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FEINDKONTAKT – Leseprobe Teil 2 aus dem Science Fiction-Roman „Der Widerstand“ von David Weber

FEINDKONTAKT

Leseprobe Teil 2
aus dem Science Fiction-Roman „Der Widerstand“
von David Weber

(Zum vorherigen Teil)
»Hat irgendjemand eine Erklärung dafür, warum diese Menschen– diese ›Engländer‹ – das machen?«, fragte Garsul in einem fast weinerlichen Tonfall.

Obwohl die Übelkeit ihn fest im Griff hatte, musste er feststellen, dass er den Blick nicht von dem riesigen Bildschirm abwenden konnte. Das Ganze hatte etwas so abscheulich . . . Fesselndes an sich, wie Tausende und Abertausende von mutmaßlich intelligenten Wesen aufeinander zumarschierten, beide Seiten fest entschlossen, einen organisierten Mord am jeweiligen Gegenüberzu begehen. Kein Barthon wäre zu so etwas in der Lage gewesen, das wusste er mit Sicherheit.

»Ich weiß nicht so recht«, antwortete Kurgahr nachdenklich.Von allen Barthoni, die das Schauspiel mitverfolgten, war der Historiker der Einzige, der irgendeine Art von Wissen zum Thema»Militärgeschichte« besaß, auch wenn dieses Wissen eher als mäßig zu bezeichnen war. Das Problem lag darin begründet, dass die Barthoni keinerlei »Militärgeschichte« vorweisen konnten, mit der man sich hätte befassen können. Andere der Hegemonie angehörende Spezies waren zwar deutlich kampflustiger als die Barthoni, aber die allerwenigsten von ihnen waren annähernd so blutrünstig, wie es diese Menschen zu sein schienen. Tatsächlichhatte niemand in der Hegemonie vor dem Auftauchen der Shongairi jemals den Begriff »blutrünstig« verwendet. Zwar gehörte weder ein Vertreter der Shongairi noch einer anderen Spezies dem Erkundungsteam an, aber zumindest hatte Kurgahr deren Daten zur Hand.

»Ich glaube, die ›Engländer‹ sind zu dem Schluss gekommen, dass sie nichts mehr zu verlieren haben«, erklärte Kurgahr also bedächtig. »Ihnen muss genauso wie den ›Franzosen‹ klar sein, dass sie nicht mehr auf einen Sieg hoffen können, dennoch haben sie sich entschieden, einen Kampf zu provozieren.« Er zucktemit den oberen Schultern,um seiner Verwunderung Ausdruck zu verleihen. »Ich glaube, diese Rasse ist noch verrückter, als wir es bislang angenommen haben. So wie es aussieht, greifen sie lieber an, obwohl sie wissen, es wird für sie alle denTod bedeuten, als die Vernunft walten zu lassen und zu kapitulieren.«

»Das ist ein typisches Beispiel für die übelste Sorte von Spezies-Chauvinismus!«, warf Joraym gereizt ein. »Sie übertragen völlig unzutreffend unsere barthozentrischen psychologischen Maßstäbe auf eine kindliche fremde Rasse. Sie als Historiker sollten doch am besten wissen, wie zwangsläufig fehlbar diese Art von Pseudologik ist!«

»Ach ja?« Kurgahr warf dem Xeno-Anthropologen einen wütenden Blick zu. »Haben Sie denn eine bessere Erklärung für das, was die da unten machen?«

Er deutete auf den Bildschirm, auf dem die englische Armee sich durch den Morast vorangekämpft hatte, um sich einem überlegenen Feind zu stellen. Die Bogenschützen kamen dabei wesentlich müheloser voran als die Männer in ihren schweren Rüstungen, obwohl sie die angespitzten Pfähle bei sich trugen,um damit auf den Gegner loszugehen. Andererseits bedeutete dieses Fehlen einer Rüstung natürlich auch ein unausweichliches Schicksal, das sie ereilen würde, sobald sie in die Reichweite der Schwerter der Franzosen gelangten . . .

Den Bogenschützen war nicht anzusehen, ob sie sich dieser Tatsache überhaupt bewusst waren, was nach Garsuls Ansicht nur Kurgahrs Theorie stützte, dass sie alle verrückt sein mussten. Diese Leute marschierten einfach unverdrossen durch den Schlamm und hielten dabei auf die Franzosen zu.

Die wiederum schien der Ansturm der Engländer zu verblüffen. Offenbar hatten sie nicht mit einem solchen Manöver gerechnet, weshalb es einige Zeit dauerte, bis sie ihre eigenen Reihen geordnet bekamen. Als sie endlich ihre Gefechtsformation eingenommen hatten, waren die Engländer in einer Entfernung von gut dreihundert Yards in Stellung gegangen und die Bogenschützen damit beschäftigt, die Pfähle an diesem Platz in den Boden zu rammen.

Charles d’Albert war kein glücklicher Mann.

Er und seine unmittelbaren Untergebenen (sofern französische Adlige im 15. Jahrhundert überhaupt akzeptieren konnten, irgend jemandem außer Gott untergeordnet zu sein – und Letzteres auch nur mit großen Vorbehalten) hatten einen Schlachtplan vorbereitet. Ihnen allen war klar gewesen, welche strategischen Vorteile die Engländer sich mit ihrer Stellung verschafft hatten, und sie besaßen auch genügend schlechte Erfahrung, wozu englische Bogenschützen in der Lage waren.

Diese Hurensöhne aus Wales und England hatten viel zu oft die Gelegenheit erhalten, ein Können unter Beweis zu stellen, mit dem es kein Bogenschütze auf dem Festland aufzunehmen vermochte, was insbesondere für ihre Reichweite und für die Schnelligkeit galt, mit der sie Pfeil auf Pfeil folgen ließen. Schlimmer aber war noch die Tatsache, dass es sich bei dem Langbogen um eine Waffe handelte, die gewöhnliche Bürgerliche in die Lage versetzte, mühelos einen aristokratischen Gegner zu töten. Das war mit ein Grund, warum die Franzosen gefangengenommenen feindlichen Bogenschützen prinzipiell die Finger der rechten Hand abhackten . . . jedenfalls dann, wenn ihnen ausnahmsweise einmal keine fantasievollere Bestrafung einfallen wollte.

Diesmal jedoch verfügte der Conn´etable über fast genauso viele Bogenschützen wie Henry, was er nicht zuletzt auch der Tatsache verdankte, dass sich zahlreiche Genueser Bogenschützen hatten anheuern lassen. Ursprünglich hatte sein Plan vorgesehen, diese Männer auf der gesamten Breite der Front einzusetzen, damit die Engländer einmal am eigenen Leib zu spüren bekamen, was sie sonst immer nur den anderen antaten. Es wäre für seine eigenen Leute kein Zuckerschlecken geworden, da die Engländer mit ihrem Langbogen deutlich überlegen waren, aber es wäre dennoch besser gewesen, sie zu opfern und ihre adligen Kameraden zu verschonen. Schließlich hätte ein solcher Vorstoß ohnehin in erster Linie dem Zweck gedient, die Reihen der englischen Bogenschützen zu lichten. Sobald deren Formation durch Gefallene in Unordnung geraten wäre, hätte seine Kavallerie vorrücken können, um die feindliche Linie zu durchbrechen. Von da an wären die Engländer verloren gewesen. Aber nach dem man sich drei Stunden lang nur gegenseitig belauert hatte, war es d’Alberts Leuten zu viel geworden, und einige seiner Ritter saßen ab, um sich auszuruhen und ihren Pferden und der eigenen Kehle etwas Wasser zu gönnen. Selbs im Oktober wurde es in einer einengenden Rüstung so heiß wie in einem Ofen, also war dieses Verhalten nur zu verständlich. Allerdings bedeutete es auch, dass seine Leute nicht alle auf ihrem Posten waren, um den Vorstoß zu unternehmen, mit dem sie Henrys Armee überrennen konnten, wenn sie sie im richtigen Moment erwischten. Und dann überraschten die Engländersie alle, indem sie ihrerseits völlig unerwartet vorrückten. Bis es Charles schließlich gelungen war, in seinen Reihen die Ordnung wieder herzustellen, hatten Henrys Leute sich erneut hinter diesen angespitzten Pfählen verschanzt, die jeden Angreifer zurückhalten sollten.

Bei einem Abstand von nunmehr noch knapp dreihundert Yards eröffneten sie das Feuer.

Jeder Barthoni, der diese Aktion mitverfolgte, zuckte unwillkürlich zusammen, als er sah, wie ein erster Pfeilregen auf die französische Formation niederprasselte. Die Audio-Sensoren, um deren Einsatz Joraym und Kurgahr gebeten hatten, übertrugen mit abscheulicher Klarheit die Schreie der verletzten Menschen und jene Laute, die ihre vierbeinigen Reittiere – die  sogenannten»Pferde« – von sich gaben. Kein Barthon konnte, ohne körperlichen Schmerz zu empfinden, zusehen, wie Blut aus den verletzten Körpern spritzte. Doch so widerwärtig dieser Anblick auch war, brachte es dennoch keiner von ihnen fertig, sich wegzudrehen. Es war, als würde man eine Naturkatastrophe beobachten, beispielsweise eine Lawine, die einen Berghang herabstürzteund alles mitriss, was ihr imWeg stand. Nur handelte es sich bei dieser »Naturkatastrophe«um das Ergebnis einer vorsätzlich pervertierten Intelligenz, was das Ganze aus einem unerfindlichen Grund umso fesselnder machte.

»Da!«, rief Kurgahr plötzlich und zeigte auf den Schirm. »Ich hatte mich schon gefragt, wann sie das machen würden.« Er zuckte mit dem Kopf, jene typische Geste, mit der ein Barthon Resignation ausdrückte. »Ob sie nun verrückt sind oder nicht, auf jeden Fall erwartet diese Engländer ein unerfreuliches Schicksal.«

Der Historiker besaß ein Talent für Untertreibungen, überlegte Garsul finster, während er zusah, wie der Großteil der zweitausend Reiter sich den Reihen der Engländer näherte. Ihm kam der Gedanke, dass es vermutlich besser gewesen wäre, die Engländer anzugreifen, bevor sie ihre neue Stellung auf dem Feld hatten einnehmen können. Doch die Franzosen hatten ihre Attacke erst begonnen, als sie bereits von den Engländern mit Pfeilen beschossen wurden. Dennoch sollte es keinen nennenswerten Unterschied ausmachen, denn die Bilder ließen deutlich erkennen, dass die Rüstungen der Ritter den Pfeilen ihrer Gegner mühelos standhielten, da die Geschosse wirkungslos von dem Metall abprallten.

Charles d’Albert fluchte lautstark, als er sah, wie seine Kavallerie zum Angriff auf die Engländer ansetzte. Jetzt, wo sie die beste Gelegenheit längst verpasst hatten, mussten sie damit anfangen! Aber ihm war auch klar, dass es dumm gewesen wäre, irgend etwas anderes von ihnen zu erwarten. Dieser Hagel aus Pfeilen würde die Männer in ihren schweren Rüstungen nicht töten und vermutlich nicht mal verwunden, aber für ihre Pferde galt das nicht. Keine Armee der Welt konnte einfach nur tatenlos dastehen und zusehen, wie siebentausend Bogenschützen sie unter Beschuss nahmen, die jeder bis zu zwölf Pfeile in der Minute abschießen konnten. Entweder man griff dann an, oder man zog sich zurück, um sich aus der Reichweite der für die Pferde tödlichen Geschosse zu bringen. Aber das hier waren französische Ritter, und ein Rückzug stand für sie gar nicht erst zur Diskussion – was jedoch nicht zwangsläufig bedeutete, dass eine Attacke die klügere Wahl war. (…)

(Zum nächsten Teil)

Copyright (C) 2012 by David Weber. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autoren und des Bastei Lübbe Verlages

Bildrechte: Coverillustration “Invasionsgeschichten1.jpg ” () © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen möchte, wie die Geschichte beginnt und wie sie auch endet, kann über die beigefügten Bestellinks oder mit Klick auf das Buchcover den Titel bestellen!

Weber, David
Der Widerstand

Roman

Verlag :      Bastei Lübbe
ISBN :      978-3-404-20673-5
Einband :      Paperback
Preisinfo :      15,00 Eur[D] / 15,50 Eur[A] / 21,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 22.06.2012
Seiten/Umfang :      528 S. – 21,5 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 22.06.2012
Aus der Reihe :      Science Fiction. Bastei Lübbe Taschenbücher

Mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung stirbt in den ersten Minuten. Die Feinde kommen aus dem Nichts. Sie nennen sich die Shongairi und haben die Menschheit von einer Sekunde auf die andere in einen brutalen Krieg gestürzt. Die meisten Städte liegen in Trümmern, radioaktiv verseucht. Das Militär ist versprengt und versucht, sich wieder zu organisieren. Eines ist gewiss: Über kurz oder lang werden die Aliens die Menschen vernichten. Doch die Menschen haben Verbündete. Im
Dunkeln. Die neue Serie vom Schöpfer der Honor-Harrington-Reihe vereint auf geniale Weise grandiose Abenteuer-SF mit Horror-Elementen!

David Weber ist einer der bedeutendsten und bestverkauften Science-Fiction-Autoren der Gegenwart. Mit “Schwerter des Zorns” ist ihm nun auch der Durchbruch im Fantasy-Genre gelungen.

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Updated: 16. September 2013 — 15:07

5 Comments

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  1. Ich habe das Buch ja gelesen und fand es so gut, dass ich um bestimmte Stellen aus dem Buch als Leseproben bat, was man mir dann auch erfüllte, wenn es auch Extraarbeit bedeutete. Ich finde dieses Buch echt geil, obwohl es allgemein verissen wurde. Ich bin gespannt, was Ihr zu dem zweiten Titel (von mir extra ausgesuchten Stellen) dieser Leseprobe sagt? Wer ist mal so nett und liest das mal und sagt was dazu?

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