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ELWETRITSCHE IM SPECKHEMDCHEN – Leseprobe (Teil 2) aus der gleichnamigen Kurzgeschichte von Ollivia Moore

ELWETRITSCHE IM SPECKHEMDCHEN

Leseprobe (Teil 2) aus der gleichnamigen Kurzgeschichte

von

Ollivia Moore

.
(erschienen in: “Verborgene Wesen 2 – Kryptozoologische Anthologie”

Herausgegeben von Michael Schneider)

Personenliste

Schorsch Kraut:
Chefkoch der Traditionsspeisestätte ‚Zum verschleckten Schweinschmecker’.
Cholerischer Fettwanst.
Führt in seiner Küche ein despotisches Regiment.
Spezialität Samtsauce, Mousse, Schaum.
Hat schon einer Schlossküche vorgestanden und auf einem Kriegszug den König mit höfischem Zeremoniell im Zelt bedient.
Seither liebt er die Militärsprache, sein Lieblingsspruch ist: Unsere Freiheit wird auch am Herd verteidigt.
Die Gäste titulieren ihn Monsieur Le Kraut, er umgarnt sie mit galanten Umgangsformen und verspricht ihnen, bei Tisch altere man nicht.

Balder Lichtenhagen:
Sous-Chef, geborene Autorität, immer wacher Geist
Trägt welliges längeres Haar und maßgeschneiderte Kochjacken.
Beherrscht alle klassischen Zubereitungen und achtet gnadenlos auf Qualität.
Erschafft neue Kunstwerke auf dem Boden von solidem Handwerk.
Kann sich in andere Menschen sehr gut hineinfühlen und weiß intuitiv, was sie sich am meisten wünschen.
Versteht etwas von Frauen, sein Wahlspruch lautet: Ärzte und Köche dürfen alles anfassen.

Nimmeroth:
Jäger aus den Elwetrischen Bergen.

Brigid:
Luftgeist, möchte ein Dinner für ihren Geburtstag bestellen.

Lorelei:
Undine, Studienkollegin von Brigid und Ich-Erzählerin.

Grafik (Feder/Aquarell)
Copyright © 2013 by Ollivia Moor
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(Zum vorherigen Teil)
Der schicke Oberkellner Motze kam herüber und legte die Abendpost auf den Tisch.

»Schau her«, grinste er, »ein Brief vom Fett’N, da haben sie uns bestimmt aus Versehen wieder Werbung geschickt. –  Früher hießen sie Im Fettnäpfchen, das war schwer angesagt und unser härtester Konkurrent. Aber nachdem dieser kompetente Kochkunstkoch«, er zeigte auf Balder, »zu uns kam und anfing, ihnen die Gäste abzuziehen, haben sie den Laden lifestylegetunt und nennen sich jetzt Im Fett’N

»Zum Schmierigen Löffel würde wohl besser passen«, kartete Kraut nach und drehte sich zu Balder um. »Kannst du dich noch erinnern? Wir haben da auch einmal gegessen:

‚Schweinerücken  ertränkt  in  Sahnepilzezwiebelkäsesauce’.«

Motze lästerte weiter: »Der Geschäftsführer ist ein echtes Raubtier mit Abgreiferinstinkt, wie die da die Besucher übers Ohr hauen  …, du kriegst die Küchentür nicht zu! Aber ich habe gehört, sie suchen jetzt schon wieder einen neuen Küchenchef. Dem letzten stinkt’s. Er hat es mir selbst verraten: In deren Küche steht ein siedender Fettkessel, da kommt alles rein, wie in eine Friteuse. Von Berufsstolz keine Spur.«

Er imitierte den Chef vom Fett’N: »‚Gebackene Speisen sind gern gesehen, sie können mit der Hand gegessen werden, was allen Damen Spaß macht. Alle Tugend eines guten Gebackenen liegt in der Überraschung  …  Hitze brüsk und plötzlich’  … Das ist seine ganze Kochkunst, es ist direkt zum Totlachen! Eine Weile hat es ja wohl auch ganz gut funktioniert  …  und jetzt hassen sie uns, weil wir Balder haben, der ihnen schön das Wasser abgräbt.«

Er zog noch eine Weile über die Konkurrenz her, während Balder immer stiller wurde.

*****

Ein wild aussehender Mann mit schwarzen Augen und scharfer Raubvogelnase trug einen Sack herein.

»Aah,  …da kommt der Jäger mit den frischen Elwetritschen!«, begrüßte Kraut ihn hocherfreut. Er öffnete den Beutel und betrachtete prüfend einige winzige Hühnervögel. Sie hatten lange Schnäbel, jeweils vier Beine und Frauenbrüste, die der Meister mit Kennermiene betastete.

„Ausgezeichnet, Nimmeroth!“ röhrte er und übergab die Elwetritschen dem Couturier. Er komplimentierte den Jäger an unsere Tafel und hievte sich auf einen schwer ächzenden Stuhl daneben.

Nimmeroth schob sein wirres Haar vor den Augen beiseite. »Als ich eben kam, war gerade die Tür zum Separée geöffnet. Was ist denn da für eine famose Truppe drin?«

Kraut rieb sich die Hände: »Wir kochen heute noch nebenher für einen König, der einmal dem Hofzeremoniell entfliehen will und inkognito nebenan mit seinen Freunden speist. Sie kommen wegen der Mädchen. Wollen die Bürde der Etikette ablegen. Nach einem opulenten Mahl ziehen sie weiter in den Nachtclub Nackter Hamster. Es ist sehr gute Kundschaft. Sie sind hauptsächlich  …  ääh  …«

»…  Fresser und Lustmolche?«, half Brigid ihm ein.

»…  nein, nein  …  Nachtschwärmer und Bacchanten«, endigte Kraut lahm.

******

Motze, unser charmanter Dampfplauderer, hob wieder an: »Seit einiger Zeit schon schwenken die Models über zum verschleckten Schweinschmecker, aber Schorsch schimpft immer noch weiter auf die Kochbrigade vom Fettnapf. Es ist ein Krieg um die glamouröse Kundschaft.«

Arglos erzählte Brigid, dass wir dort auch schon Probe essen waren.

Daraufhin schaute Kraut sie missgelaunt an und riss ärgerlich die Post auf. Seine Augen glitten über das Papier, als könnten sie nicht fassen, was da stand und er erstarrte wie vom Donner gerührt.

Ich saß neben ihm und versuchte, einen Blick auf das Schreiben zu erhaschen. Es war ein Arbeitsvertrag für Balder mit der Bitte zur Unterschrift. Die vom Fett’N hatten ihn abgeworben!

Balder wurde unterdrückt von Kraut und der Fettnapf war schlecht, aber sie wollten ihn als Chef.

Kraut brütete in stummer Wut vor sich hin. »So mager und schon so ausgekocht«, zischte er leise.

*******

Am Kaltmamselltisch ertönte schrilles Geschrei von hohen Fistelstimmen, die sich aufgebracht überschlugen. Zwei kleine Wichte hatten begonnen zu zanken. Ein ältlicher Gnom mit wiegendem Gang, Knitterfalten und Bart trat einem jüngeren Zwerg, der einen pfiffigen Gesichtsausdruck hatte und noch kleiner war, vor das Schienbein.

»Lennart stänkert schon wieder  …  Das sind zwei Pukken, Lennart und Bummel, unsere Gastarbeiter  …«, schimpfte Motze, »…  klein, aber handfest und mit einer gesunden Portion Heimtücke. Sie stammen aus dem Land der Dunkelheit von einer Insel im Nordmeer. Dort werden die Felsen aus Feuer und Eis geschmiedet. Hier haben sie auf den umliegenden Höhen Wielands alte Schmiede gesucht. Balder hat sie aufgelesen, er hat ein Händchen für Freaks … der kleinere heißt Bummel. Lennart meckert ihn immer an, er sei zu langsam.«

Balder sagte: »Sie sind unglaublich fleißig und haben die geschicktesten Finger, die ich je gesehen habe. Ihre Schnitzwerkzeuge schmieden sie sich selbst. Sie haben winzige Klopfklüpfel, spezielle klitzekleine Zickzackmesser, zierliche Verzierer und grazile Kannelierer, alles unterirdisch scharf. Sie schnitzten uns Gemüse in jede Form, die wir haben wollen und das auch noch in atemberaubender Geschwindigkeit.«

Die beiden Nordlichter hatten ihr Wortgefecht beendet und schoben sich eine Bank vor den Arbeitstisch, kletterten hinauf wie auf ein Baugerüst und begannen geschäftig einen großen Haufen Orangen mit kunstvollen Durchbruchmustern zu verzieren.

Fasziniert beobachteten wir sie. Einzelne Bewegungen der langen Hände konnte man nicht ausmachen.

»Sie haben Turbospeed im Blut. Arbeiten sieht bei denen immer aus wie ein Film auf Schnelldurchlauf. Wir haben versucht, ihnen den Trick abzusehen, aber sie sind sehr erfolgreich damit, ihre Geheimnisse zu wahren.« Balder zuckte bedauernd die Schulter.

********

»Aber sonst kennt Balder viele Geheimnisse«, lachte Motze.

»Er behauptet, wer Erfolg haben will, darf den Gast nicht umerziehen wollen, sondern muss ihn da abholen, wo er steht. Balder weiß um die Eitelkeiten der Gäste  …  die Spielchen, die sie spielen  …  die Fassaden, hinter denen sie sich verstecken  …  ihre Rituale, Macht und Reichtum zu zeigen  …  ihre Ängste  …  er ist ein Traumverkäufer.«

Etwas beleidigt antwortete Balder: »Man muss eben ein Lebensgefühl verkaufen, als Koch bist du auch ein Chef de Plaisier  …«

»… und dass er immer exzellent geschnittene Kochjacken mit silbernen Knöpfen, bretthart gestärkt und vom Couturier auf Kniff gebügelt trägt, schadet ihm bei dem Prestigepublikum auch nicht  …«, stichelte Motze. »Neuerdings hat Balder mitten im Restaurant einen langen Laufsteg installiert, über den alle Gäste zu ihrem Tisch schreiten müssen. Das lockte erst die Mädchen vom Ballett, die mit Grazie hinübertanzten und dann die Models, die darauf jetzt Abend für Abend mit der Leichtheit einer Nymphe modische Kleider spazieren führen. Die wiederum zogen die reichen Männer mit den dicken Autos und Uhren an. Sie kommen dann breitbeinig hier herein wie erfolgreiche Kämpfer nach einer siegreichen Schlacht und ziehen schwere Beutetaschen mit Bargeld hinter sich her. Wir installierten einen Riesengrill und braten ihnen ganze Lämmer am Spieß. Aber das meiste Geld hat der Umbau des WC verschlungen. Es muss opulent, barock und schöner sein als der Gastraum. – Was hilft es, die Gäste sind für uns unverzichtbar!«

Balder nickte: »Manchmal konnte ich es einfach nicht mehr ertragen: Gegrilltes Huhn mit Salat kam komplett zerstochert zurück. Die Mädels haben jeden Tropfen Öl von den Blättern abgestreift.  –  Wir backen ihnen jetzt Omelette von Eiweiß. Das funktioniert ganz gut.

Und ich habe eine Golddott – Eigelbkarte für die Begleiter entwickelt.«

Er legte mir die Karte vor, ich las:

‚Das Gelbe vom Ei’ – pochiertes Eigelb zum Frühstück

Tatar ‚Auf der Sonnenseite’ – Beilage rohe Eigelbe in Eierschalen

‚Kollektion Fleischtraum’  – Drei Eigelb auf Steak

‚Bettzipfel’  –  Dröhnung mit vom Liebelein gewärmten Eigelb (Chefgeheimnis)

‚Sprungfedern’ …  ohne Worte

Motze feixte. »Und dann hatte Balder die genialste Idee überhaupt, er meinte, wir könnten doch ein ‚Kleines Gedeck nach Art der Kaiserin Kreszentia’ servieren, du weißt schon,  Kaiserin Krissi. Weil die Models nichts essen, aber trinken. Der Drink besteht aus einem  Fingerhut kräftiger kalter Consommé mit einem Pimentkorn und einer halben Flasche Wodka.«

(…)

(zum nächsten Teil)

Text und Grafik (Feder/Aquarell) Copyright © 2013 by Ollivia Moore.

Bildrechte: Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Wer wissen möchte wie die Geschichte endet, kann die untenstehende Anthologie erwerben, das ebook bestellen oder auf die Seite der Autorin gehen: www.ollivia-moore.de / http://www.ollivia-moore.de/elwetritsche-im-speckhemdchen/

Steiner, Anett / Eibhlin, Eileanora / Neugebauer, Frank / Moore, Ollivia / Mayerhofer, Jacqueline / Linnemann, Diandra / Wehse, Oliver
Verborgene Wesen 2

Kryptozoologische Anthologie

Herausgegeben von Schneider, Michael
Verlag :      Twilight-Line
ISBN :      978-3-941122-86-4
Preisinfo :      10,99 Eur[D] / 10,99 Eur[A] / 16,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 20.01.2012
Seiten/Umfang :      ca. 164 S. – 21,0 x 14,8 cm
Produktform :      B: Buch
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 20.01.2012
Gewicht :      125 g

Die KryptoFiction ist eine spezielle Themenbuchreihe des Twilight-Line Verlages, in welchem Romane, Geschichten, Gedichte und sonstige Erzählungen veröffentlicht werden, welche einen kryptozoologischen Hintergrund besitzen.

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Updated: 20. Dezember 2013 — 16:34

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