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Literatur-Blog

HEXEREI? – Eine Kurzgeschichte von Irene Salzmann

HEXEREI?

Eine Kurzgeschichte
von
Irene Salzmann
(1994/2013)

Mara stieg langsam die hell marmorierten Stufen hinauf. Laut hallte das Klacken ihrer hohen Absätze durchs Treppenhaus und übertönte das Gebrüll eines kleinen Kindes aus einer der Wohnungen. Irgendwo kochte jemand Kohl, dessen säuerlicher Geruch unangenehm in ihre Nase stieg.

Als Mara den zweiten Stock erreicht hatte, steuerte sie zielsicher die richtige Tür an. Der einst weiße Anstrich hatte sich im Laufe der Jahre gelblich verfärbt, und in Höhe des Knaufs tummelten sich die grauen Abdrücke zahlloser Finger. Der Name auf dem weinroten Plastikschild unter der Klingel war kaum zu entziffern. Mara wußte, was in blassen Buchstaben darauf stand:

L. Hartl. L für Lothar. Lothar Hartl war leitender Bankangestellter, hatte ein ganz gutes Einkommen, fuhr einen weißen Dreier BMW, leistete sich jeden Sommer zwei Wochen Urlaub in der Türkei oder einem anderen Billigland und spielte in der Freizeit Tennis. Und er war ledig. Allein.

Mara drückte auf den Knopf, und es summte aufdringlich. Nach einem Moment hörte sie in der Wohnung eine Tür schlagen, dann näherten sich gleichmäßige Schritte, das Glas des Spions wurde dunkel – jemand schaute hinaus – und ihr wurde geöffnet.

„Ja, bitte?“

Ein schlanker Mann Anfang Dreißig füllte den Rahmen. Sein Haar war dunkel, er hatte eine sportliche Brille und sah durchschnittlich gut aus. Er trug legere Freizeitkleidung; heute mußte er nicht zur Arbeit.

Neugierig musterte er Mara, die sich ihres attraktiven Äußeren bewußt war. Für eine Vertreterin war ihr lindgrünes Kostüm zu elegant, und als Zeugin Jehova hätte sie den „Wachturm“ in der Hand halten müssen. Zweifellos hielt er sie für die seriöse Angestellte einer Behörde, sonst hätte er nicht geöffnet.

Mit einer unbewußten Handbewegung strich sich Mara eine rotbonde Locke aus der Stirn. „Guten Morgen, Herr Hartl“, sagte sie mit klarer Stimme. „Ich bin eine Hexe und weiß, daß heute ein glücklicher Tag für Sie ist. Was Sie sich schon lange wünschten, wird endlich in Erfüllung gehen.“

Sein Gesicht verschloß sich. „Was reden Sie da? Ich bin schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten und glaube auch nicht an New Age und solchen Humbug. Auf Wiedersehen!“

Klapp – fiel die Tür zu.

Mara seufzte und ging klackend die Treppe bis zum nächsten Absatz hinunter. Das Kind hatte sich mittlerweile beruhigt, und der Kohlgeruch war noch intensiver geworden. Sie lauschte. Jemand kam aus dem Keller, eine Tür wurde in Parterre zugeknallt, dann war es still.

Außer Mara war niemand da. Keiner würde sie stören.

Mit wenigen Griffen hatte sie ihr modisches Kostüm umgedreht, so daß daraus ein langer, karierter Rock mit einem braunen Flicken am ausgefransten Saum wurde. Statt des  adretten Blazers trug sie ein schmuddeliges Wolltuch über der dunklen Bluse. Ihre zierlichen Sandalen wurden zu muffig riechenden Filzpantoffeln. Schnell drückte sie die Hakennase zurecht, stopfte das schüttere, graue Haar unter ein geblümtes Kopftuch und plazierte den Buckel an der richtigen Stelle, obendrauf die schwarze Katze.

Gemächlich schlurfte Mara die Treppe wieder hoch. Diesmal mußte sie länger vor der Tür warten. Herr Hartl fürchtete einen weiteren Störenfried und reagierte erst auf das dritte Summen, um den lästigen Besucher zu verscheuchen.

Mißtrauisch musterte er Mara von oben bis unten. Die Katze zischte böse und kniff die leuchtend gelben Augen zu schmalen Schlitzen.

„Ich gebe nichts“, sagte er unfreundlich. Wenn man einmal damit anfing, wurde man die Bettler überhaupt nicht mehr los.

„Guten Morgen, Herr Hartl.“ Mara ließ sich nicht abweisen. „Ich bin eine Hexe und weiß, daß heute ein glücklicher Tag für Sie ist. Was Sie sich schon lange wünschten, wird endlich in Erfüllung gehen.“

Er stutzte. „War nicht eben schon mal jemand von Ihrem Verein hier? Ihr laßt einen wohl nie in Ruhe, wie?“

„Sie meinen bestimmt die junge, hübsche Frau“, entgegnete Mara und wiegte den Kopf hin und her. „Ich begegnete ihr unten auf der Straße. Sie ist auf dem Weg nach Hause. Oh, die Ärmste! An der Bushaltestelle wird sie gleich stolpern, der Fahrer kann nicht mehr rechtzeitig halten und -“ Sie verstummte abrupt und blickte Herrn Hartl eindringlich an. Ihr Kopf zitterte noch immer auf dem faltigen Hals. „So eilen Sie doch, helfen Sie ihr!“

Ohne nachzudenken, rannte Herr Hartl aus der Wohnung, verharrte kurz am Eingang und schaute suchend die Häuserzeile entlang, ohne die junge Frau entdecken zu können. Er sprintete um den Block zur nächsten Haltestelle, wo einige Leute am Rand der Parkbucht auf den sich nähernden Bus warteten. Sie drängelten und schoben, jeder hoffte auf einen Sitzplatz.

Zwischen ihnen stand Mara.

Der Bus setzte den Blinker und wurde langsamer.

Mara machte einen Schritt zur Seite, stolperte und stürzte nach vorn. Die Bremsen des Bus quietschten. Entsetzt stöhnten die Leute auf.

Eine kräftige Hand packte Maras Arm und zerrte sie gerade noch zurück. Der Bus kam direkt vor ihr zum Stehen.

„Das ging ja noch mal gut“, sagte jemand. Die große Frau war so erschrocken, als wäre das Unglück beinahe ihr selbst zugestoßen.

„Man sollte sich nicht so nah an den Bordstein stellen“, meinte ein anderer. Der junge Bursche malte sich etwas enttäuscht den zerdrückten Körper in einer hellroten Blutlache aus.

„Der Fahrer hätte keine Schuld gehabt“, fand ein dritter. Der Mann mittleren Alters dachte an einen Radfahrer, den er in jener schrecklichen Nacht vor knapp drei Jahren nicht rechtzeitig bemerkt hatte, da dieser dunkle Kleidung getragen und kein Rücklicht gehabt hatte.

„Haben Sie sich weh getan?“ fragte Herr Hartl besorgt.

Mara blickte auf, lächelte zaghaft und schüttelte den Kopf. Flüchtig wischte sie die roten Locken aus dem Gesicht.

„Auf den Schreck sollten wir einen Kaffee trinken“, sagte er. „Kommen Sie. Dort drüben ist ein nettes Bistro. Sie zittern ja am ganzen Körper.“ Er bot Mara seinen Arm an und führte sie über die Straße. Herr Hartl hatte ihre beiden Besuche und sein Mißtrauen ganz vergessen.

Im Bistro setzten sie sich an ein sauberes Tischchen in einer gemütlichen Ecke. Von draußen drang abgeschwächt der Verkehrslärm herein, ein Auto hupte, und ein Fußgänger schimpfte. Gedämpft dudelte Instrumentalmusik aus verborgenen Lautsprechern, die Gäste unterhielten sich leise, und es duftete nach Kaffee und frischen Semmeln. Herr Hartl fand Mara sehr schön und genoß ihre Gesellschaft. Bestimmt bewunderte sie ihn für seine geistreichen Witze. Heute, er war sich ganz sicher, mußte ein Glückstag sein, weil er endlich seine Traumfrau gefunden hatte. Er würde sie fragen, ob sie auch Tennis spielte, sie mit seinem Wagen ausfahren, und vielleicht verbrachten sie den nächsten Urlaub gemeinsam in der Türkei. Ja, und dann …

Mara drehte den Kopf und blickte nach links. Am Tresen lehnte ein Mann, ein guterhaltener Vierziger, und trank ein Kännchen Tee.

Martin Bender. Er war Ingenieur, hatte ein kleines Häuschen, fuhr einen blauen Audi 80 Cabrio, machte im Winter Skiurlaub und im Sommer Bildungsreisen. Und er war geschieden. Allein.

Mara wandte sich wieder Lothar zu, der weitergesprochen hatte und zu lachen anfing. Sie stimmte mit ein. In Wirklichkeit hatte sie gar nicht zugehört, sondern an etwas anderes gedacht.

Belustigt stellte sich Mara vor, daß sie Martin Bender aufforderte, die häßliche Alte vor dem Bus zu retten. Den Leuten würden die Augen aus dem Kopf fallen, wenn sie sahen, wie er ihren Buckel zärtlich streichelte.

Die kleine Katze zeigte ihre Krallen und fauchte.

Das war ja Unsinn! Glaubwürdig war nur die Hexe mit Buckel und gerettet wurden ausschließlich hübsche Prinzessinnen. Umgekehrt funktionierte es nie – obwohl es ein Spaß wäre. Die dummen Gesichter der Leute.

Erneut fauchte die Katze, und ihre Krallen bohrten sich warnend durch den Stoff.

Schon gut. Erst Lothar, dann Martin; und wie üblich. Nehmen, was freiwillig gegeben wurde. Wie es sich für eine ehrbare Hexe gehört.

ENDE

Copyright (C) 1994/2013 by Irene Salzmann

Bildrechte: Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/


Buchtipp der Redaktion:


Garcia, Kami / Stohl Inc., Margaret
Beautiful Creatures – Eine unsterbliche Liebe

Buch zum Film

Übersetzt von Koob-Pawis, Petra
Verlag :      cbj
ISBN :      978-3-570-40159-0
Einband :      Paperback
Preisinfo :      9,99 Eur[D] / 10,30 Eur[A] / 14,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 03.05.2013
Seiten/Umfang :      544 S. – 18,3 x 12,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Produktform (detailliert) :      B504
Erscheinungsdatum :      11.03.2013

Medien :
Leseprobe(PDF)

Die Filmausgabe des Bestsellers „Sixteen Moons – Eine unsterbliche Liebe“; ungekürzte Textausgabe.

Liebe noch vor dem ersten Blick: Schon bevor Ethan sie zum ersten Mal gesehen hat, hat sie ihn in seinen Träumen verfolgt: Lena Duchannes, die Neue in Ethans Schule, in die Ethan sich unsterblich verliebt. Doch Lena umgibt ein Fluch, den sie mit aller Kraft geheim zu halten versucht: Sie entstammt einer Familie von Hexen, und an ihrem sechzehnten Geburtstag wird sie berufen werden. Dann wird sich entscheiden, ob sie eine gute oder eine böse Hexe wird. Ethan aber weiß: Auch er hat keine Wahl – ihm ist vorherbestimmt, Lena für immer zu lieben. Aber wird er an ihrer Seite bleiben können, gleich, welcher Seite sie künftig angehört?

„The Legion – Der Kreis der Fünf“ ist Kami Garcias neuer Roman. Vorher hat sie zusammen mit Margaret Stohl die Romanserie „Sixteen Moons – Eine unsterbliche Liebe“ geschrieben. Die Bücher stürmten die internationalen Bestsellerlisten, erhielten zahlreiche Preise, und inzwischen wurde „Sixteen Moons“ unter dem Titel „Beautiful Creatures – Eine unsterbliche Liebe“ von Hollywoodregisseur Richard LaGravanese verfilmt. Kami lebt mit ihrer Familien im kalifornischen Los Angeles. Kami Garcia und Margaret Stohl kam die Idee zu „Sixteen Moons – Eine unsterbliche Liebe“ während eines gemeinsamen Essens. Auf eine Papierserviette kritzelten sie ihre Gedanken zu einem Roman, der sie beide begeistern würde, und begannen zu schreiben. Die Sixteen-Moons-Bücher wurden ein weltweiter Erfolg und inzwischen auch verfilmt. Beide Autorinnen leben mit ihren Familien im kalifornischen Los Angeles. Mittlerweile schreiben sie nicht mehr auf Papierservietten, sondern auf Computern.

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2 Comments

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  1. Wem gefällt diese Story aus den 90ern von Irene genauso gut wie mir? Bitte melden! 🙂

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