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EINE FRAGE DER DIPLOMATIE – eine Science-Fiction-Geschichte von Leon Ferri

EINE FRAGE DER DIPLOMATIE

oder

Der Korrekturbutton

eine

Science-Fiction-Geschichte

von

Leon Ferri

Es war nichts als ein kleines unscheinbares Gerät, das er bequem in die Innentasche seines Galaanzugs schieben konnte, ohne dass es auftrug. Ein Lichtleiter, der unsichtbar in das Futter eingearbeitet war, verband es mit seinem Revers. Dort befand sich das Abzeichen der Vereinigten Staaten von Terra. Das Emblem wies ihn als einen autorisierten Repräsentanten der Erde aus. Tatsächlich handelte es sich aber um einen Knopf, mit dem er das Gerät aktivieren konnte.

Der Geheimdienst nannte ihn den Korrekturbutton.

Boris Marrowitsch, Major im Geheimdienst und Verantwortlicher für die Sicherheit während der Verhandlungen, saß mit der kleinen Delegation im Salon des außerirdischen Raumschiffes. Ihm gegenüber hockten gekrümmt die grotesken Gestalten der Außerirdischen in ihren unförmigen und unansehnlichen Stofffetzen, aus denen überall verkümmerte, zuckende Gliedmaßen herausragten. Ein Tisch, blütenweiß und leer, trennte die Parteien. Keine Getränke, kein Essen. Die Außerirdischen hatten versichert, dass ihre Essgewohnheiten für menschliche Begriffe sicher nicht sehr appetitlich wären, und dass umgekehrt keiner der Außerirdischen erpicht darauf wäre, dem Ritual der Nahrungsaufnahme bei den Menschen beizuwohnen.

Darum geiferte und speichelte Kondrromo Abrrakozz, der Sprecher der Außerirdischen, gesättigt und zufrieden vor sich hin, während dem Major unbehaglich war und in der ungewohnt feuchten Luft bereits die Schweißperlen auf der Stirn glänzten.

„Eine schöne Welt habt ihrrr da“, schnarrte der Übersetzer. „Was habt ihrrr zu bieten?“

Was wir zu bieten haben, dachte Marrowitsch und sagte: „Wir haben Rohstoffe, Nahrungsmittel, Technik …“

Die Außerirdischen produzierten ein hässliches knarzendes Geräusch und schienen sich gar nicht zu beruhigen. Nach einer Verzögerung von wenigen Sekunden tönte es aus dem Übersetzer: „Ha-ha-ha.“

Marrowitsch wusste nicht, was diese garstige Rotte so belustigte, aber als er sich ein, wie er annahm, diplomatisches Lächeln gönnte, hörte das Lachen schlagartig auf. Sämtliche Augen der Außerirdischen (sie hatten eine ganze Menge) waren auf ihn gerichtet. Im nächsten Moment zuckten unzählige peitschenartige Tentakeln aus ihren zerfetzten Überwürfen. Sie schnitten tiefe Kerben in die gepanzerte Kleidung der Menschen und senkten sich mühelos in Fleisch und Knochen, dort, wo sie auf ungeschützte Stellen trafen.

Korrektur, schoss es dem Major durch den Kopf, und er schlug schnell auf den Button. Alle erstarrten augenblicklich in ihren Bewegungen, dann setzte träge aber unaufhaltsam die Zeitumkehr ein.

Und wieder schnarrte der Übersetzer: „Eine schöne Welt habt ihrrr da.“

Marrowitsch unterließ es dieses Mal, die Zähne zu zeigen und bedeutete den anderen Repräsentanten, sich zurück zu halten. Doch einer der Außerirdischen benutzte einen seiner Tentakeln, um … wer weiß, vielleicht, um sich zu kratzen. Sein Kopf zerplatzte im Maserfeuer eines nervösen irdischen Gardisten, und der Tentakel griff ins Leere.

Korrektur.

Das Licht fiel aus und die irdische Delegation wurde unruhig, während der Sprecher der Außerirdischen unbeeindruckt weiter plapperte. Offenbar konnten ihre Augen ein größeres Lichtspektrum wahrnehmen, sodass sie das Fehlen des weißen Lichts nicht störte. Zuerst war er irritiert, dass ihn niemand mehr beachtete, dann aufgebracht. So kam eins zum anderen, die Worte wurden immer ruppiger, doch kurz bevor es zum Gemetzel kam …

Korrektur.

So zogen sich die Verhandlungen endlos in die Länge, jedenfalls für den Major. Er durchlebte jede Variation, die durch die Zeitumkehr entstand, im Gegensatz zu den anderen, und versuchte, die Zusammenkunft so zu lenken, dass es nicht zum Konflikt kam. Ständig entstanden aus unscheinbaren Gesten oder unbedachten Worten die hässlichsten Missverständnisse.

Das ist wohl der Preis, der bei der Begegnung zweier so komplexer und zutiefst verschiedener Kulturen bezahlt werden muss, dachte Marrowitsch.

Schließlich, er konnte nur noch mit Mühe die Augen offen halten, waren sie zu einem Ende gekommen. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass die Außerirdischen den Menschen Maschinen und Technologie zur Verfügung stellten, während sie von der Erde mit Rohstoffen und vor allem Lebensmitteln versorgt würden. Als ganz besondere Ehrung sollte der Delegation der Erde eine Audienz bei der Königin gewährt werden.

Ein Haufen griesgrämiger Außerirdischer, der, wenn man dem Übersetzer glauben durfte, die königliche Leibgarde darstellte, geleitete sie zum Thronsaal. Aber es war eher ein Schubsen, Stoßen und Pieken, das der Major und die anderen Repräsentanten jedoch geduldig ertrugen.

Im Halbdunkel des Thronsaals wurden sie einer weißen bauchigen Gestalt gewahr, die träge auf die Delegation zu kroch. Irgendwie hatte Marrowitsch das Gefühl, dass sich dabei die Schatten im ganzen Saal bewegten. Sein Gefühl hatte ihn nicht getäuscht, die mannshohe Gestalt war das vordere Ende eines riesigen pulsierenden Ungetüms, das den ganzen Raum ausfüllte.

Die piepsenden Laute, die die Königin beim Sprechen von sich gab, klangen im Gegensatz dazu fast lächerlich. Der Übersetzer begann wieder zu arbeiten: „Ihrrr seid die errrsten Wesen seit langerrr Zeit, die sich nicht mit uns bekrrriegen wollen. Äußerrrst ungewöhnlich.“

Marrowitsch spürte plötzlich ein Ziehen um seinen Leib. Als er an sich herabblickte, sah er, dass seine Arme von einem durchsichtigen Gespinst gefesselt waren. Er blickte sich um. Die anderen Menschen waren bereits bis zum Oberkörper in dicke weiße Kokons gehüllt und starrten mit großen Augen in weite Fernen, als ob sie in Trance wären.

Füttert mich, befahl die Königin mit schriller Stimme. Dann könnt ihr euch auch bedienen.

Kondrromo Abrrakozz fraß genüsslich das Major-Männchen vom Kopf an abwärts und raunte knurpsend: Keine Kämpfernaturen, kein Rückgrat. Friedlich wie schwachsinnige Schnork-Lämmer, diese Terraner. Widerlich! Man kann sich nicht mit ihnen streiten, man kann sie nicht bekriegen, man kann sie nur fressen.

Er fädelte ein flaches angeschleimtes Gerät zwischen seinen Mandibeln hervor und warf es auf den Boden, würgte und spuckte noch den Korrekturbutton hinterher.

– Ende –

Copyright © 2011 by Leon Ferri

Bildrechte: Erstkontakt” (http://sfbasar.filmbesprechungen.de/wp-content/uploads/Erstkontakt2.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

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Updated: 30. Juli 2013 — 18:59

16 Comments

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  1. Habe deinen Buchtipp reingestellt, schau mal, ob so in Ordnung! Lass dir von Günni noch das Button-Cover anpassen, ok?

  2. Dieser Satz kommt mir irgendwie spanisch vor:

    Marrowitsch plötzlich spürte ein Ziehen um seinen Leib.

    Muss folgender Satz:

    Die anderen Menschen waren bereits bis zum Oberkörper in einen dicken weißen Kokon gehüllt

    nicht besser heißen: Die anderen Menschen waren bereits bis zum Oberkörper in dicke weiße KokonS gehüllt

    Oder: Die anderen Menschen waren bereits bis zum Oberkörper JEWEILS in einen dicken weißen Kokon gehüllt

  3. Was will uns der Autor damit sagen? Dass der Button letztlich doch keinen Sinn macht? Oder „drauf geschissen“?? 😮

  4. Buchtipp passt, danke. Die anderen Fehler sind mir durchgeflutscht, habe sie noch korrigiert. 🙂

    Was ich damit sagen will? Will etwas damit sagen? Eigentlich hatte ich es noch nicht von einer Meta-Ebene aus betrachtet. Hmmm. Mit dem Korrekturbutton korrigiert M. nur die Vergangenheit. Er beeinflusst zwar damit die Zukunft, hat aber, wie man sieht, keinen Schimmer, wie diese sich letztendlich entwickelt. Er ist halt nicht allwissend.

  5. Steht denn die Zukunft nun fest oder nicht?

  6. Du meinst, ob ich daran glaube? 😉 Nein, persönlich glaube ich nicht daran. Aber meine Geschichten spiegeln nicht unbedingt meine Meinung wider.

    Hier in der Story steht die Zukunft explizit nicht fest, sonst würde dieses Gerät gar nicht funktionieren.

  7. @Micha
    Äh … bist du sicher, dass du gemeint warst? 😉 (Naja, vielleicht ja alle.) Jedenfalls danke für deine Einschätzung. Zumindest mit deiner zweiten Aussage stimme ich überein 🙂

    Ich versuche zwar auch eher Denkanstöße zu vermitteln und weniger Meinung, ob es aber eine Art Vorsehung gibt? Das könnte ich jetzt für mich nicht eindeutig beantworten.

  8. Ich dachte, Detlef hat alle gemeint … aber wer weiß 🙂

  9. Felis Breitendorf

    Ihr seid echt Scherzbolde!

  10. Schöne Geschichte mit witzigem Ende. Hat mir sehr gut gefallen. ^^

  11. @Günther

    Danke für den Button :-). Stammt doch von dir, oder?

  12. Die Verhandlungen erinnern mich ein bisschen an unsere heutige Politik. Es wird viel schwadroniert und wenig beschlossen. Und am Ende fressen doch wieder die mit dem größeren Mundwerk die anderen auf…

    Abgesehen davon fand ich die Geschichte echt cool, wenn auch das Ende etwas eklig 😀

  13. Viellecht sollten wirklich mehr Piraten in die Politik! 😉

  14. @Chiara
    Schön, dass dir die Geschichte gefällt :-D.
    Eine Metapher mit unserer Politik hatte ich zwar nicht im Sinn, aber die Idee ist gut.

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