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Literatur-Blog

GEFANGEN – Leseprobe zu “DAS HERKULES-PROJEKT”, Roman von Marcus Hammerschmitt.

G E F A N G E N


Leseprobe zu


“DAS HERKULES-PROJEKT


Roman

von

Marcus Hammerschmitt


Die Plastik-Handschellen taten weh, besonders, weil ihr die Hände auf den Rücken gefesselt waren, aber da gab’s schlimmere Schmerzen. Die der Scham zum Beispiel. Menno hatte Recht gehabt. Wie immer. Und sie nicht. Wie öfter. Einmal zu oft. Sie fuhr jetzt ein. Sie konnte einpacken.

Beim Auschecken einer Lovebox. Das würde Abzug geben, den konnte sie nicht aufholen, bis zur nächsten Eiszeit nicht. Ganz schwerer Abzug, Genossin. Sie war ein Loser mit Doppel-O. Jetzt hatten die Bullen sie drangekriegt. Aber das hatte sie ja reizen müssen, diese Sache mit den Liebesradios. Dass niemand wusste, woher die silbrigen Retrokisten kamen. Diese Aufschrift an der Vorderfront: Dem lieben Hörer! Dass sie nie richtig benutzt wurden, obwohl es kostenlos war, obwohl man hören konnte, ohne zu bezahlen, sich anzumelden, etwas zu unterschreiben. Dass man mit ihnen sprechen, sich was wünschen konnte, Pop, Klassik, Jazz, alles, und dass es dann gespielt wurde, nur für einen selbst, im Schädel des lieben Hörers. Paula hatte es wissen wollen. Wo die Musik herkam. Und wer sie bezahlte. Und wie das genau ging mit der Knochenresonanz. Wo doch nirgends ein Lautsprecher zu sehen war. Und natürlich hatte sie, Paula, das Kind, mit Menno vorher darüber reden müssen, wie sie immer mit Menno über alles reden musste, weil Menno ihr gehasster Gott war, der über alles Bescheid wissen musste, was Paula tat, weil Paula für alles Erlaubnis brauchte, verfluchter Dreck. Menno hatte es natürlich nicht gefallen, er hatte gesagt:

„Das ist Pfusch, eine Falle. Das geht nicht, die Dinger sind link. Lass das, du machst dich zum Affen.“

Und Paula hatte einmal erwachsen sein wollen. Sie pfiff auf Menno, der sie mal sonst was konnte. Sie hatte sich überlegt, was ging.

So eine Lovebox, die würde sie knacken, die würde sie scannen, alle würden Respekt haben, es gäbe Tribut.

Ihre Aura was sauber gewesen. Ihre Auren waren immer sauber, die kamen von Flex, der konnte was. Was Paula abstrahlte, sah aus wie der Datendunst eines beliebigen gesetzestreuen Bürgers, sogar jetzt noch, hier im Copshop. Paula war sicher gewesen in ihrer Aura. Paula Hübner, Schülerin, hatte sie in die Umgebung abgestrahlt, und einen bunten Blumentrauß anderer Daten, von ihrer kompletten DNA-Sequenz bis zu ihrer Kreditwürdigkeit (beides ok). Ihre Schuhgröße auch (die stimmte sogar). Warum hatte der Bulle – nicht einmal DaSi, sondern ganz normale Streife – überhaupt Verdacht geschöpft? Weil sie sich so auffällig lange in der Nähe einer Lovebox aufgehalten hatte? Egal. Für den Augenblick war an nichts anderes zu denken, als an die Tatsache, dass sie dran.

„Aha“, sagte der Cop auf der anderen Seite des Tischs. Dann knallte er Paulas OmniK auf die Platte, dass es ihr durch Mark und Bein fuhr. Empfindliche elektronische Geräte. Mit viel Seele darin. Ihrer Seele. Auch der OmniK hatte seine falsche Aura, die passte zu der von Paula. Eine Brille mit den passenden Gläsern machte die Datenstrahlung von Geräten und Menschen sichtbar. Der Cop gegenüber trug so eine Brille. Er drehte das schwarze, handtellergroße Gerät um und schaltete es ein. Der Bildschirm leuchtete auf, und Paulas Erkennungsmelodie erklang leise.

„Wahrscheinlich nicht einmal geimpft!“, sagte der Mann drohend.

Er roch nach Schweiß. Wie das ganze Zimmer. Paula schwitzte ja auch, sie war sich sicher, dass man das sehen konnte. Natürlich war der OmniK geimpft. Wie der eines jeden rechtschaffenen Bürgers. Und unter der Aura, unter der Impfschicht, unter verschiedenen Schichten von digitalem Isolierband, da war die Seele des OmniKs. Paulas Sammlung. Ihre illegalen Daten. Ihr Leben. Und sie selbst trug ihr Leben noch einmal am Leib. Denn auch ihr Körper war geimpft worden, wenn auch auf andere Art als der OmniK. Vor ihrer Einschulung hatte eine Injektion mit Nanomaterial einen Großteil der Zellen ihres Körpers in winzige Computer verwandelt, die über Funk miteinander in Verbindung standen, die Daten austauschen, speichern und verändern konnten. Am dichtesten war das Netz in ihrem Kopf, aber ihr ganzer Körper war ein doppeltes Netzwerk, ein biologisches und ein elektronisches. Den elektronischen Teil kontrollierte sie mit dem OmniK. Wie jeder normale Mensch. Nur war sie kein normaler Mensch. Sondern eine Piratin. Und deswegen hatte sie eben auch keinen normalen OmniK.

„Ah“, sagte der Bulle, nachdem er den OmniK eine Zeit lang durch seine Brille studiert hatte. „Also doch geimpft. Aber mit abgelaufenen Signaturen. Primitiv, aber auf den ersten Blick glaubhaft.“

Paula wusste genau, was hier passierte. Der Bulle, der kein Spezialist, sondern ein ganz normaler Angestellter der SecurAG war, wollte ihr weismachen, er gehöre zur Datensicherheit. Aber DaSi-Leute hätten nicht so viel geredet. Sie waren eine kältere Sorte Mensch. Sie redeten überhaupt nicht, sondern handelten. Ein DaSi-Agent hätte einfach mit dem Entschlüsseln begonnen, um zu Paulas Sammlung vorzudringen, die sie so sorgfältig in ihrem OmniK und ihrem Körper versteckt hatte. Bei der DaSi beschäftigten sie Leser. Leute mit Intuition und Rechenpower, die buchstabierten >Kryptographie< in jedem Fall richtig. Nachdem sie ihre Opfer zum Stillhalten veranlasst hatten. Aber sie waren dem Staat zu teuer, die Spezialisten mit den grauen Köfferchen, und es gab zu wenige von ihnen für all die Fälle, in denen sie gebraucht wurden. Das wusste die Öffentlichkeit nicht. Aber Paula wusste es. Sie wusste vieles, was die Öffentlichkeit nicht wusste. Nein, dieser Schwätzer da wollte sie nur weichkochen, bis ein DaSi-Leser frei war.

„Ich bin Paula Hübner“, sagte Paula, „Schülerin am Carl Einstein-Gymnasium Wandlitz. Sie halten mich hier widerrechtlich fest. Ich habe nichts getan. Lassen Sie mich gehen oder wenigstens mit einem Anwalt reden.“

„Aber natürlich, du dummes Huhn. Ich lasse dich gehen. Oder noch besser, mit einem Anwalt reden. Damit zehn Minuten später deine Freunde hier aufkreuzen und ein Heidenchaos veranstalten, bis wir nicht mehr wissen, wo links und rechts ist.“

Er beugte sich vor. Er hatte vor nicht allzu langer Zeit Zwiebeln gegessen.

„Sei froh, dass ich dich nicht ein wenig kitzeln darf. Es riecht hier nach Piraterie. Morgen bist du blank.“

Die Tür ging auf. Paula fürchtete, der Leser sei bereits angekommen, aber nein, es handelt sich nur um einen SecurAG-Kollegen des Zwiebelessers. Groß, vierschrötig, kahlrasiert. Der Schocker an seinem Gürtel glänzte wie ein frisch gewienerter schwarzer Schuh. Er zog Paula von ihrem Stuhl hoch, als sei sie aus Papier.

(…)

© 2006 der Leseprobe by Sauerländer Verlag, 2011 mit freundlicher Genehmigung des Autors!


Die Fortsetzung dieser Leseprobe ist bestellbar:

Hammerschmitt, Marcus
Das Herkules-Projekt

Verlag :      Carlsen
ISBN :      978-3-551-31025-5
Einband :      Paperback
Preisinfo :      6,95 Eur[D] / 7,20 Eur[A] / 11,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Seiten/Umfang :      ca. 176 S. – 18,7 x 12,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Auflage 09.2011

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Menno, Flex und Paula sind jugendliche Datenpiraten. Musik, Filme oder Spiele können sie direkt in ihrem Körper speichern, in dem sie winzige Nanocomputer tragen. Das geht so lange gut, bis Paula eines Tages erwischt wird. Ein Deal mit einem Polizisten scheint der Ausweg zu sein, erweist sich jedoch bald als noch viel größere Gefahr, denn ihre Körpernetze wurden heimlich manipuliert und die drei werden unfreiwillig zu Versuchskaninchen eines Geheimprojekts von skrupellosen Wissenschaftlern.

Mein Roman „Das Herkules-Projekt“ handelt von drei Jugendlichen der Zukunft, die die Frage nach dem geistigen Eigentum auf ihre Weise beantworten und dabei in Gefahr geraten. Für Science-Fiction-Interessierte ab 13 geschrieben, sollte das Buch auch Erwachsenen zugänglich sein. Marcus Hammerschmitt.

Marcus Hammerschmitt wurde 1967 geboren und studierte Philosophie und Literaturwissenschaft in Tübingen. Seit 1994 arbeitet er als freier Journalist und Schriftsteller. Seine Sciencefiction-Romane wurden mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. 1997 bekam er den Thaddäus-Troll-Preis des Förderkreises deutscher Schriftsteller.

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PREISRÄTSEL/GEWINNSPIEL: 1 x 1 (KOSTENLOSES!) EXEMPLAR MIT PERSÖNLICHER WIDMUNG DES AUTORS (!): Marcus Hammerschmitt – Das Herkules-Projekt.

Updated: 18. Januar 2013 — 23:19

13 Comments

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  1. Na, habt ihr denn gar keine Meinung dazu? Sollten wir dem Marcus Hammerschmitt denn nicht ein bisschen was an Feedback hier liefern?

  2. Fesselspiele für Kinder und Jugenliche? Ihr seit aber welche… 😉

  3. Ich habe mir das Buch jetzt zugelegt, weil ich meinem Neven die Leseprobe gezeigt habe und er wollte das dann auch mal lesen. Er ist zwar erst 10 aber ich denke, das wird schon gehen. Was meint Ihr, kann man das machen?

  4. Was ist denn ein „Neven“? 😉

  5. Neffen meinte sie wohl! Ich glaub die Gute sollte mal weniger ins Weinfläschle reinschauen! 😉

  6. Hm, jetzt bin ich verunsichert: Vielleicht schreibt man das seit der Rechtschreibreform ja wirklich so? *schnellmalimDudennachschauengeh*

  7. Quatsch! Neffe bezeichnet: einen männlichen Verwandten, Sohn des Bruders oder der Schwester!

  8. wir sollten einen Ironiebutton einführen…

  9. Stimmt!

  10. Man bekommt richtig Lust das Buch zu holen zu nachzulesen, wie es weitergeht, stimmt doch, oder? Was meinen andere Leser?

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