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JÄGER IM ZWIELICHT – Leseprobe (Teil 2) aus der gleichnamigen Novelle von Stephan Lössl

JÄGER IM ZWIELICHT

Leseprobe (Teil 2)

aus der gleichnamigen Novelle
von
Stephan Lössl

(Zum vorherigen Teil)

Cassandra schluckte eine Erwiderung hinunter und wartete geduldig ab.

»Wir sind die Lunaduril, Sammler des Mondlichts, und mein Name ist Sil.«

»Ihr fangt das Licht des Mondes?«, fragte Cassandra ein wenig verdutzt.

»Wir fangen es nicht!«, korrigierte Sil. »Wir sammeln es und geben es der Nacht zurück, wenn sie mondlos und wolkenverhangen ist.«

Cassandra verstand das zwar nicht, doch sie fragte auch nicht nach, denn sie wurde ein wenig ungeduldig und wollte weiter.

»Ich bin Sil!«, wiederholte das geflügelte Wesen.

»Das sagtest du bereits.«

»Ich weiß. Wollte nur, dass du meinen Namen nicht vergisst. Er ist schließlich lang und nicht ganz einfach zu merken!«

»Mir wurde gesagt, Namen seien vergänglich«, sagte Cassandra, als sie sich an die Frau in der Hütte erinnerte. Im Gegensatz zu ihr war Sil sehr darauf erpicht, ihr seinen Namen zu verraten.

»Wer hat dir denn diesen Blödsinn erzählt?«, hakte Sil kopfschüttelnd nach. »Wenn ich dir alle Nasenhaare einzeln ausreiße«, Sil beugte sich ein wenig nach vorne und betrachtete Cassandra von unten her, »hast du überhaupt welche? Na – egal. Wenn ich sie dir also alle ausreiße und dir danach meinen Namen verrate, wirst du ihn bestimmt nicht so schnell vergessen und dann ist er auch nicht vergänglich.«

»Verrätst du mir nun endlich, wo ich diesen Teich finde?«

Sil wurde ernst. »Es ist dir wichtig, nicht wahr?, sagte er leise.

Cassandra nickte entschlossen. »Sehr wichtig.«

Kurz musterte er sie, dann schwirrte er davon und alle anderen Lunaduril schlossen sich ihm an. Wie ein Schwarm Heuschrecken erhoben sie sich über den Teich und verdichteten sich, bis sie zu einem einzigen Wesen geworden waren, und zwar zu einem einzigen großen Sil. Sogar die Gesichtszüge waren dieselben. Während er nun in der Luft schwebte, warf er Cassandra ein Lächeln zu, die filigranen Flügel vibrierten nur ganz leicht. Eine dieser Schwingen richtete er nun auf den Mond und schon erstrahlte der Flügel in einem reinen, silbernen Licht. Dieses wurde auf den zweiten Flügel geworfen, und – von dort reflektiert – strahlte es in stetigem Pulsieren in die Nacht hinein und fiel auf eine Felswand, die sich unweit des kleinen Teiches erhob.

»Geh, solange dir unser Licht leuchtet«, hallte Sils Stimme durch die Nacht. »Im grauen Stein findest du einen Durchgang. Folge ihm und du gelangst zum Kreis der Fünf Steine.«

Fast schon ehrfürchtig schaute Cassandra zu Sil auf, dessen Gesicht nun im Widerschein des Mondlichts silbern leuchtete. »Danke«, hauchte sie schließlich, dann marschierte sie weiter.

***

Im Schein des von den Lunaduril eingefangenen Lichts ging Cassandra auf die Bergwand zu. Als sie nach oben blickte, konnte sie nun auch die hohen Gipfel erkennen, die sich vor dem Nachthimmel abzeichneten. Schnell jedoch richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf jene Stelle, auf die der Lichtstrahl fiel: Ein schmaler Spalt in der Felswand. Überraschenderweise kam auch der Bach dort herausgeströmt. Vorsichtig trat Cassandra ein und fand sich in einem Tunnel wieder, dessen Decke so niedrig war, dass sie sich bücken musste, um sich nicht den Kopf zu stoßen. Wenn sie beide Arme ausstreckte, konnte sie mit den Händen die Wände berühren.

Zu allem Unglück reichte auch das Silberlicht nur wenige Schritte weit, denn der Gang machte eine Biegung, und so fand sich Cassandra schon bald in vollkommener Dunkelheit wieder. Nur das Plätschern des Baches hallte laut in ihren Ohren. Sollte sie sich auf irgendeine Gefahr zubewegen, sie würde sie weder sehen noch hören können.

Zudem wurde der Weg beschwerlicher, führte nach und nach bergauf und immer wieder stolperte sie über große Steine, die obendrein noch glitschig waren.

Als sie dann plötzlich ein Licht vor sich sah, blieb sie stehen und presste sich an die Felswand.

Schnell erkannte sie jedoch, dass es nur das Ende dieses Ganges war und eilte weiter. Wenig später trat Cassandra ins Freie – mittlerweile war auch die Sonne aufgegangen – und fand sich auf einer von Bergen umrahmten Ebene wieder. Erleichtert atmete sie auf, dann sank sie in das hohe Gras, welches die Ufer des Baches säumte.

Cassandra hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie war, oder was eigentlich gerade geschah. Die Ereignisse der vergangen Tage wurden immer merkwürdiger. Es hatten sich Kräfte in ihr Leben geschlichen, die sie weder verstand, noch kontrollieren konnte. Doch noch war sie am Leben und wenn ihr all das hier am Ende Herne zurückbrachte, wäre es vielleicht der beste Weg, sich dem Verlauf der Dinge einfach hinzugeben und einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Also erhob sie sich, folgte abermals dem Bach in Gegenrichtung.

Unmut stieg in ihr auf, als sich das Gewässer erneut teilte. Anstatt eines Fuchses fiel Cassandra dieses Mal ein Fisch auf, der vor der Verzweigung im Wasser schwamm und dessen Schuppen in den Farben des Regenbogens schillerten. Kurz glaubte sie, er würde sie anblicken, dann flitzte er in den rechten der beiden Wasserläufe. Cassandra folgte ihm. Auch wenn der Fisch unter der Oberfläche des sprudelnden Gewässers nicht mehr zu sehen war, marschierte sie weiter und erreichte gegen Mittag einen Wald. Riesige Laubbäume, die sie nicht kannte, wuchsen hier und der Boden war ganz mit grünem Moos bedeckt, das sich unter ihren Füßen weich anfühlte.

Je tiefer Cassandra in den Wald hinein lief, umso dichter wurde der Blätterbaldachin über ihr. Das Tageslicht verwandelte sich in ein grünliches Leuchten, das sich unter den Bäume ausbreitete. Als sich dann auch noch Bodennebel bildete und sie nicht einmal mehr ihre Füße erkennen konnte, hatte sie das Gefühl, auf Wolken zu laufen, oder gar zu schweben. Vögel zwitscherten in den Bäumen. In Cassandras Ohren klangen ihre Lieder fröhlich, aber zugleich auch verwundert über den ungewohnten Besuch. Voller Staunen schritt sie durch den Wald und hatte nun das Gefühl, sich ihrem Ziel allmählich zu nähern.

Nach einer Weile wurde ihr bewusst, dass sie gar nicht mehr auf den Bach geachtet hatte, denn der hatte sich – unter dem dichten Weiß, das um ihre Beine wallte -, ihren Blicken entzogen. Sie blieb stehen und fragte sich, ob ihr auch dieses Mal Hilfe zuteilwerden würde. Tatsächlich lenkte ein schriller Pfiff ihre Aufmerksamkeit nach oben. Dort, unterhalb der Baumkronen, entdeckte sie einen Falken, der über ihrem Kopf kreiste, ehe er schließlich zur Seite schwenkte und davonflog. Cassandra schlug die gleiche Richtung ein. Immer wieder beschrieb der Vogel Kreise, anscheinend wollte er sich vergewissern, dass sie ihm auch wirklich folgte. Sie tat es, und während sie ständig nach oben spähte, vergaß sie, auf den Weg vor sich zu achten. So bemerkte sie auch nicht die Gestalt, die plötzlich vor ihr stand, und wäre beinahe gegen sie geprallt. Als hätte er sich direkt aus dem Bodennebel erhoben, stand der alte Mann plötzlich vor ihr. Cassandra stockte der Atem, denn für einen Moment glaubte sie, Cascadine vor sich zu haben. In seinem schwarzen Gewand sah der Mann dem königlichen Leibarzt durchaus ähnlich, doch bei genauerem Hinsehen erkannte sie, dass er viel älter sein musste. Langes, schlohweißes Haar floss ihm über die Schultern, reichte ihm sogar bis zu den Hüften. Sein bleiches Gesicht war von unzähligen tiefen Falten durchzogen. Er machte einen Schritt auf Cassandra zu und sie bemerkte, dass selbst der Nebel vor ihm zurückwich und somit den Blick auf seine nackten Füße freigab. Auch diese waren schrumpelig und als er sie aufsetzte, gruben sich seine gelben Zehennägel, die auch noch lang und gekrümmt waren, in das weiche Moos. Sofort wechselte dieses die Farbe: es wurde braun und vertrocknete augenblicklich.

Cassandra trat einen Schritt zurück.

Der Alte öffnete seinen zahnlosen Mund, formte diesen zu einem Lachen, doch kein Laut kam über die dünnen Lippen. Seine Augen, die schwarz waren wie Kohlen, richteten sich auf sie.

»Wer bist du?«, fragte Cassandra und versuchte ihrer Stimme einen festen Klang zu geben.

»Ich bin der, den niemand will und dem dennoch keiner entrinnen kann.« Der Alte hob die Hände, als wolle er nach ihr greifen.

(…)

(Zum nächsten Teil)

Copyright © 2014 by Stephan Lössl

Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Coverillustration “Märchen” (nixe01.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen möchte, wie es weitergeht, klickt auf das Cover oder einen der Bestellinks:

Jäger im Zwielicht (Kartoniert)
Magische Schriften
von Lössl, Stephan

Verlag:  UB-Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  149
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Oktober 2014
Maße:  121 x 170 mm
Gewicht:  148 g
ISBN-10:  3943378705
ISBN-13:  9783943378702

Beschreibung
»Der Gejagte an den Jäger gebunden, spendet Leben, auch wenn es verschwunden«, sagte der sonderbare Leibarzt. Dann schloss er die Augen, stimmte einen merkwürdigen Singsang an. Anfangs war es nur ein leises Summen, doch rasch steigerte sich dieses, wurde lauter und kräftiger. Dann sang er in fremden Worten, die er immer wieder so heftig ausstieß, dass es fast wie ein Peitschenknall klang. Cassandra bekam eine Gänsehaut, ein Kribbeln breitete sich auf ihrer Kopfhaut aus. Plötzlich machte Cascadine eine rasche Handbewegung – und schlagartig verlosch das Licht der Kerzen. Julia fliegt nach England. In ihrem Zimmer findet sie ein Büchlein mit dem Titel Legenden aus Südengland. Die Geschichte von Herne, dem Jäger von Richard II., fasziniert sie. Nach einer tödlichen Verletzung rettete Cascadine Herne das Leben, doch der Preis dafür war hoch. Nur Cassandra, Hernes Geliebte, kann ihn von dem Bann befreien. Doch was hat Julia mit all dem zu tun?

Autor
Stephan Lössl wurde 1969 in Erlangen geboren und wuchs in Kunreuth in der fränkischen Schweiz auf. Einer Lehre als Industriekaufmann folgte eine Ausbildung zum Lehrer für Tai-Chi-Chuan und Qi-Gong, sowie zum TCM-Ernährungsberater. Schon als Kind entwickelte er großes Interesse für Pferde, Kampfsport und Fantasyliteratur. Diese Begeisterung führte schließlich dazu, dass er derzeit an mehreren historischen und phantastischen Buchprojekten arbeitet. Neben einer im UB-Verlag erschienenen Novelle “Jäger im Zwielicht” wurde ein Gemeinschaftsroman mit seiner Frau Claudia, “Der Kampf der Halblinge”, bei Bastei Lübbe unter dem Pseudonym C.S. West veröffentlicht. Weitere Veröffentlichungen sind in Bearbeitung.

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