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IN SCHWEIGEN GEHÜLLT – Leseprobe (Teil 2) aus dem gleichnamigen Roman von Rüdiger Heins

IN SCHWEIGEN GEHÜLLT

Leseprobe (Teil 2) aus dem gleichnamigen Roman

von

Rüdiger Heins

Gegrüßet seist du, Maria

voll der Gnade,

der Herr

ist mit dir,

du bist gebenedeit

unter den Frauen,

und gebenedeit

ist die Frucht

deines Leibes,

Jesus.

Heilige Maria,

Mutter Gottes

bitte für uns Sünder

jetzt

und in der Stunde

unseres Todes

Amen.

28. August 1986

Der Anruf kam unerwartet. Ich war in Eile. Im Aufbruch – von irgendwoher nach irgendwohin. Keine Ahnung, wohin. Jedenfalls weg. Ich wollte weg. Einfach weg. Auf der anderen Seite der Leitung eine Männerstimme. Freundlich im Klang, aber dennoch getrieben. Die Freundlichkeit verwandelte sich in ein Fordern und aus dem Fordern entwickelte sich ein „Muss“.

Ich, so die fremde Stimme, sei doch derjenige, der die Reportage über Obdachlose geschrieben habe. Er könne sich vorstellen, dass ich auch über ein Thema schreiben würde, für das er genügend Material gesammelt habe. Am Telefon wollte er sich nicht äußern. Ich sollte schon zu ihm kommen, um mir das Material anzusehen, das er seit einigen Jahren zusammengetragen hatte. Mein Nachfragen brachte ihn dazu, mir ein paar Informationen zu geben. Er sprach jetzt aufgeregt von einer Nonne, einem Kloster, einem Mord. Mit diesem Thema sei er bei mir nicht an der richtigen Adresse, gab ich ihm zu verstehen.

Mit Nonnen, Klöstern, der katholischen Kirche und all diesem muffigen Zeugs habe ich nichts zu tun. Kein Interesse am Thema.“

Er gab nicht nach, blieb beharrlich. Kam mir entgegen, indem er sagte, er könne warten. Er würde warten, solange, bis ich Zeit für ihn hätte.

Ja, warten Sie, ich bin in Eile. In ein paar Wochen vielleicht, in drei oder vier. Rufen Sie mich noch einmal an“, dann legte ich auf. Dieser Trick, Anrufer auf später zu vertrösten, funktionierte immer.

Die Zeit verging tatsächlich. Eine Zeit, in der ich nicht wusste, wo ich hingehörte. Getrieben von mir selbst, von einer Stadt in die andere. Von einem Land ins andere, und schließlich blieben mir nur noch die Kontinente, um vor mir wegzulaufen. Weglaufen konnte ich am besten.

Da draußen in der Welt fiel mir das Verschwinden leichter. Ich wusste lange nicht, vor wem ich verschwinden wollte, bis mir eines Tages klar war, dass ich derjenige war, vor dem ich weglief, vor dem ich verschwand, vor dem ich mich unsichtbar machen wollte.

Verschwinden war eine Kunst, die ich bis zur Perfektion beherrschte. Für mich gab es immer einen Grund, vor irgendetwas wegzulaufen. Hatte ich einmal keinen Grund, dann genügte das allein schon, um wegzulaufen. Grundlos.

Ich machte mich auf, um etwas zu suchen, von dem ich gar nicht wusste, was es war. Jedes Mal wieder machte ich neue Ent-deckungen, die mich dazu brachten, eine Weile zu bleiben. Diese Weile war meistens nur von kurzer Dauer. Ein Getriebener, ein Suchender, einer, der sich unsichtbar machen konnte. Verschwinden – einfach verschwinden. Ich will weg, einfach weg: Ich ertrage den Druck dieser dekadenten Zivilisation nicht mehr. Alles Hightech, alles Superlativ, alles ist größer, besser, schneller.

Die Kälte unter den Menschen nimmt mir die Luft zum Atmen. Je weiter sich unsere Technologie in Richtung Fortschritt entwickelt, umso mehr entfernen wir uns von unseren Urinstinkten, Gefühlen und Träumen. Oftmals erwecken die Menschen in diesem Land, das sich „Deutschland“ nennt, in mir den Eindruck, sie seien Schlafwandler.

Vielleicht bin ich ja einer der wenigen, die noch im Wachzustand sind. Doch dieser Wachzustand ist nur durch meine Tagträume auszuhalten.

Mit meinen Tagträumen träume ich mich in eine bessere Welt hinein. Während um mich herum die Menschen frieren, fühlt es sich in mir ganz warm an.

Aber es ist nicht nur die äußere Kälte, eine Gefühlskälte, die mir zu schaffen macht, mehr noch leide ich unter dieser latenten inneren Gefühlskälte des Homo sapiens sapiens. Eingefrorene Gefühle stehen auf der Tagesordnung, eingefrorene Gefühle sind modern, eingefrorene Gefühle sind cool. Geld und Materie bestimmen unseren Alltag, unser Denken, unser Handeln, unser Fühlen.

Aus dem Traumtagebuch 29. August 1986

Wir schlendern Arm in Arm über einen weißen Dampfer: Sanam und ich. Das Schiff ist menschenleer. Bei Anbruch der Dunkelheit suchen wir nach einem Platz zum Schlafen. Oben auf der Kapitänsbrücke finden wir eine geeignete Stelle. Beim Aufwachen, am nächsten Morgen, liegt Sanam in meinem rechten Arm, während in meinem linken eine andere – eine fremde Frau liegt. Von dieser fremden Frau geht eine Kälte aus, die in mir eine tiefe Unruhe erzeugt.

Als sie ihren Kopf anhebt, um mich anzusehen, blicke ich in ein Gesicht, das von Maden übersät ist. Ich kann kaum ihre Augen erkennen. Vom Ekel ergriffen packe ich Sanam bei den Armen: Wir flüchten vor der Fremden. Sie verfolgt uns noch eine Weile. Irgendwann ist sie verschwunden. Trotzdem haben wir immer das Gefühl, dass sie noch hinter uns her ist. Das Schiff macht einen heruntergekommenen Eindruck. Wir suchen den Kapitän, können ihn aber nicht finden. Der Dampfer wird bald ablegen.

Eine Schiffssirene heult, und aus dem Schornstein steigt weißer Rauch.

Überall auf dem Schiff liegen Menschen auf den Schiffsplanken.

Sie scheinen zu schlafen. Begleitet vom dumpfen Ton der Sirene, legt der weiße Dampfer ab. Mehrere Male rammt er mit lautem Getöse den Kai. Nach einer Weile erreichen wir das offene Meer, jetzt sind wieder alle Menschen verschwunden, so als ob sie nie da gewesen wären.

Oben an der Reling steht ein alter Mann. Freundlich lächelnd gibt er uns ein Zeichen, zu ihm zu kommen. Wir zögern, weil wir nicht wissen, was dieser alte Mann von uns will.

Während der Dampfer immer weiter aufs offene Meer hinausfährt, besteigen wir die Treppen, um der Einladung dieses Mannes zu folgen.

Wir wissen nicht, wohin die Reise geht. (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright © 2013 by Rüdiger Heins

Heins, Rüdiger – Autorenporträt


WER WISSEN MÖCHTE, WIE DIE GESCHICHTE WEITERGEHT, DER KANN DIES IN UNSERER BUCHEMPFEHLUNG, DEM ROMAN DES AUTOREN, ERFAHREN:


Heins, Rüdiger
In Schweigen gehüllt

Roman
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Vorwort von Andreotti
Verlag :      Debras Verlag
ISBN :      978-3-937150-12-3
Einband :      gebunden
Preisinfo :      18,90 Eur[D] / 19,50 Eur[A] / 27,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 08.07.2013
Seiten/Umfang :      176 S. – 13,5 x 21,5 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 24.07.2013
Gewicht :      346 g

Die Geschichte der Honorine Steimer und des Anton Detrois beruht auf einer wahren Begebenheit. Honorinne Steimer, die Ordensgründerin der Erlöserschwestern in Würzburg, muss ihr Kloster unter nicht geklärten Umständen verlassen. Obwohl sie aus dem Orden ausgetreten ist, erhält sie von diesem eine jährliche “Leibrente” von 800 Reichsmark. Mit diesem Geld versucht sie einen neuen Orden zu gründen. In ihrem Haus hat sie bereits zwei junge Mädchen einquartiert, aus denen sie Nonnen machen will. Doch Anton Detrois durchkreuzt ihre Pläne. Er weiß, dass sie viel Geld hat, deshalb will Detrois sie dazu überreden, ihm etwas davon zu leihen. Honorinne Steimer verweigert ihm diese Bitte. Außer Kontrolle geraten, tötet der junge Detrois die alte Steimer, um sie anschließend auszurauben.

Rüdiger Heins ist Gründer und Studienleiter des INKAS Institut für kreatives Schreiben www.inkas-id.de.

Mit seinem Roman “Verbannt auf den Asphalt” und den Sachbüchern “Obdachlosenreport” und “Zuhause auf der Straße” machte er die Öffentlichkeit auf Menschen am Rande der Gesllschaft aufmerksam, www.ruedigerheins.de.

Buchbesprechung (Auszug) von Prof. Dr. Mario Andreotti:SPANNUNG IN MODERNEM GEWAND

Die Handlung in Rüdiger Heins’ Roman »In Schweigen gehüllt« ist auf den ersten Blick relativ einfach: Da ermordet der junge, erst achtzehn­jährige Anton Detrois seine alte Tante Honorine Steimer, eine ehe­malige Klosterfrau aus einem Orden in Würzburg, um an ihre Geld­scha­tulle zu gelangen. Man wird bei der Lektüre der ersten Seiten an Frank Wedekinds berühmtes Gedicht »Der Tantenmörder» aus dem Jahre 1897 erinnert.

Anton Detrois kann mit den vielen Geldscheinen, die er im Schlaf­zimmer der ermordeten Tante erbeutet hat, zunächst fliehen, schlägt sich in verschiedenen Wirtshäusern, bei Dirnen und Obdachlosen herum, kauft sich ein Motorrad und wird schliesslich von der Polizei gefasst und am 4.September 1903 in Mainz öffentlich hingerichtet. Ein Raubmord, der nach dem klassischen Muster des Detektivromans erzählt wird.

So haben wir denn in Rüdiger Heins‘ Werk einen modernen Montageroman vor uns, der dem Leser nicht nur einen Einblick in die komplexe, in sich widersprüchliche Psyche eines Menschen ermöglicht, der auf seine Weise Liebender und Mörder zugleich ist, sondern auch in eine bürgerliche Gesellschaft, die für Menschen an ihrem Rand keinen Platz hat. Das macht das Werk weit über eine reine Detektivgeschichte in der Tradition von Georges Simenon hinaus zu einem spannungsgela­denen, äusserst lesenswerten Zeitroman.

Prof. Dr. Mario Andreotti ist Dozent für neuere deutsche Literatur in St. Gallen und Zürich und Autor des UTB Bandes »Die Struktur der modernen Literatur»

[Abdruck der Buchbesprechung (Auszug) von Prof. Dr. Mario Andreotti mit freundlicher Genehmigung des Rezensenten]
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2 Comments

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  1. Und weiter geht es mit IN SCHWEIGEN GEHÜLLT – Leseprobe (Teil 2) aus dem gleichnamigen Roman von Rüdiger Heins. Wer hat eine Meinung dazu oder möchte sich dazu äußern?

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