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ELWETRITSCHE IM SPECKHEMDCHEN – Leseprobe (Teil 1) aus der gleichnamigen Kurzgeschichte von Ollivia Moore (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Sommer 2014″ – geteilter Preis!)

ELWETRITSCHE IM SPECKHEMDCHEN

Leseprobe (Teil 1) aus der gleichnamigen Kurzgeschichte

von

Ollivia Moore

.
(erschienen in: „Verborgene Wesen 2 – Kryptozoologische Anthologie“

Herausgegeben von Michael Schneider)

Personenliste

Schorsch Kraut:
Chefkoch der Traditionsspeisestätte ‚Zum verschleckten Schweinschmecker’.
Cholerischer Fettwanst.
Führt in seiner Küche ein despotisches Regiment.
Spezialität Samtsauce, Mousse, Schaum.
Hat schon einer Schlossküche vorgestanden und auf einem Kriegszug den König mit höfischem Zeremoniell im Zelt bedient.
Seither liebt er die Militärsprache, sein Lieblingsspruch ist: Unsere Freiheit wird auch am Herd verteidigt.
Die Gäste titulieren ihn Monsieur Le Kraut, er umgarnt sie mit galanten Umgangsformen und verspricht ihnen, bei Tisch altere man nicht.

Balder Lichtenhagen:
Sous-Chef, geborene Autorität, immer wacher Geist
Trägt welliges längeres Haar und maßgeschneiderte Kochjacken.
Beherrscht alle klassischen Zubereitungen und achtet gnadenlos auf Qualität.
Erschafft neue Kunstwerke auf dem Boden von solidem Handwerk.
Kann sich in andere Menschen sehr gut hineinfühlen und weiß intuitiv, was sie sich am meisten wünschen.
Versteht etwas von Frauen, sein Wahlspruch lautet: Ärzte und Köche dürfen alles anfassen.

Nimmeroth:
Jäger aus den Elwetrischen Bergen.

Brigid:
Luftgeist, möchte ein Dinner für ihren Geburtstag bestellen.

Lorelei:
Undine, Studienkollegin von Brigid und Ich-Erzählerin.


Grafik (Feder/Aquarell)
Copyright © 2013 by Ollivia Moore

*

Über dem Eingang der Speisestätte schwang knarrend ein Metallschild im Abendwind hin und her. Bemalt war es mit einem abgetrennten Schweinskopf. Aus dem Rüssel hing eine lange Zunge, die flockigen Schaum von einem Humpen leckte. Darunter stand in verschnörkelter Schrift

‚Zum verschleckten Schweinschmecker’.

Meine Freundin Brigid und ich betraten den Flur zum Souterrain. Sofort spürten wir einen Stich in die Nase. An der Wand hing eine Bewertungstafel, auf der verschiedene Weinqualitäten verzeichnet waren:

Blumig, ätherisch, moschusartig, schweißig, faulig, stechend und außerdem Teer, Kampfer, Farn, Korkmoder und Zahnarzt.

Balder, ein junger Koch mit breitem Lächeln und einem Pferdeschwanz, durch den sich schon einige silberne Fäden zogen, nahm uns in Empfang.

»Charismatisch«, flüsterte Brigid mir hinter seinem Rücken ins Ohr, als wir die Küche betraten.

Am Gewölbeeingang wachte ein Standbild von Gastera, der Göttin der Magenfüllung über die Mahlzeiten, die von der Küche in den Speisesaal wanderten. Sie war gekrönt mit einem Sternenkranz und in ihren Sockel waren die Worte: »Essbar liegt das Universum euch zu Füßen« eingraviert. In ihrem Diadem funkelten drei Sterne, einen vierten hielt sie in der Hand, aber erst halbhoch.

Balder grüßte sie aufmerksam. »Ab und an, wenn ein Gericht an ihr vorüber getragen wird, welches ihr besonders gefällt, stäubt sie ein bisschen Sternenstaub drüber. Wir ersehnen den vierten Stern, aber bisher wollte sie ihn uns noch nicht geben!«

Kraut, der Maître de Cuisine, rührte in einem schaumigen Süppchen. Über seinem Kochlöffel hingen fein durchbrochene Manschetten. An der Seite trug er einen Degen und ein Spitzenjabot rieselte über seinen dicken Bauch.

Mehrere dünne Küchenjungen liefen eilig hin und her. »Dieses ewige Passieren, Pürieren, Schäumen…«, maulte einer.

Balder zeigte auf Kraut: »Das ist Schorsch. Die Lehrlinge nennen ihn heimlich Chou Croute. Sie  kriegen von ihm Ohrfeigen, wenn sie nicht im Takt hacken und wehe, der Meister erwischt sie, wenn sie die Hände in den Hosentaschen haben und untätig in die Gegend gucken!«

Wir gingen an mehreren Arbeitsplätzen vorüber. Balder benannte ihre Funktionen:

»Hier arbeitet der Couturier. Er zupft Federn, näht das ‚Huhn am Faden’ und bügelt  ‚Plattes Huhn’. – Der Schaumier … ausschließlich zuständig für Krauts Kreationen!«

An den Wänden hingen Plakate für Arbeitssicherheit:

No Glitsch!

Halt dein langes Messer scharf!

Ein eleganter Kellner erschien und rückte unsere Stühle zurecht. Wir nahmen Platz zum Probeessen an einem Tisch in der Ecke.

»Danke, Motze«, nickte Balder. »Hier befinden wir uns im Brennpunkt der Kochkunst, wo Rezepte erfunden, protegiert und in Mode gebracht werden. Ein Koch brilliert vor allem durch die Künste wunderbarer Mischungen. Bei uns ist die Bedienung vollkommen und die Tafel von allererster Güte. Selbstverständlich trägt sie nur, was Primeur oder Seltenheit hat.«

**

Balders Aufmerksamkeit verweilte nie länger als drei Sekunden auf einer Stelle.

Sein Kontrollblick schweifte hinüber zum Fischtisch, wo der Poissonnier knöchelhoch in Schuppen und Fischabfällen watete.

Gerade stemmte er einen großen Fisch aus einem Transportkorb. Er hatte glasklare Flossen, der Bauch glänzte metallisch und auf dem Rücken schillerten traumhafte Schmetterlingsflügel in meergrünen und lichtblauen Farben. Die Augen des Tieres machten einen lebendigen Eindruck –  es blickte überrascht und einfältig.

Der Koch begann, die Flossen zu kürzen. Als er bemerkte, dass Balder ihm zusah, wurden seine Bewegungen hektisch. Es klirrte und dann zog er eine Glasscherbe aus seinem blutenden Zeigefinger.

Balder wandte sich uns wieder zu. »Der Schmetterlingsfisch ist ein Luxusnahrungsmittel, aber man muss sehr Acht geben, sich nicht an den Flossenspitzen zu stechen«, sagte er. »Die Verletzungen sind schmerzhaft  und nicht ungefährlich. – Weil er gleichzeitig hochfliegen und wegtauchen kann, fangen die Fischer ihn mit einem Kugelsieb. Es besteht aus einem oberen und unteren Sieb, verbunden durch ein Federgelenk. Schmetterlingsfische sind kraftvoll und überraschend eigenwillig. Sie schwimmen strömungsreiche Sturzbäche hinauf und überwinden hohe Wasserfälle. Wegen ihrer Beweglichkeit und Kraft ist das Fleisch wohlschmeckend und gesund. Und weil es auch sehr fest ist, bereiten wir es zu wie einen feinen Spickbraten.«

Der Fischkoch zog mit einer Spicknadel lange Speckstreifen entlang des Faserverlaufes ein und ließ an beiden Enden Speck herausstehen. Die Reihen wurden hübsch versetzt.

»Voilà! ‚Schmetterlingsfisch – gesiebt und gelocht’.«

Der Koch schob den Fisch in den heißen Backofen.

»Nun schmilzt das Fett und die Schwingen härten. Sie werden durchscheinend wie Glas und sind sehr begehrt als Fensterschmuck.«

Tatsächlich schwebten mehrere Flügel vor den Scheiben. Sie wirkten wie kostbare Glaskunstobjekte und immer, wenn ein Sonnenstrahl durch sie hindurchtauchte, leuchteten und sprühten sie in den herrlichsten Farben. Ein Falter bewegte sich zart auf und nieder. »Dieser sanfte Flügelhauch hat eine beruhigende Wirkung auf die Psyche und fächelt das Seelenweh weg, wenn wir den Gästen die bittere Viertelstunde bereiten und ihnen die Rechnung  an den Tisch bringen«, schmunzelte Balder.

***

Kraut zog einen Pott-im-Feuer aus der heißen Asche. Er öffnete den Deckel und zeigte stolz auf einige schöne Rindsrouladen, die in der Kasserolle lagen und freundlich herauslächelten.

»Mit Wurzelgemüse und einer Brotkante stundenlang geschmort und beschöpft, so dass sich die Röst- und Fleischaromen zu einer innigen, echten Bratensoße verbinden.« Liebevoll lächelte er zurück.

Dann nahm er einen Schöpflöffel Crème fraîche und ein feines Sieb zur Hand und begann die Bratflüssigkeit mit dem Gemüse für seine berühmte samtig fließende Sauce hindurch zu treiben.

Ich bemerkte: »Meine Oma macht die Soße für Rollfleisch anders. Sie hat den Kniff von ihrer Urgroßmutter Gourmandise gelernt. Sie nimmt keine Crème fraîche, das ist immer so fettig, sondern Saure Sahne. Bevor sie die Soße siebt, nimmt sie die schönen Stückchen von angerösteter Karotte heraus, erst  dann passiert sie, anschließend kommen die Karotten zurück und Pfifferlinge dazu. Das gibt einen schönen Biss. Sie serviert dazu immer Seidene Klöße. Oma meint, mit wenig Allotria exquisite Fleischgerichte einfach und substantiell zuzubereiten, sei die größte Kunst.«

Kraut schmiss das Sieb weg und angelte mit hochrotem Wutkopf nach den karamellfarbenen Karotten und einem Glas saurer Sahne. »Heute auf der Karte ‚Tournüre mit Seidenbollen à la casse-pieds’«, schrie er.

Der Schmorkoch schaute ratlos und blätterte hektisch im Küchenlexikon. »Was heißt das, Chef?«

»N-e-r-v-e-n-s-ä-g-e! Verschwinde bloß!«, pampte Kraut ihn an. Er kostete die Sauce und kaute andächtig auf den kleinen Stücken. »Diese Glanzkackesoßen, die die Gäste angeblich immer nur verlangen, konnte ich sowieso noch nie leiden«, sagte er zu Balder.

Der stöhnte: »Sag ich dir doch schon lange.«

»Aber noch bin ich hier der Chef und kann meine Willkürherrschaft ausleben, wie ich will!« Selbstgefällig stolzierte Kraut davon.

(…)

(zum nächsten Teil)

Text und Grafik (Feder/Aquarell) Copyright (C) 2013 by Ollivia Moore.

Bildrechte: Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Wer wissen möchte wie die Geschichte endet kann die untenstehende Anthologie erwerben, das ebook bestellen oder auf die Seite der Autorin gehen: www.ollivia-moore.de / http://www.ollivia-moore.de/elwetritsche-im-speckhemdchen/

Steiner, Anett / Eibhlin, Eileanora / Neugebauer, Frank / Moore, Ollivia / Mayerhofer, Jacqueline / Linnemann, Diandra / Wehse, Oliver
Verborgene Wesen 2

Kryptozoologische Anthologie

Herausgegeben von Schneider, Michael
Verlag :      Twilight-Line
ISBN :      978-3-941122-86-4

Preisinfo :      10,99 Eur[D] / 10,99 Eur[A] / 16,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 20.01.2012
Seiten/Umfang :      ca. 164 S. – 21,0 x 14,8 cm
Produktform :      B: Buch
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 20.01.2012
Gewicht :      125 g

Die KryptoFiction ist eine spezielle Themenbuchreihe des Twilight-Line Verlages, in welchem Romane, Geschichten, Gedichte und sonstige Erzählungen veröffentlicht werden, welche einen kryptozoologischen Hintergrund besitzen.

Folgen Sie den Autoren auf den Spuren verborgener Wesen, die sich der wissenschaftlichen Entdeckung entziehen konnten und verborgen vor dem Menschen existieren. Was würden Sie tun, wenn Sie einem überlebenden Urzeitwesen gegenüberstehen? Was, wenn ein erschreckendes Untier durch die Dunkelheit schleicht? Oder wenn Sie auf ein Seeungeheuer stoßen?

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Updated: 5. Dezember 2014 — 09:00

4 Comments

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  1. Tstststs, da würde mein „Schäufele auf Alien-Art“ glatt dazu passen. Da sag ich nur: Mahlzeit!

    http://sfbasar.filmbesprechungen.de/buecher/schaufele-auf-alien-art-science-fiction-story-mit-rezept-von-cameo-flush/

    mgg
    galaxykarl 😉

  2. Sehr hübsch geschrieben 🙂

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