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ELEVIN VOM HINDUKUSCH – Textauszug (Teil 3) aus dem 1. Kapitel des geplanten SF-Romans “Das Paradies der Schriftlosen” von Detlef Hedderich

ELEVIN VOM HINDUKUSCH

Textauszug (Teil 3) aus dem 1. Kapitel des geplanten SF-Romans

“Das Paradies der Schriftlosen”

von

Detlef Hedderich

(Zum vorherigen Teil)

Im Stadtverkehr von Kabul fallen die vielen Gebrauchtbusse auf. Ein Grossteil der Menschen hat weder Arbeit noch Einkommen. Kinder und Alte betteln überall. Die ehemalige Hippiestrasse aus den 1960er Jahren ist heute eine Einkaufsstrasse für die vielen Ausländer, die sich vor allem aus den zahlreichen Mitgliedern der über tausend Hilfsorganisationen zusammensetzen, die hier ihre Einkäufe tätigen.

Im Moment wirken einige Bauvorhaben in der Stadt in etwa so, als würde man die Menschen aus dem Mittelalter in die Neuzeit katapultieren wollen, ohne Rücksicht auf den Einzelnen. Dabei verschärft sich auch der Konflikt zwischen der Stadt und dem ländlichen Umfeld. Doch nicht nur das ökonomische Ungleichgewicht trägt dazu bei, sondern auch die unterschiedlichen Vorstellungen über die Lebensweise spalten die Gesellschaft.

Dreh- und Angelpunkt ist das Bildungswesen des Landes, in dem etwa die Hälfte aller Menschen sich im Schulkindalter befindet. Auch die Mädchen erobern sich nach langer entbehrungsreicher Zeit, in der ihnen jegliche schulische Bildung untersagt war, diese zurück. Oft sitzen die Schulklassen in einem vom Krieg ausgebombten Bus, der als Klassenraum herhalten muß. Etwa 2000 Schulen wurden in den letzten 50 Jahren durch Kriegshandlungen in Trümmer gelegt. Die Lernbegeisterung der Kinder ist dennoch da und die wenigen ausgebildeten Lehrkräfte geben sich alle Mühe, unter diesen Bedingungen Bildung unter die jüngsten Mitglieder ihres Volkes zu bringen.

Das Mädchen ließ seinen Blick umherschweifen und setzte sich plötzlich in Bewegung. Ohne zu zögern ging es den Weg hinunter und nach wenigen Schritten begann es sogar zu laufen. An der Wegkreuzung schlug es die Richtung zur Siedlung der Großköpfler ein. Es lief und lief, bis es ganz atemlos war.

Erst dann begann es, das Tempo zu drosseln und zu gehen und allmählich wurden seine Schritte wieder langsamer. Schließlich schlurfte es nur noch vorwärts. Hin und wieder schniefte es, schluckte und weinte. Am Wege fand es einen Brogradienstock und hob ihn auf. Wütend begann es damit, alle Pflanzen und Gräser umzuhauen, drosch schließlich auf alles ein, um es totzuschlagen.

Dabei trottete  es langsam in Richtung der Siedlung weiter. Einmal blieb es stehen, um nachzudenken. Eigentlich war es gut, dass es nicht mehr zurück konnte in die ursprüngliche Heimat, in seine Welt. Was gab es dort schon zu erwarten außer Trauer, Leid und Elend. Und doch war es irgendwie nett gewesen in der Heimat. Und auch auf dem Hof war es nett gewesen, die Arbeit in den Feldern hatte dem Mädchen gefallen.

Alles wäre so schön gewesen in der alten Heimat, wenn nur Papa und Mama nicht von den Gotteskriegern verschleppt und später getötet worden wären, so dass es danach als Waise von Männern mit Gewehren vom Hof weggeholt wurde.  Schließlich hatte der unheimliche aber freundliche Fremde es in seine Obhut genommen. Und jetzt lebte es in dieser verrückten fremden Welt, wobei es nicht weiß, wie es überhaupt hier hergekommen war, und die irgendwie endlos zu sein schien…

So bleibt einer solchen Kindergesellschaft nichts anderes übrig, als diejenigen Schüler nach Beendigung der Oberschule – ohne Lehrerausbildung – selbst ins Lehrerdasein zu werfen. Achtzig Prozent dieser neuen Lehrkräfte sind Frauen, die dafür spärliche 50 Dollar im Monat erhalten. Die Anzahl der Kinder ist derart hoch, dass die Schüler  in drei Schichten täglich  von 7:00 Uhr morgens bis 19:00 Uhr nachmittags unterrichtet werden.

Die Kinder besuchen, soweit sie die Möglichkeit dazu haben, vom 7. bis zum 13. Lebensjahr die Grundschule, danach dürfen sie freiwillig, solange die Familien mitspielen, weiterführende Schulen bis zum 13. Schuljahr besuchen. Die Bedingungen sind dabei schwierig. Es fehlt an allem: an Heften, Stiften, Stühlen, Tischen und Bänken. Reichen die ausgebombten Busse, Zeltplätze und Ruinen nicht aus, wird im Freien gelernt. Dabei zeigt es sich, dass vor allem die Mädchen sehr gute Lernerfolge vorweisen können.

Dies ist eigentlich absurd in einer Gesellschaft, die vor wenigen Jahren noch im Mittelalter lebte und Frauen hier ganz und gar von Bildung ausgeschlossen waren. Gerade diese Ungerechtigkeit Frauen gegenüber ist die Ursache für den starken Zulauf der Hilfsorganisationen, die es sich auf die Fahnen geschrieben haben, diese Ungerechtigkeit zu ändern und Frauen als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu emanzipieren. In wenige Jahren wird die Bildungselite daher eher bei den jungen Frauen anzutreffen sein als bei den jungen Männern, von denen viele wieder als Opfer  in kriegsähnlichen Auseinandersetzungen ihr Leben lassen werden.

Wie bereits erwähnt, hat der Umstand, dass in dieser Gesellschaft ein Umbruch stattfindet, die Begleiterscheinung, geeignete Probandinnen als Besatzung für das Minsky-Habitat zu finden, nicht einfacher werden lassen. Seit Beginn meines Auftretens auf diesem Planeten ist es mir gelungen, in mehr als 400 Jahren 20.000 Elevinnen zu evozieren…

Ein paar Tage lang hatte es ununterbrochen geregnet. Da war dem Mädchen nichts anderes übrig geblieben, als in seiner Behausung auszuharren und sich mit dem Würfel, der an einer Kette um seinen Hals hing, zu beschäftigen. Es fand heraus, wie es mit dem Ding sprechen konnte und dass der Würfel alle seine Fragen nach bestem Gewissen zu beantworten versuchte.

So fragte das Mädchen das Ding, wo es sich befand. Der Würfel erklärte, dass es sich in einer virtuellen Welt befand, die im Inneren eines Computers existierte. Der Würfel erklärte ihm, dass es eines von vielen Mädchen sei, das von der Erde fortgeholt wurde. In ein Stasisfeld eingeschlossen und mit einem technischen Überlebenssystem verbunden, existiert es nun in millionenfach langsamerer Taktgeschwindigkeit als in der echten Welt.

In der virtuellen Welt erscheint die Geschwindigkeit normal. Alle Lebewesen, die sich darin aufhalten, befinden sich in Wirklichkeit alle in Stasisfeldern. Durch die Verlangsamung der tatsächlichen Lebensgeschwindigkeiten, ist es vielen Bewohnern fremder Welten, die sich in weit voneinander entfernten Galaxien befinden, möglich, miteinander zu kommunizieren. Ohne Stasisfelder, die zusammen mit den biologisch-technischen Lebenserhaltungssystemen, die die daran angeschlossenen sozusagen in Zeitlupe altern läßt, wäre keine Kommunikation zwischen den verschiedenen intelligenten Lebensformen des Universums möglich. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Entfernungen zwischen den Galaxien Millionen von Lichtjahre entfernt sind.

Da die Obergeschwindigkeit für den Austausch von Information die Lichtgeschwindigkeit ist, läßt sich eine Kommunikation nur dadurch bewerkstelligen, dass man den Lebensablauf der jeweilgen intelligenten Lebensform extrem verlangsamt. Dies gilt für alle Lebensformen, nicht nur für die Menschen, die  dadurch mittels einer Art kosmischen Internets in der virtuellen Fantasiewelt aufeinander treffen. In Wirklichkeit liegt jedes dieser Wesen angeschlossen an seine jeweilige Apparatur im Stasisfeld Millionen von Lichtjahre entfernt in seiner eigenen Galaxis.

-Ende-

 

Copyright (C) 2012 by Detlef Hedderich

Bildrechte: Coverillustration “Evolution. – Menschheitsgeschichten” (http://www.chaosrigger.org/pixel02/upload/2011/02/06/20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Cyborgs01-89-minus34-minus54” (Originaltitel: 20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.


Zwei Leseempfehlungen der Redaktion:

Karl Wutt
Afghanistan. Von innen und außen.

Welten des Hindukusch

Verlag :      Springer Wien
ISBN :      978-3-211-99153-4
Einband :      Paperback
Preisinfo :      ca. 39,95 Eur[D] / ca. 39,95 Eur[A] / ca. 62,00 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Seiten/Umfang :      350 S.
Erscheinungsdatum :      1., st Edition. 01.05.2010
Aus der Reihe :      Edition Transfer

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Karl Wutt zählt zu den subtilsten Kennern Afghanistans, weil er – als Architekt, Ethnologe und reisender Forscher – in den letzten Jahrzehnten immer wieder Monate in entlegenen Regionen des Landes verbrachte und das in engstem Kontakt mit der lokalen Bevölkerung.

Seine poetischen Fotos und Schilderungen sind Ausdruck solcher Annäherungen an fremd gebliebene, neuerdings wieder fremder gewordene, in sich sehr unterschiedliche Kulturen. Einem durch Kriegsberichte, Islamistenterror, Kulturkampfpropaganda vergröbertem‚ westlichen Blick’ werden Nuancen und die Vielfalt von Lebensweisen bewusst gemacht.

Karl Wutt sucht Qualitäten – sein Buch beweist, wie sehr es dabei auf Aufmerksamkeit ankommt: Einzelheiten verweisen auf Verborgenes, Zeichen auf Erzählungen, Gestaltung auf Universelles. Die dokumentierte Sichtweise „von innen und außen” spielt auf uferlose Grenzerfahrungen an, auf ein ständiges Hin und Her von Transferbeziehungen, auf Verstehen und Erahnen, auf das Überschreiten von Schwellen, auf unzugänglich Bleibendes.

Karl Wutt
geb. 1943 in Buchscheiden (Kärnten).
Studium der Architektur an der TU Wien.
1971 – 97 Feldforschungen bei Kalasha, Pashai und anderen Ethnien des Hindukusch.
1978 Dissertation über >Architektur einiger Hindukusch-Täler<.
Lehrbeauftragter am Institut für Völkerkunde der Universität Wien.
1990 – 2004 Lehrtätigkeit an der Akademie der bildenden Künste in Wien.
2000 Foto Ausstellung, >Children<, zusammen mit Suchitra Van, >Estrangements<, Kupferstichkabinett der Kunstakademie, Wien.
Seit 2002 Reisen nach Afghanistan, Studium der Pashai nach dem Krieg.
2007 Ausstellung über Afghanistan an der Akademie der bildenden Künste in Wien.
2008 Ausstellung, >Stile, von Gegenden und Gegenständen< bei: aut.architektur und tirol (vormals Architekturzentrum), Innsbruck.

Publikationen (Auswahl):
– >Pashai. Landschaft. Menschen. Architektur<, Graz, 1981.
– >Afghanistan, auf den zweiten Blick<, Akademie der bildenden Künste, Wien, 2007.
– >Stile von Gegenden und Gegenständen von Karl Wutt, Bohatsch Visual Communication, aut. architektur und tirol, und Arno Ritter (Taschenbuch – November 2008)

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Sayed H. Hossaini
Die Erzählprosa der Dari-Literatur in Afghanistan 1900 – 1978


Verlag :      Kovac, J
Website: http://www.verlagdrkovac.de
ISBN :      978-3-8300-5000-1
Einband :      Paperback
Preisinfo :      75,00 Eur[D] / 77,10 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Seiten/Umfang :      192 S. – 21,0 x 14,8 cm
Erscheinungsdatum :      1. Auflage 03.2010
Gewicht :      247 g
Aus der Reihe :      POETICA 108

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Im multinationalen Afghanistan haben sich in den Sprachen Dari (afghanisches Persisch) und Pashto zwei Literaturen herausgebildet, die jeweils auf eine gewisse Tradition zurückblicken können. Im vorliegenden Werk wird ein Abschnitt der Dari-Literatur behandelt, der die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung des Landes widerspiegelt.

Während in der Vergangenheit die Poesie eine größere Rolle spielte, hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts auch eine Prosa herausgebildet, die nach europäischem Vorbild besonders Essays, Memoiren, Theaterstücke, Reisebeschreibungen, Erzählungen und vor allem Kurzgeschichten umfasst, während der Roman in dieser Epoche als noch nicht ausgereift galt.

Afghanische Literaten stellen in ihren Werken die moderne afghanische Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen dar.

Behandelt werden vor allem sozialkritische, aber auch historische, folkloristische und psychologische Themen. Die Thematik wird im vorliegenden Werk an ausgewählten Beispielen exemplarisch demonstriert.

Als Zeitraum wurden die Jahre 1900 bis 1978 gewählt, d. h. von der Einbeziehung Afghanistans in die moderne Entwicklung bis zur sog. „Aprilrevolution“, nach der das Land in das bis heute andauernde Unglück geriet.

Angesichts des im deutschsprachigen Raume bislang vorherrschenden Defizits hinsichtlich der Kenntnis der gesellschaftlichen Probleme Afghanistans sowie der kulturellen Leistungen des afghanischen Volkes ist das Buch eine sachkundige und aussagekräftige Studie, die zugleich auch junge, hier lebende Afghanen mit der Literatur ihrer leidgeprüften Heimat vertr macht.

In keinem anderen deutschsprachigen Werk (und wohl auch nicht in anderen westlichen Sprachen) kann man einen so vollständigen Überblick über Dari-sprachige Autoren und ihre Werke finden.

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