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Literatur-Blog

EXTINCTION – Leseprobe (Teil1) von Takano, Kazuaki

EXTINCTION

Leseprobe (Teil1)
von
Takano, Kazuaki

Prolog

Diese Villa war nie ein Zuhause für ihn, auch wenn er schon jahre lang darin wohnte. Er schlief niemals gut hier; im besten Fall fiel er in einen leichten Schlaf, und das nicht nur, weil er älter wurde. Heute wurde Gregory S. Burns nach einer weiteren unruhigen Nacht von dem gewohnten Morgenanruf geweckt.

Er wechselte ein paar Worte mit der Telefonistin, blieb aber imBett liegen und genoss die paar kostbaren Minuten seiner Gnadenfrist. Schließlich stand er aber doch widerwillig auf, reckte die Arme und gähnte ausgiebig. Er stellte sich unter die Dusche und ließ kühles Wasser laufen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Dann zog er den Anzug an, den seine Frau ihm herausgelegt hatte.

Im Esszimmer saßen seine Frau und die beiden Töchter bereits beim Frühstück. Die Töchter, eben erst aufgestanden und schlecht gelaunt, leierten eine Litanei von Beschwerden über die Schule herunter. Er hörte mit halbem Ohr zu und gab die entsprechenden Geräusche von sich, damit sie wussten, dass er sie nicht völlig ignorierte. Zum Glück unterließ seine Frau inzwischen ihre spitzen Bemerkungen, wenn er seine Familie vernachlässigte – ein kleines Zugeständnis, das er nach langen Kämpfen errungen hatte.

Seine Wohnung und sein Arbeitsplatz waren miteinander verbunden. Er brauchte nur in den Flur hinauszutreten und war in den öffentlichen Räumlichkeiten. Er hob den zwanzig Kilo schweren Aktenkoffer zu seinen Füßen auf und verließ das Zimmer. Wie der unheilvolle Spitzname des Koffers – Nuclear Football – schon andeutete, enthielt er den Auslöser, der die gesamte Menschheit vernichten konnte, die Einrichtung, die Burns brauchte, um einen Atomwaffenangriff auszulösen.

»Guten Morgen, Mr. President.«

Naval Commander Samuel Gibson kam ihm entgegen. Gibson besaß die höchste Sicherheitsfreigabestufe: Yankee White.

»Guten Morgen, Sam.«

Gibson nahm ihm den Aktenkoffer ab und kettete ihn mit einer Stahlmanschette an sein Handgelenk. Sie gingen die Treppe hinunter. Unten warteten Beamte des Secret Service, und zusammen gingen sie in den Westflügel. Unterwegs bekam Burns von einem NSA-Mitarbeiter eine kleine Plastikkarte mit der Codebezeichnung Biscuit. Auf der Karte stand eine Reihe von zufallsgenerierten Ziffern, die den für diesen Tag gültigen Schlüssel für den Auslöser der Atomraketen bildete. Die Eingabe dieser Zahlen in die Tastatur im Nuclear Football würde den Startbefehl authentifizieren.

Burns schob die Karte in seine Brieftasche und die Brieftasche in die Innentasche seines Jacketts. Auf den Rosengarten vor dem Oval Office schien die Sonne. Burns wartete, während sein Stab sich zur Tagesbesprechung versammelte. Nach der Sicherheitsüberprüfung kamen sie nacheinander herein: der Vizepräsident, der Stabschef des Weißen Hauses, der Nationale Sicherheitsberater, der Direktor der Nationalen Nachrichtendienste und der Direktor der CIA. Sie begrüßten einander und ließen sich auf den Sofas nieder.

Burns sah, dass einer mehr als sonst da war, ein Mann mittleren Alters, der auf dem am weitesten entfernten Platz saß: Dr. Melvin Gardner, sein Berater für Wissenschaft und Technologie. Gardner saß vorgebeugt da, und ihm war sichtlich unbehaglich. Mit seinen freundlichen, intelligenten Augen, dem silbergrauen Haar und seiner zurückhaltenden, unauffälligen Erscheinung passte er nicht so recht zu einer Gruppe, die sich um den mächtigsten Mann der Welt versammelt hatte.

»Guten Morgen, Dr. Gardner«, sagte Burns leise.

»Guten Morgen, Mr. President.«

Als Gardner lächelte, entspannte sich die Atmosphäre kaum merklich. Unter allen Anwesenden hier besaß nur Gardner diese unschätzbare Eigenschaft – eine Aura der Harmlosigkeit, ja, Unschuld.

»Mr. Watkins hat mich gebeten, teilzunehmen«, erklärte Gardner.

Burns blickte zu Charles Watkins, den Direktor der Nationalen Nachrichtendienste.

»Wir brauchen Dr. Gardners Rat«, sagte Watkins.

Burns nickte, ohne sich seine Verärgerung anmerken zu lassen. Wenn Watkins Gardner in der Besprechung dabeihaben wollte, hätte er vorher um die Genehmigung bitten sollen. Der Posten des Direktors der Nationalen Nachrichtendienste war neu eingerichtet worden, und Watkins hatte die Position erst seit Kurzem inne, aber schon jetzt gingen Burns seine ständigen Eigenmächtigkeiten auf die Nerven.

Nun, wir werden schon erfahren, warum Gardner dazugeholt wurde, dachte Burns und sammelte sich. In den letzten Jahren hatte er hart daran gearbeitet, seinen Jähzorn zu beherrschen.

»Sir, der tägliche Bericht der Nachrichtendienste«, sagte Watkins und nahm einen Stapel Papier aus einer Ledermappe. Es war ein zusammengefasster Bericht über die Aktivitäten der verschiedenen Dienste aus den letzten vierundzwanzig Stunden.

Die ersten beiden Punkte befassten sich mit den Kriegen, die Burns im Mittleren Osten führte. Weder im Irak noch in Afghanistan lief es gut. Die Sicherheitslage im Irak verschlechterte sich, in Afghanistan operierten nach wie vor verdeckte Terrorzellen, und die amerikanischen Verluste nahmen zu. Die Zahl der amerikanischen Kriegstoten und Burns Unbeliebtheit tendierten beide nach oben. Burns bereute inzwischen, dass er den Rat seines Verteidigungsministers befolgt und nur ein Fünftel der Bodentruppen eingesetzt hatte, die der Generalstabschef des Heeres gefordert hatte.

Hunderttausend amerikanische Soldaten hatten genügt, um den Diktator zu stürzen und das kleine Land zu besetzen, aber der Aufgabe, die Ordnung wiederherzustellen, waren sie als Besatzungstruppe nicht gewachsen.

Der zweite Punkt behandelte einen Bericht, der noch beunruhigender war. Die CIA hatte den Verdacht, unter dem paramilitärischen Personal im Mittleren Osten gebe es einen Doppelagenten.

Robert Holland, der Direktor der CIA, bat um das Wort. »Wir haben es hier mit einer undichten Stelle zu tun, wie wir sie noch nicht erlebt haben. Wenn unser Verdacht zutrifft, werden die Informationen nicht an ein feindliches Land weitergegeben, sondern an eine Menschenrechtsorganisation.«

»Eine NGO?«

»Richtig. Er gibt Informationen über unser Programm der außerordentlichen Überstellungen weiter.«

Burns hörte mit mürrischem Gesicht zu. »Holen wir den Rechtsberater dazu, bevor wir diese Sache weiter erörtern.«

»Sehr wohl«, sagte Holland.

Der nächste Punkt betraf den Staatschef eines Landes der Koalition, der an Depression erkrankt war und seinen Amtspflichten nicht mehr nachkommen konnte. Ein Führungswechsel sei nur noch eine Frage der Zeit. Dies werde aber keinen Einfluss auf die freundschaftlichen Beziehungen des Landes zu den Vereinigten Staaten haben.

Sie wandten sich den nächsten beiden Punkten zu. Burns hörte sich die Erläuterungen des Analysten an und kam dann zur letzten Seite. Sie trug die Überschrift: Potenzielle Ausrottung der Menschheit: Neue Lebensform in Afrika entdeckt.

Burns blickte von seiner Mappe auf. »Was ist das? Ein Hollywood-Drehbuch?«

Nur der Stabschef lächelte über den kleinen Scherz des Präsidenten.

Die anderen schwiegen verwirrt. Burns schaute den Direktor der Nationalen Nachrichtendienste an. Watkins, älter als der Präsident, hielt dem Blick ungerührt stand.

»Der Bericht kommt von der NSA«, sagte er.

Burns musste plötzlich an einen früheren Zwischenfall denken, bei dem in Reston, einem Vorort von Washington, ein tödliches Virus ausgebrochen war. Das Armee-Institut zur medizinischen Erforschung von Infektionskrankheiten, USAMRIID, und das Zentrum für Seuchenkontrolle, CDC, hatten das tödliche Virus, eine Ebola-Variante, gemeinsam in den Griff bekommen können. Hier musste es um etwas Ähnliches gehen.

Er las weiter.

Im tropischen Regenwald der Demokratischen Republik Kongo ist eine neue Lebensform in Erscheinung getreten. Sollte sie sich ausbreiten, stellt diese Lebensform eine Bedrohung nicht nur für die Vereinigten Staaten dar, sondern kann zur Ausrottung der gesamten Menschheit führen. Auf eine Situation dieser Art weist schon der Heisman Report hin, der 1975 vom Schneider Institutevorgelegt wurde …

Burns las den Text aufmerksam und lehnte sich auf dem Sofa zurück.

Jetzt war ihm klar, warum der wissenschaftliche Berater zu dem Meeting dazugebeten worden war. Er konnte sich einen sarkastischen Scherz nicht verkneifen.

»Sind Sie sicher, dass es sich bei dieser neuen Lebensform nicht in Wirklichkeit um islamistische Extremisten handelt?«

Watkins blieb sachlich. »Die Erkenntnisse sind zuverlässig. Wir haben sie von Spezialisten analysieren lassen, und sie glauben …«

»Schon gut«, unterbrach Burns. Der Bericht erregte seinen Zorn.

Nicht nur wegen seines Inhalts, sondern wegen seiner bloßen, unerträglichen Existenz.

»Ich möchte hören, was Dr. Gardner zu sagen hat.«

Die Aufmerksamkeit der Anwesenden richtete sich auf den zögerlich wirkenden Wissenschaftler. Angesichts der schlechten Laune des Präsidenten geriet Gardner ins Stottern.

»Man hat seit …seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vorausgesagt, dass … dass so etwas passieren könnte. Der in Ihrer Zusammenfassung erwähnte Heisman Report war eine Reaktion auf die Diskussion über diese Möglichkeit.«

Burns war über Gardners ernsten Ton überrascht. Anscheinend reichten die Gedanken des Wissenschaftlers zu diesem Thema weiter, als ein Laie es sich vorstellen konnte. Aber Burns wurde ein tiefgreifendes Gefühl der Demütigung nicht los. Eine neue Lebensform, die zur Ausrottung der Menschheit führt? Welcher vernünftige Mensch konnte an so etwas glauben?

»Und Sie halten diese Erkenntnisse für verlässlich?«, fragte er.

»Unbestreitbar.«

»Ich habe ein Exemplar des Heisman Report hier.« Watkins nahm ein weiteres Dokument aus seiner Mappe.

»Den entscheidenden Teil habe ich markiert. Abschnitt fünf.«

Burns überflog den fast dreißig Jahre alten wissenschaftlichen Aufsatz. Gardner wartete, bis er zu Ende gelesen hatte, und sagte dann:

»Die uns aktuell vorliegenden Informationen sind nur spärlich. Abgesehen von der Person, die darüber berichtet hat, wurde diese neue Lebensform noch von niemandem bestätigt. Ich denke, es könnte sich lohnen, amerikanisches Personal zu entsenden, um zu überprüfen, was da tatsächlich vorgeht.«

»Zum jetzigen Zeitpunkt dürfte die Angelegenheit rasch zu erledigen sein«, fügte Watkins hinzu. »Und es würde nicht viel kosten. Ein paar Millionen Dollar dürften genügen. Wir müssen allerdings für absolute Geheimhaltung sorgen.«

»Haben Sie etwas geplant?«, fragte Burns.

»Ich habe das Schneider Institute angewiesen, einen Aktionsplan auszuarbeiten. Bis zum Wochenende dürfte ich die verschiedenen Optionen auf dem Schreibtisch haben.«

Burns überlegte. Er sah nichts, was dagegenspräche. Für den Präsidenten eines kriegführenden Landes war es ratsam, Randprobleme sofort zu lösen, und das hier war eine Sache, die er besonders abscheulich fand. »Okay. Zeigen Sie mir die Vorschläge, sobald sie vorliegen.«

»Jawohl, Sir.«

Die Morgenbesprechung war beendet, aber in der Kabinettssitzung um neun kam das Thema noch einmal auf den Tisch. Verteidigungsminister Geoffrey Lattimer fasste die kurze, zweiminütige Diskussion zusammen. Ein biologisches Problem.

»Solche dummen Sachen sollte man dem Schneider Institute überlassen«, sagte er wegwerfend.

Auf Veranlassung des Präsidenten senkten alle den Kopf, um das Meeting mit einem Gebet zu beenden.

Als die Teilnehmer gegangen waren, kam ein CIA-Mitarbeiter herein und sammelte die Besprechungsunterlagen ein. Dieses Material war streng geheim und wurde in Langley archiviert. Auf der ganzen Welt gab es nur zehn Personen, die wussten, was in diesem Meeting im Spätsommer 2004 besprochen worden war.

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2015 Text  by Takano, Kazuaki (mit freundlicher Genehmigung!)

Bildrechte: Coverillustration “Mutanten” (Mutanten6.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

ZUM VORLIEGENDEN BUCH:

Extinction (Kartoniert)
von Takano, Kazuaki

Verlag:  Bertelsmann Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  560
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Januar 2015
Originaltitel:  Genocide
Maße:  216 x 138 mm
Gewicht:  666 g
ISBN-10:  3570101851
ISBN-13:  9783570101858

 

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Beschreibung zu „Extinction“  (Buch)
Ist die nächste Stufe der Evolution das Ende von uns allen?

Jonathan Yeager wird im Auftrag der amerikanischen Regierung in den Kongo geschickt. Bei einem Pygmäenstamm sei ein tödliches Virus ausgebrochen. Die Verbreitung muss mit allen Mitteln verhindert werden. Doch im Dschungel erkennt Yeager, dass es um etwas ganz anderes geht: Ein kleiner Junge, der über unglaubliche Fähigkeiten und übermenschliche Intelligenz verfügt, ist das eigentliche Ziel der Operation. Kann es sein, dass dieses Geschöpf die Zukunft der Menschheit bedroht? Yeager weigert sich, das Kind zu töten. Er setzt alles daran, den Jungen in Sicherheit zu bringen. Eine gnadenlose Jagd auf die beiden beginnt.

Autor
Kazuaki Takano, geb. 1964 in Tokio, arbeitet in Hollywood und Japan als Drehbuchautor. Für seine Romane erhielt er renommierte Preise. »Extinction« stand in Japan monatelang auf den Bestsellerlisten und wurde u.a. als bester Thriller des Jahres ausgezeichnet.

DAS GANZE GIBT ES AUSSERDEM NOCH ALS HÖRBUCH:

Extinction (Hörbuch) (Audio-CD)
ungekürzte Lesung
von Takano, Kazuaki

Verlag:  Hoerverlag DHV Der
Medium:  Hörbuch
Gattung:  Hörbuch
Format:  Audio-CD
Laufzeit:  1171 Min.
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Januar 2015
Maße:  146 x 143 mm
Gewicht:  106 g
ISBN-10:  3844517367
ISBN-13:  9783844517361

 

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Beschreibung zu „Extinction“  (Hörbuch)
Auf der Jagd nach dem neuen Menschengeschlecht … Ist das Ende des Homo Sapiens gekommen?

Jonathan Yeager wird im Auftrag der amerikanischen Regierung in den Kongo geschickt. Bei einem Pygmäenstamm sei ein tödliches Virus ausgebrochen. Die Verbreitung muss mit allen Mitteln verhindert werden. Doch im Dschungel erkennt Yeager, dass es um etwas ganz anderes geht: Ein kleiner Junge, der über unglaubliche Fähigkeiten und übermenschliche Intelligenz verfügt, ist das eigentliche Ziel der Operation. Kann es sein, dass dieses Geschöpf die Zukunft der Menschheit bedroht? Yeager weigert sich, das Kind zu töten. Er setzt alles daran, den Jungen in Sicherheit zu bringen. Eine gnadenlose Jagd auf die beiden beginnt.

(2 mp3-CDs, Laufzeit: 19h 31)

Übersetzer
Rainer Schmidt, geboren 1951 in Mülheim/Ruhr, lebt als Übersetzer aus dem Englischen in Hamburg und Essen. Unter anderen übertrug er Romane von Frederick Forsyth, Mo Hayder, Justin Cronin und Donna Tartt ins Deutsche.

Sprecher
Sascha Rotermund, geb.1974, studierte Schauspiel in Hannover. Es folgten zahlreiche Engagements an Theatern von Bremen bis Berlin. Im Fernsehen war er u.a. in der ZDF-Serie „Küstenwache“ und in der RTL-Comedy „4 Singles“ zu sehen. Seit 2003 ist Sascha Rotermund außerdem ein gefragter Hörbuchinterpret und Synchronsprecher und lieh seine Stimme u.a. Joaqin Phoenix, Christian Bale, Jon Hamm in „Mad Men“, Omar Sy in „Ziemlich beste Freunde“ sowie Benedict Cumberbatch in „Star Trek – Into Darkness“.

ZUR BUCHKRITIK UNSERES REZENSENTEN MICHAEL DREWNIOK (SPOILER: WER SICH ALLERDINGS VON UNSEREN LESEPROBEN DAZU ÜBERRASCHEN LASSEN MÖCHTE, LIEST DIE REZI VORERST NICHT!):

Extinction

Erstellt von Michael Drewniok am Sonntag 22. März 2015 auf buchrezicenter.de

Kazuaki Takano
Extinction

(sfbentry)
Originaltitel: Jenosaido (Tokyo : Kadokawa Shoten 2011)
Übersetzung: Rainer Schmidt
Deutsche Erstausgabe (Paperback): Januar 2015 (C. Bertelsmann Verlag)
557 S.
ISBN-13: 978-3-570-10185-8
eBook: Januar 2015 (C. Bertelsmann Verlag)
1104 KB
ISBN-13: 978-3-641-12596-7
Hörbuch-Download: Januar 2015 (der Hörverlag)
1171 min. (ungekürzt), gelesen von Sascha Rotermund
ISBN-13: 978-3-8445-1750-7
MP3-Hörbuch: Januar 2015 (der Hörverlag)
1171 min. (ungekürzt), gelesen von Sascha Rotermund
ISBN-13: 978-3-8445-1736-1

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Das geschieht:

Eine spontane Mutation, wie sie die Evolution manchmal hervorbringt, ließ vor drei Jahren tief im Dschungel des zentralafrikanischen Kongo einen ‚neuen‘ Menschen zur Welt kommen: Akili ist schon als Kind so intelligent, dass sich kein Supercomputer mit ihm messen kann. Vor ihm gibt es keine Geheimnisse, denn Akili knackt im Kopf jede Verschlüsselung.

Akilis Existenz ist dem US-Geheimdienst nicht verborgen geblieben. Die ultrakonservative Regierung des Präsidenten Burns reagiert mit Misstrauen: Wird dieses Wesen womöglich die durch geheime Aktionen und offene Kriege zementierte Vormachtstellung der USA gefährden? Fachleute befürchten sogar die Auslöschung einer Menschheit, die Akili primitiv und brutal erscheinen muss.

Burns schickt eine Söldnertruppe in den Kongo. Die vier Männer sollen Akili aufspüren und töten. Sie werden über den wahren Hintergrund ihrer Mission getäuscht und sind in dem Glauben, den Träger einer tödlichen Seuche auszuschalten. Doch Akili hat lange vor dem US-Geheimdienst die Initiative ergriffen. Längst hat er sämtliche wichtigen Datenleitungen infiltriert und Gegenmaßnahmen getroffen.

In Japan tritt der Pharmazie-Student Kento Koga das rätselhafte Erbe seines jäh verstorbenen Vaters an: Seiji Koga, eine Virologe, arbeitete an der Entwicklung eines Medikaments, mit dem eine bisher tödliche Lungenkrankheit geheilt werden kann. Die dafür eingesetzte Software ist dem gegenwärtigen Entwicklungsstand um Jahrzehnte voraus. Dies führt den US-Geheimdienst auch auf Kentos Spur.

Im Kongo hat Akili die Söldner inzwischen auf seine Seite gezogen. Man versucht die Flucht nach Japan, während der Geheimdienst Killer aller Art in Gang setzt, um Akilis und der ‚Verräter‘ habhaft zu werden …

Nur ein Platz auf dem Gipfel

Auf dem Gipfel ist es nicht nur einsam, wie ein Sprichwort sagt. Man hat von dort auch einen ausgezeichneten Blick in die Ferne, und die schnöde Welt bleibt unter dem Gipfelstürmer zurück: Endlich ist man ganz oben, hat niemanden mehr über sich und darf sich folglich als König bzw. Krone der Schöpfung fühlen!

So erging es dem Homo sapiens, als er die Bildfläche betrat. Dabei musste er sich vor 50000 Jahren den Globus noch mit vier weiteren Menschenarten teilen. Doch recht rasch waren sie alle überflügelt, d. h. verdrängt und ausgerottet worden oder – wenn sie Glück hatten – in der neuen Art aufgegangen. Heute herrscht der Homo sapiens allein. Sein Erfolg lässt sich u. a. daran messen, dass er in Milliardenzahl die Erde bevölkert.

Dort fühlt er sich wohl als Herr aller Dinge und denkt nicht oft oder gar gern daran, dass es ihm ergehen könnte wie beispielsweise dem Neandertaler. Einige Wissenschaftler beschäftigen sich zwar mit entsprechenden Planspielen, aber wie der im Auftrag der US-Regierung entstandene „Heismann-Report“, in dem Autor Kazuaki Takano den Auftritt eines ‚neuen‘ Menschen und die Konsequenzen voraussagen lässt, verstauben sie seit Jahrzehnten in den Archiven.

Hier ist es nun doch soweit: In Afrika lässt die Evolution erneut in einem Quantensprung eine Menschenart entstehen, die buchstäblich hinter die Kulissen des Universums blicken, dessen Funktionsweise begreifen sowie steuern kann. Was bedeutet dies für den ‚alten‘ Menschen? Takano ist kein Optimist. Für ihn steht fest, dass der Mensch die ‚Neuen‘ mit Misstrauen und als zukünftige Konkurrenten betrachten und behandeln wird.

Die Angst vor der Konkurrenz

Vor allem die etablierten Mächte fürchten Kräfte, die sie nicht kontrollieren, d. h. unterdrücken oder tilgen können. Für Takano sitzt die selbsternannte globale Supermacht USA ganz vorn auf der Anklagebank. Der Autor extrapoliert Erkenntnisse der jüngeren Vergangenheit. Vor allem die US-Regierungen nach Nine-Eleven sind für ihn regelrecht Diktaturen geworden, die sich von den Regimes der angeklagten und verfolgten „Schurkenstaaten“ nur noch schwer unterscheiden lassen.

Die Angst vor Feinden und Terroristen haben zur Aufweichung jener Menschenrechte geführt, in deren Namen die Vereinigten Staaten einst entstanden. Takano nennt die Dinge unverhohlen beim Namen. Kriminelles Handeln wird vertuscht, indem man ‚offizielle‘ Soldaten durch privat angeheuerte Söldner ersetzt, für deren Schmutzarbeit man der Öffentlichkeit keine Rechenschaft ablegen muss. Verdächtige werden in gut geschmierten Ausländern ohne Möglichkeit der Verteidigung gefoltert und hingerichtet. Mit Drohnen wird oft nur auf Verdacht aus der Ferne getötet.

Im Namen eines ahnungslosen (oder gleichgültigen) Volkes mutieren die USA selbst zu einem Gottesstaat. Takano nennt ‚seinen‘ Präsidenten Gregory S. Burns. Schon der Name klingt nach George W. Bush, und die fiktive Biografie stimmt mit der realen überein. Abermals erstaunt (und erfreut) die respektfreie Deutlichkeit, mit der Takano nicht nur für Spannung sorgt, sondern auch Kritik an existierenden Missständen äußert. Für Burns/Bush postuliert er einen fundamentalen Gottesglauben, der einem verpfuschten Leben im Schatten eines übermächtigen Vaters Struktur und Sinn aber kein stabiles Fundament gab. Cäsaren- oder besser: Cowboy-Wahn mischt sich nun mit Minderwertigkeitskomplexen, was den mächtigsten Mann der Welt auch zum gefährlichsten macht: Burns duldet keine Konkurrenz. Widerspruch nimmt er persönlich, Schwäche glaubt er durch rigorose Gewalt ausgleichen zu müssen.

Die Einsamkeit des Übermenschen

Generell hat der Homo sapiens seine Alleinherrschaft nach Takano vor allem ausgenutzt. Trotz Wissenschaft, Technik und Philosophie wird sein Denken und Handeln wie eh und je von Gewalt geprägt. Takano lässt Akili auch deshalb aus dem Kongo stammen, um exemplarisch auf ein Grauen hinzuweisen, das dort Alltag ist und aus dem Ausland gesteuert wird, um heimlich eigene Interessen zu wahren. Warlords, Milizen, Mordschwadronen, Kindersoldaten, Aids und Ebola, Umweltzerstörung: Takano schildert das daraus resultierende Pandämonium in drastischen Szenen.

Daneben gibt es Menschen, die sich nicht auf die Jagd nach Akili beteiligen. Diese Idealisten sind in der Unterzahl und wären normalerweise hoffnungslos unterlegen, denn mit erheblichem Einfallsreichtum beschreibt Takano eine von Geheimdiensten unterwanderte Welt, die auf dieser Sub-Ebene global geworden ist.

Zwischen den Lagern steht Arthur Rubens, ein Wissenschaftler im Dienst des Pentagons. Bisher war er an juristisch fragwürdigen Aktionen nur aus sicherer Entfernung beteiligt. Nun erlebt Rubens dank moderner Kommunikationstechniken die kollateralschaden- und damit leichenreiche Hatz auf Akili an vorderster Front mit und gerät in einen Zwiespalt. Wer nicht für Burns ist, ist gegen ihn, wird als Terrorist gebrandmarkt und verschwindet in einem der zahlreichen Geheimgefängnisse. Deshalb muss Rubens geschickt taktieren, obwohl er kein Verräter ist, sondern die schlichte Wahrheit erkennt: Gegen Akili kommt selbst die USA nicht mehr an. Der Versuch provoziert das dreijährige Wunderkind zu Gegenmaßnahmen, die am nicht nur geistigen Potenzial des ‚neuen‘ Menschen keinen Zweifel lassen.

So wird die Jagd auf Akili vor allem zum Amoklauf des Homo sapiens. Akili muss keinen Finger rühren, sondern die Jäger manipulieren, was ihm leicht fällt: Versteht die Ameise, was der Mensch über ihr plant? So rotten sich die Verfolger immer wieder gegeneinander aus, weil sie außerstande sind, die ihnen gestellten Fallen zu erkennen.

Die Welt als Spielfeld

„Extinction“ ist ein klassischer Wissenschaftsthriller, der Sachwissen und Spannung mischt und beiden gerecht wird. Takano macht es weder sich noch seinen Lesern einfach. Jenseits gut umgesetzter Action-Szenen geht es immer wieder um zwischenmenschliche Konflikte, die aber keine Love-Story einschließen: Dieses Klischee klammert der Autor vollständig aus und ersetzt es durch einen Vater-Sohn-Konflikt, mit dem sich die Hauptfigur des in Japan spielenden Handlungsstrangs auseinandersetzen muss. Dafür darf man dankbar sein, denn Takano zeichnet seine Figuren wie Holzschnitte – und sein Messer ist reichlich stumpf. Geht es gefühlsmäßig doch einmal zur Sache, wird es eher theatralisch als emotional.

Ein wenig zu ausführlich und detailfroh fallen Takanos Lektionen in Sachen Pharmazie und Medizin aus. Er hat sich mit der Materie beschäftigt und wie ein Science-Fiction-Autor alter Schule zukünftiges Wissen und darauf basierende Innovationen nicht nur behauptet, sondern plausibel beschrieben. Fachleute dürften die Nähte bemerken, mit denen Takano seine Argumentation zusammenhält, und die sicherlich vorhandenen Fehler und Fantasie-Schlussfolgerungen belächeln. Die überwältigende Mehrheit der Leserschaft interessiert das nicht.

Sie wird über mehr als 500 Seiten gut unterhalten, denn die Handlung ist dynamisch – allerdings auch überfrachtet: Whistleblowing, Drohnenkrieg, Pandemie-Probleme – das Weltgeschehen ist immer Teil der Geschichte, die darüber manchmal in die Knie zu gehen droht. Immerhin nimmt das Geschehen einen unerwarteten Verlauf: Das Ende der Verfolgungsjagd ist gleichzeitig Ende der Geschichte. Die tatsächlichen Taten des voll entwickelten Neo-Menschen interessieren Takano zumindest aktuell nicht. Womöglich hält er sich die Option für eine Fortsetzung offen; als Drehbuchautor weiß er um dem Wert eines Stoffes, der sich filmisch um- und fortsetzen lässt. Dazu könnte es kommen, denn mit „Extinction“ ist dem Verfasser zu Recht ein Bestseller weit über die Grenzen Japans hinaus gelungen.

Anmerkung

„Extinction“ wurde nicht nach dem japanischen Original, sondern nach der US-Ausgabe („Genocide of One“) übersetzt, ist also die Übersetzung einer Übersetzung. Dies schwächt den O-Ton noch stärker als die übliche einmalige Eindeutschung und erklärt vielleicht die steifen Dialoge oder distanziert und förmlich wirkenden Figuren.

Autor

Kazuaki Takano wurde 1964 in Tokyo geboren. Er interessierte sich schon in jungen Jahren für Filme. Das Filmhandwerk lernte er professionell u. a. als Assistent des japanischen Regisseurs Kihachi Okamoto (1923-2005). Ein Universitätsstudium brach Takano ab bzw. wechselte in die USA und an das Los Angeles City College (1989-1991). Anschließend arbeitete Takano in Hollywood. Nach seiner Rückkehr nach Japan schrieb Takano Drehbücher für Kino- und Fernsehfilme. Für „Jusan kaidan” (= „Die dreizehn Schritte“) wurde er mit einem „Edogawa Rampo Award“ ausgezeichnet.

Parallel zu seiner Filmtätigkeit begann Takano nach dem Millennium Romane zu schreiben, die ebenfalls sehr erfolgreich wurden. Für „Jenosaido“ (‚dt.‘ „Extinction“) erhielt er 2011 den „Yamada Futaro Prize“. Takano ist Mitglied der (1947 gegründeten) „Mystery Writers of Japan“.

Kurzkritik für Ungeduldige: Als im zentralafrikanischen Dschungel ein Mensch mit schier unbegrenzter Intelligenz geboren wird, fürchtet die ultrakonservative US-Regierung um ihre Weltmachtstellung und bläst zur Hatz auf den noch kindlichen Mutanten, während eine kleine Rettergruppe sich auf dessen Seite stellt … – Spannender Wissenschafts-Thriller, der Sachwissen mit Verfolgungsjagden mischt sowie erstaunlich deutlich und kritisch die USA als Bösewicht darstellt: interessante Variante der üblichen „Wunder-&-Rätsel-der-Natur“-Garne.

[md]

 

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3 Comments

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  1. Martina Müller

    ZUR BUCHKRITK UNSERES REZENSENTEN MICHAEL DREWNIOK (SPOILER: WER SICH ALLERDING VON UNSEREN LESEPROBEN DAZU ÜBERRASCHEN LASSEN MÖCHTE, LIEST DIE REZI VORERST NICHT!):

  2. Martina Müller

    Wie kommt so ein toller Titel eigentlich in die Spiegel Bestseller-Rangliste?

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