuge) und schreibt Romane für Jugendliche. 2007 wurde er mit dem Hansjörg-Martin-Kinder- und Jugendkrimipreis ausgezeichnet. Christoph Wortberg lebt mit seiner Familie in Köln.

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Updated: 9. Februar 2012 — 20:06

5 Comments

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  1. Bin mal auf Eure Meinung gespannt!

  2. Mh, ich bin … verwirrt. Das ist jetzt nichts, was ich aufgrund das Titels vermuten konnte. Ausserdem lässt mich die Geschichte mitten im Lesen im Stich. Das ist meiner Meinung nach einfach zu kurz, um sich eine Meinung zu bilden, besonders da das Thema nicht gerade einfach ist.

  3. Mir liegt da noch ein ganzes Paket an Leseproben von diesem Roman vor, ich habe aber keine Genehmigung des Autors mehr, weitere Folgen davon hier zu bringen, weil er einen Vertrag dafür bei einem Verlag für seinen Roman gefunden hat, der auf das Copyright besteht.

    Man sieht, auch wenn jemand sehr gute Beziehungen zu Verlagen hat, da er bislang als Journalist gearbeitet und dabei viele Kontakte knüpfen konnte, ist die Entscheidung, ob jemand bei einem großen Verlag veröffentlich wird oder nicht, nicht unbedingt von der Qualität seiner Arbeit abhängig. Ich finde denRoman zar nicht schlecht, bin aber der Meinung, dass viele Texte hier mindestens ebensogut geschrieben sind. Doch die haben keine Möglichkeit, so schnell einen großen Verlag zu finden. Vielleicht auch ein Beitrag zur Diskussion um Zuschussverlage? Ist das, was oft veröffentlicht wird, tatsächlich besser als das meiste oder haben die Verfasser einfach nur gute Kontakte? Was meint Galaxy dazu? Hier haben wir ja ein gute sBeispiel, denn kaum einer hier hätte wohl damit gerechnet, dass ausgerechnet dieser Stoff hier einen finaziell lohneneswerten Vertrag bekommen hat!?

  4. Eigentlich waren 12 Teile als Leseprobe geplant gewesen. Jetzt ist alles für die Tonne. Tja, so kann es kommen.

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