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GLÜCKSBRUNN-ORBITAL – Science Fiction-Kriminal-Satire von Mona Mee

GLÜCKSBRUNN-ORBITAL

Science Fiction-Kriminal-Satire

von

Mona Mee

„Licht“, sage ich. Eine Lampe geht an. Ich bin irritiert. Ich blicke um mich, bin offenbar in einer Raumschiffskabine und hänge in einem Null-G-Schlafnetz. Für einen Moment habe ich vergessen, dass ich mich in einem ERK-Raumer befinde. Ich aktiviere meinen CommChip und rufe meine Vorgesetzte:

„Pakonsky?“, frage ich.

„Wo bleiben Sie denn? Es ist schon weit nach zehn Uhr Raumzeit“, erwidert meine Vorgesetzte.

„Ich muß anscheinend verschlafen haben“, sage ich.

„Was ist mit Ihnen? Sie haben seit Ihrem Antritt bei der ERK noch nie verschlafen“, sagt sie.

„Ja“, antworte ich.

„Frau Komore, Sie haben in zwei Stunden einen Einsatz auf Glücksbrunn-Orbital. Wir haben in vierzig Minuten unser Anlegerendezvous“, sagt sie.

„Ach …“, entgegne ich.

„Gibt es ein Problem, Frau Komore?“, fragt sie.

„Nein“, antworte ich.

„Schön, dann werde ich Sie jetzt kurz briefen“, sagt sie.

„Ich höre“, sage ich, während ich mich unter die Ultraschalldusche stelle.

Glücksbrunn-Orbital ist ein Rentnerhabitat und bietet älteren Bürgern aus der ganzen Galaxis ein adäquates Freizeitparadies für die letzten Jahre ihres Lebens“, instruiert sie mich. „Hier leben die Gutbetuchten unter ärztlicher Obhut und mit viel Luxus und Freizeitmöglichkeiten. Das Besondere an Glücksbrunn-Orbital sind die verschiedenschnell drehenden Schwerkraftringe dieser Station, die einen Durchmesser von 25 Kilometern hat. Für die Bürger, die noch rüstig genug sind, gibt es viele Möglichkeiten auf der Station unter verschiedenen Schwerkraftverhältnissen zu wählen“, klärt sie mich auf. „Die schwächeren Patienten haben hier die Möglichkeit, sich aufrüsten und eine Reihe von Verbesserungen an ihrem Körper vornehmen zu lassen.“

„Und was tut die ERK hier?“, frage ich.

„Einige der Bewohner haben darüber geklagt, dass sie von zwei Kindern ausgeraubt worden seien“, sagt sie.

„Ich bin nicht sicher, ob ich das verstehe“, sage ich.

„Da sich Glücksbrunn-Orbital unter Kontrolle der VPS befindet, weil auf der Station und auch auf dem Planeten, der aus einer unwirtlichen Gesteinswüste ohne Atmosphäre besteht, keinerlei Regierung existiert, nicht mal Bedienstete, die den Personenstatus haben, schickt die VPS bei Problemen solcherart einfach einige ERK-Beamte hierher, die nach dem Rechten sehen sollen“, sagt sie.

„Es gibt keine Menschen auf der Orbitalstation? Wer kümmert sich denn dann um die älteren Herrschaften, die ihren Lebensabend hier verbringen?“, frage ich verdutzt.

„Die gesamte Anlage wird von medizinischen Androiden und Drohnen der Firma KALIZAKE INC. geführt“, antwortet sie.

„Upps …“, rutscht es aus mir heraus. Damit hatte ich nicht gerechnet.

„Sie werden Freizeit-Inspektor Leo Lebowskie zur Unterstützung mitnehmen. Der wurde hier schon des öfteren eingesetzt“, sagt sie.

„Was, Leo Lebowskie? Der ist doch schon seit drei Jahren in Rente seit seinem letzten Berufsunfall, bei dem er fast gestorben wäre“, sage ich.

„Nicht mehr“, antwortet sie. „Der hat jetzt einen neuen Status und unterstützt unsere Arbeit bei der ERK mit seinen Erfahrungen“, erklärt sie.

„Wie soll ich denn mit einem solchen Wrack meine Arbeit machen?“, frage ich. „Der ist doch gar nicht mehr in der Lage, sich richtig zu bewegen“, sage ich.

„Freizeit-Inspektor Leo Lebowskie hat – für die Verpflichtung uns weitere zehn Jahre zu unterstützen – eine Aufarbeitung aushandeln können. Er ist jetzt runderneuert und äußerlich  um mindestens 80 Jahre jünger. Sie werden zusammen als Pärchen dort verdeckt ermitteln“, sagt sie.

Ich bin komplett fertig mit den Nerven und beende die Kommunikation über meinen CommChip mit meiner Vorgesetzten, nachdem ich den Auftrag bestätigt habe.

* * *

Als ich mich angekleidet habe, geht der Melder an meiner Kabinentür los. Ich öffne und vor mir steht ein junger Mann um die 20 Jahre alt. Ich schaue verdutzt und frage „Ja bitte?“

„Frau Komore, erkennen Sie mich denn nicht?“, fragt der junge Mann.

Mir verschlägt es die Sprache.

„Ja, ich bin es, Leo Lebowskie, zu ihrer Unterstützung“, sagt er.

„Aha …“ ist das einzige, zu was ich fähig bin zu antworten.

„Und?“, fragt er mich. „Wie sehe ich aus?“

„Äh …, sehr jung“, sage ich.

„Und sehe ich gut aus?“, fragt er mich und streckt mir seine Rechte entgegen.

„Ich bin ja nicht so fürs Händeschütteln“, sage ich, und verzichte auf den Körperkontakt mit ihm.

„Na, sagen Sie schon, würden Sie mich so in Ihr Schlafzimmer lassen?“, scherzt er und zwinkert mir zu.

„Ok, ich hole nur noch meine Reisetasche, dann kann es losgehen“, sage ich.

* * *

Als wir uns kurze Zeit später im Hauptdrehkörper der Station befinden, in der eine Schwerkraft von 0,95 G herrscht, bewegen wir uns an den Schalter für die Besucher, die sich das alles hier mal genauer anschauen oder einfach ihre Eltern oder Großeltern besuchen möchten.

Da wir hier verdeckt arbeiten werden, tragen wir uns als Ehepaar Sabrina und Enterrich Wengler-Stolze ein und buchen ein Hotelzimmer mit Blick in den Weltraum und auf den Planeten. Schließlich wünscht uns die Empfangsdroidin am Schalter, die lediglich aus Schultern, Hals und Kopf besteht und offenbar an der anderen Seite des Schalters befestigt wurde, übertrieben lächelnd einen angenehmen Aufenthalt auf Glücksbrunn-Orbital.

Aus einem Wandsegment öffnet sich daraufhin plötzlich eine Schiebetür und eine röhrenförmige Drohne mit starken Tragearmen schwebt uns entgegen. Sie schnappt sich unsere Reisetaschen und bewegt sich vor uns her in Richtung eines sehr, sehr langen Ganges. Angekommen an unserer Zimmertür stellt sie die Taschen ab. Nachdem sie sich um ihre eigene Achse gedreht hat, schwebt sie wieder davon.

Wir betreten unser Hotelzimmer und stellen unsere Sachen unter. Schließlich verabreden wir, dass wir erstmal getrennt die verschiedenen Drehkörper und Freizeitbereiche der Station anschauen und uns dann zu einer bestimmten Uhrzeit im 0,75 G-Restaurant Sonnenschein wiedertreffen, um von unseren Erfahrungen zu berichten. Gesagt, getan. Lebowskie begibt sich in einen der Aufzüge und macht sich auf den Weg in ein anderes Stockwerk der Station.

Ich schaue mir derweil die Flure unseres Stockwerks etwas genauer an. Als eine Tür geöffnet wird, frage ich die ältere Dame, die daraus hervorgewackelt kommt, ob sie etwas von den Belästigungen und Diebstählen, die durch zwei Kinder hervorgerufen wurden, wisse.

„Entschuldigen Sie bitte. Das habe ich eben nicht richtig mitbekommen“, antwortet sie.

„Ähh, es geht um einen Überfall. Von zwei Kindern. Im Alter zwischen sieben und neun Jahren“, sage ich.

„Einen Überfall hat es hier nicht gegeben. Nein. Ich bin zwar schon etwas älter, einen Überfall hätte ich doch trotzdem mitbekommen, meinen Sie nicht auch? Und jetzt entschuldigen Sie bitte, ich habe Einiges zu erledigen“, sagt sie und wackelt den Gang entlang, wobei sie einen schwebenden Wagen mit zwei Haltegriffen vor sich herschiebt, an denen sie sich krampfhaft festklammert.

Ich schaue der Frau noch eine ganze Weile kopfschüttelnd hinterher, als sich plötzlich meine Vorgesetzte mit einem Rufsignal in meinem Ohr meldet, das nur ich hören kann.

„Pakonsky?“, frage ich über meinen CommChip.

„Was ist los, Frau Komore, geht es voran?“, fragt sie.

„Ähh, wir sind noch am Ermitteln, die Sache ist offenbar ziemlich komplex …“, antworte ich.

„Zwei Kinder, Frau Komore, konzentrieren Sie sich auf die beiden Kinder“, sagt sie.

„Wird gemacht, ich melde mich, sobald es Neuigkeiten gibt“, antworte ich.

Ich gehe den Gang weiter entlang, als ich aus einer Tür jemanden singen höre. Sehr seltsam.

Ich klopfe an der Tür vorsichtig an, worauf sie von einem älteren Herrn mit Glatze, der in einen weißen Anzug gekleidet ist, unter dem er ein schwarzes Shirt trägt, geöffnet wird. Er wirkt auf mich wie ein Möchtegern-Gigolo. Der Mann sagt nichts und schnappt sich meinen Kopf, hält ihn fest und küßt mir auf den Mund, wobei er seine Zunge in meinen Mund schiebt. Ich bin so perplex, dass ich kurz erstarre, bevor ich mich von ihm abwende und ihn frage: „Was soll das denn?“

Der Mann schaut mir in die Augen und fragt „Wer sind Sie denn?“

Ich erkläre ihm, dass ich wegen dem Überfall hier sei und darüber gerne mehr erfahren würde.

„Ach so“, ist seine Antwort und er schaut mich interessiert an.

Ich frage ihn „sind Sie überfallen worden?“

„Nein“, sagt er.

„Ist Ihnen irgendetwas Merkwürdiges aufgefallen?“, frage ich.

„Merkwürdiges?“, wiederholt er.

„Ähh, zwei Kinder, die sich irgendwie auffällig verhalten“, antworte ich.

Seine einzige Reaktion darauf ist ein Kopfschütteln.

* * *

Ich gehe den Gang weiter, bis ich auf einen Aufzug treffe und ihn betrete. Auch in den anderen Stockwerken treffe ich auf ältere Herrschaften und befrage sie, doch niemand will etwas von einem Überfall, Diebstählen oder gar zwei ungehörigen Kindern gehört haben. Mein Terminplaner meldet sich über meinen CommChip und teilt mir mit, dass es an der Zeit sei, sich mit Freizeit-Inspektor Leo Lebowskie im 0,75 G-Restaurant Sonnenschein zu treffen.

Ich begebe mich in den entsprechenden Drehkörper der Station, betrete das Restaurant und sehe Lebowskie mir von einem der Tische aus zuwinken. Ich setzte mich an den Tisch und frage ihn nach seinen Ermittlungen.

Er erzählt mir, dass er zwei Kindern gefolgt wäre, die sich schnell in einem Hotelzimmer versteckt hätten. Als er dort angeklopft habe, hätte eine ältere Frau geöffnet und gefragt, was er wolle. Als er um Einlaß gebeten hätte, habe die Dame sich geweigert. Nachdem er wegen der beiden Kinder nachgefragt habe, die grad eben in das Zimmer gerannt seien, habe ihm die Dame erklärt, dass es sich dabei um ihre Enkelkinder gehandelt hätte. Dann habe sie gemeint, dass ihr das Essen auf dem Herd anbrennen würde und sie nun die Tür schließen müsse, was sie dann auch getan hätte.

Als wir wieder in unserem Hotelzimmer sind, erkläre ich Freizeit-Inspektor Leo Lebowskie von meinen Erlebnissen, der mir vom Badezimmer aus antwortet. Als ich mich umdrehe, steht er plötzlich nackt vor mir und ich kann nicht umhin, die Arbeit an seinem nun jungen Körper zu bewundern: „Sie haben recht, ihr Körper ist ganz hervorragend gelungen …“, flüstere ich etwas irritiert, wobei ich sein erregiertes Glied anstarre.

„Möchten Sie mal anfassen?“, fragt mich Freizeit-Inspektor Leo Lebowskie.

„Also jetzt beherrschen Sie sich mal ein bißchen. Ist ja nun wirklich nicht angebracht, hier so herum zu stolzieren, mit ihrem neuen Geschlechtsteil! Das ist doch nicht normal“, erwiedere ich ihm darauf.

Sie haben doch meinen Körper gelobt und die entsprechenden Verbesserungen gewürdigt und jetzt sind Sie so frigide“, antwortet er mir, während er sich abwendet: „Sie können nicht mal jemanden die Hand geben. Wer ist denn hier nicht normal?“

Als wir endlich zu Bett gehen und ich das Licht lösche, höre ich, wie Freizeit-Inspektor Leo Lebowskie zu schluchzen anfängt. Ich knipse das Licht wieder an und drehe mich zu ihm um, der auf der andere Seite des Doppelbettes in Richtung der Wand blickt.

Ich frage ihn: „Freizeit-Inspektor Leo Lebowskie, was ist denn mit Ihnen, alles in Ordnung?“

„Ich habe so darauf gehofft, dass Sie mir mit meinem neuen Körper ein wenig Liebe geben könnten“, sagt er.

Ich versuche ihn zu trösten und streichle ihm die Schulter. Schließlich knipse ich das Licht wieder aus und versuche endlich ein wenig Schlaf zu finden …

* * *

Am nächsten Morgen begebe ich mich schon sehr früh in eine Frühstücksbar, da Freizeit-Inspektor Leo Lebowskie noch tief und fest am Schlafen ist.

Nachdem ich mich nach einem ausgiebigen Früstück wieder auf den Weg zurück ins Hotelzimmer bewege, meldet sich meine Vorgesetzte über CommLink: „Frau Komore, wie läuft es denn?“

„Nicht so gut. Irgendwie ist das hier alles ziemlich verwirrend auf Glücksbrunn-Orbital. Und auch Freizeit-Inspektor Leo Lebowskie verwirrt mich zusehends mit seinem jungen Aussehen“, sage ich.

„Jetzt reißen Sie sich mal zusammen und lösen den Fall. Sie werden die Kinder finden, da bin ich mir sicher. Sie sind doch eine meiner besten Beamtinnen. Und ich weiß auch, dass ich nicht die einzige bin, die das denkt. Sie könnten schon bald Hauptermittlerin werden und in die Gehaltsklasse F3 aufsteigen. Also, das ist Ihr Fall, Frau Milena Himiko Komore! Nicht nachlassen! Melden sie sich, wenn Sie weitergekommen sind.“, sagt sie.

* * *

Als ich weiter den Gang entlang gehe und um eine Ecke biege, werde ich plötzlich von drei älteren Herrn abgepaßt und zusammengeschlagen. Anschließend sagt einer der Männer: „Ich möchte noch hinzufügen, dass wir das nächste Mal nicht so zuvorkommend sein werden. Sie schnüffeln hier herum und verderben uns unsere Zukunft …“, dabei zückt er eine Einmalspritze und verabreicht sie mir. Mir schwinden die Sinne …

Nachdem ich wieder zu mir komme, sehe ich mich um und erkenne, dass ich mich auf einer Liege in einem Operationssaal befinde, der ansonsten menschenleer ist. Mit wackeligen Beinen gelingt es mir, mich aufzurichten und die Örtlichkeit zu verlassen. Mühsam schleppe ich mich in unser Hotelzimmer zurück, verpflege meine Wunden und nehme einige Schmerzmittel ein, die mich aber dann doch so schläfrig machen, dass ich mich einfach komplett angezogen aufs Bett lege.

Als sich Freizeit-Inspektor Leo Lebowskie über Comm-Chip bei mir meldet, werde ich wach und frage ihn, wo er gewesen sei.

Er antwortet: „Ich habe recherchiert, beim Seniorentanztee. Also, da ist mir ja was ganz merkwürdiges passiert.“

„Na was denn?“, frage ich.

„Also, da wurde ich von einer älteren Dame gefragt, ob ich mit ihr tanzen würde und habe zugesagt. Dabei fragte sie mich, ob ich mir vorstellen könnte, ein hundertjähriger Mann zu sein …“, sagt sie.

„Aber Sie sind doch schon weit über hundert!“, sage ich.

„126 Jahre. Aber das weiß sie doch nicht! – Also ich finde das merkwürdig“, sagt er.

Plötzlich klopft es an der Tür, ich beende das Gespräch und öffne. Vor mir stehen ein etwa siebenjähriger Junge und ein etwa neunjähriges Mädchen das sagt: „Entschuldigung, wir haben unsere Eltern verloren. Können Sie uns vielleicht helfen?“  Ich lasse die beiden darauf erstmal das Zimmer betreten.

Plötzlich meldet sich meine Vorgesetzte und fragt, ob wir etwas erreicht hätten.

„Pakonsky, Sie melden sich genau im richtigen Moment. Jetzt raten Sie mal, wer sich im Moment bei mir im Hotelzimmer befindet?“, frage ich.

„Jetzt sagen Sie schon …“, antwortet Sie.

„Na, die beiden gesuchten Kinder“, entgegne ich.

„So, so. Bitte befragen Sie die beiden nach ihren Taten und melden Sie sich wieder bei mir, ok?, sagt sie.

„Das mache ich“, antworte ich und trenne die Verbindung.

„Also jetzt mal raus mit der Sprache …“, wende ich mich an die beiden Kinder, „was habt ihr hier getan auf Glücksbrunn-Orbital?“

„Bitte glauben Sie uns doch, wir haben nichts gestohlen“, sagt das Mädchen und fängt dabei an zu weinen, „wir haben nichts getan. Wir haben unsere Eltern verloren und wissen nicht, an wen wir uns nun wenden können.“

„Wie darf ich das verstehen? Man verliert doch nicht einfach seine Eltern“, frage ich.

„Wir haben Schnick Schnack Schnuck gespielt“, meldet sich plötzlich der Junge.

Schnick Schnack Schnuck?“, frage ich.

„Ja“, bestätigt das Mädchen, „und dabei haben wir unsere Eltern verloren. Die waren plötzlich weg.“

Ich denke kurz nach und nehme Verbindung mit der Stationsleitung auf, schildere den Fall, nachdem ich mich als ERK-Ermittlerin zu erkennen gegeben habe. Ich verlange, dass man der Sache augenblicklich auf den Grund geht und dass man einen Verantwortlichen zu mir aufs Hotelzimmer schickt, wenn man nicht wolle, dass die VPS sich der Sache annehme. Das scheint seine Wirkung nicht zu verfehlen, denn schon sieben Minuten später stehen zwei medizinische Androiden vor meiner Tür, die ich herein bitte.

Nachdem sie mit einem tragbaren Gerät einen Irisscan an den beiden Kindern hervorgenommen haben, teilen Sie mir deren Namen mit. Sie sind beide weit über Einhundert Jahre alt und haben sich für ein experimentelles Verjüngungs-Verfahren zur Verfügung gestellt, bei dem es offenbar zu einer Nebenwirkung gekommen ist, einem Gedächtnisverlust in Form einer alzheimer-ähnlichen Erkrankung, die eigentlich bei alten Menschen längst in der gesamten Galaxis als ausgestorben gilt, erklärt man mir.

Ich nehme Kontakt mit meiner Vorgesetzten auf und schildere ihr den Sachverhalt. Sie ist einverstanden, dass ich die beiden Kinder, ähh älteren Mitbürger, in die Obhut der Medizinerandroiden übergebe, was ich dann auch sofort erledige.

Nachdem sie zusammen das Hotelzimmer verlassen haben und mein Fall als abgeschlossen gilt, nehme ich Kontakt mit Freizeit-Inspektor Leo Lebowskie auf. Der erklärt mir über CommLink, dass er gleich im Hotelzimmer bei mir sei, ich aber keinen Schreck bekommen solle, denn es haben sich einige Änderungen ergeben.

Ich fange schon mal an, meine Sachen zu packen, als es kurz danach an der Tür klopft. Ich öffne und vor mir stehen zwei etwa zehnjährige Kinder, ein Junge und ein Mädchen in lässiger Freizeitkleidung, die mich mit großen Augen anstarren. Ich frage: „Wer seit ihr denn, na?“

„Wir wollten eigentlich zur ERK-Ermittlerin Milena Himiko Komore“, antworten die beiden wie im gemeinsamen Singsang.

„Na dann, das bin ich“, erkläre ich den beiden Kindern.

Sie glotzen mich schweigend und mit großen Augen an.

„Du hast doch gesagt, dass deine Kollegin ein eurasisches Aussehen habe, halb europäisch und halb asiatisch, Leo“, sagt das Mädchen an den Jungen gerichtet.

„Das sollte sie auch, meine Liebe“, antwortet er ihr darauf.

Ich kann nicht mehr an mich halten und stoße heraus: „Du bist Leo Lebowskie?“, wende ich mich an den Jungen.

Der verzieht das Gesicht und erklärt: „Ja, das stimmt, ich habe hier beim Tanztee die Frau meiner Träume gefunden. Viele gemeinsame Vorlieben und auch unser Alter haben uns zusammengebracht. Wir haben dann sofort geheiratet und die damit verbundene kostenlose Verjüngung wahrgenommen. Mit in diesem Heiratspaket war auch eine entsprechend hohe Ablösesumme für meine Verpflichtungen der ERK gegenüber. Einzige Bedingung ist, dass wir unser restliches Leben hier auf Glücksbrunn-Orbital verbringen. Aber wie ich sehe, sind meine Frau und ich nicht die einzigen, die sich einer operativen Veränderung unterzogen haben.“

Ich schaue den – nun jungen zehnjährigen – ehemaligen Freizeit-Inspektor Leo Lebowskie fragend an und sage: „Ich verstehe nicht ganz?“

„Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, Frau Komore. Haben sie in der Zwischenzeit tatsächlich keinen Besuch in einem Operationsraum vollführt?“, antwortet er mir.

Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich renne ins Bad zum großen Spiegel und schreie laut auf, als ich mein (neues) Gesicht im Spiegel betrachte. Ich hole meinen ERK-Ausweis aus der Tasche und vergleich das (alte) Bild darauf mit meinem (neuen) Spiegelbild. Anschließend muß ich mich erstmal aufs Bett setzen. Die beiden Kinder verziehen dabei ein mitleidvolles Gesicht und halten sich ängstlich an den Händen …

– Ende –

Copyright © 2014 by Mona Mee

Bildrechte: DIE FRÜHEN FÄLLE DER MILENA HIMIKO KOMORE” (milena-antho-cover.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Eingangsgrafik” (GLÜCKSBRUNN-ORBITAL-ABSTRAKT.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

BUCHTIPP DER AUTORIN:

Mark O’Sullivan
Jimmy, Jimmy

Ein Roman zwischen Verzweiflung und Komik

Aus dem Englischen von Anu Stohner
Reihe Hanser (dtv)
Deutsche Erstausgabe
340 Seiten
Ab 14
ISBN 978-3-423-65003-8
1. Auflage, September 2013
TASCHENBUCH AUSGABE

Auch erhältlich als:
epub
pdf

Eala ist sechzehn, als das Leben ihrer Familie aus den Fugen gerät. Denn beim Joggen wird ihr Vater Jimmy von einem heranrasenden Fahrradfahrer erfasst. Als er Wochen später im Krankenhaus aus dem Koma erwacht, ist er nicht mehr der, der er einmal war. Er hat den Verstand eines 10-Jährigen, und Eala und ihr Bruder Sean haben von einem Tag auf den anderen ihren Vater verloren. »Dad« gibt es nicht mehr. Nun ist da nur noch »Jimmy«, wie sie ihn nennen sollen, der plötzlich gerne Computerspiele spielt, mehr nascht als je zuvor und in seinen Kindern echte Kumpel sieht, deren Leben er aber nicht mehr versteht.

Mark O`Sullivan wurde für seine Kinder- und Jugendromane vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Bisto Award in Irland, dem Prix des Lecteurs in Frankreich und dem International Youth Library White Raven Award. Für „Jimmy, Jimmy“ erhielt er den Irish Book of the Year Award. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Mark O`Sullivan hat zwei Töchter. Er lebt mit seiner Familie in County Tipperary.

Titel erhältlich bei Amazon.de
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Updated: 2. September 2015 — 00:27

5 Comments

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  1. Keine Bange, die Story wird noch lektoriert, überarbeitet und in Form gebracht. Wollte sie einfach schon mal hier zum Reinschnuppern für Euch reinstellen, in der Hoffnung, ein wenig Feedback zu erhalten. Wäre nett und ist ja auch nicht im Wettbewerb, weshalb da wohl nichts gegen sprechen dürfte. Wer ist mal so lieb? 🙂

  2. So, die erste Überarbeitung von mir und Mona hat stattgefunden. Es wird aber noch eine Weitere mit meiner Lektorin geben. Ich habe schon mal ein Bisschen Vorarbeit geleistet und den Text um enige überflüssige Teile gekürzt. Wie findet Ihr die bisherige Bearbeitung? Hat sich der Text merklich verbessert?

  3. So, meine Lektorin hat nun ebenfalls Hand angelegt und jetzt würden wir beide und auch die Autorin gerne wissen, was Ihr von dieser Satire in dieser Form so haltet und ob euch das Rätsel am Ende der Geschichte was sagt. Das dürfte eigentlich nur denjenigen was sagen, die unser altes Titelbild für die Anthologie gesehen haben, das wir dann aber gegen ein anderes austauschen mußten, da der Zeichner das alte bereits an eine Autorin für ihr e-book verkauft hatte. Gebt uns Feedback, nur so funktioniert so ein Literaturblog!

  4. Petra Weddehage

    Gefällt mir gut, Satire gelungen. Jetzt weiß ich endlich warum die Rotzblagen bei uns in der Nachbarschaft immer so eine große Lippe riskieren. Das ist doch mal eine gute Erklärung. Also Leute passt auf! Wer weiß wenn ein Kind Euch gegenübersteht wie alt es wirklich ist. Hoffentlich war es in seinem früheren Leben kein Anwalt. Viel Glück Euch da draußen.

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