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GUARDIAN ANGELS – Leseprobe des gleichnamigen Romans von E. M. Ross

GUARDIAN ANGELS

Leseprobe des gleichnamigen Romans

von

E. M. Ross

(Zum vorherigen Buch)

Ich wache manchmal noch auf, wenn die grauenhaften Träume kommen, wenn ich wieder an dem Kreuz hänge, an das sie mich genagelt haben, wenn ich wieder dem Mädchen Tanja gegenüberstehe, das ermordet wurde. Bin dann schweißgebadet, muss raus aus dem Bett und fange an, unruhig in meinem Haus herumzulaufen.

„Vergiss es endlich“, sage ich in diesen Momenten laut zu mir, genauso laut wie in der Zelle, in der ich gefangen war, auch dort habe ich in der endlosen Dunkelheit laut gesprochen, um nicht wahnsinnig zu werden. Irgendwann kann ich mich dann hinsetzen, eine Zigarette rauchen, ein Glas Wein trinken und beruhige mich langsam. In diesen Situationen kommen mir aber auch andere Gedanken, die schönen, wenn ich sie wieder vor mir sehe, meine Cathy, den Menschen, den ich vermisse wie keinen anderen, seit ich wieder in einem Zeugenschutzprogramm stecke.

Mein Name ist Nathaniel Caim, doch das wissen vielleicht fünf, sechs Leute, denn für den Rest der Menschheit bin ich jetzt Sean Caver, Ausbilder beim FBI in Quantico und Leiter der Behavioral Analysis Unit. Das mache ich seit sechs Jahren und ich kann mich glücklich schätzen, denn wenn man einen Fall wie den der „Desperate Angels“ überlebt hat, grenzt es schon an ein Wunder, immer noch beim FBI tätig zu sein. Eigentlich müsste man lachen, wenn die ganze Sache nicht so traurig wäre.

Ich war das, was man als einen aufgehenden Stern im Profiling bezeichnen würde: jung, genial und zu allem bereit – aber nur so lange, bis „alles“ mit mir passierte. Der Albtraum meines Lebens. Danach war ich gebrochen – körperlich, mental und seelisch –, suizidgefährdet, um es kurz zu machen: ich war ein Wrack.

Plötzlich trat sie in mein Leben: Catherine Kampell, ein siebzehnjähriges Mädchen. Sie passierte mir, wie eigentlich mein ganzes Leben scheinbar immer nur mit mir passiert, und auch wenn ich sie nie wiedersehen werde, muss ich zugeben, meine Gefühle für sie verwirren mich noch immer.

*

Quantico,

Donnerstag, 2. August 2018

Catherine Kampell war an diesem Morgen angekommen. Bisher hatten sie und weitere fünfzig Mitbewerber das Gelände der Akademie kennengelernt, die Unterkünfte, Hogan’s Alley, Sporthallen, Lehrgebäude, Laboratorien, einen Blick auf den Yellow Brick getan. Die von ehemaligen Anwärtern aufgestellten Schilder am Brick schwirrten ihr immer noch im Kopf herum: „Qual“, „Schmerz“, „friss oder stirb“, damit war bereits eine Menge gesagt.

Nachdem sie im Magazin ihre Ausbildungsuniformen bekommen hatte, richtete sie sich in dem Zweibett-Appartement ein. Ihre Mitbewohnerin Joan Ingres war jedenfalls in Ordnung, sie hatten sich gleich von der ersten Minute an verstanden. Joan war sechsundzwanzig, drei Jahre älter als Cat und mehr als beeindruckt zu erfahren, dass sie erst dreiundzwanzig war. Cat hatte ihren Universitätsabschluss als Master der Psycho­logie in Paris gemacht, natürlich an der V, einer der besten Fakultäten Frankreichs. Danach war sie in die Staaten zurückgekehrt und hatte als klinische Psychologin in Chicago gearbeitet. Alles nur mit dem einen Ziel, so schnell wie möglich die Erfordernisse zu erfüllen, um sich beim FBI zu bewerben. Verkürztes Studium, vorgezogene Masterarbeit und hier war sie, dreiundzwanzig und in Quantico.

Ihr Vater Eric Kampell, erfolgreicher Architekt in Europa, hatte ihr freie Hand gelassen. Nachdem sie sich auf ihre Karriere gestürzt hatte, hatte er nichts dagegen gehabt, dass sie es anstrebte Bundespolizistin zu werden – im Gegenteil, er hielt es für das Beste, nach dem, was sie als siebzehnjähriger Teenager erlebt hatte. Es war für ihn nur der logische Weg zur Verarbeitung der Erlebnisse.

Mit Mona, ihrer Mutter, die mittlerweile ein sinkender Star am Himmel Hollywoods war, hatte sie keinen Kontakt mehr. Das Verhältnis zu ihrer Mutter war immer schwierig gewesen und jetzt hatte sie mit Monas vergnügungssüchtigem Leben gar nichts mehr zu tun.

Doch nur Cat selbst kannte ihre eigentliche Motivation, wusste, warum sie mit allen Mitteln – wozu auch Erpressung gehörte – zum FBI wollte. Sie hatte dem Leiter des NCAVC in Washington, John McSimmens, ziemlich zugesetzt, um eine Freigabe des Background-Checks zu bekommen. Jetzt war sie hier, einen Schritt weiter auf ihrem Weg, Nathaniel Caim zu finden. War sie erst einmal Agentin, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich als Bundesmarshall bewerben, Zugang zum Zeugenschutzprogramm der Vereinigten Staaten bekommen und ihn finden konnte.

Nate war die erste Liebe ihres Lebens gewesen, sie hatte mit ihm mehr erlebt und durchgestanden, als gewöhnliche Paare es ein Leben lang taten. Er war ihr erster Liebhaber gewesen und danach war nie ein Mann gefolgt, für den sie auch nur einen Bruchteil dieser Gefühle aufbringen konnte. Sie wollte ihn und richtete ihr Leben darauf aus ihn zu finden. Natürlich war er jetzt sechsunddreißig, konnte verheiratet sein, eine Familie, Kinder haben – doch solange sie das nicht mit Sicherheit wusste, hoffte sie. Hoffte, dass die starken Gefühle, die sie immer noch für ihn empfand, auch bei ihm die letzten sechs Jahre unverändert geblieben waren. Sie hatte nie mit irgendeinem Menschen über die Tage und Nächte mit ihm gesprochen. Es gab nur zwei, die mehr ahnten: ein Arzt in einer Privatklinik in Los Angeles und die Staatsanwältin Monica Winter. Sie wussten, dass Catherine Kampell eine Abtreibung hinter sich hatte, dass sie schwanger gewesen war, als sie und Nate aus der Gefangenschaft der Sekte hatten entfliehen können. Doch die ganze Geschichte mit den „Desperate Angels“ war so undurchsichtig und vor allen Dingen politisch brisant, dass Monica Winter ihr damals gesagt hatte, dass es vielleicht besser sei, wenn für immer darüber geschwiegen würde – wenn Cathy es so wollte.

Ja, das wollte sie. Ihr erstes Mal mit dem Mann, den sie liebte, und sie war schwanger. Es gab keine, auch nicht die geringste Möglichkeit, das Kind zu behalten. Sie gab dem Druck der Staatsanwältin nach und stimmte der Abtreibung zu. Doch bis heute bedauerte sie es. Mein Gott, sie war ein Teenager gewesen, eine junge Frau damals, zu naiv, was Intrigen und Verschwörungen betraf.

Nachdem man sie aus der Klinik entlassen hatte, lebte sie wieder auf dem Anwesen ihrer Mutter. Mona gab sich alle Mühe, doch Cathy hatte nur eins im Sinn: Nate finden. Sie wandte sich immer wieder an das FBI, versuchte Informationen zu bekommen, doch lief gegen Betonwände des Schweigens. Der zuständige FBI-Agent McSimmens und Staatsanwältin Winter rieten Mona Seasboury dazu, ihre Tochter wegzuschicken, um dem Kind, wie sie Cathy nannten, die Chance zu geben alles zu vergessen. So entschied Mona, dass Cathy zu ihrem Vater nach Europa zurückkehren sollte. Drei Monate nach ihrer Befreiung aus den Händen der „Desperates“, drei Monate, nachdem sie Nate Caim das letzte Mal gesehen hatte, landete sie in Paris und fing ein neues Leben an.

*

„Kampell, können wir heute noch damit rechnen, dass Sie uns folgen?“ Agent White, der sie bisher auf dem Gelände herumgeführt hatte, sah sie leicht amüsiert an.

„Verzeihung Sir, natürlich.“

„Also, last not least, die Kantine. Wie Sie sehen, haben hier zweihundert Personen Platz, die Zeiten …“

Cat sah sich um. Es war bereits dreizehn Uhr dreißig und nicht mehr so voll. Eine Kantine wie jede andere, wie die Mensa am Chicago University Hospital: Plastik, Buffet, weiß, steril, es gab einen netten Außenbereich, wo auch jetzt vereinzelt Leute saßen und sich während des Essens unterhielten. Es gefiel ihr, sie ließ ihren Blick über die Holzbänke und Tische im Außenbereich gleiten und träumte gerade davon, schon bald dort zu sitzen, als sie den Mann sah. Sie hielt den Atem an – das konnte nicht sein.

Er trug ein blaues Sweatshirt, war verschwitzt, er kam wohl gerade vom Fitnesstraining und war erst mal essen gegangen. Um seinen Hals hing ein Ausweis – ein Special Agent, entweder zur Fortbildung hier oder er gehörte nach Quantico. Er unterhielt sich angeregt mit einem anderen Mann, sein Haar war sehr kurz geschnitten, was ihn veränderte, doch sie kannte das Gesicht, die Körperhaltung, diese Augen.

„Sir“, sprach sie White an, als die Gruppe bereits im Begriff war, die Kantine zu verlassen.

„Kampell?“ Er sah sie fragend an, sie waren nur noch zu zweit, die meisten waren bereits wieder auf dem Flur.

„Verzeihen Sie, kennen Sie den Mann dort draußen, mit dem Sweatshirt, kurzes braunes Haar, dort drüben?“

Agent White sah hinüber und dann erstaunt auf Kampell.

„Kennen Sie ihn?“, fragte er, anstatt zu antworten.

„Nein. Tut mir leid, Sir, er fiel mir nur auf, vielleicht eine dumme Angewohnheit von mir.“ Shit, das war ein Fehler, dachte Cat und bereute bereits, überhaupt gefragt zu haben.

„Angewohnheit? Nicht schlecht, Kampell, immer die Augen offen, behalten Sie das bei. Das ist Agent Caver. Sie werden noch früh genug das Vergnügen haben, er ist Ihr Ausbildungsleiter und managt die BAU hier in Quantico.“

Sie lächelte kurz in Whites Richtung.

„Na, kommen Sie, wir haben heute noch einiges vor uns.“

Cat folgte wie in Trance der Gruppe, hörte nicht, was Agent White erklärte, denn sie war am Ziel – sie hatte Nate gefunden.

(…)
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Copyright © 2012 by E. M.  Ross / Abdruck mit freundlicher Genehmigung des MEDU-Verlages.
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Bildrechte: “Psychogenese – Dem Wahnsinn auf der Spur” (Psychogenese5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Psychogenese-50-minus150-0.jpg” (Originaltitel: Psychogenese5.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Lesetipp von E. M.  Ross:

Ross, E. M.
Guardian Angels

Verlag :      MEDU VERLAG
ISBN :      978-3-941955-70-7
Einband :      Paperback
Preisinfo :      11,95 Eur[D] / 12,30 Eur[A] / 17,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 07.11.2012
Seiten/Umfang :      322 S. – 20,5 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 25.11.2012

Mit Guardian Angels legt E. M. Ross den zweiten Band der Angels-Reihe vor:
Sechs Jahre sind vergangen, seit Nathaniel Caim und Catherine Kampell getrennt wurden. Unter dem Namen Sean Caver ist Nathaniel nun Ausbilder beim FBI in Quantico, als ihm das Mädchen, das mit ihm gemeinsam den Albtraum ihrer Gefangenschaft bei der skrupellosen Sekte „Desperate Angels“ überlebte und seither immer in seinen Gedanken blieb, plötzlich als FBI-Anwärterin gegenübersteht. Sean ermittelt als Profiler in einer Serie von Kindermorden und nimmt seine beste Schülerin mit ins Team: Catherine. Die Suche nach der Bestie, die drei kleine Jungen verschleppte, missbrauchte und in der Wildnis, an einen Baum gefesselt, sterben ließ, erweist sich als zermürbender Balanceakt, denn sie stoßen im ländlichen Colorado an Betonwände des Misstrauens und Schweigens. Plötzlich ergibt sich eine Spur, die nach Deutschland führt: Morde, die zwanzig Jahre zurückliegen, doch die gleiche Handschrift tragen. Sean und Cat werden nach Garmisch-Partenkirchen geschickt, um mit Hauptkommissar Peter Becker vom BKA die alten Fälle wieder aufzurollen. Hier kommen die drei einem jahrzehntealten Verbrechen auf die Spur und ahnen nicht, dass sie sich in akute Lebensgefahr bringen, als sie versuchen, die Pläne des Mörders zu durchkreuzen …

E. M. Ross ist Jahrgang 1962 und war jahrelang im Finanzmanagement eines großen amerikanischen Konzerns tätig. Ross lebte unter anderem in Frankreich, England, Russland, Singapur, Thailand und China und seit 2006 im Großraum Frankfurt am Main.

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

Updated: 27. November 2013 — 18:23

6 Comments

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  1. Ich bitte mal um Meinungen! Wäre das möglich?

  2. Christa Kuczinski

    Gerade erst gesehen. Ein Schreibstil der mir gefällt. Dialoge die meiner Meinung nach sehr gut geschrieben sind. Definitiv ein Buch, das Interesse weckt!

  3. Jetzt stimmt auch der Titel, aus dem die Leseprobe stammt. Ist der Nachfolgeband. Bitte nochmal anschauen!

  4. Ja, es handelt sich um den Nachfolgeband. Das erste Buch heißt: „Desperate Angels“. Genau das Richtige für Fans von Autoren wie Karin Slaughter.
    Wie wird Cathys große Liebe FBI-Agent Nate auf das Wiedersehen reagieren? Nachdem sie einer Sektengemeinschaft nur knapp entkommen waren, hatten sie Jahre nichts mehr voneinander gehört, bis Cathy ihre Stelle beim FBI antritt…

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