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EISIGE RACHE – Fantastische Geschichte von Thomas Vaucher

EISIGE RACHE

Fantastische Geschichte

von

Thomas Vaucher

Der Zwerg sah aus wie ein zu klein geratener Yeti. Massig und breit präsentierte sich sein Körper, was wohl zu einem guten Teil auch daran lag, dass er einen dicken Fellmantel trug. Sein langer Bart war völlig vereist, sodass es aussah, als würden ihm statt Barthaare, Eiszapfen am Kinn wachsen. Und vielleicht war es sogar so.

Der kleine Junge hatte sich das ganze Jahr über auf diesen Tag gefreut, denn sein Vater hatte ihm versprochen, dass er ihn dieses Mal mitnehmen würde, wenn er die Waren der beiden Zwerge begutachten würde.

Jedes Jahr stiegen die zwei Zwerge am kältesten Tag des Winters von den verschneiten Bergen ins Tal hinunter, um ihre Schmiedewaren den Menschen zu verkaufen. Diese boten sie ihnen dann jeweils in der kleinen Kirche des Dorfes an, weil es der einzige Ort war, welcher groß genug war, alle Menschen der Siedlung aufzunehmen. Doch weil die Zwerge jeweils erst spät am Abend kamen, hatte der kleine Knabe noch nie dabei sein dürfen. Sein Vater hatte ihm immer von den beiden seltsamen Gestalten erzählt, doch gesehen hatte er sie noch nie. Nun da sie vor ihm standen, kaum größer als er selbst und doch auf eine unheimliche Art beeindruckend und Ehrfurcht erweckend, verstand er, warum sein Vater ihn als Kleinkind nie hatte mitnehmen wollen. Ihr Anblick war nicht nur anders und seltsam, sondern auch ein wenig Furcht einflößend.

Vor ihnen waren einige Tische aufgestellt worden, auf welchen die Waren lagen. Verblüfft betrachtete das Kind all die schönen und zum Teil fremdartigen Gegenstände. Neben Waffen und Rüstungen boten die Zwerge auch Werkzeuge und Küchengeräte feil. Hacken, Spaten, Kessel, Kelche und dergleichen. Sogar Spielzeug lag auf dem Tisch. Wunderschöne eiserne Figuren, Anhänger, Ketten und Medaillons, welche allerlei Tiere und Fabelwesen darstellten.

Staunend besah sich der Junge all die schönen Kostbarkeiten.

Sein Vater hatte bereits einen neuen Topf für seine Frau erstanden und wollte gehen, da fasste sich der Knabe ein Herz.

„Vater, kaufst du mir diesen wunderschönen Anhänger mit dem Einhorn?“, fragte der Junge mit hoffnungsvollem Blick. Die Figur des Fabeltieres war kaum größer als der Daumennagel des Kindes, doch sie war einzigartig gearbeitet, wie jedes Stück aus der Schmiede der beiden Zwerge.

Doch sein Vater schüttelte nur traurig den Kopf.

„Ich habe kein Geld mehr“, sagte er. „Lass uns nach Hause gehen.“ Und er streckte seinem Sohn die Hand entgegen.

Da legte sich dem Knaben eine riesige eiskalte Pranke auf die Schultern und als er sich erschrocken umdrehte, sah er in das Gesicht des einen Zwerges.

„Hier, Junge“, brummte dieser mit seiner tiefen Stimme und streckte ihm den Anhänger entgegen. „Ich schenke ihn dir.“

Der kleine Knabe konnte kaum glauben, dass es tatsächlich wahr sein sollte. Schüchtern nahm er den Anhänger aus der anderen Hand des Zwerges entgegen und hängte ihn sich um. Glücklich lächelnd ergriff er dann die Hand seines Vaters und verließ die Kirche, nicht ohne sich noch einmal nach den beiden Zwergen umzusehen und ihnen zuzuwinken.

„Haben die beiden Zwerge auch einen Namen, Vater?“, fragte er mit unschuldigen Augen, als sie durch den knietiefen Schnee nach Hause stapften.

„Aber ja“, antwortete dieser. „Der größere heißt Gorn und der andere, der dir den Anhänger geschenkt hat, Yarg.“

„Und wo wohnen sie?“, wollte der Kleine weiter wissen.

„Das weiß niemand, Junge“, sagte der Vater, zitternd vor Kälte. „Vermutlich irgendwo in den Bergen. Doch bisher hat sich niemand so hoch hinaufgewagt, als dass er ihre Wohnstätte erreicht hätte.“

„Haben die nicht kalt, so hoch oben?“

Sein Vater lachte laut auf.

„Zwerge sind Wintergeschöpfe, mein Sohn. Noch nie hat jemand im Sommer einen Zwerg gesehen.“

„Ich würde ihre Wohnung gerne sehen, Vater“, sagte der Junge mit leuchtenden Augen und streichelte den Anhänger mit dem Einhorn. „Wenn sie so prächtig ist wie all die Dinge, die sie verkaufen, muss sie wunderschön sein.“

Es begann wieder zu schneien und die beiden schritten schneller aus.

*

Faldar und Thuran folgten den beiden Zwergen nun schon seit einer halben Ewigkeit, wie es ihnen schien. Diese stapften unermüdlich und gleichmäßig wie Maschinen durch den tiefen Schnee.

„Ich verstehe das nicht“, keuchte Faldar. „Wie können sie mit all dem Gepäck, welches sie mit sich führen, so ausdauernd durch den Schnee laufen? Ich trage außer meiner Kleidung nichts bei mir, sinke weniger im Schnee ein als sie und bin beinahe am Ende meiner Kräfte.“

„Komm schon“, meinte Thuran. „Du willst doch nicht etwa aufgeben? Ich will wissen, wo die beiden wohnen.“

„Aufgeben?“ Faldar spuckte verächtlich aus. „Nie im Leben.“

Sie schritten weiter den Berg hinauf, doch mit jedem Meter, den sie zurücklegten, wurde es anstrengender und kälter. Der Wind schlug ihnen unermüdlich ins Gesicht und es war so kalt, dass sie sich trotz den warmen Fellumhängen kaum noch bewegen konnten. Weit vor ihnen sahen sie die beiden Zwerge den Berg hinauf marschieren. Sie schienen keine Mühe zu haben. Egal wie steil oder wie kalt, wie tief der Schnee war, sie marschierten unermüdlich im gleichen Tempo empor.

„Ich spüre meine Finger nicht mehr“, keuchte Faldar, „vielleicht sollten wir doch umkehren.“

„Na dann dreh doch um, du Feigling“, zischte Thuran, doch seine Worte taten ihm im selben Moment schon wieder leid.

„Wir sind weiter gekommen als all die Jahre zuvor“, sagte er deshalb beinahe beschwörend. „Wir sind so kurz vor dem Ziel, ich spüre es.“

„Das hast du letztes Jahr auch gesagt“, keuchte Faldar, „und vorletztes Jahr. Und das Jahr davor. Wir werden ihre Hütte nie finden.“

„Ach sei still!“, fauchte Thuran und stapfte weiter.

Es begann nun wieder zu schneien und zwar so stark, dass die Zwerge schon bald aus ihrem Blickfeld verschwunden waren. Thuran fluchte und schritt schneller aus. Dass Faldar nicht mit seinem Tempo mithalten konnte, nahm er gar nicht wahr.

Der Weg wurde immer mühsamer, bis er vor einer Felswand endete. Sie war steil und weit oben sah er die beiden Zwerge emporklettern. Thuran fluchte und wollte ihnen folgen, doch schon nach wenigen Metern waren seine klammen Finger so schwach, dass er den Halt verlor und rücklings in den Schnee fiel. Benommen richtete er sich auf und sah sich suchend nach Faldar um. Dieser war nirgends zu sehen. Angst schlich in Thuran hoch. Was, wenn Faldar hier draußen erfror? Würden sie den Rückweg bei diesen Temperaturen überhaupt noch schaffen?

Müde stemmte er sich in die Höhe und taumelte den Weg zurück, wo er Faldar vermutete.

„Ich komme wieder“, murmelte er wütend.

*

Die Felswand sah noch genauso gefährlich aus wie das letzte Mal, als er sie gesehen hatte. Nur mit dem Unterschied, dass sie nun wenigstens nicht mehr vereist und glatt, sondern grün und bewachsen war. Die Sonne brannte heiß vom Himmel herab, doch Thuran genoss ihre warmen Strahlen auf seiner Haut. Wenn er an die Kälte jener Nacht zurückdachte, fuhr ihm ein Schauer über den Rücken.

Sie hätten es beinahe nicht mehr geschafft. Faldar war halb bewusstlos im Schnee gelegen und er hatte ihn fast zurücktragen müssen, so schwach war er gewesen.

Doch sie waren noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Deshalb hatte er beschlossen, im Sommer dort weiter-zusuchen, wo er im Winter nicht mehr weitergekommen war. Dies, obwohl er wusste, dass die Chancen relativ gering waren, hier in diesem Gebirge, die Behausung der beiden Zwerge aufs Geratewohl zu finden.

Die Steilwand war nicht gerade einfach zu erklimmen und Thuran fragte sich, wie es den Zwergen gelungen war, im Winter hier heraufzuklettern. Noch dazu mit ihren ganzen Handelswaren.

Glücklicherweise waren sie gute Kletterer, sodass die beiden jungen Männer schon bald oben angelangt waren. Doch dort erwartete sie schon das nächste Problem. Thuran wusste nicht, was er erwartet hatte. Vielleicht eine Hütte oder Höhle, doch statt einer Behausung waren nur weitere Steilwände, Felsen und Abgründe zu sehen und es gab keinerlei Anhaltspunkte, wohin sie sich wenden sollten.

Hinter ihm quälte sich Faldar über den Rand der Steilwand und stöhnte gequält auf, als er sah, wozu er den Aufstieg gewagt hatte.

„Was nun?“, wollte Faldar nach einer Pause wissen. „Sie können überall sein. Wir können doch nicht jeden Felsen absuchen und jede Wand erklimmen.“

„Eine Stunde noch“, antwortete Thuran. „Gib mir eine Stunde und wenn wir sie bis dahin nicht gefunden haben, gebe ich auf und versuche es nie wieder.“

„Wer’s glaubt“, spottete Faldar. „Aber gut. In einer Stunde machen wir uns auf den Rückweg.“

Nach einer kurzen Pause kletterten sie weiter. Es wurde nun immer felsiger, steiler und gefährlicher. Immer öfter taten sich Felsspalten auf, welche sie überspringen oder Abgründe, die sie umgehen mussten. Vor Thuran lag plötzlich ein Geröllhang, der ziemlich steil nach unten führte und vor einer Felsspalte endete. Thuran umging ihn in einem großen Bogen und kletterte auf der anderen Seite einen Felsen hinauf, als er hinter sich Faldar entsetzt aufschreien hörte. Als er sich umdrehte, sah er, wie Faldar den Geröllhang hinunter schlitterte und mit einem panischen Schrei in der Felsspalte verschwand.

Thuran fluchte innerlich und hielt den Atem an.

Gelächter ertönte und er erkannte Faldars Stimme.

„Thuran“, rief dieser lachend, „ich habe eine Höhle gefunden. Die Spalte ist nicht tief, komm ruhig nach.“

Thuran schlitterte den Abhang herunter und hielt für einen Moment lang den Atem an, als er über der Felsspalte in der Luft hing. Dann prallte er hart auf dem felsigen Boden auf und keuchte, als ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde.

„Nicht tief?“, fauchte er Faldar an, welcher ebenfalls einige Schrammen davon getragen hatte. Die Spalte war etwas höher als er selbst und ebenso breit, jedoch hatte dies ausgereicht, ihm beinahe sämtliche Knochen anzuknacksen. Jedenfalls fühlte es sich so an. Doch die Flüche blieben ihm auf der Zunge stecken, als er den Eingang sah.

Am Ende des kleinen Risses in der Erde türmte sich der Felsen hoch auf. Doch davor war eine Öffnung auszumachen. Eine Höhle in der Felsspalte!

Thuran sah Faldar zweifelnd an. Dies sollte die Behausung der beiden Zwerge sein? Einerseits sah es so ärmlich aus und andererseits war es perfekt versteckt. Eine bessere Tarnung für ein natürliches Bauwerk konnte man sich nicht wünschen.

Thuran zündete eine Fackel an und dann betraten sie die Höhle.

Was sie darin erblickten, ließ ihnen den Atem stocken. Was von außen so klein und erbärmlich ausgesehen hatte, war in Wirklichkeit eine gigantische Grotte. Sie musste mehrere Dutzend Schritt hoch sein und war mindestens so groß wie die Kirche in ihrem Dorf. In der Mitte der Höhle waren zwei große steinerne Gebilde zu sehen, welche entfernt an Särge erinnerten. An der Rückwand war eine komplette Schmiede errichtet worden. Blasebalg, Feuerstelle, Amboss und Werkzeuge lagen jedoch verlassen und erkaltet da. An den Wänden standen Regale mit vielerlei herrlichen Gegenständen. Waffen, Rüstungen und all die schönen Dinge, welche die beiden Zwerge im Winter jeweils ins Tal brachten.

„Sieht aus wie ausgestorben“, flüsterte Faldar, als hätte er Angst, jemanden zu wecken.

Thuran nickte geistesabwesend. Irgendwie war er ob all der Größe doch enttäuscht. Er hatte sich immer vorgestellt, dass die Zwerge königlich wohnen würden, doch trotz all der Kunst, die sie beherrschten, war in dieser Wohnstätte keinerlei Luxus zu sehen. Zwei normale Betten standen in der Ecke, ein grob gezimmerter Holztisch und zwei Stühle daneben und die geschmiedeten Gegenstände lagen unbenutzt auf den Regalen. Abgesehen vom ungewöhnlichen Standort und der Beschaffenheit ihrer Behausung, eine ganz normale Wohnung.

Faldar schaute sich die geschmiedeten Waffen und Gegenstände fasziniert an und nahm alles in die Hand, um es genauer zu betrachten. Thuran jedoch schritt auf die beiden Steingebilde in der Mitte der Höhle zu und besah sie sich genauer. Sie sahen wirklich aus wie Sarkophage. Steinern und schlicht. Doch zu welchem Zweck?

„Was denkst du, was da drin ist?“ Faldar trat neben ihn.

„Ich denke, es sind Särge“, antwortete Thuran. „Vielleicht ihre Väter? Oder Frauen?“

„Du bist einfach zu naiv“, lachte Faldar. „Sieh dich doch mal um. Wo ist all die Pracht, die hier herrschen müsste? Wo ist all das Geld hingegangen, welches sie von uns bekommen haben? Begreifst du denn nicht? Das sind Schatztruhen!“

Thuran sah Faldar zweifelnd an.

„Wenn da nur nicht deine Fantasie mit dir durchgeht“, meinte er.

„Lass es uns herausfinden“, sagte Faldar schulterzuckend und stemmte sich gegen den Deckel des ersten Gebildes. Dieser bewegte sich nur langsam und wenig, obwohl Faldar vor Anstrengung rot anlief im Gesicht.

„Ich glaube, wir sollten das nicht tun“, meinte Thuran unsicher.

„Du willst doch jetzt nicht kneifen?“, keuchte Faldar. „Hilf mir lieber.“

Zögernd trat Thuran neben Faldar und gemeinsam gelang es ihnen, den Deckel beiseitezuschieben. Polternd fiel er zu Boden.

Ein eisiger Hauch entstieg dem Konstrukt. Thurans Magen krampfte sich zusammen, als er hineinblickte.

Das Gebilde war komplett vereist und mittendrin lag Gorn, der Zwerg. Neben sich hörte er Faldar erschrocken die Luft einziehen. Der Bart des Zwerges war komplett vereist. Er hing – Eiszapfen gleich – auf seine Brust herab, wo er seine Hände gefaltet hatte. Sogar seine Augenbrauen waren gefroren und über seinem ganzen Körper lag eine gleichmäßige dünne Eisschicht. Doch das Schrecklichste an dem Anblick war sein Brustkorb.

Er bewegte sich.

Er hob und senkte sich gleichmäßig.

Der Zwerg atmete!

Erschrocken prallte Thuran zurück.

„Lass uns von hier verschwinden“, flüsterte er.

„Nichts lieber als das“, meinte Faldar. Er rannte zu den Regalen, öffnete seinen Rucksack und packte so viele Gegenstände wie möglich hinein.

„Was tust du da?“, keuchte Thuran entsetzt. „Wir wollten bloß ihr Zuhause besichtigen.“

„Wir?“ Faldar lachte laut auf. „Du vielleicht. Ich für meinen Teil war bloß auf die vielen Schätze aus.“ Er gürtete sich ein schön verziertes Schwert um und steckte sich eine große Streitaxt in den Gürtel, ehe er seinen Rucksack schulterte.

„Du würdest gut daran tun, dir auch ein Andenken mitzunehmen“, keuchte er unter der Last seines Rucksackes. „Du wirst nie wieder die Gelegenheit haben, solche Gegenstände zu besitzen.“

Zögernd trat Thuran an das Gestell und da überrannte ihn die Gier. Er füllte seinen Rucksack ebenfalls und stopfte ihn mit allerlei wertvollen Gerätschaften voll. Dann griff auch er sich ein schönes kurzes Schwert und trat neben Faldar.

„Lass uns noch den Sarg schließen“, meinte er.

„Wozu?“ Faldar machte eine wegwerfende Geste. „Der ist sowieso zu schwer für uns. Lass uns von hier verschwinden.“

Einen größeren Fehler hätten sie nicht begehen können …

Eine Woche später stand Thuran wieder vor der Höhle. Sechs Nächte, welche er schlaflos verbracht hatte, lagen hinter ihm. Das schlechte Gewissen hatte ihn wieder hierher getrieben, um die gestohlenen Gegenstände zurückzulegen. Der Rucksack auf seinem Rücken schien Zentner zu wiegen. Langsam betrat er die Grotte. Sie sah noch genauso aus wie vor einer Woche. Der Deckel des seltsamen Schreins lag noch immer neben dem Sarg am Boden. Langsam näherte er sich dem Konstrukt und blickte noch einmal hinein.

Sein Herz setzte für einen Schlag aus.

Das Eis war mittlerweile geschmolzen und der Zwerg lag in einer kleinen Wasserlache in dem seltsamen Gebilde. Doch sein Gesicht war eingefallen, die Haut spannte sich über dem Schädel und die Augen lagen tief in den Höhlen. Sein Körper bestand nur noch aus Haut und Knochen und sowohl die Haupt – als auch die Barthaare waren ausgefallen und schwammen in dem brackigen Wasser umher. Teile seines Körpers waren schwarz verfärbt, als ob sie verbrannt wären. Seine Brust bewegte sich nicht mehr.

Der Zwerg war ohne jeden Zweifel tot.

Thuran schrie auf, warf den Rucksack und das Schwert weit von sich und stürmte aus der Höhle ins Freie heraus.

*

Thuran hatte seit Monaten nicht mehr richtig schlafen können. In seinen Träumen sah er immer wieder das Gesicht von Gorn, dem Zwerg, vor sich. Der Totenschädel grinste ihn an und obwohl er es nicht wollte, näherte er sich ihm jedes Mal auf Armeslänge heran. Dann öffnete der Schädel die Augen und Thuran erwachte schweißgebadet.

Er hatte Angst.

Der andere Zwerg würde sich rächen wollen.

Doch Yarg wusste nicht, wer es gewesen war, versuchte sich Thuran zu beruhigen. Und außerdem würde er wohl erst im Winter ins Tal herab steigen.

Gestern hatte es geschneit.

Thuran hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Seine Holzfälleraxt hatte er stets griffbereit neben der Tür und wenn er das Haus verließ, nahm er sie mit.

Es war beinahe unerträglich kalt heute. Trotz der warmen Fellkleidung und des Feuers im Kamin fror Thuran erbärmlich. Die Nacht war hereingebrochen und er hatte sich vor den Kamin gesetzt, die Axt griffbereit im Schoß.

Es klopfte.

Thuran schrak hoch, die Axt polterte zu Boden. Einen Moment lang stand Thuran still und wie versteinert da.

Es klopfte erneut, diesmal energischer.

Langsam hob Thuran die Axt auf und näherte sich der Tür. Er war sich unschlüssig, was er tun sollte.

Der nächtliche Besucher polterte noch einmal lautstark gegen die Tür.

Einem inneren Drang folgend, entfernte Thuran den schweren Riegel, hob die rechte Hand mit der Axt und öffnete mit der anderen Hand die Tür.

Draußen stand der Zwerg.

Schnee fiel so dicht, dass er ihn kaum sah und der Wind trieb die Flocken mal hierhin, mal dorthin. Sein Bart stand gefroren vom Körper ab und seine Augen hatten die Farbe von grauen Gewitterwolken.

Sie waren auf Thurans zum Schlag erhobene Axt gerichtet.

„Du willst mich töten?“, erklang seine tiefe Stimme.

Mich, der ich dir kein Unheil zugefügt habe?, fügte sein Blick hinzu.

Thuran ließ seine Hand sinken. Er hatte schon so viel Unrecht begangen, er konnte diesen Zwerg nicht einfach so erschlagen. Zudem er nicht einmal bewaffnet war.

„Keine Angst“, sagte dieser, „Ich werde dich genauso wenig töten wie du meinen Bruder getötet hast. Doch sollst du die gleichen Qualen durchleiden wie er.“

Eine riesige eisige Faust schoss auf ihn zu und raubte ihm auf der Stelle das Bewusstsein.

Thuran erwachte mit hämmernden Kopfschmerzen. Er hatte kein Gefühl für oben und unten. Jeder Knochen in seinem Körper tat ihm weh und er fror erbärmlich. Zitternd hob er die Augenlider und wünschte sich im selben Augenblick, es nicht getan zu haben.

Vor ihm lag die Geröllhalde, welche nun im Winter unter einer tiefen Schneedecke verborgen lag. Dennoch erkannte er sie sofort wieder. Er war an einen in den Boden gerammten Holzpflock gefesselt und Yarg hatte ihn all seiner Kleider beraubt. Seine Füße spürte er schon nicht mehr und vergeblich versuchte er, sie zu bewegen. Hilflos sah er sich um und erstarrte.

Neben ihm, kaum eine Armeslänge entfernt, war ein zweiter Pflock in den Boden gerammt worden. Eine nackte Gestalt hing schlaff in den Seilen. Ihre Gliedmaßen waren blau angelaufen und von einer Eisschicht umgeben. Schnee hatte sich auf ihrem Kopf angesammelt, doch Thuran erkannte sofort, um wen es sich bei dem Toten handelte.

„Faldar“, keuchte er. Ihm wurde übel und er erbrach sich. Aber nur ein dünnes Rinnsaal lief aus seinem Mund.

Thuran versuchte, die Fesseln zu sprengen, doch er hatte keine Kraft und sein Körper versagte ihm seinen Dienst. Er begann zu weinen, doch nach einer Weile fehlte ihm selbst dazu die Stärke, sodass es zu einem leisen Wimmern verkam und schließlich ganz versiegte.

Wenig später schon war es still auf dem Gipfel des Berges.

Auf Thurans Brust verlor der Anhänger mit dem Einhorn seinen Glanz, als dunkle Wolken vor die Wintersonne zogen.

Yarg hatte dem Todeskampf des jungen Mannes schweigend zugesehen. Traurig schüttelte er den Kopf und dachte an den kleinen Jungen zurück, welcher vor so vielen Jahren mit leuchtenden Augen den Anhänger mit dem Einhorn entgegengenommen hatte.

Der Zwerg seufzte tief, schulterte sein Bündel und machte sich auf den langen Weg über die Berge.

Nie mehr wurde er oder seinesgleichen unter Menschen gesehen.

Copyright © 2006 by Thomas Vaucher

Vaucher, Thomas – Autorenporträt

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog


DIE VORLIEGENDE GESCHICHTE ERSCHIEN ERSTMALS 2006 IN FOLGENDER ANTHOLOGIE MIT WEITEREN GESCHICHTEN:

Winterwelt 2

Inkl. Kurzgeschichte „Eisige Rache“ von T. Vaucher
Broschiert, 260 Seiten
Erschienen bei Intrag International, 10.2006
ISBN 1-933140-38-0

Download der Geschichte „Eisige Rache“ [56 KB]

Vollständige Geschichte „Eisige Rache“ mit Illustration auf Literra.info

Klappentext:

Der eisige Kampf um das Ueberleben … in einer unwirtlichen Welt …
Die Gegner: Eis und Schnee. Elemente, die kein Krieger mit einem Schwert bezwingen kann.

Fantastische Geschichten, die über das Grauen, aber auch den Zauber des Winters erzählen.
Glitzernde Schneelandschaften, eisige Stürme, gefrorene Seen. verschneite Täler … faszinierend und tödlich zugleich.

Titel erhältlich bei Amazon.de

3 Comments

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  1. Wer möchte zu dieser Story was sagen?

    Oder kann uns der Autor noch etwas dazu sagen?

    Ich finde die Geschichte richtig gut, wenn ich sie richtig verstanden habe ist sie auch eine Art Gleichnis, weshalb ich sie in die obere Anthologie gestellt habe.

    Was meint Ihr, was der Autor, passt das?

  2. Ja … das ist eine der ersten Kurzgeschichten, die ich geschrieben habe und die zweite, die veröffentlicht wurde. Aber es ist eine Geschichte, die mir immer noch sehr gut gefällt.
    Danke für die lobenden Worte, ja ich denke schon, dass sie da rein passt. Man kann es durchaus auch als Gleichnis verstehen.
    Es ist die uralte Geschichte, die sich quer durch unsere Menschheitsgeschichte zieht und immer wieder widerholt, die Geschichte von Gier, die über den Verstand und das Herz siegt, die Geschichte von Reue, die zu spät kommt und letztlich die Geschichte von Strafe und Rache, die in jeder moralischen Geschichte für solche Verbrechen auf dem Fuss folgt …

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