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ELEVIN VOM HINDUKUSCH – Textauszug (Teil 2) aus dem 1. Kapitel des geplanten SF-Romans „Das Paradies der Schriftlosen“ von Detlef Hedderich (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 4/2014)

ELEVIN VOM HINDUKUSCH

Textauszug (Teil 2) aus dem 1. Kapitel des geplanten SF-Romans

“Das Paradies der Schriftlosen”

von

Detlef Hedderich

(sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 4/2014)

(Zum vorherigenTeil)

Unter den rabiatesten Herrschern ist den Frauen im Land der Gotteskrieger sogar die Berufstätigkeit verboten. Und den Mädchen ist es untersagt, eine Schule zu besuchen. Da es durch den Krieg allein in den Hauptstädten Witwen im fünfstelligen Bereich gibt, die dabei völlig auf sich allein gestellt sind, bleibt vielen von diesen nichts anderes übrig, als sich ihren Lebensunterhalt zu erbetteln, was wieder nach den von den Männern aufgestellten religiösen Maximen untersagt ist. Ein absoluter Teufelskreis.

Der Bildungshunger der Kinder dieser muslimischen Gesellschaft, in der die heutige durchschnittliche Lebenserwartung etwa 44 Jahre zählt und eine Frau etwa sechs bis sieben Kinder gebiert, ist kaum zu stillen. Das Durchschnittsalter der Menschen hier liegt inzwischen bei ungefähr 15 Jahren. Damit ist diese Gesellschaft eine Kindergesellschaft. Das Straßenbild der inzwischen zum Teil mithilfe der Hilfsorganisationen aus der gesamten Welt bereits wieder aufgebauten Städte und Dörfer zeigt kaum Menschen im Erwachsenenalter. Es gibt überwiegend Kinder, dann Alte und an letzter Stelle Menschen im arbeitsfähigen Alter.

Aus seinem Versteck heraus beobachtete das Mädchen dieses merkwürdige kleine Wesen, das von zwergenwüchsiger Natur war. Es war offenbar in großer Verlegenheit, denn es suchte irgendetwas und tastete mit den Händen die Gegend ab, da es über keine Augen verfügte. Bis das Zwergenwesen plötzlich den Kopf in seine Richtung drehte.

Als das Mädchen geschockt auf das Zwergenwesen starrte, kam es in seine Richtung angehoppelt und stellte sich direkt vor sein Versteck zwischen den Büschen. Das Wesen hob seinen rechten Arm, an dem sieben fingerartige Auswüchse entfernt an eine Hand erinnerten und winkte damit dem Mädchen zu.

Das Mädchen war so erschrocken, dass es ein Geräusch von sich gab, eine Arte Glucksen, und hielt sich sofort die Hand vor den Mund. Das kann nicht sein, dieses Wesen verfügt ja über keinerlei Sinnesorgane, es kann mich nicht entdeckt haben, dachte das Mädchen.

“Ich kann es doch, weil ich in deine Gedanken eintauche und mich durch deine Augen sehe und deine Ohren höre”, vernahm  das Mädchen plötzlich eine Stimme in seinem Kopf.

“Du kannst also meine Gedanken lesen?”

“Ja das kann ich”, sprach die Stimme in seinem Kopf, “ich bin ein Grogrond und lebe normalerweise in Symbiose mit einem anderen Wesen, das über Augen, Ohren und Mund verfügt”.

“Und was ist passiert, wo ist dein Partner?”

“Mein Partner hat sich wohl verlaufen, als es nach meinem Stock suchte, den ich unterwegs verloren hatte und eigentlich hätte ich nur mein Glöckchen läuten müssen, dann hätte er mich wiederfinden können. Doch ich kann mein Glöckchen nicht mehr finden!”

Schließlich half das Mädchen dem merkwürdigen Zwerg, sein Glöckchen wieder zu finden, damit es hier nicht alleine umherirren musste ohne seinen Symbionten…

Diesem Umstand ist es auch zu schulden, dass hier in hohem Maße Kinderarbeit verrichtet wird, ob auf den Feldern oder in kleinen Handwerksbetrieben. Das sehen die Vertreter der Hilfsorganisationen natürlich nicht so gerne. Lieber ist es ihnen, wenn die Kinder die Schule besuchen, damit sie später über genügend Wissen und Bildung verfügen, um einen Beruf zu erlernen, der das Überleben der Familie möglich macht.

Ein großes Problem ist dabei der weitverbreitete Opiumanbau, der ohne die Hilfe der Kinder kaum möglich ist. Doch viele Familien können sich nur dadurch ein Überleben sichern. Die noch immer herrschenden Warlords treiben diejenigen, die andere Agrarprodukte anzupflanzen versuchen, immer wieder dazu an, diesen opiaten Grundstoff anzubauen. Oft ist auch der ungeheure finanzielle Druck und der Preisunterschied der Grund, lieber das Rauschmittel anzupflanzen und zu ernten.

Auch Kabul, die Hauptstadt des Landes, hat ihre Probleme: Nach den vielen Jahren Krieg und Chaos ist es bis zur Normalität noch ein weiter Weg. Was auffällt im Straßenbild dieser Stadt, sind die vielen Menschen in Rollstühlen, auf Krücken oder sonstige Versehrte, unter denen auch eine Vielzahl von Kindern ist. Die Splitterbomben, die den Menschen hier die Gliedmaßen abreissen, können zwischen erwachsenen Kämpfern und spielenden Kindern nicht unterscheiden.

Als das Mädchen zum ersten mal auf ein anderes menschliches Wesen traf bei seinen Wanderungen durch die fremde Welt, geschah dies in der Nähe einer unbewohnten Hütte an einem See,  die sich das Mädchen am Abend zuvor zu eigen gemacht hatte. Als es den Steg, der sich neben dem Haus befand, entlang streunte, sah es plötzlich ein menschliches Gesicht im Wasser. Das Gesicht eines Mädchens in seinem Alter. Dieses schenkte ihm aus der Tiefe des Wassers ein Lächeln.

Das Mädchen lächelte zurück und bemerkte, dass es offenbar schon die ganze Zeit am Lächeln war und nicht erst dem Mädchen zurück gelächelt hatte. Es trat näher an das Wasser heran und machte einige Faxen mit Händen und Gesicht, worauf das andere Mädchen es ihm nachtat. Das Mädchen hatte nicht gemerkt, dass es sein eigenes Gesicht war, sein Spiegelbild, das die ganze Zeit zurückgelächelt hatte.

Das merkte es erst, nachdem es sich einen Zopf gemacht hatte, in den es ein Band mit einem Schmuckkamm ins Haar flochte, welchen es vor einigen Tagen auf einem der Wege durch die Landschaft, die es durchschritt, gefunden hatte. Dass das Gesicht im See genauso einen Kamm haben sollte, hielt es für sehr unwahrscheinlich.

Schließlich bemerkte es, dass das andere Mädchen sein eigenes Spiegelbild war, das aus irgendeinem Grund zeitverzögert zu ihm zurückgeworfen wurde. Offenbar war dieser See von irgendeinem Phänomen beseelt, der diesen Effekt hervorrief, dass die Geschwindigkeit des zurückgeworfenen Spiegelbildes etwas später auf die Augen des Betrachters traf.

Das Mädchen hatte nach einigen Stunden des Experimentierens schließlich die Lust verloren, dieses Geheimnis näher zu ergründen und hielt es nicht für möglich, dass ihm das gelingen würde. Aus diesem Grund setzte es seine Wanderung durch die fremde neue Welt weiter fort und verließ das Haus an diesem seltsamen See…

(Zur Fortsetzung)

Copyright (C) 2012 by Detlef Hedderich

Bildrechte: Coverillustration “Evolution. – Menschheitsgeschichten” (http://www.chaosrigger.org/pixel02/upload/2011/02/06/20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Cyborgs01-89-minus34-minus54” (Originaltitel: 20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.


Zwei Leseempfehlungen der Redaktion:

Karl Wutt
Afghanistan. Von innen und außen.

Welten des Hindukusch

Verlag :      Springer Wien
ISBN :      978-3-211-99153-4
Einband :      Paperback
Preisinfo :      ca. 39,95 Eur[D] / ca. 39,95 Eur[A] / ca. 62,00 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Seiten/Umfang :      350 S.
Erscheinungsdatum :      1., st Edition. 01.05.2010
Aus der Reihe :      Edition Transfer

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Karl Wutt zählt zu den subtilsten Kennern Afghanistans, weil er – als Architekt, Ethnologe und reisender Forscher – in den letzten Jahrzehnten immer wieder Monate in entlegenen Regionen des Landes verbrachte und das in engstem Kontakt mit der lokalen Bevölkerung.

Seine poetischen Fotos und Schilderungen sind Ausdruck solcher Annäherungen an fremd gebliebene, neuerdings wieder fremder gewordene, in sich sehr unterschiedliche Kulturen. Einem durch Kriegsberichte, Islamistenterror, Kulturkampfpropaganda vergröbertem‚ westlichen Blick’ werden Nuancen und die Vielfalt von Lebensweisen bewusst gemacht.

Karl Wutt sucht Qualitäten – sein Buch beweist, wie sehr es dabei auf Aufmerksamkeit ankommt: Einzelheiten verweisen auf Verborgenes, Zeichen auf Erzählungen, Gestaltung auf Universelles. Die dokumentierte Sichtweise „von innen und außen” spielt auf uferlose Grenzerfahrungen an, auf ein ständiges Hin und Her von Transferbeziehungen, auf Verstehen und Erahnen, auf das Überschreiten von Schwellen, auf unzugänglich Bleibendes.

Karl Wutt
geb. 1943 in Buchscheiden (Kärnten).
Studium der Architektur an der TU Wien.
1971 – 97 Feldforschungen bei Kalasha, Pashai und anderen Ethnien des Hindukusch.
1978 Dissertation über >Architektur einiger Hindukusch-Täler<.
Lehrbeauftragter am Institut für Völkerkunde der Universität Wien.
1990 – 2004 Lehrtätigkeit an der Akademie der bildenden Künste in Wien.
2000 Foto Ausstellung, >Children<, zusammen mit Suchitra Van, >Estrangements<, Kupferstichkabinett der Kunstakademie, Wien.
Seit 2002 Reisen nach Afghanistan, Studium der Pashai nach dem Krieg.
2007 Ausstellung über Afghanistan an der Akademie der bildenden Künste in Wien.
2008 Ausstellung, >Stile, von Gegenden und Gegenständen< bei: aut.architektur und tirol (vormals Architekturzentrum), Innsbruck.

Publikationen (Auswahl):
– >Pashai. Landschaft. Menschen. Architektur<, Graz, 1981.
– >Afghanistan, auf den zweiten Blick<, Akademie der bildenden Künste, Wien, 2007.
– >Stile von Gegenden und Gegenständen von Karl Wutt, Bohatsch Visual Communication, aut. architektur und tirol, und Arno Ritter (Taschenbuch – November 2008)

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Sayed H. Hossaini
Die Erzählprosa der Dari-Literatur in Afghanistan 1900 – 1978


Verlag :      Kovac, J
Website: http://www.verlagdrkovac.de
ISBN :      978-3-8300-5000-1
Einband :      Paperback
Preisinfo :      75,00 Eur[D] / 77,10 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Seiten/Umfang :      192 S. – 21,0 x 14,8 cm
Erscheinungsdatum :      1. Auflage 03.2010
Gewicht :      247 g
Aus der Reihe :      POETICA 108

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Im multinationalen Afghanistan haben sich in den Sprachen Dari (afghanisches Persisch) und Pashto zwei Literaturen herausgebildet, die jeweils auf eine gewisse Tradition zurückblicken können. Im vorliegenden Werk wird ein Abschnitt der Dari-Literatur behandelt, der die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung des Landes widerspiegelt.

Während in der Vergangenheit die Poesie eine größere Rolle spielte, hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts auch eine Prosa herausgebildet, die nach europäischem Vorbild besonders Essays, Memoiren, Theaterstücke, Reisebeschreibungen, Erzählungen und vor allem Kurzgeschichten umfasst, während der Roman in dieser Epoche als noch nicht ausgereift galt.

Afghanische Literaten stellen in ihren Werken die moderne afghanische Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen dar.

Behandelt werden vor allem sozialkritische, aber auch historische, folkloristische und psychologische Themen. Die Thematik wird im vorliegenden Werk an ausgewählten Beispielen exemplarisch demonstriert.

Als Zeitraum wurden die Jahre 1900 bis 1978 gewählt, d. h. von der Einbeziehung Afghanistans in die moderne Entwicklung bis zur sog. „Aprilrevolution“, nach der das Land in das bis heute andauernde Unglück geriet.

Angesichts des im deutschsprachigen Raume bislang vorherrschenden Defizits hinsichtlich der Kenntnis der gesellschaftlichen Probleme Afghanistans sowie der kulturellen Leistungen des afghanischen Volkes ist das Buch eine sachkundige und aussagekräftige Studie, die zugleich auch junge, hier lebende Afghanen mit der Literatur ihrer leidgeprüften Heimat vertraut macht.

In keinem anderen deutschsprachigen Werk (und wohl auch nicht in anderen westlichen Sprachen) kann man einen so vollständigen Überblick über Dari-sprachige Autoren und ihre Werke finden.

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