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GRAUES LAND – Leseprobe (Teil 2) aus dem gleichnamigen Roman von Michael Dissieux

GRAUES LAND

Leseprobe (Teil 2) aus dem gleichnamigen Roman

von

Michael Dissieux

An diesem Abend spüre ich die Kälte in meinen Knochen, als bestünden sie aus Papier. Ich stehe in der Küche und bereite das Abendessen zu. Dabei halte ich mich der Verandatür zugewandt und achte auf jedes verdächtige Geräusch, das aus dem Garten zu mir dringt.

Die kleine quadratische Scheibe in der Tür habe ich von innen mit Holz vernagelt. Zwei Kerzen brennen auf dem Tisch, auf dem ich die Mahlzeiten zubereite. Im Ofen knistert feuchtes Holz.

Den Generator im Schuppen habe ich nicht anzuwerfen gewagt. Die Euphorie des Morgens, als ich die Fenster verriegelt und unser Haus in eine vermeintlich sichere Festung verwandelt habe, ist nach den Geschehnissen in Dannys Haus einer eiskalten, lähmenden Furcht gewichen. Auf keinen Fall möchte ich die Kreaturen im Wald durch das Klappern der alten Maschine im Schuppen in die Nähe des Hauses locken.

Das Bild von dem Ding in Dannys Schlafzimmer, das einmal Cindy gewesen ist, hat sich wie das Abbild eines besonders grässlichen Traumes in meine Gedanken gebrannt. Ihre Worte martern noch immer meine zitternde Seele.

Doch noch schlimmer ist der Anblick meines toten Freundes. Das Abbild erscheint, sobald ich die Augen schließe. Auch wenn ich nur blinzele, sehe ich in diesen Bruchteilen von Sekunden den zerfetzten Leichnam Dannys, wie er auf der Couch sitzt und darauf wartet, dass sein alter Kumpel Harv mit einem Bier zurückkommt. Selbst der Gestank nach Pulver und Blut scheint die Küche zu schwängern.

Alles dreht sich in meinem Kopf. Es kommt mir vor, als würde sich die Welt um mich herum ständig verzerren. Manchmal habe ich das Gefühl nach links umzufallen. Dann wieder denke ich, dass ich jederzeit nach hinten gegen die Wand fallen müsste.

Während ich eine Banane, deren Schale bereits braun ist, in kleine Stücke schneide, wird das Bild der Küche ständig von den toten Augen des Cindy-Dings überblendet, die mir aus der Dunkelheit des Schlafzimmers entgegengestarrten. In meinen Ohren kann ich immer noch das träge Schlurfen von Schritten hören, die sich der Tür nähern, sowie das Rascheln dreckiger, blutverkrusteter Kleidung.

Ich sehe meinen Händen dabei zu, wie sie die Banane in eine Schale schieben und mit Milch übergießen, deren Haltbarkeit fast abgelaufen ist. Das sind nicht meine Hände. Die Bewegungen erscheinen mir wie in Zeitlupe. Dann lassen sie heißes Wasser aus dem alten Blechtopf vom Ofen in zwei Tassen mit Teebeuteln fließen, greifen nach der mit Blumen verzierten Dose und lassen zwei Zuckerwürfel in die eine Tasse fallen, die meine ist. Während die Finger nach dem kleinen Löffel greifen, um den Zucker zu verrühren, hebt sich mein Blick und heftet sich auf das vernagelte Rechteck, wo sich das Fenster der Verandatür befindet.

War da ein Geräusch?

Ich halte inne. Der Geruch frisch aufgebrühten Tees steigt mir in die Nase. Ich kann die Hitze des Wassers an der Hand spüren, die den Löffel hält.

Ich glaube Cindys Stimme zu hören, die meinen Namen flüstert.

Alles bleibt ruhig.

Als ich die beiden Tassen auf das Tablett zu Sarahs Banane und den zwei Brotscheiben stelle, deren Kruste leichte Schimmelränder aufweist, verharre ich kurz in meiner Bewegung und schließe die Augen. Der Geruch, der mir vom Tablett entgegensteigt, erinnert mich an bessere Zeiten. Tage, in denen Sarah im Wohnzimmer vor dem Kamin wartete und wir es uns beide bei unserer traditionellen Tasse Tee gemütlich gemacht hatten.

Ich versuche das Bild dieser lange vergangenen Tage in mir heraufzubeschwören. Irgendwo in meinem Unterbewusstsein, dort, wo man all die Schätze des Lebens vergräbt und man seine schönsten Erinnerungen bewahrt, weiß ich, dass ich diese ganz besonderen Zeiten in einer goldenen Truhe hüte, auf deren Deckel in leuchtenden Buchstaben ›Sarah‹ geschrieben steht.

Es fällt mir schwer, mich an diese Abende zu erinnern. Daran, wie Sarah in ihrem Sessel gesessen hat, die Beine übereinandergeschlagen und das Kinn auf eine Hand gestützt, als würde sie angestrengt über etwas nachdenken. An die Art, wie sie ihr langes Haar hochgesteckt hat, damit es sie nicht beim Teetrinken stört. Oder an den unvergleichlichen Ausdruck ihrer Augen, wenn ich zu ihr an den Kamin trat, dasselbe Tablett wie jetzt in Händen, und ihr mit einer galanten Verbeugung ihren Tee servierte.

Selbst das Knistern der Holzscheite in der Feuerstelle, das jede meiner Erinnerungen wie eine Symphonie begleitet hat, kann ich nur als weit entfernte Ahnung wahrnehmen. Alles, was ich deutlich sehen kann, ist dieses grässliche Ding im Schlafzimmer der Millers – und Danny, dessen Schädel an der Wand hinter ihm klebt, während Rauch aus der Mündung seines Gewehres aufsteigt und sich mit den spritzenden Blutfontänen aus seinem Halsstumpf vermischt.

Fast erscheint es mir, als verliere der Schatz, den ich stets gehegt und gepflegt habe, seinen Glanz. So, wie die Tage dieser neuen Welt. Meine wertvollsten Erinnerungen verblassen und werden grau. Gerade so, als würden sie zu Staub zerfallen.

Als ich die Augen wieder öffne, lassen Tränen meine Sicht verschwimmen. Ich fühle mich so alleine, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Danny ist nicht mehr da. Und Cindy scheint sich in einen wandelnden Leichnam verwandelt zu haben.

Und Sarah …? Heißt es nicht, wenn die Erinnerungen an schöne Tage verblassen, stirbt der Mensch?

Der Gedanke daran, lässt mich instinktiv den Kopf schütteln. Ich blicke zur Tür und darüber hinweg zur Decke und durch sie hindurch, dorthin, wo andere Gott vermuten. Meine Tränen schmecken salzig. Ich lecke sie von den Lippen und ziehe die Nase hoch.

»Nimm mir nicht alles weg«, flüstere ich mit erstickter Stimme. »Nicht meine Erinnerungen. Und nicht Sarah.«

Lange Zeit starre ich einfach nur vor mich hin und versuche die Farben in meine Gedankengänge zurückzuzwingen. Sarahs Kleid, das sie meistens an jenen Abenden am Kamin getragen hat; die Farbe ihrer Haarspangen; die Farbe der leckenden Flammen im Kamin.

Doch alles bleibt grau. Wie die Asche, die sich über die Welt gelegt hat.

Ich stelle eine der Kerzen auf das Tablett und gehe mit gesenktem Kopf ins Schlafzimmer hinauf. Die mittlere Stufe der Treppe knarrt wie immer, doch selbst dieser vertraute Laut erscheint mir plötzlich bedeutungslos. (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2011 by LUZIFER-Verlag. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autoren und des LUZIFER-Verlages

Bildrechte: “Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Cover-Apokalypsen.jpg” © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Wer wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht, erfährt dies in folgendem Buch des Autors:

Dissieux, Michael
Graues Land

Verlag :      Luzifer-Verlag
ISBN :      978-3-943408-03-4
Einband :      Englisch Broschur
Preisinfo :      14,95 Eur[D] / 15,95 Eur[A] / 19,60 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 10.12.2011
Seiten/Umfang :      ca. 274 S. – 20,5 x 12,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Produktform (detailliert) :      Geklebt
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 10.12.2011
Erstverkaufstag :         10.12.2011
Gewicht :      340 g
Aus der Reihe :      Graues Land

KLAPPENTEXT
Harvey und Sarah führen ein glückliches, ruhiges Leben in den Bergen. Als Sarah erkrankt, kümmert sich der alte Harv liebevoll um seine Ehefrau.

Doch eines Tages hat sich etwas geändert – in der Welt da draussen. Es beginnt damit, dass die Fernsehsender kein Programm mehr ausstrahlen, dann fällt die Stromversorgung aus, auch das Telefon verstummt.

Ein grauer Schleier umhüllt das Land. Eine trügerische Stille liegt über den Feldern, über dem Haus.

Des Nachts glaubt Harvey, Kreaturen ums Haus schleichen zu hören. Und die kurze Begegnung mit einer jener Kreaturen im Garten bringt die schreckliche Gewissheit, keiner Einbildung erlegen zu sein.

Harvey beschließt, in Erfahrung zu bringen, was zum Teufel mit der Welt geschen ist.

Und so steigt er in seinen rostigen Van und fährt hinüber zu seinem alten Freund Murphy, der ein paar Meilen die Straße hinab ein kleines Lebensmittelgeschäft betreibt.

Doch dieser scheint bereits dem Wahnsinn anheim gefallen zu sein …

In 2012 gewann GRAUES LAND den 3. Platz des ›Vincent Preis‹ – dem deutschen Horror-Award (Kategorie „Roman national“)

AUTOR
MICHAEL DISSIEUX Geboren 1967 in Saarbrücken, gelernter Dreher. Arbeitet als Busfahrer im Linienverkehr. Schreibt seit 30 Jahren Kurzgeschichten und Romane aus dem Bereich des Unheimlichen und der Dark Fantasy. Einige Kurzgeschichten im Bastei-Verlag veröffentlicht, sowie in diversen Fanzines. Mitarbeit an der Romanreihe „Jessica Bannister“ – ebenfalls im Bastei-Verlag – bis diese eingestellt wurde.

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Updated: 4. Dezember 2014 — 13:28

3 Comments

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  1. Na, ja. Will uns dieser Text Angst machen? Will er uns auf was grauenhaftes vorbereiten? Ich mag sowas nicht. Immer wird das schlechte im Menschen hervorgehoben. Wo bleibt das Gute im Menschen? Wenn auch stilistisch ganz brauchbar so doch inhaltlich mir zu negativ.

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