sfbasar.de

Literatur-Blog

EISZEITSYMPHONIE – Supershortstory von Rüdiger Heins

 

ÜBERRASCHUNGSGESCHICHTEN-60-minus-160-0-20110114100400-0d964f2a

EISZEITSYMPHONIE

Supershortstory

von

Rüdiger Heins

BESINNLICHE MOMENTE-SUBCOVER-100-minus-140-0

.
Das Wasser des Aquariums ist durch der Kälte der Nacht gefroren. Der einsame Goldfisch hat im Becken gerade noch so viel Platz, dass er seine Flossen sanft bewegen kann. Benedikt geht in die Küche, um einen Kessel Wasser aufzustellen. Er will mit dem kochenden Wasser das Eis zum Schmelzen bringen, damit der Goldfisch wieder schwimmen kann.

Dann ist da noch das Loch in der Küchentür. Onkel Franz hat es am Abend zuvor hineingetreten, um sich Eintritt zu verschaffen. Die hinter der Küchentür standen, seine Mutter, seine beiden Brüder und Benedikt, hatten Angst. Keiner sprach ein Wort, sie sahen sich nicht an, weil sie Angst davor hatten, einander ihre Angst zu zeigen. Onkel Franz stolperte fluchend die Treppenstufen hinunter, nachdem er vor seiner eigenen Wut erschrocken war.

 

DSCI0415-1.

Sie standen noch lange so hinter der Küchentür mit dem Loch. Niemand bewegte sich. Nur leise atmeten sie, Benedikt schluchzte leise in sich hinein, er hielt die Katze im Arm, um sie zu trösten. Sie schnurrte. Seine Katze gab ihm ein Gefühl von Geborgenheit. Das war der Abend vor dem Heiligen Abend, das Loch in der Küchentür und dann das Eis am nächsten Morgen im Aquarium. Benedikt Grüns erste Erinnerung an ein Weihnachten in seiner Kindheit. Damals war er vier Jahre alt. Danach gab es für ihn kein Weihnachten mehr. Er nahm sich fest vor, niemals wieder dieses Fest zu feiern, weil er nicht wollte, dass irgendeine Tür eingetreten wird oder die Fische erfrieren müssten. „Wenn das Weihnachten ist“, sagte er zu sich, „soll für mich nie mehr Weihnachten sein!“

In den Straßen der kleinen Stadt ist ein geschäftiges Treiben. Menschen eilen durch die Straßen, um die letzten Geschenke einzukaufen.

Eric Clapton ist wieder in sein Leben zurückgekehrt und während die Eiskappen der Pole vor Wärme schmelzen, werden die Herzen der Menschen immer kälter. Da ist noch der Blues, der in jenen Menschen pocht, die nicht aufgegeben haben zu träumen. Dieser ungestillte Wunsch nach einem Miteinander. In einer Zeit, in der keiner mehr mit jemandem spricht und: niemand mehr jemandem zuhört. Es ist Advent. Grün schleppt sich durch diese seltsame Zeit. Die Zeit der Erwartung. Er hat das Gefühl für den Advent verloren. Da ist nicht mehr der Traum von innerer Harmonie, selbst der Duft von Zimtgebäck bringt ihn nicht in  Weihnachtsstimmung.

 

DSCI0415-2

 

Einen Tag vor Heiligabend irrt auch er durch die Straßen dieser kleinen Stadt. Der Stadt, an der die Nahe in den Rhein fließt.

Auch er macht noch die letzten Besorgungen für Weihnachten. Seit vielen Jahren hat es zum ersten Mal wieder geschneit. An einer Straßenecke stehen ein paar russische Musiker, die Lieder aus ihrer Heimat spielen. Ihr Hut, der vor ihnen liegt, ist leer. Nur wenige Passanten beachten sie. Auch Grün nimmt keine Notiz von ihnen.

Ein Weihnachtsmarkt, der gar keiner ist, der aber so aussehen soll, als wäre er einer, zieht sich durch die Straßen der Fußgängerzone. Hinter den Ständen erwartungsvolle Menschen, die auf Käufer warten. Handgezogene Kerzen, Weihnachtsgebäck, Holzspielzeug und Räuchermännchen bleiben auf den Tischen liegen, einfach liegen.

In einem Tabakwarenladen kauft er sich eine kleine Holzschachtel mit kubanischen Panatellas. Zehn Stück zu 5 Euro 70. Draußen vor der Tür zündet er sich eine an und geht weiter.

.

DSCI0440 schnitt 2

Die Panatela ist eine dünnere Zigarre mit etwa 14 mm Durchmesser. Im Gegensatz hierzu hat eine Robusto eine Dicke von 19,84 mm (das entspricht dem exakten Ringmaß 50), ist aber mit durchschnittlicher Länge 124 mm vergleichsweise kurz. Dicke Zigarren sind nicht zwangsläufig besonders kräftig, im Gegenteil bietet ein im Verhältnis zur Länge großer Durchmesser auch einem leichten Aroma die Möglichkeit zur komplexen Entfaltung. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Zigarre

Grün hatte schon immer ein ambivalentes Verhältnis zu den Menschen, die hier wohnen. Umgekehrt gab es auch Menschen in dieser Stadt, die zu ihm ein ebenso ambivalentes Verhältnis hatten. Schon früh wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei, um im gleichen Atemzug aus der Katholischen Kirche auszutreten. In einer Stadt wie dieser, man als jemand, der etwas werden wollte, katholisch zu sein. Wollte man aber wirklich erfolgreich sein, war es nützlich, Mitglied, wenn auch nur ein passives Mitglied, der CDU zu werden. Es war keine Frage der Intelligenz oder des guten Benehmens, in dieser Stadt Anerkennung zu erhalten. Dieser verordneten Langeweile wollte er sich nicht aussetzen. So gaben sie ihm keine Arbeit. Sie sagten ihm: „Herr Grün, Sie bekommen hier keine Arbeit, Kommunisten haben in dieser Stadt nichts zu suchen!“ Aber Grün war bereit, den Preis zu zahlen. Langzeitarbeitslosigkeit war die Folge. Aber auch das überlebte er. Auf die Frage, weshalb er immer noch hier leben würde, antwortete er: „Ich werde erst gehen, wenn man dieser Stadt anmerkt, dass ich einmal hier gelebt habe!“

Die Schneeflocken werden immer dicker. Grün macht noch ein paar Züge an seiner Panatella und wirft dann den Stummel in einen Gully.

 

DSCI0415-3.

Die Straßen sind leicht mit Schnee bedeckt. Er scheint liegen zu bleiben. Der Traum eines jeden Kindes: Weihnachten in Weiß. Auch Grüns Traum damals, als der Goldfisch im Aquarium eingefroren war und er versuchte, ihn mit dem kochenden Wasser des Kessels zu retten.

Er legt ein paar Scheite Holz mehr in den Ofen, damit das Wasser schneller zu kochen beginnt. Seine Mutter und die beiden Brüder schlafen noch. Der Morgen an Heiligabend. Sein Großvater spielt unten in der Küche auf einer Zither Weihnachtsmelodien. Bestimmt würde er mit geschlossenen Augen am Küchentisch sitzen und mit seinen Fingern sanft über die Saiten gleiten. Während er den Kessel auf die heiße Herdplatte stellt, streift die Katze um seine Beine. Sie versucht mit einem leisen Miauen, ihn um Futter anzubetteln. Er nimmt aus dem Schrank eine Tüte mit Trockenfutter und legt eine Handvoll Flocken auf ihren Teller. Aus dem Kühlschrank holt er noch die Milch und gießt sie in eine kleine Schale. Die Katze schnurrt vor Freude, als er die Schale mit der Milch auf den Boden stellt: „Heute ist Weihnachten, da sollst auch du eine Freude haben.“

Benedikt steigt auf einen Stuhl und schaut durch das Küchenfenster. Draußen fallen dicke Schneeflocken vom Himmel. „Schau mal, wir bekommen weiße Weihnachten“, sagt er zu seiner Katze, die jetzt aus der Milchschale schleckt, aber das Schnurren noch nicht aufgegeben hat. Damals vertraute er den Erwachsenen noch, später, als junger Mann, auch. So lief er in jedes Messer, das sie vor ihm aufklappten. Sie wollten sich mit ihm messen, wollten ihm beweisen, dass sie stärker seien als er. Das gab ihnen ein Gefühl von Macht. Irgendwann verlor er das Vertrauen und verstand, wie sie ihn wollten. Er sollte einer von ihnen werden. Dann begann er, ihnen ihre Ohnmacht zu zeigen.

Jetzt geht da ein Mann durch die verschneiten Straßen, der nicht das Geringste von Weihnachten versteht. Damals, als er am Morgen des Heiligabends seinen Goldfisch vor dem Erfrieren retten wollte, lag draußen bereits eine dicke Schneedecke auf der Erde. Er trug den Kessel mit dem kochenden Wasser mit beiden Händen in das Wohnzimmer. Die Katze schnurrt noch immer über der Milch. Langsam steigt er auf einen Stuhl, um das heiße Wasser besser in das Aquarium gießen zu können. In der Ecke steht bereits ein geschmückter Weihnachtsbaum mit Wachskerzen. Es riecht nach den Nadeln der Fichte. Opa hat jetzt die Zither gegen seine Mundharmonika ausgetauscht. Auch dieses Instrument spielt er mit geschlossenen Augen. „Stille Nacht, heilige Nacht.“ Langsam lässt Benedikt heißes Wasser in das gefrorene Becken fließen.

.

DSCI0415-4.

Der Schnee hat die Stadt in eine weiße Kulisse verwandelt. Die Russen spielen immer noch. Sie haben jetzt Regenschirme aufgespannt, damit ihre Instrumente nicht zugeschneit werden. Der Hut ist immer noch leer. Er wirft einen Euro hinein, die Männer singen jetzt lauter und verbeugen sich vor ihm. An einer Straßenecke sitzt ein Obdachloser, auch er hat eine Mütze vor sich liegen, die leer ist. Grün will an ihm vorbeigehen. Er summt leise ein Lied von Clapton vor sich hin: „Lonely Stranger“. Doch der Obdachlose ruft ihm hinterher: „Die Eiskappen der Pole schmelzen vor Wärme, aber die Herzen der Menschen werden immer kälter.“

-ENDE-

Copyright Text © 2015 by Rüdiger Heins; Grafiken im Text von © 2016 by Courtage mit freundlicher Genehmigung. Eingangsgrafik Weihnachtsmann mit Schlitten  © 2012 by Lothar Bauer

Bilder und Grafiken im Text vom Künstler „Courtage“ mit freundlicher Genehmigung.

Bildrechte: Besinnliche Momente und Reflexionen” (Besinnlich-die-zweite.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Liebe Besucher, Leser und Unterstützer unseres Literaturblogs, wenn Ihr unseren Autoren ein wenig Unterstützung bieten möchtet, so gibt es jetzt die Möglichkeit, eine kleine Summe über den unten stehenden Button per Paypal in die Kasse einzuzahlen, aus der dann die Preisgelder für die Gewinner des nächsten Storywettbewerbs mitfinanziert werden:

Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

Buchtipp des Autoren in eigener Sache:

Der Konvent – Zisterziensermönche der Abtei Himmerod erzählen (Kartoniert)
von Heins, Rüdiger

.

Verlag:  Wiesenburg Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  160
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erscheint:  Dezember 2014
Maße:  140 x 210 mm
Gewicht:  200 g
ISBN-10:  3956322525
ISBN-13:  9783956322525

Beschreibung
Der Autor flicht seine eigenen Erinnerungen an Himmerod als Wegstation seit seiner Jugend ein, bringt lebensgeschichtliche Verbindungen mit diesem Ort ins Wort, die als Hintergrund der Begegnungen mit heutigen Mönchen spannende Eindrücke vermitteln. Und er schenkt dem Leser Reflexionen über seinen Lebensweg, seinen way of life. Dies immer entlang eines monastischen Tages. Manchmal durchaus etwas dramaturgisch entfaltet und doch ein Sprungbrett hin zu dem, was die Mönche von sich preisgeben und erzählen. Tatsächlich also keineswegs ein Klosterführer, sondern ein Blick hinter die Kulissen. Sehr persönlich gehalten, eigenwillig durchaus in den Äußerungen der Mönche, divergent manchmal, somit ein Spiegelbild einer Gemeinschaft von Männern, die teilweise lange Jahre in der Welt gelebt haben, bevor sie in der Mitte des Lebens ihrer klösterlichen Berufung gefolgt sind. Und insofern stimmig für Himmerod, wie es sich heute darstellt.

Autor
Rüdiger Heins ist freier Schriftsteller und produziert Beiträge für Hörfunk, Fernsehen und das Internet. Er ist Dozent im Creative Writing sowie Gründer und Studienleiter des INKAS – INstitut für KreAtives Schreiben. Mit seinem Roman “Verbannt auf den Asphalt” und den Sachbüchern “Obdachlosenreport” und “Zuhause auf der Straße” machte er die Öffentlichkeit auf Menschen am Rand der Gesellschaft aufmerksam. In seinen Theaterstücken “Allahs Heilige Töchter”, und “Fee: Ich bin ein Straßenkind”, greift er ebenfalls sozialkritische Themen auf. Er organisiert Literaturveranstaltungen und interdisziplinäre Künstlerprojekte. Rüdiger Heins ist Herausgeber des Online Magazins “eXperimenta”. Zuletzt erschien sein Roman “In Schweigen gehüllt”.

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei ebook.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Leseproben auf sfbasar.de, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

.

2 Comments

Add a Comment
  1. Hervorragend gestalte!! Herzlichen dank an Detlef und den Künstler Courtage!

    Rüdiger Heins

  2. Wie findest du das extra für dich und deine Story gemalte Zigarrenkästchen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme