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IN SCHWEIGEN GEHÜLLT – Leseprobe (Teil 1) aus dem gleichnamigen Roman von Rüdiger Heins

IN SCHWEIGEN GEHÜLLT

Leseprobe (Teil 1) aus dem gleichnamigen Roman

von

Rüdiger Heins

Eine Kellerassel, die sich über den staubigen Boden fortbewegt, hat Mühe, den feinen Steinchen, die auf ihm verteilt sind, auszuweichen.

Nie hat sich in all den Jahren jemand die Arbeit gemacht, den Boden von all diesen Feldschwielen zu befreien. Es hätte auch keinen Sinn ergeben, denn in jedem Herbst, wenn die Kartoffelernte von den Feldern eingebracht wurde, kam neuer Feldgrund hinzu. Als die Kellerassel mit ihrem Kopf in eine Blutlache stößt, krabbelt sie ein Stück zurück, bleibt kurz stehen und verschwindet dann in der Dunkelheit.


Erster April 1903

Anton Detrois flüchtete in aller Eile aus dem kleinen Dorf an der Nahe. Doch bevor er das Haus der Honorine Steimer verließ, rannte er in das Schlafzimmer im ersten Stock, durchwühlte den alten Eichenschrank, riss die Kleider mit ihren Bügeln von der Stange und verstreute alles auf dem Boden.

Irgendwo, dachte er, würde die Alte ihr Geld schon versteckt haben. Detrois ahnte, dass sie viel Geld haben musste. Immer wieder war das viele Geld der „Mutter Honorine“, wie sie im Kreise seiner Familie genannt wurde, ein Thema gewesen.

Besonders bei Familienfesten kam zu vorgerückter Stunde irgendein Verwandter auf sie zu sprechen. Honorine besuchte nie eine dieser Feierlichkeiten. Weshalb auch? Sie mutmaßten, ihr Geiz hielt sie zurück; müsste sie sich doch erkenntlich zeigen und zu einem runden Geburtstag, zu einer Hochzeit oder einer Kommunion ein Geschenk mitbringen. Dafür war ihr das Geld zu schade. Stattdessen kamen Briefe mit „frommen Sprüchen“. Briefe an Weihnachten, Briefe zu Ostern, Briefe an den Geburtstagen und besonders zu den Namenstagen. Nie lag in einem der Briefe auch nur ein einziger Geldschein.

Warum beschenkte sie nicht schon zu Lebzeiten ihre Lieben, fragten sich einige Familienmitglieder. Alle meinten, sie sei so reich, dass derjenige, der sie nach ihrem Ableben beerbte, nie mehr Geldsorgen haben müsste. Hoffnungen auf ihre Erbschaft machten sich einige. Niemand wusste, wie reich sie wirklich war. Man munkelte hinter vorgehaltener Hand, dass sie von dem Orden in Würzburg, dem sie früher einmal angehört hatte, regelmäßige Zahlungen erhielt. Wofür sie das Geld bekam, das wusste keiner.

Honorine ließ sehr viel Raum für Spekulationen. Vielleicht war das der Grund, weshalb sie die Familienfeste mied.

Anton Detrois war gerade dabei, die Matratzen aus dem Bettrahmen zu heben, da hörte er die Glocke unten an der Hoftür.

Die Angst, entdeckt zu werden, trieb ihm Schweißperlen auf die Stirn. Er schwitzte so stark, dass sein Hemd von einem zum anderen Augenblick feucht auf seiner Haut klebte.

Was sollte er sagen, wenn man ihn fragte, weshalb er hier in diesem Haus sei? Wie sollte er erklären, wo sich Honorine Steimer jetzt befand?

Doch dann ging alles sehr schnell: Intuitiv strich er mit der linken Hand über seinen Kopf, so, als wollte er seine Haare glätten; dann öffnete er die Nickelknöpfe seines Hosenlatzes und stopfte sein Hemd, das in der Aufregung aus der Hose gerutscht war, wieder ordentlich hinein.

Hektisch und mit lauten Schritten rannte er die Treppenstufen hinunter. Unten angekommen, hörte er aus dem Keller das Geräusch eines Röchelns: das Röcheln der Alten. Doch es läutete wieder. Wer auch immer vor der Tür stand, er musste ihn hier drinnen gehört haben. Der Klang der Glocke verriet die Ungeduld des Wartenden.

Detrois versuchte die Kontrolle über sich zu behalten. Dennoch waren seine Bemühungen aussichtslos. Der da draußen sollte nicht bemerken, dass er in Panik geraten war. Am Hoftor angekommen drehte er den Schlüssel, der von innen im Schloss steckte, herum, hob die Türe am Griff an und öffnete sie.

Ein Postbote stand vor der Tür. Franz Frey, ein Bauer aus dem Nachbardorf, der sich mit dem Verteilen der Post ein paar Mark hinzuverdiente, um die hungrigen Mäuler daheim zu stopfen. Überrascht, einen Fremden hier im Hause der Honorine Steimer zu sehen, fragte er:

Wo ist denn das Fräulein Steimer? Ich habe hier einen Brief für sie.“

Die ist verreist“, antwortete Detrois nur knapp. Seine Stimme begann zu zittern. Sie könnte ihn, das wusste er, verraten. Franz Frey aber schien seine Aufregung nicht zu bemerken. Dennoch gab sich er sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. Misstrauisch versuchte er an Detrois vorbei in den Hausflur zu blicken. Detrois reagierte schnell.

Das Fräulein Steimer ist meine Großtante, sie ist zu ihrer Verwandtschaft nach Lebach gereist. Solange sie weg ist, soll ich hier bleiben, um das Haus zu hüten!“

Wie ist denn Ihr Name, junger Mann? Mir ist nicht bekannt, dass Mutter Honorine einen Neffen hat!“

Mein Name ist Anton Detrois und ich komme aus Merzig.“

Soso, Du kommst also aus Merzig? Na dann.“

Den Postboten schien die Antwort des Anton Detrois zufriedenzustellen. Sein zunächst misstrauischer Blick wich einem entspannten Lächeln.

Wann kommt denn das Fräulein zurück?“

Auf diese Frage war Detrois nicht vorbereitet. Er wurde verlegen.

Röte zeigte sich in seinem Gesicht und sein Gaumen wurde trocken.

Das wird wohl noch ein paar Tage dauern, bis meine Tante wieder zurück ist …“

Der Postbote schien die Aufregung des jungen Mannes nicht zu bemerken. Mit klobigen Fingern, an denen die Arbeit auf dem Felde nicht spurlos vorübergegangen war, zog er einen Brief aus einer schwarzen, abgegriffenen Ledertasche und drückte ihn Detrois in die Hand. Dann tippte er zum Abschied mit dem Zeigefinger an seine Schirmmütze und ließ die Hoftür ins Schloss fallen.

Auf der Straße begrüßte einer der Dorfbewohner den Postboten.

Das Fräulein ist für ein paar Tage verreist“, rief Frey ungefragt über die Straße hinweg. Eine alte Männerstimme antwortete ihm:

Das habe ich ja gar nicht gewusst. Wo ist sie denn?“

In Lebach.“

Detrois nahm sich nicht die Zeit, das Gespräch weiter zu verfolgen. Jetzt durfte er keine Zeit mehr verlieren. Eilig ging er in den Hausflur, hörte wieder ein Stöhnen aus dem Keller. Von einer inneren Kraft getrieben stürzte er hinunter in das dunkle Gewölbe. Die wenigen Stufen, die zum Keller führten, waren ausgetreten. Spuren der Vergangenheit hatten sich in sie hineingefressen. Er übersprang gleich mehrere Stufen auf einmal, um schneller unten zu sein.

Ekel überkam ihn, als er sich den Anblick der alten Steimer vorstellte. Blutverschmiert das Gesicht. Ein Haufen Mensch aus Rotz und Blut. Bei der letzten Treppenstufe, die locker war, rutschten ihm seine Beine weg. Er stürzte bäuchlings auf den staubigen Kellerboden.

Für einen kurzen Augenblick verlor er die Kontrolle über sich.

Er wollte alles ungeschehen machen. War das ein Albtraum? Als er wieder zu sich kam, lag er zitternd am Boden. Sein Kopf berührte den der Honorine Steimer. Sie lebte noch. Röchelte. Blickte ihm in die Augen. Blickte mit weit aufgerissenen Augen in seine Augen. Augenblicke der Angst. Detrois hatte Angst. Die Steimer hatte Angst. Sie blutete stark aus dem Mund. Sie konnte nicht um Hilfe rufen, geschweige denn schreien. Die Angst hatte ihr die Sprache verschlagen. Sie war stumm. Sie gab nur unverständliche Laute von sich. Ein wimmerndes Elend lag auf dem staubigen Boden. Mit ihren Lippen versuchte sie Worte zu formen. Worte der Verzweiflung. Worte, die sinnlos waren, weil das letzte Wort bereits gesprochen war. So brachte sie nur noch ein unverständliches Röcheln aus ihrem Rachen hervor.

Ach Toni, lass mich doch, lass mich doch gehen.“ (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright © 2013 by Rüdiger Heins

Heins, Rüdiger – Autorenporträt


WER WISSEN MÖCHTE, WIE DIE GESCHICHTE WEITERGEHT, DER KANN DIES IN UNSERER BUCHEMPFEHLUNG, DEM ROMAN DES AUTOREN, ERFAHREN:


Heins, Rüdiger
In Schweigen gehüllt

Roman

Vorwort von Andreotti
Verlag :      Debras Verlag
ISBN :      978-3-937150-12-3
Einband :      gebunden
Preisinfo :      18,90 Eur[D] / 19,50 Eur[A] / 27,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 08.07.2013
Seiten/Umfang :      176 S. – 13,5 x 21,5 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 24.07.2013
Gewicht :      346 g

Die Geschichte der Honorine Steimer und des Anton Detrois beruht auf einer wahren Begebenheit. Honorinne Steimer, die Ordensgründerin der Erlöserschwestern in Würzburg, muss ihr Kloster unter nicht geklärten Umständen verlassen. Obwohl sie aus dem Orden ausgetreten ist, erhält sie von diesem eine jährliche „Leibrente“ von 800 Reichsmark. Mit diesem Geld versucht sie einen neuen Orden zu gründen. In ihrem Haus hat sie bereits zwei junge Mädchen einquartiert, aus denen sie Nonnen machen will. Doch Anton Detrois durchkreuzt ihre Pläne. Er weiß, dass sie viel Geld hat, deshalb will Detrois sie dazu überreden, ihm etwas davon zu leihen. Honorinne Steimer verweigert ihm diese Bitte. Außer Kontrolle geraten, tötet der junge Detrois die alte Steimer, um sie anschließend auszurauben.

Rüdiger Heins ist Gründer und Studienleiter des INKAS Institut für kreatives Schreiben www.inkas-id.de.

Mit seinem Roman „Verbannt auf den Asphalt“ und den Sachbüchern „Obdachlosenreport“ und „Zuhause auf der Straße“ machte er die Öffentlichkeit auf Menschen am Rande der Gesllschaft aufmerksam, www.ruedigerheins.de.

Buchbesprechung (Auszug) von Prof. Dr. Mario Andreotti:

SPANNUNG IN MODERNEM GEWAND

Die Handlung in Rüdiger Heins‘ Roman »In Schweigen gehüllt« ist auf den ersten Blick relativ einfach: Da ermordet der junge, erst achtzehn­jährige Anton Detrois seine alte Tante Honorine Steimer, eine ehe­malige Klosterfrau aus einem Orden in Würzburg, um an ihre Geld­scha­tulle zu gelangen. Man wird bei der Lektüre der ersten Seiten an Frank Wedekinds berühmtes Gedicht »Der Tantenmörder» aus dem Jahre 1897 erinnert.

Anton Detrois kann mit den vielen Geldscheinen, die er im Schlaf­zimmer der ermordeten Tante erbeutet hat, zunächst fliehen, schlägt sich in verschiedenen Wirtshäusern, bei Dirnen und Obdachlosen herum, kauft sich ein Motorrad und wird schliesslich von der Polizei gefasst und am 4.September 1903 in Mainz öffentlich hingerichtet. Ein Raubmord, der nach dem klassischen Muster des Detektivromans erzählt wird.

So haben wir denn in Rüdiger Heins‘ Werk einen modernen Montageroman vor uns, der dem Leser nicht nur einen Einblick in die komplexe, in sich widersprüchliche Psyche eines Menschen ermöglicht, der auf seine Weise Liebender und Mörder zugleich ist, sondern auch in eine bürgerliche Gesellschaft, die für Menschen an ihrem Rand keinen Platz hat. Das macht das Werk weit über eine reine Detektivgeschichte in der Tradition von Georges Simenon hinaus zu einem spannungsgela­denen, äusserst lesenswerten Zeitroman.

Prof. Dr. Mario Andreotti ist Dozent für neuere deutsche Literatur in St. Gallen und Zürich und Autor des UTB Bandes »Die Struktur der modernen Literatur»

[Abdruck der Buchbesprechung (Auszug) von Prof. Dr. Mario Andreotti mit freundlicher Genehmigung des Rezensenten]

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13 Comments

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  1. Sehr ungewöhnlich, Gedanken eines Protagonisten normal zu setzen und wörtliche Rede in Kursiv. Eigentlich macht man es genau umgekehrt. Die wörtliche Rede wird doch ohnehin durch An- und Abführungszeichen deutlich.

    Am Ende ein – kleiner – Logikfehler: „… ein unverständliches Röcheln aus ihrem Rachen hervor. „Ach Toni, lass mich doch, lass mich doch gehen.“ (…)

    Kann man doch gut verstehen … Also vielleicht ein „fast“ oder „beinahe“ unverständliches Röcheln. Nachdem die beiden fast Kopf an Kopf am Boden liegen, hätte ich es so versucht: Ihr beinahe unverständliches Röcheln war so leise, dass nur Anton es hören konnte. Jedes ihrer Worte trieb ihm nur noch mehr Schweiß aus den Poren.

    Aber die Stimmung gefällt mir sehr gut.

    galaxykarl 😉

  2. Ich finde diese Leseprobe ausserordentlich packend und sie macht mich neugierig auf die beiden folgenden Leseproben, wenn nicht gar auf das gesamte Buch. Da kann man kaum innehalten und will wissen, wie das Ganze weitergeht …

    Vielen Dank an Galaxy für seinen Kommentar. Auch ich finde die Stimmung ungemein gut. Die Sprache gefällt mir, ich für meinen Teil, kann nachvollziehen, das wir hier am Anfang des 19. Jahrhunderts sind …

    Gibt es sonst noch Meinungen von Euch?

    Vielleicht hat ja der Autor Lust noch einige Worte hier im Kommentar schreiben, wie er auf die Idee kam, solch eine in der Vergangenheit angesiedelte Krimigeschichte zu schreiben? Beruht das Ganze auf historische Geschähnisse oder ist das alles frei erfunden?

  3. Lesererfahrung mit einem nicht alltäglichen Buch
    Edgar Helmut Neumann:
    Versuch einer Rezension zu „In Schweigen gehüllt“,
    dem neuen Roman von Rüdiger Heins

    Was macht man aus einer Geschichte, die einem aufgedrängt wird, wenn sie denn wirklich aufgedrängt worden ist? Vielleicht schreibt man 25 Jahre daran. Vielleicht wird es allein schon deshalb ein Roman, weil das eine so schrecklich schwere Geburt gewesen sein soll, wenn man all dem Glauben schenkt, in das man sich gerade hinein vertieft, wo ein anderer sich hinein vergraben hat. Dabei sucht man vielleicht sogar nach der Antwort auf die Frage, wer da gräbt und vergräbt und was er ausgräbt oder eingräbt. Es bleibt am Ende die Frage an sich selbst als Leser, wie geht man mit Wahrheiten um, die dem Verborgen-sein entrissen werden, um Fiktionen zu schaffen. Nahegelegt wird diese Frage durch den Ich-Erzähler im Roman von Rüdiger Heins „In Schweigen gehüllt“.

    Ich habe das Buch, von dem hier die Rede ist, sofort zweimal lesen müssen, um zwischendrin erst einmal eifrig zu googlen. Ich wollte einfach mehr wissen, als ich aus dem Roman erfahren konnte. Die Zeit zwischen Lesen und Schreiben, das Buch lesen und diese Rezension schreiben, ist zu kurz gewesen; meine Neugierde wird darüber hinaus reichen. Und ich bin mir sicher, dass ich sehr viele Fragezeichen noch lange in meinem Rucksack spazieren trage.

    Rüdiger Heins, den Lesern der „experimenta“ bestens bekannt, hat mit seiner neuesten literarischen Kreation „In Schweigen gehüllt“ uns ein besonderes Buch in die Hand gedrückt. Die Besonderheit wird von Prof. Dr. Mario Andreotti (Dozent in St. Gallen und Zürich und Autor von „Die Struktur der modernen Literatur“) in einem ausführlichen Nachwort im Buch herausgearbeitet. Was er zu Heins‘ Montage-Roman sagt, war hier an anderer Stelle zu lesen. Ich gebe deshalb nun meine ganz persönliche Lese-Erfahrung wider.

    Da ist man mit historisch belegten Fakten konfrontiert, denen ein fiktiver Ich-Erzähler einen erst einmal entziehen möchte, wobei er die Frage, ob der Untergang der Titanic neun Jahre nach dem Mord, um den es in diesem Buch geht, nicht von größerer Bedeutung wäre, ohne Fragezeichen so in den Raum stellt, dass man auch ohne Skrupel darüber hinweg lesen darf. Überhaupt darf man in diesem Buch über sehr vieles einfach hinweg lesen. Für die eine und den anderen werden sicherlich die eingestreuten Gebetstexte dazu gehören, manchen mögen sie nachdenklich stimmen; es kann aber auch sein, dass andere verärgert reagieren.

    Mir stellt sich die Frage, womit ich konfrontiert werde, ob ich die Konfrontation aushalten kann.

    Als Rezensent hätte ich den Autor vielleicht befragen müssen. Ich habe es bewusst nicht getan. Rüdiger Heins wird bestimmt von vielen befragt werden; ich weiß, dass er auch beschimpft werden wird, so sicher wie das Amen in der Kirche.

    Der Kern der Geschichte ist Geschichte: Mutter Honorine Steimer wurde von ihrem Neffen ihres Geldes wegen ermordet. Der Buchautor suggeriert dem Leser die Frage, wieso die ehemalige Generaloberin einer Würzburger Kongregation so viel Geld hatte. Rüdiger Heins wagt in seinem Roman mit addierten Darstellungen eine „Rehabilitation“ einer durch bischöfliche Gnaden Amts-enthobenen Ordensfrau, vor der kirchliche Stellen sich wohl zu lange gedrückt haben. Sein aufklärerischer Ehrgeiz scheint nicht alle Barrieren überwinden zu können, obgleich beim Jubiläum der Kongregation wohl einiges klargestellt worden ist..

    Für mich ist bei diesem Buch sehr viel interessanter, wie der Autor mit der Person des Täters zurechtkommt. Dieser Anton Detrois ist als Mörder hingerichtet worden. Das Bild, das Rüdiger Heins von Ihm zeichnet, die Anleihen zur Zeitgeschichte, die er dazu packt, die Traumgeschichten, die er seinem fiktiven Erzähler ins Tagebuch schreibt, und nicht zuletzt die symbolbeladene Kellerassel in mehreren auffälligen Fußnoten, die man nicht übersehen darf, die Auflehnung, die mit recht vielen autobiographischen Apostrophierungen zum Ausdruck gebracht wird, die Spiegelungen aktueller Bezüge im inner- und außerkirchlichen Bereich, die anekdotischen Reihungen, die sich mit dem fiktiven Geschehen paaren, die nicht formulierten Assoziationen, die sich dem Leser auch zwischen den Zeilen aufdrängen, der gepfefferte Beigeschmack, der sich hernach nicht einfach herunter spülen lasst, all das mündet für mich in der Feststellung, dass mein Freund Rüdiger einmal mehr sowohl seinen Handschuh als auch seinen Hut in den Ring geworfen hat.

    Ich war als früherer Angestellter in der bischöflichen Behörde zu Würzburg neugierig auf dieses Buch, ich habe mich als Journalist darüber gefreut. Als Leser fiel es mir nicht leicht, es gleich zweimal hintereinander in einem Zug durchzulesen.

    Ich bewundere den Mut des Autors. Ich wünsche ihm viele nachdenkliche Leser. Ich wünsche Rüdiger Heins damit natürlich auch weiteren schriftstellerischen Erfolg.

  4. Vielen Dank für diese ausführliche Stellungnahme zum Buch! 🙂

  5. Wer möchte dazu etwas sagen?

  6. Zunächst möchte ich Detlef Hederich dafür danken, dass ein Textauszug aus meinem Roman hier im sfbasar veröffentlicht wurde.
    Der Roman spielt in Paralellwelten. Ähnlich wie in der Quantenphysik ist alles immer da und nichts geht verloren. Die Schwingungen der drei Sekunden eines Augenblicks teilen sich auf in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
    Ich bin froh, dass ich diesen Roman geschrieben habe, auch wenn er mich jetzt vielleich Kopf und Kragen kostet.
    Offengestanden kann ich den Komentar von Galaxakarl nicht so ganz nachvollziehen, wenn er einen Logikfehler in der Dramaturgie sieht:
    Mit ihren Lippen versuchte sie Worte zu formen. Worte der Verzweiflung. Worte, die sinnlos waren, weil das letzte Wort bereits gesprochen war. So brachte sie nur noch ein unverständliches Röcheln aus ihrem Rachen hervor.

    „Ach Toni, lass mich doch, lass mich doch gehen.“ (…)

    Wo liegt hier das Verständnisproblem?

  7. …Mir kam beim Lesen des Buches der Gedanke, dass der Autor schweren, ihn belastenden Stoff durch das „Buch trägt“. Ich wünsche ihm Flügel der Leichtigkeit, die ihn darüber hinwegtragen…

  8. …das Buch hat mich sehr beschäftigt…, auch auf der letzten Seite noch ist die „Schwere“ zu spüren. Ein schwerer Traum, schwere Gedanken…
    Ich wünsche Rüdiger Heins etwas aus einer Weisheit des ZEN-Buddhismus: „Wirf deine Gedanken wie Herbstblätter
    in einen blauen Fluss, schau zu,
    wie sie hineinfallen und davontreiben –
    und dann: Vergiss sie.“

  9. Hab ich doch nach dem Zitat klar aufgeführt, wenn sie auch nur ein Wort verständlich sagt, kann es eben kein UNVERSTÄNDLICHES Röcheln sein. Und einen Vorschlag einer etwas geschickteren Formulierung hab ich auch angeboten. Nicht mehr und nicht weniger.

    mgg
    galaxykarl 😉

  10. Ich will auch was davon, was du rauchst, Martina! 😉

  11. Dann lies doch „Fernöstliche Weisheiten“, lieber Detlef. (Smiley) – Ich wünsche Rüdiger jedenfalls sehr, dass er die „Schwere“, wo sie noch vorhanden ist nach Beendigung des Schreibens seines Buches, „abstreifen“ kann.

  12. Literatur ist Kunst, da muss man auch die Positionen wechseln können. Mein Leben fühlt sich leicht an.
    Meditation und ZEN Buddhismus praktiziere ich ebenfalls. Trotzdem Danke für die Anregungen. Herzliche Grüße Rüdiger

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