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JÄGER IM ZWIELICHT – Leseprobe (Teil 3) aus der gleichnamigen Novelle von Stephan Lössl

JÄGER IM ZWIELICHT

Leseprobe (Teil 3)

aus der gleichnamigen Novelle
von
Stephan Lössl

(Zum Vorherigen Teil)

Cassandra straffte ihre Schultern und fasste sich nun ein Herz. »Ganz bestimmt nicht zu dir«, antwortete sie.

»Alle Wege führen zu mir«, entgegnete der Alte süffisant. »Aber ich weiß, wonach du suchst. Es ist der Kreis der Fünf Steine, der die Wasser der Wandlung umschließt, nicht wahr?«

Auch wenn sie sich eigentlich über gar nichts mehr wundern sollte, war Cassandra erstaunt und nickte.

Zu ihrer Überraschung verneigte sich der Alte, dann trat er zur Seite und deutete in die Richtung, in die Cassandra eben noch gegangen war. »Tritt durch den gespaltenen Baum und du wirst finden, was du suchst.«

Cassandra zögerte kurz, doch dann machte sie sich auf den Weg, ließ den Alten jedoch nicht aus den Augen, als sie an ihm vorüberging. Er machte keinerlei Anstalten, sie aufzuhalten. Also lief sie weiter, wandte sich noch einmal nach ihm um, doch er war verschwunden. Dafür kehrte das Gezwitscher der Vögel zurück.

Bald wurden die Bäume immer größer, standen zunehmend dichter beisammen, bis sie plötzlich eine unüberwindliche Wand aus Stämmen bildeten und Cassandra den Weg versperrten. Ehrfürchtig stand sie vor den gewaltigen Bäumen, deren Wurzeln über dem Erdboden miteinander verflochten waren, ehe sie sich in den Waldboden gruben, und obendrein so dick waren, dass das ausladende Wurzelwerk hier und da aus dem Bodennebel herausragte.

»Finde den gespaltenen Baum«, flüsterte Cassandra und wanderte in ehrfürchtigem Schweigen an der Wand aus Bäumen entlang. Und tatsächlich fand sie einen riesigen Baum, dessen Stamm in der Mitte der Länge nach gespalten war.

Langsam ging Cassandra darauf zu, hielt aber inne, als sich der Nebel vor ihr bewegte. Langsam, wie heißer Dampf, wallte er empor. Dann legte er sich wieder und plötzlich stand da eine junge Frau.

Cassandra zögerte einen Augenblick lang, schritt aber schließlich auf die Frau zu und nun hörte sie auch wieder das Plätschern des Baches. Die junge Frau mit den blonden Haaren lächelte, winkte sie sogar näher. Als Cassandra bei ihr war, nahm sie wortlos ihre Hand und führte sie mit sich, direkt in den gespaltenen Baum hinein – und auf der anderen Seite wieder hinaus.

Staunend trat Cassandra auf eine riesige Lichtung, die sich – ganz ohne Nebel – vor ihr erstreckte. Es waren allerdings weder die unzähligen Blumen, die ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkten, noch die vielfältige Tierwelt, die sich hier tummelte. Cassandras Blick ging an all den Vögeln, Rehen, Wölfen, Bären und Tieren, für die sie keinen Namen hatte, vorbei und fiel auf die fünf mächtigen Monolithen, die um einen Teich herum standen, aus dem auch der Bach herausströmte. Alt und verwittert wirkten sie wie ein Zentrum der Macht, das der Vergänglichkeit trotzte. Ein Relikt aus alten Tagen, das die Zeit nicht zu beugen vermochte, sondern nur stärker werden ließ.

»Es ist schön hier, findest du nicht auch?«, hörte sie die glockenklare Stimme ihrer Begleiterin.

»Der Kreis der Fünf Steine«, flüsterte Cassandra und ging langsam auf den Teich zu. »Die Quelle der Fünf Wasser, ich habe sie gefunden.«

»Ja, das hast du«, bestätigte die junge Frau. Erst jetzt wandte Cassandra, die von diesem Ort noch immer völlig verzaubert war, sich ihr zu.

»Ich bin die Hüterin der Fünf Wasser«, sagte die Frau, noch ehe Cassandra ihre Frage aussprechen konnte.

Aus Augen, die so blau waren wie der Himmel, blickte die Hüterin sie an. Ihr weißes Kleid umhüllte sie wie feiner Nebel, umschmeichelte ihren schlanken Körper, während sie auf Cassandra zuging und ihr einen Arm um die Schulter legte. »Tritt näher«, flüsterte sie verheißungsvoll und zog Cassandra sanft mit sich.

Sie folgte ihr über die Wiese, bis an das Ufer des Teiches. Erst jetzt bemerkte sie, dass die hintere Hälfte des Teiches unter Bäumen im Schatten lag, während die vordere von der Sonne beschienen wurde. Gespeist wurde der Teich von fünf Quellen, die sich aus einer Felsformation am schattigen Ende des Gewässers in ihn hinein ergossen. Gedankenverloren sank Cassandra am Rande des Teiches nieder. Das Wasser war kristallklar und sie konnte bis auf den Grund blicken, der golden schimmerte. Der goldene Teich, erinnerte sich Cassandra an Sils Worte. Wie verzaubert sah sie sich um. »Ich habe noch nie von diesem Ort gehört«, sagte sie. »Liegt all das hier«, sie machte eine ausladende Armbewegung, »im Wald von Windsor?«

Die Hüterin lachte auf, aber es war ein freundliches und liebevolles Lachen, frei von Hohn und Spott. »Nein«, antwortete sie. »Der Wald von Windsor ist Teil dieses Ortes, so wie alles in der Welt Teil davon ist. Hier ist, wo alles endet und alles beginnt.«

Cassandra schüttelte den Kopf. »Das verstehe ich nicht.«

»Hier liegt die Quelle allen Lebens«, fuhr die hübsche junge Frau fort. »Die Wasser der Wandlung fließen hinaus in die Welt, umhüllen das Leben und versorgen es.«

»Und du wachst über diesen Ort?«

Wieder schmunzelte die Frau. »Ich bin dieser Ort.«

Eingehend betrachtete Cassandra die Hüterin der Fünf Wasser, dann musste sie plötzlich an den Alten denken, den sie im Wald getroffen hatte. »Und wer war der schreckliche Mann, der mir im Wald begegnet ist?«, fragte sie. »Er meinte, alle Wege führen zu ihm und keiner könne ihm entrinnen.«

»Seine Worte sind wahr«, bestätigte die Frau. »Dennoch muss er alle, die zu ihm kommen, wieder freigeben, und somit ist er der einsamste von uns allen.«

Cassandra bekam eine Gänsehaut, denn sie glaubte zu begreifen, wer der Alte war. Doch sie wollte nicht an ihn denken. Sie hatte eine andere Aufgabe. »Ich muss einen Kelch dieses Wassers holen«, erklärte sie und deutete auf den Teich.

Die Hüterin nickte. »Ich weiß. Nimm dir, soviel du möchtest. Die Fünf Wasser sind unerschöpflich. Ein Kelch wartet bereits im Wasser auf dich.« Sie deutete auf das Gewässer, woraufhin sich Cassandra über den Rand des Teiches beugte. Sie konnte jedoch keinen Kelch ausmachen. Fragend wandte sie sich der Hüterin zu.

»Sieh genauer hin!«, sagte diese aufmunternd.

Cassandra beäugte den Grund des Teiches noch einmal eingehender. »Der Teich ist übersät mit Samenkörnern«, stellte sie verblüfft fest, denn eigentlich hätte sie Steine oder Sand erwartet. Aber es waren Samenkörner und diese waren es auch, die diesen goldenen Schimmer verbreiteten.

»Aus jedem Samenkorn entsteht neues Leben. Nur zu. Fass hinein.«

Cassandra tauchte ihre Hand unter das Wasser, wollte nach einem Samenkorn greifen, als dieses sich plötzlich in einen Kelch aus Stein verwandelte. Kurz schreckte sie zurück, doch dann griff sie zu, hob den Kelch – gefüllt mit den Fünf Wassern – aus dem Teich.

»Du musst jetzt gehen«, sagte die Hüterin. Dann trat sie auf Cassandra zu, umarmte sie, drückte sie fest an sich und flüsterte ihr ins Ohr. »Nichts ist verloren, niemand ist wirklich verloren.«

Schon einmal hatte Cassandra diese Worte vernommen, doch noch bevor sie sich entsinnen konnte von wem, durchflutete sie ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit, sodass diese Erinnerung unwichtig wurde.

Fast schon empfand sie einen tiefen Schmerz, als die Hüterin sie wieder aus ihrer Umarmung freigab. Schließlich wies sie auf den gespaltenen Baum, durch den sie auf diese Lichtung gekommen waren.

»Ich hoffe, ich finde zurück«, gab Cassandra zu bedenken.

»Hattest Du nicht auch Helfer, die dir den Weg hierher gewiesen haben?«

»Ja, aber – woher weißt du das?«

»Weil selbst Fuchs, Fisch und Falke und selbst jene, die diese Gestalt nur zeitweilig annehmen, meine Kinder sind«, erklärte die Hüterin geheimnisvoll. »Sie kennen diesen Ort. Alle Wesen kennen ihn, tragen ihn in sich, denn er ist die Ursache aller Sehnsucht, die tief in unseren Seelen brennt. Nur sieht er für jeden anders aus.«

Wenngleich diese Erklärung sonderbar anmutete, hatte Cassandra das Gefühl, sie trage einen tieferen Sinn in sich. Eine Wahrheit, die sie mit dem Verstand nicht erfassen konnte, mit dem Herzen aber sehr wohl. Soviel jugendliche Schönheit die Hüterin der Fünf Steine besaß, so viel Weisheit verströmte sie auch.

»Nun kehr damit zurück und tu, was dein Herz verlangt!«, forderte sie Cassandra freundlich auf.

Cassandra nickte und ging auf den Baum zu. Irgendwie hatte sie das Gefühl, eines Tages wieder an diesen Ort zurückzukehren. Bevor sie durch den Spalt im Baum trat, wandte sie sich noch einmal um.

Schön wie ein neuer Morgen, überflutet von Sonnenlicht, stand die Hüterin der Fünf Wasser auf der Lichtung und hob die Hand zum Gruß. »Vergiss diesen Ort nicht«, rief sie. »Er ist ein Teil von dir und du trägst ihn immer in dir.«

Wieder nickte Cassandra, dann trat sie in den Spalt des großen Baumes, um zurückzugehen und ihre Aufgabe zu erfüllen.

(…)

Copyright © 2014 by Stephan Lössl

Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Coverillustration “Märchen” (nixe01.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen möchte, wie es weitergeht, klickt auf das Cover oder einen der Bestellinks:

Jäger im Zwielicht (Kartoniert)
Magische Schriften
von Lössl, Stephan

Verlag:  UB-Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  149
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Oktober 2014
Maße:  121 x 170 mm
Gewicht:  148 g
ISBN-10:  3943378705
ISBN-13:  9783943378702

Beschreibung
»Der Gejagte an den Jäger gebunden, spendet Leben, auch wenn es verschwunden«, sagte der sonderbare Leibarzt. Dann schloss er die Augen, stimmte einen merkwürdigen Singsang an. Anfangs war es nur ein leises Summen, doch rasch steigerte sich dieses, wurde lauter und kräftiger. Dann sang er in fremden Worten, die er immer wieder so heftig ausstieß, dass es fast wie ein Peitschenknall klang. Cassandra bekam eine Gänsehaut, ein Kribbeln breitete sich auf ihrer Kopfhaut aus. Plötzlich machte Cascadine eine rasche Handbewegung – und schlagartig verlosch das Licht der Kerzen. Julia fliegt nach England. In ihrem Zimmer findet sie ein Büchlein mit dem Titel Legenden aus Südengland. Die Geschichte von Herne, dem Jäger von Richard II., fasziniert sie. Nach einer tödlichen Verletzung rettete Cascadine Herne das Leben, doch der Preis dafür war hoch. Nur Cassandra, Hernes Geliebte, kann ihn von dem Bann befreien. Doch was hat Julia mit all dem zu tun?

Autor
Stephan Lössl wurde 1969 in Erlangen geboren und wuchs in Kunreuth in der fränkischen Schweiz auf. Einer Lehre als Industriekaufmann folgte eine Ausbildung zum Lehrer für Tai-Chi-Chuan und Qi-Gong, sowie zum TCM-Ernährungsberater. Schon als Kind entwickelte er großes Interesse für Pferde, Kampfsport und Fantasyliteratur. Diese Begeisterung führte schließlich dazu, dass er derzeit an mehreren historischen und phantastischen Buchprojekten arbeitet. Neben einer im UB-Verlag erschienenen Novelle “Jäger im Zwielicht” wurde ein Gemeinschaftsroman mit seiner Frau Claudia, “Der Kampf der Halblinge”, bei Bastei Lübbe unter dem Pseudonym C.S. West veröffentlicht. Weitere Veröffentlichungen sind in Bearbeitung.

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