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JÄGER IM ZWIELICHT – Leseprobe (Teil 1) aus der gleichnamigen Novelle von Stephan Lössl

JÄGER IM ZWIELICHT

Leseprobe (Teil 1)

aus der gleichnamigen Novelle
von
Stephan Lössl

Cassandra wusste nicht, wo sie war. Auch hatte sie nicht die geringste Ahnung, wo sie diesen Kreis der Fünf Steine suchen, geschweige denn, wie sie zurück zu dieser sonderbaren Frau finden sollte, die sich samt ihrer Hütte in Luft aufgelöst hatte. Je mehr Cassandra über die Ereignisse der vergangenen Tage nachdachte, desto mehr schwirrte ihr der Kopf. Vielleicht war sie ja einer Hexe begegnet, die die ganze Welt verhext hatte, oder sie selbst lag noch immer in ihrem Bett und träumte einen wirren Traum.

»Die Quelle«, flüsterte sie, als erneut das Gluckern des Baches an ihre Ohren drang. Alles, was ihr im Moment einfiel, war, dem Verlauf des Baches zu folgen, und zwar entgegen der Flussrichtung, denn so musste sie ja irgendwann an den Ursprung des Gewässers kommen.

Also lief sie los, immer dem Geräusch hinterher, das sie schon bald zurück in den Wald führte. Sofort fiel Cassandra auf, dass die Bäume völlig anders waren, als sie diese kannte. Anstatt stämmiger Eichen und schlanker Buchen ragten Nadelbäume in den Himmel. Langes Moos verzierte die Stämme der Bäume, hing sogar von den tiefhängenden Ästen herab, und erinnerte an die Bärte altehrwürdiger Zauberer. Die Zweige wirkten gar wie Hände, die während des Wirkens von Magie erstarrt waren, und die Verknotungen und Auswucherungen hoch oben in den Bäumen hätten Gesichter mit Augen sein können. Cassandra wurde äußerst mulmig zumute, kurz erwog sie sogar, zurück zu gehen. Doch die Aussicht, Herne retten zu können, ließ sie weiterlaufen.

Glücklicherweise standen die Bäume nicht zu dicht beieinander, so dass die silbrigen Strahlen des Mondes ausreichend Helligkeit spenden konnten. Es dauerte nicht lange und Cassandra erreichte den Bach. Sie wanderte gegen seine Flussrichtung weiter, folgte all den Windungen, die das Bachbett im Laufe der Zeit geschaffen hatte. Doch weder der Wald, noch der Wasserlauf selbst veränderten sich. Als sie irgendwann schon umkehren wollte, teilte sich der Bach und sie blieb stehen. Welchem der beiden Bäche sollte sie nun folgen? Resigniert sank sie zu Boden und lehnte sich an den moosbewachsenen Stamm eines Baumes. Da raschelte es plötzlich. Cassandra griff nach ihrem Dolch, und nun machte sie einen Schatten aus. Langsam bewegte er sich auf sie zu. Cassandra erhob sich, vorsichtig und ganz leise. Sie umklammerte ihren Dolch fester, denn das Wesen trat nun aus dem Schatten hervor. Als das Licht des Mondes auf die Gestalt fiel, erkannte Cassandra, um was es sich handelte: Es war ein Fuchs. Aus großen dunklen Augen schaute er sie an, legte den Kopf dabei ein wenig schräg. Dann sprang er mit einem eleganten Satz über den ersten Zweig des Baches hinweg – und trank aus dem zweiten. Immer wieder hob er kurz den Kopf, behielt Cassandra dabei im Auge. Schließlich wandte er sich ab, wobei er jenem Wasserlauf folgte, aus dem er soeben getrunken hatte, und verschwand schließlich im Wald.

»Warum hast du aus dem zweiten Wasserlauf getrunken und nicht aus dem ersten?«, wisperte Cassandra. »Du willst, dass ich diesem folge, nicht wahr?«

In Ermangelung eines besseren Einfalls, setzte sie schulterzuckend ihren Weg fort, wählte dabei den gleichen, den der Fuchs genommen hatte. Allmählich stieg das Gelände an, die Bäume lichteten sich und wichen einer Wiese mit hüfthohem Gras. Dort stieß Cassandra auf einen Teich, aus dem der Bach herausgeströmt kam. Unzählige weiße Seerosen schaukelten im Licht des Mondes auf der Wasseroberfläche dahin. Falter, deren Flügel im silbrigen Licht der Nacht leuchteten, schwirrten geschäftig umher. Es war ein schöner, stiller Ort, und so ließ Cassandra sich nieder, zog die Stiefel aus und tauchte ihre müden Füße ins Wasser.

Sie ahnte, dass sie schon lange nicht mehr im Wald von Windsor unterwegs war, sondern in einer anderen, ihr unbekannten Gegend. Spätestens, als ein Falter auf einer Seerose vor ihr landete, wurde ihr diese Tatsache bewusst: Es war nämlich gar kein Falter. Ein schmales und, wie es Cassandra schien, eher männliches Gesichtlein wandte sich ihr zu. Große runde Augen musterten sie eingehend.

Rasch zog sie ihre Füße aus dem Wasser und unterdrückte einen Aufschrei.

»Was bist du gar so schreckhaft?«, beschwerte sich das kleine Wesen mit auffallend kräftiger Stimme. Wie ein winziger Mensch stand es auf zwei Beinen, sein ganzer Körper schimmerte silbrig-grau und seine noch immer schwirrenden Flügel summten leise und leuchteten in der gleichen Farbe wie das Mondlicht.

Cassandra hatte es die Sprache verschlagen. Sie zog nur die Beine an den Oberkörper und starrte fassungslos dieses, was auch immer es war, an.

»Du störst die Nacht, das Wasser und mich obendrein«, schimpfte das geflügelte Männlein weiter.

»Ich…«

»Du, natürlich, wer denn sonst?« Das Wesen wandte rasch den Kopf, sah nach links und nach rechts. »Oder sind noch mehr deiner riesenhaften, scheußlichen Art anwesend?«

»Scheußliche Art?« Nun wurde Cassandra doch ein wenig wütend. »Ich bin nicht hierhergekommen, um mich von … von einem wie dir beleidigen zu lassen!«

»Einem wie mir?«

Cassandra nickte. »Einem wie dir, richtig. Was bist du überhaupt?«

»Wenn du das nicht weißt, geht es dich auch nichts an!«

Cassandra zuckte mit den Schultern. »Wenn ich recht darüber nachdenke, interessiert es mich auch nicht.«

»Wirklich nicht?«, fragte das Wesen verblüfft. Dabei riss es die kleinen Augen weit auf.

Fast hätte Cassandra laut aufgelacht, doch sie unterdrückte es. »Nein«, sagte sie stattdessen nur.

Das Wesen ließ den Kopf hängen. »Erst störst du mich, dann machst du mich auch noch traurig.«

Nun musste Cassandra doch schmunzeln, besonders als sie sah, wie das kleine geflügelte Männlein kaum merklich den Kopf hob und sie von unten her abwartend betrachtete.

»Es interessiert dich doch!«, stellte es dann – etwas vergnügter – fest.

»Nein, tut es nicht«, entgegnete Cassandra so beiläufig wie möglich, und strich sich ihre Locken zurück.

»Tut es schon!«

»Nein!«

»Doch! Du brennst darauf, es zu erfahren.«

»Tu ich nicht!«

»Du brennst, und wie du brennst!«, beharrte das Wesen. »Du bist ein Weiblein. Alle Weiblein brennen vor Neugier!«

»Du bist unverschämt!« Cassandra erhob sich. »Ich gehe jetzt!«

»Tust du nicht!«, sagte das Männlein und grinste unverschämt.

»Und ob ich das tue!«

»Nein, tust du nicht!«

»Natürlich gehe ich. Weshalb sollte ich bleiben?«

»Weil du nicht weißt, wohin!«

»Ach, und du weißt es wohl?«

»Ich?« Das Wesen deutete mit einem winzigen Finger auf seine Brust. »Woher soll ich wissen, wohin du willst, wenn du das selbst nicht weißt?«

Cassandra verdrehte die Augen. »Ich weiß es sehr wohl!«

»Dann sag es mir doch!«

»Zum Teich der Fünf Wasser im Kreis der Fünf Steine.«

»Oh!«, rief das Wesen verblüfft und schwieg.

»Du weißt nicht, wo sich dieser Steinkreis befindet, oder?« Insgeheim hoffte Cassandra, das geflügelte Wesen könne ihr den Weg weisen.

»Oh doch! Oh doch!«, rief es erfreut und so laut, dass seine Artgenossen es hörten, denn sie alle kamen nun herbei geschwirrt und ließen sich auf den Wasserblumen oder deren dicken Blättern nieder. »Wir alle kennen die Wasser der Wandlung, die in den goldenen Teich strömen.«

»Goldener Teich?«, wunderte sich Cassandra, winkte dann aber ab. »Wie auch immer«, sie ging in die Hocke und schaute die kleinen Wesen an. »Wo liegt dieser Teich?«

Das kleine Wesen grinste frech. »Verrat ich nicht, es sei denn«, es nahm beide Ärmchen hinter den Körper und drehte diesen, fast schon verschämt, hin und her.

»Was?«

»Es sei denn, du fragst uns wer wir sind und mich nach meinem Namen.«

Cassandra seufzte. »Also gut. Wer seid ihr und wie ist dein werter Name?«, fragte sie betont höflich.

»Höre ich da etwa Spott heraus?«, wollte der Kleine misstrauisch wissen.

Cassandra schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, nein! Es interessiert mich wirklich.«

»Hab ich’s doch gleich gewusst!« Das Wesen schnippte mit den Fingern und nickte selbstzufrieden. »Weibchen sind neugierig!«

(…)

(wird fortgesetzt)

Copyright © 2014 by Stephan Lössl

Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Coverillustration “Märchen” (nixe01.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen möchte, wie es weitergeht, klickt auf das Cover oder einen der Bestellinks:

Jäger im Zwielicht (Kartoniert)
Magische Schriften
von Lössl, Stephan

Verlag:  UB-Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  149
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Oktober 2014
Maße:  121 x 170 mm
Gewicht:  148 g
ISBN-10:  3943378705
ISBN-13:  9783943378702

Beschreibung
»Der Gejagte an den Jäger gebunden, spendet Leben, auch wenn es verschwunden«, sagte der sonderbare Leibarzt. Dann schloss er die Augen, stimmte einen merkwürdigen Singsang an. Anfangs war es nur ein leises Summen, doch rasch steigerte sich dieses, wurde lauter und kräftiger. Dann sang er in fremden Worten, die er immer wieder so heftig ausstieß, dass es fast wie ein Peitschenknall klang. Cassandra bekam eine Gänsehaut, ein Kribbeln breitete sich auf ihrer Kopfhaut aus. Plötzlich machte Cascadine eine rasche Handbewegung – und schlagartig verlosch das Licht der Kerzen. Julia fliegt nach England. In ihrem Zimmer findet sie ein Büchlein mit dem Titel Legenden aus Südengland. Die Geschichte von Herne, dem Jäger von Richard II., fasziniert sie. Nach einer tödlichen Verletzung rettete Cascadine Herne das Leben, doch der Preis dafür war hoch. Nur Cassandra, Hernes Geliebte, kann ihn von dem Bann befreien. Doch was hat Julia mit all dem zu tun?

Autor
Stephan Lössl wurde 1969 in Erlangen geboren und wuchs in Kunreuth in der fränkischen Schweiz auf. Einer Lehre als Industriekaufmann folgte eine Ausbildung zum Lehrer für Tai-Chi-Chuan und Qi-Gong, sowie zum TCM-Ernährungsberater. Schon als Kind entwickelte er großes Interesse für Pferde, Kampfsport und Fantasyliteratur. Diese Begeisterung führte schließlich dazu, dass er derzeit an mehreren historischen und phantastischen Buchprojekten arbeitet. Neben einer im UB-Verlag erschienenen Novelle „Jäger im Zwielicht“ wurde ein Gemeinschaftsroman mit seiner Frau Claudia, „Der Kampf der Halblinge“, bei Bastei Lübbe unter dem Pseudonym C.S. West veröffentlicht. Weitere Veröffentlichungen sind in Bearbeitung.

Titel erhältlich als Printversion bei Amazon.de
Titel erhältlich als Printversion bei Buch24.de
Titel erhältlich als Printversion bei Booklooker.de
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10 Comments

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  1. Gefällt mir, sehr sauber ausgeführt; auch spannend. Würde es aber eher als Märchen/Tierfabel sehen, weniger als Fantasy.

    Kleinigkeit: “ … Verlauf des Baches zu folgen, und zwar entgegen der Flussrichtung …“
    Würde hier lieber das Wort Fließrichtung verwenden, denn es ist ja ein Bach.

    mgg
    Werner 😉

  2. Ist doch auch nicht der Fanatsy-Anthologie drin sondern in der Märchen-Anthologie!

  3. Deine Korrektur kannst ja mal an Stefan senden, kann ich ja schlecht eingreifen! 🙂

  4. Erstaunlich das der Ehemann einer bekannten Autorin sich stilistisch so gut weiterentwickelt hat, da mögen sich manche ein Beispiel dran nehmen. 😉

  5. Sehr märchenhaftes Feeling. Der Beginn macht neugierig auf die Fortführung der Geschichte. Der Dialog zwischen dem kleinen Feen-Mann (ich denke mal, dass es Feen oder Elfen sind) und Cassandra ist mir zwar teilweise ein wenig zu kindergarten-lastig („Du bist doof!“ „Bin ich nicht!“ „Bist du doch!“ „Bin ich nicht!“ usw.), aber trotzdem neckisch zu lesen.

  6. Hallo zusammen,

    Vielen Dank für die Kommentare und Anregungen. @Petra: Danke! Das ist schön zu hören :-)!
    Tja, und wer wissen will, ob der Tod nun eine Frau ist oder nicht, muss die ganze Novelle lesen :-).
    Dann wünsche ich schon mal frohe und besinnliche Weihnachten.

    Viele Grüße!
    Stephan

  7. Hallo Stephan, wie sieht es aus: Ist dein Verlag aufgeschlossen und wird uns hier drei Verlosungsexemplare sponsern? Was meinst du?

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