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Literatur-Blog

HUTÄTÄ – Leseprobe (Teil 3) aus dem gleichnamigen Buch von Thomas Vaucher

HUTÄTÄ

Leseprobe (Teil 3)

aus dem gleichnamigen Buch

von Thomas Vaucher


(Zum vorherigen Teil)

4.

Maria lud den letzten Rest des Mists auf ihre Heugabel und hievte das Fueder anschliessend ächzend auf die Schubkarre. Dies war die letzte Ladung gewesen, und Maria streute nun frisches Stroh auf den Stallboden.

«Frau Cotting!», hörte sie da den Schwarzen Saler von draussen rufen.

«Ich bin im Stall», rief sie zurück, packte die Schubkarre mit beiden Händen und rollte sie dann in Richtung Ausgang.

Die Stalltüre flog auf, und der Schwarze Saler stürmte herein.

Beinahe wäre er mit ihr zusammengestossen, hätte sie nicht geistesgegenwärtig innegehalten und die Schubkarre abgestellt.

«Da seid Ihr ja!», keuchte er. Sein Atem ging stossweise, offenbar war er gerannt. «Schnell, das müsst Ihr Euch ansehen!»

«Was …?», begann sie, doch ihr Knecht drehte sich bereits wieder um und verliess den Stall beinahe fluchtartig. Maria folgte ihm kopfschüttelnd hinaus.

Die Sonne schien steil vom Himmel herab und blendete Maria, als sie das düstere Dämmerlicht des Stalls hinter sich liess. Durch ihre zusammengekniffenen Augen sah sie, wie der Schwarze Saler zur Kuhweide hinüberhastete, sich aber auf halbem Wege umdrehte, um sich zu vergewissern, dass sie ihm auch wirklich folgte.

Was ging hier vor?

Als sie den einfachen Holzzaun ihrer Kuhweide erreichte, sah sie, was den Schwarzen Saler so erschreckt hatte: Der Zaun war an einer kleinen Stelle, die dem Hof abgewandt war, zerstört. Es sah aus, als wäre er von einem grossen Tier zu Boden getrampelt worden, denn die Pflöcke lagen zersplittert und zerfetzt am Boden.

Rasch liess sie ihren Blick über die weitläufige Weide gleiten. Diese war zu gross und unübersichtlich, um alles im Blick zu haben, doch sie sah zumindest auf Anhieb zwei ihrer drei Kühe: Lisa und Hedwig grasten friedlich im Schatten einer kleinen Baumgruppe.

«Hast du schon nachgeschaut, ob Magda noch auf der Weide ist?», fragte sie deshalb den Schwarzen Saler.

«Ja, Frau Cotting. Sie fehlt.»

«Unglaublich, dass sie in der Lage war, diesen Zaun derart niederzutrampeln», meinte Maria erstaunt, doch der Schwarze Saler schüttelte nur den Kopf.

«Das war nicht Magda, Frau Cotting.»

«Nicht? Wer sollte es denn sonst gewesen sein?»

«Ihr würdet es mir ja doch nicht glauben», antwortete der Knecht resigniert. «Ich treibe die beiden in den Stall, dann können wir uns auf die Suche nach Magda machen.»

Der Schwarze Saler liess ihr keine Zeit, weitere Fragen zu stellen. Er betrat die Weide und ging zu den beiden grasenden Kühen hinüber. Maria nahm derweil den Boden beim zerstörten Zaun genauer in Augenschein. Glücklicherweise war er vom Regen der letzten Nacht noch aufgeweicht, so dass sie ohne Probleme die Spuren ihrer Kuh ausmachen konnte, die von der Weide fortführten. In Richtung Wald.

Ohne zu zögern, begann sie, den Spuren zu folgen. Kaum hatte sie den Wald betreten, wurde es jedoch immer schwieriger, Spuren auszumachen. Dennoch fand sie dann und wann Hufabdrücke, an denen sie sich grob orientieren konnte. Und schon nach kurzer Zeit gesellte sich auch der Schwarze Saler zu ihr.

«Langsam jetzt, Frau Cotting», warnte er sie, «da vorne geht es steil bergab.»

Tatsächlich wand sich der Wald hier als schmales Band an steil abfallenden Felsen entlang. Und die Spuren führten geradewegs auf den Abhang zu. Maria blieb stehen und schaute nach unten. Das Gelände musste hier um die hundert Meter abfallen. Und dies beinahe senkrecht. Unten wand sich die Sense glitzernd in der funkelnden Sonne durch das Tal.

«Meinst du, sie ist da runtergefallen?», fragte Maria stirnrunzelnd.

«Ich befürchte es.»

«Gibt es hier irgendwo einen Weg, der ins Tal hinunterführt?», wollte Maria wissen.

Der Schwarze Saler nickte und ging voraus. Er führte sie auf einen schmalen Pfad, der sich durch den bewaldeten Abhang nach unten wand. Vorsichtig machten sie sich an den Abstieg und gelangten eine gute halbe Stunde später tatsächlich im Tal unten an. Maria tauchte als Erstes ihre Arme in das kalte Wasser und schöpfte sich dann eine Handvoll in ihr verschwitztes Gesicht. Der Schwarze Saler tat es ihr gleich, und dann machten sie sich auf die Suche nach weiteren Spuren der entlaufenen Kuh.

Sie mussten nicht allzu lange suchen. Der zerschmetterte Körper der Kuh lag unweit von der Stelle, wo sie das Tal betreten hatten und bot keinen schönen Anblick. Maria würgte und musste sich zusammennehmen, um nicht zu erbrechen. Sie wandte sich ab. Tränen traten ihr in die Augen.

«Wie ist so was möglich?», flüsterte sie entsetzt. «Kühe trampeln doch nicht einfach massive Holzzäune nieder und stürzen sich eine Felswand hinab!»

«Nein, Frau Cotting, das tun sie nicht», sagte der Schwarze Saler hinter ihr leise.

«Aber wie konnte es dann geschehen?»

Eine Weile lang war es ruhig. Dann brach der Schwarze Saler das Schweigen: «Das müssen die Zwerge gewesen sein.»

«Die Zwerge?» Maria glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. Fing er nun schon wieder mit diesem Schwachsinn an? Wütend drehte sie sich zu ihm um. «Willst du mich eigentlich auf den Arm nehmen?»

«Nichts läge mir ferner», meinte der Schwarze Saler ernst, «doch ich bin der festen Überzeugung, dass dies die Folge davon ist, den Zwergen ihre Nydla vorenthalten zu haben.»

«Nun bin also ich daran schuld, wie?» Maria wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen. Es waren Tränen der Trauer und Tränen der Wut. Doch der Schwarze Saler tat ihr nicht den Gefallen, zu antworten. Er blickte sie nur traurig an.

«Ich dachte, deine feinen Zwergenfreunde tun immer nur Gutes?», warf sie ihm zornig entgegen, «nennst du das etwa eine gute Tat? Und dafür sollte man sie auch noch mit Nydla belohnen?»

«Ihr versteht nicht, Frau Cotting», versuchte der Knecht zu erklären, «die Zwerge vollbringen stets nur gute Taten, doch wenn man ihnen vorenthält, was ihnen von Rechts wegen zusteht, dann rächen sie sich. So wie heute.»

«So ein Blödsinn! Ammenmärchen! Magda hat den Zaun niedergetrampelt und ist über den Felsvorsprung gestürzt. Das ist nichts, was auf dieser Welt nicht schon vorgekommen wäre. Kühe sind eben keine sicheren Kletterer wie Ziegen oder Gämse.»

«Aber auch Kühe stürzen nicht einfach ab», warf der Schwarze Saler ein, doch Maria funkelte ihn zornig an.

«Kein Wort mehr darüber! Hilf mir lieber den Kadaver da wegzuschaffen!»

(…)

(Zum nächsten Teil)

Glossar (in alphabetischer Reihenfolge):
Aba – Ach was, nicht doch, Ausruf der Ablehnung, der Gleichgültigkeit
Anken – Butter
Brüeli – Schreihals, Schreier
Chapeau – Aus dem Französischen („Hut“), Ausdruck für „vor jemandem den Hut ziehen“, jemandem seine Ehrerbietung zeigen
Chlapf – Ohrfeige
Fäärlimoora – Fluchwort, Bedeutung: Mutterschwein
Fläri – Ohrfeige
Fueder – Fuder, Wagenladung
Gepsi – Aufrahmgefäss zur Rahmbildung der Milch
Gnaagen – Nagen, mit den Zähnen Fleisch von einem Knochen reissen
Hiimetli – Heimwesen, Bauerngut
Hümublaui – Schwyneschwarta ù d Chue chauberet ùf ùm
Häppereblätz – Umgangssprachliche Fluchtirade
Kilter – Kiltgänger, abendlicher Besucher, Freier
Määs – Grosses Gefäss (besonders für Getreide und Früchte) mit ca. 15-20 Liter Volumen
Misere – Vom Französischen „misère“ für „Schlamassel“, „Elend“
Namsen – Nennen, benennen
Nydla – Schlagrahm, Schlagsahne
Partu – Aus dem Französischen „partout“ („überall“) für „absolut, um jeden Preis, unbedingt“
Pùfett – Aus dem Französischen („buffet“), Möbel für verschiedene Dinge wie zum Beispiel Geschirr oder Bücher
Santihanstag – Geburtstag und Ehrentag des Heiligen Johannes (der Täufer), der 24. Juni
Schopf – Holzschuppen
Tennboden – Oberbühne der Scheune
Unkommod – Unbequem, ungemütlich
Verlocht – Umgangssprachlich für „vergraben“
Welscher – Ein Französischsprachiger, jemand aus der französischsprachigen Schweiz

Copyright © 2012 by Thomas Vaucher

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

WER WISSEN MÖCHTE, WIE DIE GESCHICHTE WEITERGEHT, ERFÄHRT DIES IN FOLGENDEM BUCH:

Thomas Vaucher
Hutätä

Senseland Verlag, N. N., Schweiz, 12/2012
HC mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Dark Fantasy
ISBN 978-3-03718-720-3
Titelgestaltung und Illustrationen im Innenteil von Ingo Römling
Karte von Thierry Fontana

www.thomasvaucher.ch
www.hutaetae-musical.ch
www.monozelle.de

Leider über keine der üblichen Verkaufsplattformen erhältlich. Bitte direkt beim Verlag oder Autor bestellen.  (Anm. d. Redaktion)

Titel (auf Wunsch signiert) erhältlich beim Autor

„Wüuda Jieger, Hutätä,
i wüu dier dini Antwort gää.
Dùnku, mächtig, regierschù d Nacht,
tuusig Hünn si dini Strittmacht.
Wüuda Jieger, Hutätä,
König vo de Nacht.“

Maria Cottings Sohn verschwindet nachts – für sie steht fest, dass nur der Nachtjäger Hutätä ihn entführt haben kann. Zuvor war Maria mit ihrem Sohn Jakob an ihrem neuen Hof angekommen. Dort wartet schon ihr Knecht, der Schwarze Saler (Alfons Neuhaus), auf sie, den sie sofort damit konfrontiert, dass fortan ein anderer Wind herrschen wird, als sie merkt, dass er an so manches Ammenmärchen glaubt. Marias Mann ist vor zwei Jahren gestorben, seither will Jakob nicht mehr schlafen, und es gibt jeden Abend einen Kampf zwischen seiner Mutter und ihm. Maria ist durch das entbehrungsreiche Leben hart gegen sich und andere geworden.

Von dem Schwarzen Saler hört sie zum ersten Mal von dem Hutätä, dem Nachtjäger,  dem Scharzen Mann, der kleine unartige Kinder raubt. Damit Jakob folgsamer wird, will Maria ihm die Geschichte des Hutätä erzählen, und sollte das keinen Eindruck auf ihren Sohn machen, will sie mit ihrem Knecht, der sich als Hutätä verkleiden soll, Jakobs Entführung fingieren, um ihn gehorsamer zu machen – doch Letzteres geht alles gehörig schief, denn Jakob wird tatsächlich von dem Hutätä entführt, und seine Mutter fühlt sich fortan schuldig. Zusammen mit dem Knecht macht sie sich sofort auf die Suche nach ihrem Sohn. Dabei begegnen sie dem Geist des Ritters Velga und kehrt unverrichteter Dinge auf dem Hof zurück. Dort taucht ein leibhaftiger Zwerg auf. Maria dämmert immer mehr, dass an den von ihr so belächelten ‚Ammenmärchen‘ mehr dran ist, als sie bisher geglaubt hat. Auf der weiteren Suche nach ihrem Sohn erlebt sie noch etliche Überraschungen – doch die größte Überraschung ereilt sie zum Schluss dieser ungewöhnlichen Novelle, die auf überlieferten Sagen aus dem freiburgischen Senseland basiert.

Mehr sei über die Handlung nicht verraten, außer dass es im Anschluss daran noch eine Danksagung, ein Glossar, eine Zitate-Übersicht und eine Liste der Sagen, die vollständig in der Handlung vorkommen, und eine Liste, aus welchen Sagen einzelne Elemente/Figuren vorkommen, gibt. Das hübsche  Hardcover ist insgesamt sehr schön aufgemacht – u. a. mit Innenillustrationen, die sehr gut zum Duktus der Erzählung passen. Und es stört auch nicht, da es sich ja um Sagen aus der Schweiz handelt, die einfließen, und dass das Lektorat den für die Schweizer bekannten übergebührlichen Gebrauch des „ss“ nicht angeglichen hat.

Der Autor Thomas Vaucher ist gleichzeitig auch Musiker (Keyboarder) der Metal-Band Emerald. Mit dem „Hutätä“-Projekt beweist er wieder einmal, wie eng Literatur und Musik verbunden sind, denn er ist natürlich auch in das „Hutätä“-Musical involviert. Mehr darüber auf: www.hutaetae.ch

Eine unterhaltsame Novelle, in die Sagen aus dem Senseland eingeflossen sind!

Copyright © 2013 by Alisha Bionda (AB)

Titel (auf Wunsch signiert) erhältlich beim Autor

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