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IN SCHWEIGEN GEHÜLLT – Leseprobe (Teil 3) aus dem gleichnamigen Roman von Rüdiger Heins

IN SCHWEIGEN GEHÜLLT

Leseprobe (Teil 3) aus dem gleichnamigen Roman

von

Rüdiger Heins

Die Kellerassel wird von den Geräuschen im Keller aufgeschreckt. Sie krabbelt aus einer dunklen Ecke, und bewegt sich in die Richtung der beiden am Boden liegenden.

Vom Ekel gepackt springt Detrois hervor. Beim Sturz von der Treppenstufe hat er sich das rechte Knie verletzt, er spürt einen stechenden Schmerz. Doch seine Gier ist größer als der Schmerz im Knie.„Wo hast du das Geld versteckt? Wo ist es?“

Zwecklos: Sie war nicht in der Lage, ihm zu antworten. Auf dem Boden wälzte sie ihren Kopf hin und her, so als wollte sie das, was da mit ihr geschah, einfach mit einem Kopfschütteln auslöschen.

Honorine Steimer wehrte sich gegen ein Schicksal, das schon besiegelt war. Schwer verletzt und mit letzter Kraft versuchte sie sich aufzurichten. Doch sie hatte die Kontrolle über ihr eigenes Leben verloren. Nie zuvor gab es eine Situation, in der sie eine derartige Angst gefühlt hatte. Nie zuvor in ihrem Leben war sie einem Menschen so wehrlos ausgeliefert gewesen. Sie wusste, es gab kein Entrinnen vor dem Tod. Honorine Steimer hatte sich das Sterben anders vorgestellt. Wie, das konnte sie nie so genau sagen. Aber nicht so. Nun war es also soweit. In wenigen Augenblicken würde sie ihren letzten, verzweifelten Atemzug gemacht haben; ein letztes Gebet und dann das letzte Zucken.

Blut verteilte sich neben ihrem Kopf. Eine große Lache versickerte in der staubigen Erde, während das Leben oder das, was davon übrig geblieben war, mehr und mehr ihren Körper verließ. Für einen kurzen Augenblick spürte Anton Detrois sein Gewissen. Ganz unverhofft meldete es sich beim Anblick der hilflosen alten Steimer. Es plagte ihn. Er war kurz davor, seinen Plan aufzugeben. Sollte er nicht doch lieber die Kellertreppe hinaufrennen, die Hoftür öffnen, um laut auf der Straße nach Hilfe zu rufen? Vielleicht wäre die Alte ja noch zu retten gewesen. Was sollte er dann sagen, wie erklären, was passiert sei? Sollte sie jemals wieder sprechen können, würde sie ihn auf der Stelle verraten. Nein, er durfte sie nicht weiterleben lassen. Entweder er oder sie. Detrois entschied sich für sein Leben. Wollte er unge-straft an ihr Geld kommen, musste sie sterben. Ihm blieb nur diese eine Wahl. Mit dem Geld könnte er sich in ein fernes Land absetzen. Am besten in ein Land, in dem immer die Sonne schien. Von dem Geld könnte er sich ein Haus kaufen und sich eine wunderschöne junge Frau suchen, mit ihr Kinder haben: das Leben, das er bisher geführt hatte, vergessen, einfach vergessen.

Die Steimer würde er für immer aus seinem Gedächtnis löschen.

Sie war nur dazu da gewesen, ihm mit ihrem vielen Geld ein schönes Leben zu ermöglichen. Mehr nicht. Ihr Leben musste ausgelöscht werden, damit er, Anton Detrois, ein neues, ein wunderbares Leben beginnen konnte. Das Recht der Jugend war auf seiner Seite. Die Alte hatte dieses Privileg verspielt.

Mit einem Hammer, den er aus einem Regal an der Wand nahm, ging er auf das am Boden liegende Bündel zu.

Gegrüßet seist du Maria…

Er war nicht mehr in der Lage, klar zu denken. Detrois stieß der wehrlosen Frau den Stiel des Hammers in die Kehle; zwei, drei, viermal, vermutlich auch mehr, immer wieder stieß er diesen Hammerstiel in ihren Mund:

Ich stopfe dir das Maul, ein für alle Mal!“

Bei jedem Stoß, der dumpf in ihrer Kehle klang, verspürte er ein Gefühl der inneren Befreiung.

voll der Gnaden …

Detrois genoss es, diesem wehrlosen Wesen Schmerzen zuzufügen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Detrois das Gefühl, Macht über einen Menschen zu besitzen. Eine Macht, bei der er allein über Leben und Tod zu entscheiden hatte.

du bist gebenedeit unter den …

Mit heftigen Hieben rammte er einige Zähne aus ihrem Gebiss.

Die Steimer gab keinen Laut mehr von sich. Sie verstummte. Lautlos bäumte sie sich auf. Still betete sie um ihr Leben. Kotzte ihre Not aus dem Rachen. Doch Detrois gab nicht auf. Immer wieder stieß er mit heftigen Hieben zu.

und gebenedeit ist die …

Honorines Augen wurden größer. Die Pupillen weiteten sich. Das, was ihre Stimme nicht mehr aussprechen konnte, sprachen ihre Augen: Weit aufgerissen zeigten sie ihre Verzweiflung über das, was mit ihr geschah. Honorine Steimer röchelte, sie spuckte Blut und Zähne und Schleim und …

die Frucht deines Leibes …

Jesus …

Bereits als Kind hatte sie im Gebet Halt gefunden. Ein Leben ohne Gebet, das konnte sie sich nicht vorstellen. Sie hatte beschlossen, ihren Glauben bis zur letzten Sekunde ihres Lebens unumstößlich zu leben. In ihrem Leben gab es keinen einzigen Augenblick, in dem sie an Gott gezweifelt hätte. Selbst als ihre Mutter starb, sie war noch ein Kind, verzweifelte sie nicht an dem göttlichen Willen, der hinter dieser Entscheidung stand. Sie wusste, dass nun der Augenblick gekommen war, an dem auch sie sterben würde.

Detrois lag nichts an ihrem Leben. Er wollte nur ihr Geld und er wollte es so schnell wie möglich, weil er gierig nach einem unbeschwerten Leben war. Das war der Traum, den er sich zu erfüllen versuchte. Nur wenige Augenblicke trennten ihn von seinem Ziel. Detrois war jung, er war stark, er war schön. Die Welt wartete auf ihn und Detrois war bereit, sein Leben in vollen Zügen zu genießen.

Du musst sterben, Alte, du musst jetzt sterben, weil ich leben will,“ schrie er das wimmernde Bündel an.

Du hattest die Wahl, du hättest nicht sterben müssen, wenn du mir gesagt hättest, wo dein Geld versteckt ist. Aber nein, du musstest ja standhaft bleiben. Deinem Geiz treu bleiben. Pah, ich pfeife auf dich, aber nicht auf dein Geld. Verrecken sollst du. Verrecke.“

Er nahm seine Krawatte, band sie ihr um den Hals und erdrosselte sie damit. Detrois spürte jetzt nicht mehr das geringste Mitgefühl mit der alten Steimer. Er hatte das Gefühl, vollkommen neben sich zu stehen, ein Beobachter, der zwar der Handelnde war, der aber dennoch außerhalb des eigentlichen Geschehens die Situation wahrnahm. Es schien ihm, als befände er sich in einer Nebelwand, durch die er nur bruchstückhaft wahrnehmen konnte was geschah.

Das war das letzte „Gegrüßet seist du Maria“ in Honorine Steimers Leben. Sie schloss die Augen, während ihr Kopf reglos zur Seite fiel.

Wurde auch Zeit!“

Detrois stolperte über die Kellertreppe nach oben. In seinem Knie spürte er den Schmerz des Sturzes. Er hinkte die Holztreppe empor in den ersten Stock. Oben angekommen setzte er seine Suche nach dem Geld fort. Irgendwo musste sie es doch versteckt haben. Erst als er in einem Wandschrank, den er mit einem Messer aufgebrochen hatte, eine hölzerne Schatulle entdeckte, wurde er ruhiger. Mit geübten Griffen öffnete er das Schloss, durchwühlte den Inhalt der Schatulle. Den Papierkram, mit dem er nichts anzufangen wusste, warf er auf den Boden. Die Geldscheine steckte er in seine Hosentaschen. Zwei dicke Bündel mit Geldscheinen. Er hatte keine Zeit, das Geld zu zählen. Detrois wusste, dass jetzt die Zeit gegen ihn arbeitete. Es fühlte sich gut an, dieses dicke Bündel in den Händen zu spüren. Sein neues Leben konnte beginnen. Das viele Geld würde er in Ruhe zählen können, wenn er an einem sicheren Ort angekommen war.

Abermals klingelte es an der Hoftür. Anton hörte an den Stimmen, dass es die beiden Mädchen waren, die bei der Alten wohnten. Er ging zum Hoftor, öffnete, und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Die beiden Mädchen, die eben aus der Schule kamen, bemerkten Detrois Aufregung nicht.

*

Unten im Keller roch es nach Kartoffeln, abgelagertem Gemüse und Staub. Es roch vor allen Dingen nach Staub.

(…)

Copyright © 2013 by Rüdiger Heins

Heins, Rüdiger – Autorenporträt

Rüdiger Heins – interviewt von Werner Karl


WER WISSEN MÖCHTE, WIE DIE GESCHICHTE WEITERGEHT, DER KANN DIES IN UNSERER BUCHEMPFEHLUNG, DEM ROMAN DES AUTOREN, ERFAHREN:


Heins, Rüdiger
In Schweigen gehüllt

Roman.

Vorwort von Andreotti
Verlag :      Debras Verlag
ISBN :      978-3-937150-12-3
Einband :      gebunden
Preisinfo :      18,90 Eur[D] / 19,50 Eur[A] / 27,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 08.07.2013
Seiten/Umfang :      176 S. – 13,5 x 21,5 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 24.07.2013
Gewicht :      346 g

Die Geschichte der Honorine Steimer und des Anton Detrois beruht auf einer wahren Begebenheit. Honorinne Steimer, die Ordensgründerin der Erlöserschwestern in Würzburg, muss ihr Kloster unter nicht geklärten Umständen verlassen. Obwohl sie aus dem Orden ausgetreten ist, erhält sie von diesem eine jährliche “Leibrente” von 800 Reichsmark. Mit diesem Geld versucht sie einen neuen Orden zu gründen. In ihrem Haus hat sie bereits zwei junge Mädchen einquartiert, aus denen sie Nonnen machen will. Doch Anton Detrois durchkreuzt ihre Pläne. Er weiß, dass sie viel Geld hat, deshalb will Detrois sie dazu überreden, ihm etwas davon zu leihen. Honorinne Steimer verweigert ihm diese Bitte. Außer Kontrolle geraten, tötet der junge Detrois die alte Steimer, um sie anschließend auszurauben.

Rüdiger Heins ist Gründer und Studienleiter des INKAS Institut für kreatives Schreiben www.inkas-id.de.

Mit seinem Roman “Verbannt auf den Asphalt” und den Sachbüchern “Obdachlosenreport” und “Zuhause auf der Straße” machte er die Öffentlichkeit auf Menschen am Rande der Gesllschaft aufmerksam, www.ruedigerheins.de.

Buchbesprechung (Auszug) von Prof. Dr. Mario Andreotti:SPANNUNG IN MODERNEM GEWAND

Die Handlung in Rüdiger Heins’ Roman »In Schweigen gehüllt« ist auf den ersten Blick relativ einfach: Da ermordet der junge, erst achtzehn­jährige Anton Detrois seine alte Tante Honorine Steimer, eine ehe­malige Klosterfrau aus einem Orden in Würzburg, um an ihre Geld­scha­tulle zu gelangen. Man wird bei der Lektüre der ersten Seiten an Frank Wedekinds berühmtes Gedicht »Der Tantenmörder» aus dem Jahre 1897 erinnert.

Anton Detrois kann mit den vielen Geldscheinen, die er im Schlaf­zimmer der ermordeten Tante erbeutet hat, zunächst fliehen, schlägt sich in verschiedenen Wirtshäusern, bei Dirnen und Obdachlosen herum, kauft sich ein Motorrad und wird schliesslich von der Polizei gefasst und am 4.September 1903 in Mainz öffentlich hingerichtet. Ein Raubmord, der nach dem klassischen Muster des Detektivromans erzählt wird.

So haben wir denn in Rüdiger Heins‘ Werk einen modernen Montageroman vor uns, der dem Leser nicht nur einen Einblick in die komplexe, in sich widersprüchliche Psyche eines Menschen ermöglicht, der auf seine Weise Liebender und Mörder zugleich ist, sondern auch in eine bürgerliche Gesellschaft, die für Menschen an ihrem Rand keinen Platz hat. Das macht das Werk weit über eine reine Detektivgeschichte in der Tradition von Georges Simenon hinaus zu einem spannungsgela­denen, äusserst lesenswerten Zeitroman.

Prof. Dr. Mario Andreotti ist Dozent für neuere deutsche Literatur in St. Gallen und Zürich und Autor des UTB Bandes »Die Struktur der modernen Literatur»

[Abdruck der Buchbesprechung (Auszug) von Prof. Dr. Mario Andreotti mit freundlicher Genehmigung des Rezensenten]
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