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IM NAMEN DER KIRCHE: DIE GEBORENEN MENSCHEN UND DIE PIUSBRUDERSCHAFT – Shortstory von Mona Mee und Marianna Müller (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 4/2015)

IM NAMEN DER KIRCHE: DIE GEBORENEN MENSCHEN UND DIE PIUSBRUDERSCHAFT.

Shortstory

von

Mona Mee und Marianna Müller

(sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 4/2015)

Die Idee von Apple und Facebook bereitet der umfassenden Rekrutierung der Frauen für die Erwerbswirtschaft den Weg. Dafür muß die Mutterschaft von der Frau abgetrennt, am Schluß zerstört und technologisch ersetzt werden. Ein Alptraum. „Genormte Männer und Frauen in konstanten Mengen“, beschreibt Huxley das Ziel. In seiner Welt sind die Begriffe „Vater“ und „Mutter“ – weil nicht mehr existent – so obszön wie der Begriff „Schwangerschaft“. Das Wort „Eltern“ läßt Huxleys neuen Menschen peinlich berührt erröten.

Dieter Stein/23. Oktober 2014/jungefreiheit.de

Pater Pastento Imanuel Castrillón Hoyos kniete in der Schiffskapelle der LEFEBVRE 8 und betete zu seinem Gott. Das Schiff war auf dem Weg ins Lubro-System, 128 Lichtjahre von der Erde entfernt. Pater Hoyos, Priester der Priesterbruderschaft St. Pius X hatte von seiner Diözese den Auftrag erhalten, dort die Gläubigen vor einem Frevel zu bewahren.

Die Priesterbruderschaft St. Pius X. lat. unter dem Namen Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X., Ordenskürzel FSSPX, umgangssprachlich oft auch Piusbruderschaft genannt, ist eine Priestervereinigung katholischer Traditionalisten. Sie wurde 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet, um an Riten und Lehren der römisch-katholischen Kirche festzuhalten, die das Zweite Vatikanische Konzil 1962–1965 aus seiner Sicht aufgegeben hatte.

Von 1975 bis 2016 hat die Piusbruderschaft keinen kanonischen Status in der römisch-katholischen Kirche besessen. Doch dank Papst Benedikt XVI. hatte die Glaubengemeinschaft wieder einen festen Platz in der Römisch Katholischen Kirche gefunden, als dieser sich ab dem Jahre 2010 für eine Aufnahme stark gemacht hatte und nun im Jahre 2093 fungierte sie als offizielle katholische Vertretung der Erde auf Lubona, dem 4. Planeten im Lubros-System, der dort einen G-Klasse-Stern umkreiste.

Pater Hoyos war ein sogenannter Hardliner in der Bruderschaft und von absolutem Glauben und einer immensen Härte im Durchsetzen seiner Überzeugungen. Eine dieser Überzeugungen war die Doktrin, dass Menschenrechte nicht auf Maschinen, Androiden und künstlich erzeugtem Leben anwendbar sei. Dazu zählen neben Cyborgs auch alles an Leben, dass durch Kloning und ähnlichen Wissenschaften hergestellt wurden. Selbst Kinder, die durch künstliche Befruchtung oder Leihmutterschaft gezeugt oder ausgetragen wurde, waren in seinen Augen keine Menschen, sondern bloß Kreaturen, die man ohne Gottesfurcht ausbeuten und sich zu eigen machen durfte, um sie am Ende gar ungestraft töten konnte.

Das Problem auf dem man auf Lubona begegnete war dabei von etwas delikater Natur: Die Strahlung des dortigen Muttergestirns, der Sonne mit dem Namen Lubro, hatte bei den Menschen, die auf Lubona ihr Zuhause gefunden hatten und dort nun schon seit 15 Jahren ihr Leben verbrachten, einige Auswirkungen auf ihre biologischen Systeme bewirkt. So war es bei den jungen Mädchen so, dass diese nach Erreichen der Fruchtbarkeit lediglich 2 bis 5 Jahre in der Lage waren, Kinder zu gebären. Bei den Jungs war es ähnlich, bereits 3 bis 4 Jahre nach erreichen der Geschlechtsreife nahm die Spermienbeweglichkeit rapide ab und Frauen und Männer ab etwa 15 bis 17 Jahren waren absolut zeugungsunfähig.

Diesem Problem hatte man nach Erkennen auf Lubona dergestalt begegnet, dass man nun die zeugungsfähigen Eier und Spermien nach Entnahme von den jungen Menschen tiefgefroren hatte um sie später künstlich zu befruchten und diesen wieder einzupflanzen, wenn die Probanden ein Alter erreicht hatten, dass es ihnen möglich machte, ihr Kind zu gebären und aufzuziehen ohne dadurch ihre Kindheit zu opfern. Dieser Vorgang wurde dann mehrere Male hintereinander durchgeführt, so dass die Bevölkerung auf Lubona auch die Möglichkeit hatte, zu überleben, denn dazu war es nötig, dass jedes Paar mehr als 2 Kinder zu Welt brachte, weil ansonsten ein Fortbestehen der Menschheit im Lubro-System nicht möglich wäre.

Mit dieser Vorgehensweise war die katholische Kirche, insbesondere die Vertreter der Piusbruderschaft, ganz und gar nicht einverstanden, denn dass hätte ja laut der Lehre bedeutet, dass die Bevölkerung von Lubona in einigen Jahrzehnten ganz und gar aus Individuen bestehen würde, die keinerlei Menschenrechte mehr aus Sicht der Bruderschaft besäßen. Dies würde immense Probleme zwischen der Erde und dem Lubro-System heraufbeschwören, die mit Sicherheit in wenigen Generationen einen Krieg zwischen beiden Sonnensystemen mit all ihren verheerenden Auswirkungen bis hin zu Totalvernichtung der menschlichen Rasse im Lubro-System bedeuten könnte. Damit dies nicht passieren möge, hat man Pater Pastento Imanuel Castrillón Hoyos auf den Weg geschickt, damit dieser die Machthaber auf Lubona zur Vernunft bringen möge.

Um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen hatte die Bruderschaft, bzw. Pater Pastento Imanuel Castrillón Hoyos, reichlich Geschenke für diejenigen im Gepäck, die sich fügen würden. Man setzte darauf, das die Habgier der Menschen, der Siedler, es schon richten möge. Alles vom Feinsten, Luxusgegenstände für Haus und Heim und die modernsten Gerätschaften für die Siedler, die sich so was ansonsten niemals leisten würden können. Auch für die jungen Mädchen, die bereits im zarten Alter im Namen der Bruderschaft zum Geschlechtsakt bereit waren, gab es reichlich was an  schönen Dingen, die sich diese nur vorstellen mögen. Das wichtigste war, dass man den jungen Leuten, die es schafften, eine gewisse Anzahl von Nachkommen auf natürliche Weise zu zeugen und zu gebären, mit einer lebenslangen Leibrente aus dem Säckel der Kirche zu belohnen, die sich sehen lassen konnte.

Pater Pastento Imanuel Castrillón Hoyos war sich sicher, dass diese Strategie aufgehen würde, schliesslich kannte er die Abgründe des menschlichen Handelns nur zu gut. Er schmunzelte, erhob sich von seinen Knien und schritt mit großer Genugtuung die Korridore des Schiffes entlang, die gesäumt waren mit Kryotanks in denen sich massenweise Bedienstete befanden, um alle Wünsche eines Mitglieds der Bruderschaft zu befriedigen, durchzusetzen oder zu erzwingen. So standen Kampfandroiden und Cyborgs neben Biodrohnen und allerlei aufgerüsteten Menschen und Druiden, die keinerlei Rechte besaßen in den Augen des Kirchenvertreters. Er schaute in die vielen Gesichter dieser Kreaturen, die allesamt die Augen geschlossen hatten und alle so programmiert oder konditioniert waren, dass sie alleine ihm, Pater Pastento Imanuel Castrillón Hoyos, gehorchten.

Seine Schritte gingen weiter zu den etwas kürzeren Behältern mit Jugendlichen und Kindern, die ihr Lebensrecht schon bei oder vor der Geburt verwirkt hatten, da sie eben nicht auf natürliche Weise ins Leben getreten waren. Da es sich ebenfalls nicht um Menschen – aus Sicht des Kirchenvertreters – handelte, hatte er keinerlei Skrupel sich eines dieser Kinder auszusuchen. Er wählte ein neunjähriges Mädchen mit lustigen rothaarigen Zöpfen und stellte die Apparatur so ein, dass die Kleine innerhalb von einer halben Stunde soweit war. Dann konnte er sich in der luxuriösen Liege-Lounge des Schiffes mit ihr vergnügen und sich mal gründlichst entspannen. Weiss Gott, das hatte er sich mal so richtig verdient …

FORTSETZUNG OFFEN

Copyright © 2015 by Mona Mee und Marianna Müller

Bildrechte: “Künstliche Menschen” (Zeichnung-Cyborgs.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Tabu-Brecher” (tes-tabu2.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Künstliche Menschen (Klebebindung)
Transgressionen zwischen Körper, Kultur und Technik
von Königshausen & Neumann

Verlag:  Königshausen & Neumann
Medium:  Buch
Seiten:  296
Format:  Klebebindung
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  November 2014
Maße:  156 x 233 mm
Gewicht:  457 g
ISBN-10:  3826054318
ISBN-13:  9783826054310

Beschreibung
Künstliche Menschen oder Maschinen, die Menschliches verkörpern, Roboter, Androiden, Automaten oder autonome Systeme, begegnen uns immer öfter: Sie sind aus den Fiktionen und den technischen Utopien und Entwürfen in unsere Lebenswelt eingetreten. In der Robotik und Informatik sind in den letzten Jahren große Fortschritte in der Entwicklung solcher Maschinen zu verzeichnen. Es ist keine Zukunftsvision, sondern ein technisches Ziel, in künstlichen Systemen Emotionen modellieren und entwickeln zu können. Je differenzierter diese Systeme werden und je größer die Forschungserfolge sind, desto drängender werden unter anderem Fragen nach den Bedingungen und Faktoren der kulturellen und sozialen Akzeptanz solcher Systeme.

Autoren
Mit Beiträgen von: B. Westermann, U. Furbach, G. Schmidt, J. Hong, T. Rouget, S. Neuhaus, A. Niehaus, U. Schaffers, W.-A. Liebert, E. Heeke, K. Weber, L. Bluhm, H. Grugger, J. Hemmerling, I. Fooken, J. Mikota, D. Paulus, B. Schafer, K. Weber, M. Häselich, J. Hedrich, N. Wojke, V. Seib, F. Neuhaus

Herausgeber
Stefan Neuhaus, geboren 1965, Universitätsprofessor für Literaturkritik, Literaturvermittlung und Medien/Angewandte Literaturwissenschaft an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und Leiter des Innsbrucker Zeitungsarchivs/IZA. 1986 – 1991 Studium der Germanistik in Bamberg und Leeds. 1996 Promotion. 1999 Visiting Assistant Professor an der University of the South (USA). 2001 Habilitation. 2003/04 Professor fur Neuere deutsche Literaturwissenschaft in Oldenburg; 2005 Ehrendoktorwürde der Universität Goteborg. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Literatur des 18. – 21. Jahrhunderts, zu Literaturvermittlung und Literaturtheorie, zum Verhältnis von Literatur und Film.

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3 Comments

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  1. Die katholische Kirche ist durch nichts mehr zu retten, auch nicht mehr auf dem entfernten Planeten Lubona. Immerhin ein netter Versuch.
    Das wäre doch ein Jammer, wenn Missionare nun auch auf anderen Planeten missionieren würden. Es reicht doch was in Amerika, Asien und Afrika angerichtet wurde.
    Schreibt doch mal was über den aktuellen Papst. Der ist doch, wie man hört, nett.

    Grüße vom Rüdiger Heins
    http://www.ruedigerheins.de

  2. Martina Müller

    Soweit ich weiss, war zur Zeit als diese Story begonnen wurde Papst Benedikt XVI tatsächlich dabei, die Bruderschaft wieder zurück in die Katholische Kirche zu holen. Von dieser Premisse sind die Autorinnen wohl dann auch weiterhin ausgegangen, so dass die Bruderschaft 2093 wieder hoffähig war und diese spezielle Aufgaben übernahm, die angeblich verirrtten Schäfchen zurück auf den rechten Weg zu bringen, auch wenn das hieße dass Kinder Kinder zeugen sollen, damit die Doktrin der Bruderschaft nicht verletzt wird. So jedenfalls habe ich diese Geschichte verstanden. Und wie verlogen diese Bruderschaft tatsächlich agiert, sieht man ja am letzten Absatz. Das ist zwar harter Tobak aber bestimmt nicht unrealistisch, was das Handeln von solchen Kirchenbonzen angeht, vor allem wenn sie der Bruderschaft entspringen.

  3. 2000 Jahre katholische Kirche sind genug.

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