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HUTÄTÄ – Leseprobe (Teil 4) aus dem gleichnamigen Buch von Thomas Vaucher (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Herbst 2014” – geteilter Preis!)

HUTÄTÄ

Leseprobe (Teil 4)

aus dem gleichnamigen Buch

von Thomas Vaucher



(zum vorherigen Teil)

5.

Maria wusch sich die Hände und das Gesicht am Brunnen und ging dann neben dem Schwarzen Saler her auf das Bauernhaus zu. Das Bergen ihrer toten Kuh aus der Schlucht hatte den ganzen Nachmittag in Anspruch genommen.

Sie war müde, gereizt und am Ende ihrer Kräfte. Ausserdem war sie schon den ganzen Tag über nervös gewesen wegen dem nächsten bevorstehenden Machtkampf mit ihrem Sohn.

Der Zwischenfall mit Magda und die unausgesprochene, aber nichtsdestotrotz unüberhörbare Behauptung ihres Knechtes, sie hätte deren Tod selber zu verantworten, weil sie den Zwergen ihre Nydla verwehrt habe, hatten ihre Nerven weiter strapaziert. Als es nun gegen Abend zu ging, und der Moment der neuerlichen Konfrontation mit ihrem Sohn nahte, wurde die Nervosität beinahe unerträglich. Sie zweifelte stark daran, dass die blosse Androhung des Hutätä etwas nützen würde. Tief in ihrem Inneren fragte sie sich ausserdem, ob die geplante Entführung wirklich eine gute Idee war, und eine kleine Angst blieb, ihrem Sohn vielleicht zuviel zumuten zu wollen. Sie hoffte, dass die Entführung bei ihrem Sohn keinen Schreck fürs Leben hinterliess.

Der Schwarze Saler öffnete die schwere Holztüre des Bauernhauses, trat ein, streifte seinen Mantel ab und hängte ihn in der Garderobe auf. Maria straffte noch einmal die Schultern und betrat dann hinter ihm das Bauernhaus. Aus dem Wohnzimmer konnte sie Jakob spielen hören. Er quasselte etwas vor sich hin. Vermutlich spielte er mit seinen Holzfiguren.

Nachdem sie Schuhe und Jacke ebenfalls ausgezogen und ihre Hausschuhe angezogen hatte, folgte sie dem Schwarzen Saler ins Wohnzimmer. Jakob sass am Boden, hatte in jeder Hand eines seiner geschnitzten Holzmännchen und liess sie gegeneinander kämpfen. Dabei machte er Kampfgeräusche, als ginge es um Leben und Tod.

«So, Jakob», begann Maria, «Zeit, ins Bett zu gehen.»

«Ich will zuerst noch fertig spielen», erwiderte dieser, ohne auch nur aufzublicken. Das Holzmännchen mit der langen Nase, das er in der rechten Hand hielt, haute dem anderen Holzmännchen, dem ein Arm fehlte, dabei eins auf den Kopf.

Maria unterdrückte ihren langsam aufkeimenden Ärger mühsam und versuchte, ruhig zu bleiben.

«Jakob, es reicht! Wenn du heute wieder nicht folgen willst, gebe ich dich dem Hutätä. Das ist ein schrecklicher, schwarzer Mann, der alle Kinder, die nicht folgsam sind, zu sich in seinen dunklen Wald mitnimmt.»

«Das ist mir egal, ich will jetzt noch ein bisschen spielen.» Einarm holte mit seinem verbliebenen Arm aus und versetzte Langnase eine schallende Ohrfeige. Jakob heulte spielerisch auf, als sei er selbst getroffen worden.

«Köbu! Du gehst ins Bett, wenn ich es dir sage!» Maria war schon wieder am Ende ihrer Geduld angelangt. Sie trat auf Jakob zu, packte ihn und hob ihn hoch. Dieser begann zu schreien und schlug mit seinen beiden Holzmännchen wild um sich. Dass Langnases rechtes Bein dabei abbrach, bemerkte er nicht einmal.

«Nein! Ich will nicht! Lasst mich sein!»

Maria nickte dem Schwarzen Saler über Jakobs Schulter hinweg zu. Dieser schaute sie noch einmal lange und eindringlich an, doch Maria bedeutete ihm mit einer energischen Kopfbewegung, endlich zu gehen, worauf er auch tatsächlich die Wohnstube verliess. Nur wenige Augenblicke später hörte Maria, wie die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel.

Sie stellte Jakob wieder hin, was diesen dazu brachte, überrascht in seinem Schreien innezuhalten und sie argwöhnisch anzuschauen.

«Ich habe dich gewarnt, Köbu!», sagte Maria mit leicht zitternder Stimme. Ob ihre Stimme vor Wut oder vor Angst zitterte, vermochte sie selbst nicht zu sagen. «Wenn dich der Hutätä holen kommt, bist du selber schuld!»

«Den gibt’s doch gar nicht!», erwiderte Jakob frech.

Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, war von draussen ein ungeheuerliches Heulen zu vernehmen.

Jakob erstarrte, und auch Maria hielt erschrocken inne. Der unheimliche Ruf des Nachtjägers jagte sogar ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Der Schwarze Saler machte seine Sache wirklich gut, das musste sie ihm lassen.

Wieder erklang der unheimliche Laut, und dann pochte jemand dumpf ans Fenster.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Maria erwachte aus ihrer Erstarrung, packte Jakob erneut und war mit zwei raschen Schritten beim Fenster. Sie öffnete es, und da erschienen zwei dunkle Arme vor dem Fenster, die sich dem Jungen erwartungsvoll entgegenstreckten.

«Siehst du, Jakob, ich habe dir ja gesagt, er kommt dich holen. Da, nimm ihn nur, Hutätä, nimm ihn mit!»

Jakob begann wieder zu schreien, doch diesmal nicht aus Trotz, sondern aus Angst. Marias Herz zog sich bei dem Laut zusammen, und plötzlich zögerte sie. Wollte sie dies ihrem Sohn wirklich antun? Doch dann dachte sie wieder an den gestrigen und den heutigen Abend, und sie warf ihre Bedenken über Bord. Sie musste das nun durchziehen, wollte sie dieses Theater nicht jeden Abend von Neuem durchleben.

Sie legte ihr Kind in die fordernden Arme hinein, welche Jakob sogleich umschlossen. Dieser klammerte sich jedoch an Maria fest und wollte nicht loslassen. Sein flehender Blick bohrte sich bis in die tiefsten Tiefen ihres Herzens.

«Mama, gebt mich nicht weg!», flehte er, «Mama!»

Die beiden dunklen Arme, die Jakob umschlossen hielten, machten eine ruckartige, unheimlich kräftige Bewegung nach hinten und Marias Bluse entglitt Jakobs Händen. Einen kurzen Augenblick noch sah Maria den verzweifelten Ausdruck auf dem Gesicht ihres Sohnes, dann war er in der Dunkelheit verschwunden.

Und plötzlich war es unnatürlich ruhig.

Maria schloss das Fenster wieder und atmete ein paar Mal tief durch. Gleich würde der Schwarze Saler mit Jakob im Arm zur Haustür hereinkommen, und dennoch hatte die inszenierte Entführung etwas unglaublich Realistisches gehabt. Ihr war, als hätte sie ihren Sohn tatsächlich dem dunklen Nachtjäger mitgegeben, und sie musste sich beherrschen, nicht in Tränen auszubrechen, so sehr hatte sie die Szene mitgenommen. Vor ihrem inneren Auge sah sie immer noch diesen flehenden, ungläubigen Blick ihres Sohnes.

Maria bückte sich nach den beiden Holzmännchen, die Jakob im Eifer des Gefechts fallen gelassen hatte, und hob sie auf. Da hörte sie von draussen erneut ein schauerliches Rufen. Doch diesmal konnte sie deutlich verstehen, was vor ihrem Haus gerufen wurde.

«Huu-tä-tä, Huu-tä-tä», erklang der unheimliche Ruf des Nachtjägers. Und gleich darauf polterte es wieder gegen das Fenster.

Maria erstarrte.

Es polterte erneut gegen das Fenster.

«Huu-tä-tä, Huu-tä-tä.»

Ganz langsam ging Maria zum Fenster und öffnete es vorsichtig. Zwei dunkle Arme streckten sich ihr entgegen, und ein drittes Mal erklang der schaurige Ruf: «Huu-tä-tä, Huu-tä-tä.»

Maria versuchte, die Dunkelheit hinter den Armen mit Blicken zu durchdringen. Was ging hier vor? Als sie nur weiterhin wie gebannt ins Dunkle starrte, kam die Gestalt draussen näher ans Fenster heran, und sie erkannte nun den Schwarzen Saler, obwohl er sich seine Kapuze tief in die Stirn gezogen hatte.

«Wo ist er, Frau Cotting? Jetzt könnt Ihr ihn mir geben.»

Da dämmerte Maria endlich, was geschehen war. Sie stiess einen ungläubigen Schrei aus und raste zur Haustür und in die Dunkelheit hinaus.

«Jakob», schrie sie in die Nacht hinaus, «Jakob!» Doch rund um ihr Haus herum war es totenstill.

(…)

Glossar (in alphabetischer Reihenfolge):
Aba – Ach was, nicht doch, Ausruf der Ablehnung, der Gleichgültigkeit
Anken – Butter
Brüeli – Schreihals, Schreier
Chapeau – Aus dem Französischen („Hut“), Ausdruck für „vor jemandem den Hut ziehen“, jemandem seine Ehrerbietung zeigen
Chlapf – Ohrfeige
Fäärlimoora – Fluchwort, Bedeutung: Mutterschwein
Fläri – Ohrfeige
Fueder – Fuder, Wagenladung
Gepsi – Aufrahmgefäss zur Rahmbildung der Milch
Gnaagen – Nagen, mit den Zähnen Fleisch von einem Knochen reissen
Hiimetli – Heimwesen, Bauerngut
Hümublaui – Schwyneschwarta ù d Chue chauberet ùf ùm
Häppereblätz – Umgangssprachliche Fluchtirade
Kilter – Kiltgänger, abendlicher Besucher, Freier
Määs – Grosses Gefäss (besonders für Getreide und Früchte) mit ca. 15-20 Liter Volumen
Misere – Vom Französischen „misère“ für „Schlamassel“, „Elend“
Namsen – Nennen, benennen
Nydla – Schlagrahm, Schlagsahne
Partu – Aus dem Französischen „partout“ („überall“) für „absolut, um jeden Preis, unbedingt“
Pùfett – Aus dem Französischen („buffet“), Möbel für verschiedene Dinge wie zum Beispiel Geschirr oder Bücher
Santihanstag – Geburtstag und Ehrentag des Heiligen Johannes (der Täufer), der 24. Juni
Schopf – Holzschuppen
Tennboden – Oberbühne der Scheune
Unkommod – Unbequem, ungemütlich
Verlocht – Umgangssprachlich für „vergraben“
Welscher – Ein Französischsprachiger, jemand aus der französischsprachigen Schweiz

Copyright © 2012 by Thomas Vaucher

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

WER WISSEN MÖCHTE, WIE DIE GESCHICHTE WEITERGEHT, ERFÄHRT DIES IN FOLGENDEM BUCH:

Thomas Vaucher
Hutätä

Senseland Verlag, N. N., Schweiz, 12/2012
HC mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Dark Fantasy
ISBN 978-3-03718-720-3
Titelgestaltung und Illustrationen im Innenteil von Ingo Römling
Karte von Thierry Fontana

www.thomasvaucher.ch
www.hutaetae-musical.ch
www.monozelle.de

Leider über keine der üblichen Verkaufsplattformen erhältlich. Bitte direkt beim Verlag oder Autor bestellen.  (Anm. d. Redaktion)

Titel (auf Wunsch signiert) erhältlich beim Autor

„Wüuda Jieger, Hutätä,
i wüu dier dini Antwort gää.
Dùnku, mächtig, regierschù d Nacht,
tuusig Hünn si dini Strittmacht.
Wüuda Jieger, Hutätä,
König vo de Nacht.“

Maria Cottings Sohn verschwindet nachts – für sie steht fest, dass nur der Nachtjäger Hutätä ihn entführt haben kann. Zuvor war Maria mit ihrem Sohn Jakob an ihrem neuen Hof angekommen. Dort wartet schon ihr Knecht, der Schwarze Saler (Alfons Neuhaus), auf sie, den sie sofort damit konfrontiert, dass fortan ein anderer Wind herrschen wird, als sie merkt, dass er an so manches Ammenmärchen glaubt. Marias Mann ist vor zwei Jahren gestorben, seither will Jakob nicht mehr schlafen, und es gibt jeden Abend einen Kampf zwischen seiner Mutter und ihm. Maria ist durch das entbehrungsreiche Leben hart gegen sich und andere geworden.

Von dem Schwarzen Saler hört sie zum ersten Mal von dem Hutätä, dem Nachtjäger,  dem Scharzen Mann, der kleine unartige Kinder raubt. Damit Jakob folgsamer wird, will Maria ihm die Geschichte des Hutätä erzählen, und sollte das keinen Eindruck auf ihren Sohn machen, will sie mit ihrem Knecht, der sich als Hutätä verkleiden soll, Jakobs Entführung fingieren, um ihn gehorsamer zu machen – doch Letzteres geht alles gehörig schief, denn Jakob wird tatsächlich von dem Hutätä entführt, und seine Mutter fühlt sich fortan schuldig. Zusammen mit dem Knecht macht sie sich sofort auf die Suche nach ihrem Sohn. Dabei begegnen sie dem Geist des Ritters Velga und kehrt unverrichteter Dinge auf dem Hof zurück. Dort taucht ein leibhaftiger Zwerg auf. Maria dämmert immer mehr, dass an den von ihr so belächelten ‚Ammenmärchen‘ mehr dran ist, als sie bisher geglaubt hat. Auf der weiteren Suche nach ihrem Sohn erlebt sie noch etliche Überraschungen – doch die größte Überraschung ereilt sie zum Schluss dieser ungewöhnlichen Novelle, die auf überlieferten Sagen aus dem freiburgischen Senseland basiert.

Mehr sei über die Handlung nicht verraten, außer dass es im Anschluss daran noch eine Danksagung, ein Glossar, eine Zitate-Übersicht und eine Liste der Sagen, die vollständig in der Handlung vorkommen, und eine Liste, aus welchen Sagen einzelne Elemente/Figuren vorkommen, gibt. Das hübsche  Hardcover ist insgesamt sehr schön aufgemacht – u. a. mit Innenillustrationen, die sehr gut zum Duktus der Erzählung passen. Und es stört auch nicht, da es sich ja um Sagen aus der Schweiz handelt, die einfließen, und dass das Lektorat den für die Schweizer bekannten übergebührlichen Gebrauch des „ss“ nicht angeglichen hat.

Der Autor Thomas Vaucher ist gleichzeitig auch Musiker (Keyboarder) der Metal-Band Emerald. Mit dem „Hutätä“-Projekt beweist er wieder einmal, wie eng Literatur und Musik verbunden sind, denn er ist natürlich auch in das „Hutätä“-Musical involviert. Mehr darüber auf: www.hutaetae.ch

Eine unterhaltsame Novelle, in die Sagen aus dem Senseland eingeflossen sind!

Copyright © 2013 by Alisha Bionda (AB)

Titel (auf Wunsch signiert) erhältlich beim Autor

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2 Comments

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  1. Was haben wir denn hier? Was soll ich dazu sagen? Man ikann auch bei diesem Schriftsteller das Talent hinter dem Text erkennen. Aber mir ist der Teyxt zu traditionell, zu Banal und zu eintönig. Haben die Menschen damals so regiert, so gearbeitet, so gelebt? Mag sein. Aber mir ist das dann doch ein zu tristes Darsein um mich damit befassen zu wollen. Wo bleiben die interessanten Geschichten, die Texte aus dem Leben gegriffen, die sich weder hinter Abartigen, historischen oder Fantasyphantastereien verstecken?

  2. Hallo Bruno
    Dieses Buch basiert auf einer lokalen freiburger (CH) Sage namens Hutätä und der obenstehende Textausschnitt gibt im Prinzip die bei uns mündlich erzählte Sage wieder, auf der dann das Buch basiert. Die Sage hört nämlich dort auf, wo das Kind entführt (und nie mehr wieder gesehen) wird. Das Buch geht dann aber weiter, also was wäre wenn in der Sage die Mutter nicht aufgegeben hätte und das Kind auf Biegen und Brechen zu suchen gewillt war. Den Hutätä gibts übrigens in fast allen Sagenkreisen. Im amerikanischen Sprachraum nennt man ihn den Boogeyman, in vielen deutschen Sprachräumen einfach den Schwarzen Mann und sogar der Knecht Ruprecht vom St. Niklaus geht zuweilen in die Richtung, da er die unfolgsamen Kinder manchmal zu sich in den Wald verschleppt.
    Gruss
    Thomas

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