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GESPENSTER, CHAOS – INVENTUR – Leseprobe aus dem Story-Reader „Gestorben um zu leben (SPUKVERWALTUNG OHG)“ von Margret Schwekendiek

GESPENSTER, CHAOS – INVENTUR

Leseprobe aus dem Story-Reader „Gestorben um zu leben (SPUKVERWALTUNG OHG)“

von

Margret Schwekendiek

Jeder, der die Bürokratie in all ihren Facetten kennt, weiß genau, dass mein Chef sie erfunden hat. Es muss eine seiner Sternstunden gewesen sein. Glauben Sie ja nicht, dass wir in der Zwischenwelt oder auch unten in der Hölle davon verschont bleiben würden. Ich bin Samtara, mir untersteht die komplette Verwaltung der verurteilten Geister, und ich bin auch dafür verantwortlich, diese Seelen nach Ablauf ihrer Spukzeit in die Hölle oder andere Abteilungen zu geleiten – nun ja, zumindest bis in den Wartebereich. Ich werde von dieser Bürokratie geplagt bis zum Wahnsinn – nun ja, vielleicht hat Satan sie extra für mich erfunden, denn damit kann er mich wirklich quälen.

Um bei all diesen Spukgestalten nicht den Überblick zu verlieren, ist es durchaus zweckmäßig, eine Kartei zu führen, in der alles genau aufgezeichnet ist. Heutzutage gibt es nur noch wenige Neuankömmlinge. Das liegt zum einen daran, dass immer weniger Menschen an Geister glauben, zum anderen hat der Satan auf der Erde bessere Möglichkeiten gefunden, die Seelen einzufangen. Moderne Technik und Kommunikation, also Internet und Handy, bereiten einigen Leuten schon zu Lebzeiten einen guten Vorgeschmack auf die Hölle.

Aber das ist nicht meine Baustelle, zum Glück. Doch die zahllosen Spukgestalten, die auch heute noch aktiv sind, müssen natürlich kontrolliert und verwaltet werden.

Ich saß ganz gemütlich über einigen Karteikarten, die noch in unser eigenes Computernetzwerk übertragen werden mussten, hatte Kain und Abel, meine skelettartigen Helfer, zum Spielen geschickt und amüsierte mich darüber, wie eines der englischen Schlossgespenster versuchte seinen Job zu machen, als mein Chef, der großmächtige Höllenfürst höchstpersönlich, auftauchte. Er hatte offensichtlich gerade ein Feuer- und Schwefelbad genommen, jedenfalls war sein Gestank noch schlimmer als sonst. Ich bin da sehr empfindlich und rümpfte die Nase.

„Habe ich etwas falsch gemacht?“ erkundigte ich mich schnippisch. „Du kommst immer nur, wenn du mir Vorwürfe machen oder mich für einen besonderen Auftrag haben willst.“

„Eines Tages werde ich dir deine Frechheiten austreiben“, drohte Satan gut gelaunt voller Vorfreude.

„Ist gut, ich werde darauf warten. Aber solange du niemanden hast, der meinen Job übernimmt, muss ich mir darüber keine Gedanken machen. Also, was willst du?“ Ich konnte es mir durchaus herausnehmen, so mit ihm zu reden. Als ich nach meinem Tod in der Hölle ankam, hatte selbst er Respekt vor mir, und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Allerdings ist er noch immer der Chef, und gelegentlich muss er mir seine Macht beweisen – darin unterscheidet er sich in nichts von menschlichen Männern.

„Du hast vergessen einen Geist zu erlösen“, grollte er nun.

„Ach, tatsächlich? Kann passieren, schließlich gab es Zeiten, da hast du schneller Geister rekrutiert, als Nachschub geboren werden konnte. Dabei hast du auch ein paar Ausreißer kreiert, die ich von Zeit zu Zeit wieder zurückholen muss. Solange ich damit beschäftigt bin, können schon mal kleine Fehler passieren.“

„Mach mich nicht wütend, Samtara, sonst…“

„Was sonst?“, spottete ich. „Verfluchst du mich für alle Zeiten in der Hölle? Mach dich nicht lächerlich, Luzifer, auf diese Gelegenheit warte ich doch schon ein paar hundert Jahre.“

Er begann Rauch abzusondern, und der Geruch nahm eher noch zu. Ich wollte ihn gerne wieder loswerden, also zwang ich mich, fast zu lächeln.

„Nun gut, wo habe ich jemanden vergessen? Ich werde mich sofort darum kümmern.“

Er lächelte mich tatsächlich an, und nun bekam ich das sichere Gefühl, dass er eine Methode gefunden hatte, mich in den Wahnsinn zu treiben, eine seiner beliebten Spielereien. Auf meinem Schreibtisch erschien eine flammende Notiz, darum würde ich mich gleich kümmern.

„Du hast diese Verwaltung nicht so gut im Griff, wie du glaubst, Samtara“, erklärte Satan. „Es ist höchste Zeit, eine Inventur in der Registratur vorzunehmen.“

„Eine was?“, fragte ich tonlos.

„Du hast mich schon verstanden. Beeile dich, bevor ich ungeduldig werde.“ Mit dem Geräusch von aufbrüllenden Flammen verschwand Seine Unheiligkeit.

Ich bitte Sie!

Eine Inventur?!? Das ist die menschliche Steigerung der Bürokratie an sich.

Ich könnte es ja noch verstehen, dass man alles zählt, um einen Überblick zu bekommen. Aber die Bewertung und Zuordnung in verschiedene Kategorien, die Abschreibung nach 300 Jahren erfolgreichen oder sinnlosen Spukens und vieles mehr ist eine Arbeit, die selbst Sisyphus – der übrigens noch immer einen Stein den Berg hinauf rollen muss – nicht auf sich nehmen würde.

Inventur! Ich!

Sagen Sie, welcher Mensch hat es geschafft, den Teufel in seinem Einfallsreichtum noch zu übertreffen? Er kann sofort als mein Assistent anfangen.

Bevor ich mich um den vergessenen Geist kümmerte, musste ich erst mal meine Wut abreagieren. Sowas geht am besten, wenn man Mitarbeiter hat, die man im wahrsten Sinne des Wortes auseinander nehmen kann. Kain und Abel sind hervorragend dafür geeignet.

Ich riss die weißen Knochen auseinander und warf sie durch die Gegend, jeder Wurf wurde begleitet von einer Verwünschung, die dem Chef galt.

„Mögest du Gnade vor den Augen des Höchsten finden! – Möge dich ein Heiligenschein berühren! – Mögest du ein Lob von oben annehmen müssen!“ Und so weiter, und so fort. Sie haben so etwas sicher auch schon gemacht – oder wenigstens daran gedacht.

„Geht und sammelt eure Einzelteile wieder auf, wir haben zu tun“, schnauzte ich schließlich meine tumben Diener an, und sie gehorchten ohne Widerspruch. Es war an der Zeit, sich um den vergessenen Geist zu kümmern.

Auf der flammenden Notiz las ich die Einzelheiten. Oje, Satan hatte recht, das waren mehr als fünfzig Jahre zuviel.

Kain und Abel waren wieder komplett, ich machte eine Handbewegung, und wir befanden uns am richtigen Ort.

„Madeleine?“, rief ich. „Madeleine, wo bist du? Es ist Zeit für die Erlösung. Tut mir leid, dass ich so spät komme, aber nun kannst du endlich…“

Wir befanden uns auf einem Friedhof in einem kleinen Ort in der Nähe von Paris. Das Mädchen spukte hier bereits seit mehr als 200 Jahren, es war an sich schon ungewöhnlich, dass ein Kind eine so lange Strafe erhalten hatte, aber bei Madeleine schien es angebracht. Während der Französischen Revolution hatte das Mädchen unzählige Leute aufs Schafott geschickt, ob sie nun an irgendetwas schuldig waren oder nicht. Sie liebte den Anblick von Blut und rollenden Köpfen, währenddessen erzählte sie ihrer Puppe stets zahllose erfundene grausige Geschichten. Die Zuweisungsabteilung unter Niccolo Machiavelli hatte sogar Gnade walten lassen und die Spukzeit auf nur 150 Jahre festgelegt, aber irgendwie war das Kind durch alle Kontrollen gerutscht. Sie würde vermutlich zornig auf mich sein, aber damit konnte ich leben.

In der Nähe hörte ich nun Geräusche und ging ihnen nach.

Madeleine hielt ihre Puppe umklammert – sie spielte Kegeln mit menschlichen Köpfen. Aus vielen Knochen hatte sie einen Turm gebaut und rollte nun die Schädel mit Begeisterung in das Hindernis. Wenn alles klappernd zusammenfiel, klatschte sie begeistert in die Hände. Zum Glück wurde dieser Friedhof schon lange nicht mehr von Menschen besucht, ich will mir gar nicht vorstellen, was geschieht, wenn ein Lebender diese Kegelbahn sieht.

„Madeleine, was tust du da? Das halte ich für keine gute Idee. Du weißt doch, wie empfindlich die Lebenden mit ihren Gebeinen sind.“

„Ist mir doch egal“, kam es gelangweilt. „Um mich kümmert sich doch ohnehin niemand. Glaubst du, nur weil ich nicht schreiben und rechnen gelernt habe, wüsste ich nicht, dass ihr mich vergessen habt? Du kannst jetzt wieder gehen, ich brauche deine Hilfe und Erlösung nicht mehr. Du brauchst dich auch nicht zu entschuldigen, ich bin ja nur ein Kind.“

„Ich habe nicht vor, mich zu entschuldigen, im Übrigen warst du in meinen Augen nie ein Kind. Du bist schon böse geboren, und deshalb wartet die Planungsgruppe menschliche Verführung und Vernichtung schon längst auf dich. Also komm jetzt, ich habe noch mehr zu tun.“

Unvermittelt flog mir ein Schädel entgegen, denn ich mit nur einem Blick zur Seite fegte.

„Ich will nicht!“ Sie stampfte doch tatsächlich mit dem Fuß auf.

„Schluss jetzt mit dem Unsinn, komm endlich“, befahl ich.

„Nein. Du kannst mir gar nichts befehlen. Hau ab!“

Unglaublich! Haben Sie so etwas schon mal erlebt? Wo sind Respekt und Anstand vor älteren Geistern geblieben?

Ich gab meinen Dienern einen Wink, ich wollte mich nicht selbst mit dieser ungezogenen Rotznase herumärgern. Sie brachte mich allerdings auch auf die Idee, meinem Chef eine neue Vorgehensweise vorzuschlagen. Statt dass der Geist persönlich abgeholt wurde und seinen Ort einigermaßen gesittet verließ, wäre es doch viel einfacher, den Spuk auf einen Knopfdruck hin zu beenden. Schließlich hatten die Menschen die Technik für so etwas längst entwickelt, wir sollten sie uns auch zunutze machen.

Im Augenblick glaubte ich jedoch meinen Augen nicht zu trauen. Madeleine hatte meine beiden Diener auseinander genommen. Das stand nur MIR allein zu! Was bildete sich diese Göre überhaupt ein?

Die Knochen von Kain und Abel waren jetzt zwischen den übrigen Gebeinen verstreut, und das Kind machte sich gerade daran, auch deren Köpfe als Bowlingkugeln zu benutzen.

Jetzt hatte ich aber genug! Eine Handbewegung von mir bewirkte, dass meine Diener sofort wieder in gebrauchsfähigem Zustand waren, dann ging ich auf die Kleine zu und starrte sie zuckersüß an.

„Findest du es nicht längst langweilig, hier nur mit Knochen herumzuspielen oder mal ein paar harmlose Menschen zu erschrecken? Die Dämonen und Geister in der Planungsgruppe werden sicher froh über deine Hilfe sein“, lockte ich und verschwieg dabei, dass die Kleine erst einmal lernen musste, mit anderen Geistern und Dämonen umzugehen, bevor sie an eine Karriere denken konnte. Doch das würde dann nicht mehr mein Problem sein.

„Ich will nicht!“, kam es erneut trotzig.

„Und was willst du dann?“, fauchte ich.

Jetzt erschien ein fast dämonisches Lächeln in ihrem Gesicht. Welch ein Monster hatte der Chef da nur erschaffen? Manchmal übertraf sich Luzifer wirklich selbst.

„Ich will, dass du den Kopf verlierst“, forderte sie.

„Sonst fehlt dir aber nichts, nein?“, fragte ich wütend.

Sie schüttelte den Kopf, wobei ihre langen roten Haare flogen.

„Du hast jetzt die Möglichkeit, mich in aller Ruhe zu begleiten und deinen Unsinn in der Hölle fortzusetzen, wo sich jemand angemessen um dich kümmern kann. Oder du gehst mir weiter auf die Nerven, und ich muss zu anderen Mitteln greifen. Mein Kopf bleibt auf jeden Fall da, wo er ist.“

Sie schien zu spüren, wie ernst es mir war. Missmutig warf sie noch einen Schädel wild in die Landschaft und kam dann näher. Als ob sie Vertrauen gefasst hätte, streckte sie eine Hand aus, doch ihre Berührung löste in mir einen Krampf aus. Dieses Kind hatte entschieden zu lange ohne Aufsicht gespukt.

Ich wickelte sie in ein Feld, in dem ihre Kräfte unwirksam wurden. Augenblicklich konnte ich ein Abbild von ihr sehen, das zu ihren Lebzeiten entstanden war. Sie war ein ausgesprochen hübsches Kind gewesen, doch man konnte ihre Bösartigkeit schon in den Gesichtszügen erkennen.

Schluss jetzt damit! Ich aktivierte die Versetzung, wir vier verschwanden aus der Realität der Lebenden.

Wir kamen im Warteraum heraus, und plötzlich wurde das Mädchen still. Nun ja, selbst ich hatte Respekt vor dem Schatten von Nero, der mal pure Mordlust verbreitete, obwohl er selbst jetzt noch ein Feigling war. Sollte er sich doch jetzt um das Mädchen kümmern.

Ich kehrte zurück an meinen Arbeitsplatz und fragte mich, wie ich diese verrückte Inventur vornehmen sollte. Am besten schickte ich erst einmal Kain und Abel aus, um zu zählen – soweit sie zählen konnten.

Was meinen Sie? Wird Satan es bemerken, wenn ich die Inventur einfach „vergesse“?

Copyright (c) Text und Eingangsgrafik 2013 by Margret Schwekendiek/Gaby Hylla

Bildrechte: Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/


Wer mehr davon lesen möchte findet weitere Geschichten in folgendem Buch der Autorin:

Gestorben um zu leben (SPUKVERWALTUNG OHG) [Kindle Edition]
Margret Schwekendiek (Autor), Gaby Hylla (Illustrator)

Format: Kindle Edition
Dateigröße: 1110 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 218 Seiten
Gleichzeitige Verwendung von Geräten: Keine Einschränkung
Verlag: Arunya-Verlag (15. August 2013)
Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
Sprache: Deutsch

Samtara organisiert seit Jahrhunderten die Hölle. Bürokratie, Ärger mit dem Chef und widerspenstige Geister tauchen dabei ebenso auf wie Parapsychologen, Rechtsanwälte und Menschen, die ihr das Leben schwer machen. Samtara, die in ihrem letzten Leben als Lucretia Borgia ein teuflisch gutes Leben führte, schüttet dem Leser ihr Herz aus, nimmt ihn mit auf ungewöhnliche Exkursionen, ärgert sich mit selbstgeschaffenen Bürokraten herum und genießt das Leben nach dem Tod doch irgendwie.

Titel erhältlich bei Amazon.de

ZUM INTERVIEW ÜBER MARGRET SCHWEKENDIEK

2 Comments

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  1. Vielen Dank, Margret für deinen tollen Beitrag. Wer möchte mal was zu dieser tollen Leseprobe/Story sagen?

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