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EIN TOTGELIEBTER POET – Gedanken von Daniel Sand

EIN TOTGELIEBTER POET

Gedanken

von

Daniel Sand

Geboren als ein schwächliches Etwas im Tierkreiszeichen Gemini erfuhr er nie die bedrückende Enge einer erpressten Geburt aus der Scheide seiner Erzeugerin, nein, schon damals war seine Bosheit derart grausam, dass maskierte Metzger ihn aus dem Leib seiner Zelle schnitten.

Gedanken hegte er noch nicht, dazu war der Geist zu schwach, zu müde und erschöpft von dem langen Schlaf, indem er nur dumpfen Lärm gehört hatte. Lachen und ein grelles Licht empfingen ihn auf der Welt linearer Begrenztheit. Freude vernahmen seine schleimigen Ohren, Hände zerrten an ihm und die Folter endete in den Armen eines müden, weiblichen Wesens.

Der Zweibeiner stellte sich als Mutter vor, ein anderes Wesen ähnlicher Bauart als Vater. Sie ließen ihn nicht gehen, sperrten ihn schon früh in ein kleines Zimmer ein, umzäunt von hölzernen Balken und grausigen, tanzenden und quietschenden Figuren über seinem Kopf.

So nahm er sich vor, diesem engen Reich zu entwachsen, mehr zu werden, als er war und alle dafür büßen zu lassen auf seine eigene, noch schwache Art. Er hatte von den als Eltern kennen gelernten Menschen nicht genug Rückhalt erfahren, so entartete er eigensinnige Ideen gebärend und wilde Fantasien, getrieben von Neugier und Rastlosigkeit.

Er trank giftige Flüssigkeiten, verschluckte Plastik, übte sich als Dieb und zerstörte Geschenke, die man ihm gab. Auch in der Schule, gefangen mit argwöhnisch drein blickenden Gleichwüchsigen, diktiert von riesigen Aggressoren, Lehrer genannt, trieb er sein Unwesen, die Grimmetaten aus dem Kindergarten fortsetzend. Niemand vermochte ihn zu bändigen, wie einen Mustang in der amerikanischen Prärie.

Ein Freund geleitete ihn eine Zeit lang, bis er die Heimat verließ und an anderen Orten sein Unwesen trieb. Trotzdem zog er sich in sich selbst zurück und lernte zu lügen. Er biederte sich mit materiellen Gaben an, bekam er doch sonst keine Aufmerksamkeit. Gelernt hatte er das von den Elterntieren. Lange Zeit getrennt, das Band zerrissen, dass schon immer so dünn war und keine ruckartigen Bewegungen vertrug, erfuhr er Einsamkeit und Nichtbeachtung, gute Worte fehlten ihm. Dafür hatte ihm sein Samenspender früh gezeigt, wie man viel Alkohol zu trinken im Stande war.

Ausgerechnet die Erschaffer des Vaters stützten ihn, bis er die Heimat verließ und gaben ihm ein Heim, so gut sie es verstanden. Doch der Poet wusste, dass ihn etwas störte, er hatte nur keine Ahnung, was nicht stimmte. Gehasst von der Welt, versunken in tiefe Trauer, schickte er sich an, in eine alternative Welt zu flüchten. Seinen Kummer und Schmerz lyrisch zu Papier zu bringen. Er erschuf eine fiktive Welt, in der alle Menschen Freunde sind und es keine Grenzen mehr gab, nur die begrenzte Spanne eines irdischen Lebensabschnittes, gefangen in einer Masse aus Calcium, Eiweiß und Wasser und es gab Zeiten, in den er gehofft hatte, diese Hülle zu verlassen und sehnte sich nach der Freiheit von diesem schwerfälligen Gemisch aus Zellen und Gefäßen.

Den Hass, den man ihm entgegen brachte, nutzte er für sich. Bevor ihn jemand mit toxischen Gedanken bespeihen konnte, spuckte er Gift und Galle, erschlug seine Feinde mit Mus… Sarkasmus und Zynismus. Er wurde richtig gut darin, und vertrieb den kleinen Jungen tief in eine Petrischale, umschlossen von Zorn. Er hauste auf einem Bahnsteig, eingekesselt von Ablehnung auf der einen und guten Ratschlägen auf der anderen Seite. In ihm tauchte das Gefühl auf, an einem leeren Strand zu stehen und die Wellen drohten direkt über ihm zu brechen und ihn zu ertränken.

Wenn er versuchte sich zu öffnen, entließ sein Mund nur Unsinn und falsche Worte, weil man ihm niemals die Begriffe Menschlichkeit und sozialen Umgang mit den anderen Fleischwesen definierte. Dann tat man ihm weh; nicht körperlich, das wäre gut gewesen. Nein, seine Seele stachen sie mit zahllosen Stichen, eiserne Zungen fügten ihm Kratzer bis ins Mark zu und überfluteten ihn wie tosende Wasserfälle. Er begann sich zu fühlen wie ein fremdes Wesen, ein ES, nicht etwa nur gefangen in einer virtuellen Realität, nein, er gebar das Bewusstsein, kein dieser planetaren Evolution zu sein, jener Welt, die man Terra nannte.

Doch auch er verletzte, tötete Freundschaftsbande mit der Brutalität eines Vollmantelgeschosses. Seine Worte trafen andere, zeitweise trug er die Bezeichnung perverser Poet stolz auf der Brust, die geschwollen vor Arroganz sein Herz versteinerte und Fleischlinge aussperrte, die es vielleicht gut mit ihm gemeint hätten. Der Poet baute dem zweiten Gesicht in seinem kläglichen Leib ein goldenes Gefängnis, überschüttete es mit Zweifel an sich selbst und verhinderte für ein lange Periode, dass das geschwächte Wesen aus der Himmelsnacht hervortreten konnte, aus dem es nur der eigene Wille hätte befreien und wie einen schönen, hellen Stern hätte strahlen lassen können.

Doch der Poet rieb sich selber auf. Seine Abartigkeiten und Perversionen rissen Teile aus seinem Herzen, er verkaufte sich der Leichtlebigkeit, dem Überfluss, der Leichtigkeit seines nutzlosen Seins. Man saugte seine lyrischen Ergüsse nicht nur aus seiner Männlichkeit unterhalb des Nabels, sondern auch aus seinem Kopf. Man liebte ihn, flehte ihn an, er solle reimen oder andere Ergüsse schriftlicher Art kund tun und so kam es, dass sie ihn regelrecht zu Tode liebten.

Dabei trieb er schonungslos sein Unwesen, suizidal arbeitete er daran, seine eigene Welt zu vernichten. Er geißelte sich selbst, mordete auch nur den Hauch positiver Energien in seinem Kern und wütete in seinen Innereien wie ein von Dämonen besessener Orkan. Sein Hass sich selbst gegenüber ebbte nicht ab, fand keine Ruhe und auch kein Waffenstillstand in seinem Herzen war in Sicht. Dabei bemühte er sich taktisch, alle Anwärter auf den Thron seines Gefühlszentrums zu vertreiben, weil er sich dann leichter die Kehle zerfetzen konnte oder in einem Abgrund zu Tode stürzen vermochte, ohne das jemand um ihn trauerte. Denn das wollte er nicht; nicht mehr! Sie hatte ihre Chance, sie Alle hatten sie!

Blind vor Lust am Raubbau seines Glücks und vor Frust, dass seine Vita stagnierte, bemerkte er nicht, wie seine Kathedrale der Eitelkeiten in den Gezeiten des Alltags bröckelte, bevor die einstürzte und nur einen brennenden Trümmerhaufen hinterließ. Niemand war mehr da, der seine Kirche wieder mit aufbauen half, niemand sorgte sich um die Ruine seines Lebens, nur die arme kranke Seele in seinem Inneren konnte Erbarmen aufwenden. Edelmütig nahm sie ihn in ihren Schoß, die einzigen Werte was sie zu bieten hatte, waren Liebe und Verständnis.

Der Poet hasste die kleine Seele dafür, denn er wusste, wie gefährlich Schwäche und Feigheit in einer Welt von zweibeinigen Monstern waren, die nur schadenfrohe Zwietracht kannten und es liebten, böse Worte hinter vorgehaltener Hand zu wechseln. Der Poet und der Schwächling vereinigten sich. Sein totgeliebter Phallus, feucht glänzend vor Manneskraft drang in die enge, vor Tränen triefende Vulva des kleinen Wesens ein, welches sich in dem geschundenen Herz des Wirtskörpers aufhielt.

Seither durchleben sie Orgasmen, wie sie kein Außenstehender begreifen kann. Liebe Worte und Taten wechseln sich mit gemeinen und menschenverachtenden Abscheulichkeiten ab, ein Wellenbad von Gefühlen und Stimmungen, gleich einem Tag am Meer, wo das Wetter stündlich umschlagen kann. Doch das Alter der sterbenden Hülle und Mattigkeit von Millionen von Zellen, zähmen selbst diesen Mustang und der Poet kommt in seine Tage, aus denen es kein Entrinnen gibt, eine Periode, die niemals endet. Diese nicht versiegende Blutung, diese Quelle entweichenden Lebenssafts, macht ihm die Endlichkeit seiner Existenz bewusst. Der totgeliebte Poet ist nunmehr nur noch ein Schatten seiner selbst, blickt auf das Gleis hinter sich zurück und erkennt, dass sein Zug nur noch in eine Richtung fährt.

Die Endstation würde sein Tod sein, der Schlussstrich unter der Rechnung, die in seinem Leben niemals beglichen werden konnte, starrend auf die Weichen am Firmament, die er niemals stellte um seinem Schicksal eine andere Wendung zu geben. Alleine in dem Coupe würde er sein Leben vorbei rauschen sehen, die verpassten Chancen und falschen Entscheidungen und nur die einsame kleine Seele, deren Namen er niemals erfahren hatte, würde bei ihm sitzen und ihn in den Armen halten, wenn er seinen letzten Atemzug machte.

Ausgerechnet dieses schwache Individuum, welches er noch mehr verabscheute als sich und sein Leben, blieb bei ihm bis zur letzten Stunde und hielt ihn fest im Arm. Es spendete Trost und wischte die Tränen von seiner Klagemauer, einst errichtet aus Steinen der Feindseligkeit, Abneigung, Intoleranz, Unwissenheit, wie auch des Neides, Zornes und seinen Aggressionen. Es würde ihn im Gegensatz zum Rest der Welt niemals im Stich lassen. Und obwohl es nur gefangen war in einem Humanoiden, zusammen mit ihm und er doch so ungerecht gewesen war, stand es loyal an seiner Seite ohne Hintergedanken oder Furcht.

Der Gemini, ein beinahe fabelhaftes Wesen mit zwei Gesichtern und gefährlicher als sämtliche Wasserstoffbomben der Welt, bestand nun nicht mehr nur aus dem Poeten, sondern auch aus der kleinen Stimme, deren Klang nie von einem anderen Lebewesen erhört wurde und wenn doch, dann nur von Hunden oder Katzen. Der Poet und die Stimme; sie rasten pfeilschnell in Richtung Endstation, ohne Furcht, ohne Reue und ohne Zweifel. Denn sie hatten mehr gefunden, als jeder von ihnen erwartet hatte. Sie hatten einander gefunden.

Und die Moral von der Geschicht‘, die gibt es nicht, und wenn doch fällt sie in ein tiefes Loch.

Der Zug raste weiter dem Ziel entgegen, während die beiden Freunde ihre Zeit genossen und sich wunderten darüber, dass sie einander genügten. Gleichzeitig fragten sie sich, ob an der Endstation nur der Poet starb, oder auch die kleine schwache Seele, die gerade erst einmal erfahren hatte, dass sie lebte und hilfesuchend die Arme ausbreitete, ob da draußen nicht noch mehr war, als verpasste Gelegenheiten und Einsamkeit. Doch sie konnte nicht weg von hier, nicht aus dem Coupe des Eilzuges entfliehen ohne verletzt zu werden und seinen neuen besten Freund zu verlieren, den totgeliebten Poeten…

Schreiende Seele

-ENDE-

Copyright © 2015 by Daniel Sand (um auf die Homepage des Autoren zu gelangen, einfach auf das Foto unten klicken!)

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Lob der Langsamkeit (Gebunden)
Poetische Reflexionen
von Regenass, René

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Verlag:  Petri, Johannes Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  60
Format:  Gebunden
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Mai 2015
Maße:  236 x 164 mm
Gewicht:  250 g
ISBN-10:  3037840862
ISBN-13:  9783037840863

Beschreibung
Annäherungen an Zeit und Erinnerung in Wort und Bild.
Der Basler Schriftsteller Ren‚ Regenass verfasste für den Veranstaltungszyklus „Lob der Langsamkeit“, den der Verein ZwischenZeit von 2013 bis 2015 in Basel durchführt, eine Sammlung von poetischen Reflexionen. Die Kurztexte setzen sich in konzentrierter Form mit der Wahrnehmung von Zeit, der Reflexion von Lebenszeit und nicht zuletzt mit Phänomenen der Erinnerung auseinander. Als kritischer Beobachter untersucht und beschreibt der Autor feinste Nuancen an den Rändern des Alltags.

Die Texte werden von historischen Fotografien flankiert, die als ’sprechende Zeitkapseln‘ eine eigene Geschichte andeuten, die sich in der Phantasie der Leser weiterentwickelt. Das buchkünstlerische Konzept stammt von dem in Basel tätigen Kunstwissenschaftler Tilo Richter, der auch die Gestaltung des Bandes übernommen hat.

Das Buch erscheint anlässlich des 80. Geburtstags von Ren‚ Regenass am 15. Mai 2015.

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Updated: 19. August 2015 — 20:29

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