sfbasar.de

Literatur-Blog

EIN FLÜCHTIGES LEUCHTEN – Leseprobe (Teil 1) aus dem gleichnamigen Roman von Juha Itkonen

EIN FLÜCHTIGES LEUCHTEN

Leseprobe (Teil 1)

aus dem gleichnamigen Roman

von

Juha Itkonen

Du hasst Tschechow. Das habe ich in einem Interview ge­lesen, in dem du sagtest, du könntest dir nie vorstellen, Tschechow zu machen, und wenn es unbedingt sein müsse, dann nur stumm, denn Tschechows Texte weckten nichts als stille Wut in dir. Vielleicht wolltest du mit dieser Meinung provozieren, jedenfalls teilweise, junge Theaterregisseure müssen zornig sein und alles neu erfinden.

Ich weiß nicht, ob du dich daran erinnerst, wie ich mit Marjaana über Tschechow diskutierte. Wahrscheinlich nicht, du warst damals noch so klein. Es war irgendwann in Tam­pere, als ich Tschechow entdeckte, in den Jahren, in denen mir deine Eigenständigkeit noch nicht bewusst war; wir hat­ten Zeit, unsere gemeinsamen Tage kamen mir auf gute Art lang und gleichförmig vor. Wir hatten viel Zeit, um zur Bib­liothek und zurück zu gehen, du an meiner Hand, und an­schließend konnte ich in aller Ruhe kochen und dann lesend auf der Couch liegen, während du schliefst.

Ich las alles, was Anton Pawlowitsch hundert Jahre zuvor geschrieben hatte. Zuerst die Erzählungen und dann die Stü­cke, zum Schluss sogar die Briefe, die es damals nur auf Eng­lisch gab. Plötzlich entdeckte Marjaana, was ich da las. Sie geriet schier außer sich, stand mit der Möwe in der Hand mitten im Wohnzimmer und erklärte mir, was an Anton Tschechow falsch war. Sie war gerade von der Arbeit gekom­men, vom Stadtzentrum aus drei Kilometer mit dem Fahrrad gefahren, ihr Gesicht war rot und feucht vom Schweiß. Un­sere lautstärksten Diskussionen führten wir immer, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, dann war sie müde, litt an Unterzucker und ärgerte sich, mich zufrieden im Wohnzim­mer liegen und zum reinen Vergnügen lesen zu sehen.

Tschechow, sagte Marjaana. Ich scheiße auf Tschechow! Sie wurde laut, sprach unwillkürlich so schnell, dass jemand, der sie nicht kannte, Schwierigkeiten gehabt hätte, sie zu verstehen. Da grämen sich die Damen unter Kristalllüstern auf den Landgütern, die sie dem Volk geraubt haben. Ver­soffene Offiziere jagen verheirateten Frauen hinterher. Er­wachsene Menschen umarmen sich oder stürzen einander in die Arme und sagen Dinge, die kein Mensch in Wirklichkeit sagt. Und was ist ihr Problem? Was haben Anton Tsche­chows Menschen für Probleme? Gar keine! Vielleicht, dass mal ein Baum umfällt. Die Kirschblüten welken. Dass sich jemand in Moskau aufhält und es nach Moskau so weit ist. Diese Menschen haben nicht das geringste Problem, das ist ihr Problem. Es fehlt ihnen an nichts, sie haben alles, was ein Mensch haben kann. Tschechow. Dieser verdammte Anton Tschechow.

Melancholie sei keine Kraft, die Veränderungen herbei­führe, sagte Marjaana zu mir. Nostalgie bremse jede Ent­wicklung. Wenn ich mich recht erinnere, saßen wir bereits am Esstisch, ich hatte ihr etwas vom Nudelauflauf und den geraspelten Karotten auf den Teller gegeben, und sie war eine Spur zufriedener. Sie aß auf ihre charakteristische effektive Art, genau wie Esko war Marjaana immer schon ein Mensch gewesen, der nicht unnötig Zeit ans Essen verschwendete. Melancholie ist keine Kraft, die Veränderungen herbeiführt, sagte sie. Ich weiß nicht, ob sie sich das in dem Moment aus­gedacht hatte oder ob der Satz aus irgendeinem Pamphlet stammte. Nostalgie ist Luxus. Es gibt Menschen, die sich keine Nostalgie leisten können. Arme. Arbeitslose. Men­schen mit einer unangenehmen, gefährlichen, unterbezahlten Arbeit. Die Unterdrückten des kapitalistischen Systems. Oder die Menschen in der Dritten Welt, sagte Marjaana, die wirklich durch jedes Raster fallen. Wird in Afrika Tsche­chow gelesen? Mit Sicherheit nicht. Würde man den Men­schen dort in ihrer Sprache Tschechow vorlesen, würden sie kein Wort verstehen. Nicht das geringste! So war Marjaana manchmal, wenn sie in Fahrt kam, vollkommen maßlos, sie konnte ihre bemerkenswerte Intelligenz völlig vergessen, und ich hatte keine Lust, mich mit ihr zu streiten, ich wusste, dass sie, wenn nötig, bis in den Abend hinein durchhalten würde, ich räumte bloß den Tisch ab und spülte das Geschirr und empfand vermutlich ein gewisses Schuldgefühl. Denn sie hatte natürlich recht. Dass ich hier sitze und mich erinne­re und mir bisweilen etwas vorstelle, ändert nichts. Es hilft niemandem. Anders als im Fall Tschechow hinterlässt es auf der Welt nicht einmal Spuren.

Aber Anton Pawlowitsch wusste das alles. Wenn jemand demütig war, dann er. Hätte er gesessen, wo ich damals saß, am Esstisch in einer Dreizimmerwohnung in Tampe­re-Haukiluoma, hätte er sich so verhalten wie ich, er hätte geschwiegen und sein Vergehen eingestanden. Denn er ver­fluchte sein Weltbild. Er zweifelte an jedem Satz, den er schrieb. Hätte er über etwas anderes schreiben können, über die Grausamkeiten der Zarenzeit oder die Not der Fabrikar­beiter, hätte er es ohne zu zögern getan. Er war nicht blind. Er wusste um all diese Dinge, um die brennenden Fragen, über die er hätte schreiben müssen. Er versuchte sogar darü­ber zu schreiben, seine Briefe beweisen es. Aber Anton Pa­wlowitsch war machtlos gegen sich. So wichtig diese Dinge auch sein mochten, so waren sie am Ende doch nur sekundä­rer Natur, weil er sie nicht selbst erlebte, weil sie nicht durch seinen Filter gingen. Sie lagen nicht in gleicher Weise in der Reichweite seiner Worte wie sein eigenes Leben, das Leben eines Arztes und Schriftstellers in einem Land, in dem es noch Leibeigene gab, zweifellos ein glückhaftes und ver­dammt privilegiertes Leben, aber das einzige Leben, das er hatte.

Was hätte Tschechow mit seinem Leben anfangen sollen? Nicht darüber schreiben? Nicht darüber nachdenken? Er hatte keine Möglichkeit, es gegen das Leben eines anderen Menschen einzutauschen. Niemand besitzt diese Möglich­keit. Wir sind alle auf die gleiche Art Gefangene, wir müssen unser Leben für einzigartig und wertvoll halten. Man kann von einem Menschen nicht erwarten, dass er sich in vollem Umfang seiner Bedeutungslosigkeit stellt, denn dann wäre er nicht mehr fähig, sein Leben fortzusetzen. Ich habe das Recht, mich zu erinnern. Ich habe das Recht, mich treiben zu lassen und in Erinnerungen zu schwelgen, in ihnen zu ver­sinken, wenn ich es so beschließe, sie gehören mir, ich tue damit, was ich will.

1964

Esko Vuori, junger Angestellter in der Elektrohandlung Urho Puupponen, sechsundzwanzigjähriger Ehemann und bald Vater zweier Kinder. Am Morgen des 10. Oktober 1964 steht er vor dem Olympiastadion in Tokio, in einer von zig Schlangen, brav und diszipliniert wie alle anderen. Alle lä­cheln, er lächelt zurück, aber er versucht den Rat zu beherzi­gen, den man ihm gegeben hat, und den Japanern nicht in die Augen zu schauen. Das ist schwer, denn er ist von Natur aus neugierig. Andere Menschen interessieren ihn, auch diese Tausende und Abertausende, die einander gleichen wie Ko­pien. Sein Blick bleibt an Details hängen, am Hut eines alten Mannes, an einer Fahne in der Hand eines Kindes, an der Blume, die sich eine Frau durchs Knopfloch geschoben hat, und dann merkt er auch schon, wie die betreffende Person sich verlegen verneigt und die Augen senkt. Sumimasen, sagt Esko dann, so wie man es ihnen in der Botschaft geraten hat. Sumimasen, »Entschuldigung« und angeblich auch »danke«.

Er ist ein Finne von leicht überdurchschnittlicher Größe, hat einen großen Kopf und breite Schultern, fällt unter den Einheimischen also mit seiner Statur auf. Seine Augen sind tiefblau, die kurz geschnittenen Haare strohblond. Für die Japaner sieht er wahrscheinlich deutsch aus. Er trägt seinen besten Werktagsanzug, grau, Marke Turo, nach langer Über­legung vom Augustvorschuss erstanden. Die Krawatte hat der Verkäufer empfohlen und Liisa widerstrebend gebilligt, der Knoten ist pikobello, gerade und prall. Esko hat am Morgen im Hotel vorm Spiegel letzte Hand angelegt, als Veikko Hukkanen bereits ungeduldig an die Tür klopfte. Die schwarze Umhängetasche aus Leder vervollständigt die Aus­rüstung, unter dem Druck der Menschenmenge hält er sie fest an sich gepresst. In der Tasche ist alles, was er braucht, er hat sie Fach für Fach sorgfältig gepackt. Die Japaner sind ehrliche Leute, hat man ihm mehrfach versichert, er glaubt es auch, aber er hat nie zuvor ein solches Menschenmeer um sich gehabt. Kein Meer, sondern eher ein Strom, ein Strom, der eine ungefähre Richtung hat, aber kein exaktes Flussbett. Man kann nur versuchen, in der Strömung zu bleiben, und hoffen, dass sie einen schließlich dorthin führt, wo man hin­will: ins Stadion.

Der Tag ist schön und sonnig, die Luft warm, aber nicht zu heiß. So wie es in Finnland Ende August sein kann, wenn man Glück hat, denkt Esko, zur Erntezeit, vor den Herbst­regenfällen. Der Himmel ist freilich auf andere Art blau, schwer zu bestimmen wie, aber der zehntausend Kilometer von zu Hause entfernte Himmel ist anders. Als Esko aus ei­ner plötzlichen Laune heraus den Kopf in den Nacken legt und gerade nach oben schaut, wölben sich über ihm die Fan­tasie beflügelnden Farben des Fernen Ostens. Zwei Düsen­flugzeuge sind gerade kreuz und quer über das Stadion ge­flogen und nach kurzem Schnurren dort oben mit irrsinniger Geschwindigkeit zum Stillen Ozean abgedreht. Sie haben nur jene langsam verblassenden Spuren hinterlassen. Esko betrachtet sie lange. Er ist ein Himmelsgucker, er liebt den Himmel und das Universum, das sich daran anschließt. Al­lein die Vorstellung, dass er und Veikko durch eben diese Unendlichkeit hierher geflogen sind, in gut vierundzwanzig Stunden über einen ganzen riesigen Kontinent hinweg! Zu­erst nach Frankfurt, von Frankfurt über Wien und Istanbul nach Teheran, von Teheran nach New Delhi und von dort nach Bangkok; von Bangkok nach Hongkong und schließ­lich nach Tokio. Wie kann das möglich sein? Wie kann die Welt so furchtbar groß und zugleich so verblüffend klein sein? Wie kann der Mensch so genial sein? Darum geht es, um die Genialität des Menschen. Der Mensch nimmt die ganze Welt in seinen Besitz, auch das Weltall, er schickt seine Satelliten hinauf, seine Raumfähren und seine bemannten Raumschiffe. Noch sind die Russen ein wenig voraus, haben es als Erste geschafft, Gagarin ins All zu bringen, wollen in diesen Tagen erneut drei kaltblütige Kosmonauten auf die Erdumlaufbahn katapultieren, noch dazu mit hochgekrem­pelten Ärmeln. Die Russen sind so weit, dass sie im Innern des Raumschiffs ohne Raumanzug auskommen. Aber die Amerikaner werden folgen und schließlich vorbeiziehen, so wird es unweigerlich geschehen, denn Amerika ist das mäch­tigste Land der Welt und die Sowjetunion nur ein riesiges Gefängnis. Irgendwo in New Mexico werden gerade Versu­che durchgeführt, die alle Errungenschaften Sibiriens zum Gespött machen werden.

Es ist schwer zu glauben, dass er wirklich hier ist. Er steht tatsächlich in dieser Schlange, hält verstohlen mit Hilfe der Ellenbogen die Stellung, bewegt sich langsam, aber sicher auf den Stadioneingang zu. In der Innentasche seiner Jacke steckt die Eintrittskarte, die ihm die Männer von Hitachi gestern gegeben haben, sie garantiert ihm den Zutritt zur Eröffnung der Olympiade von Tokio. Es handelt sich um eine echte, offizielle Eintrittskarte mit den olympischen Ringen, dem Logo des Olympischen Komitees und der aufgehenden Son­ne Japans, Bedienstete in roten Jacken und weißen Hosen werden bald einen Streifen davon abreißen, dann darf er ins Innere dieses gewaltigen Stadions eintauchen. Aufgrund ei­nes glücklichen Zufalls hat Einzelhandelskaufmann Esko Vuori aus Kuopio der natürlichen Ordnung der Dinge ge­trotzt und ist an einen Ort gelangt, an dem er eigentlich nichts verloren haben sollte. Seiner eigenen Ansicht nach hat er nicht einmal etwas Besonderes geleistet. Er hat lediglich die kleinen Transistorradios verkauft, die zu Beginn des Winters im Lager aufgetaucht waren. Sie waren tatsächlich einfach aufgetaucht, er hatte zuvor kaum davon gehört. Der Ladenbesitzer hatte mit dem Importeur einen Vertrag ge­schlossen und war von da an Bezirksvertragshändler von Hitachi, offenbar bloß, um es mal zu probieren, und ohne große Konkurrenz. Solche Sardinenbüchsen, hatte Esko zu­nächst gedacht. Wie willst du die den Leuten verkaufen, die wollen ein massives deutsches, stattliches, traditionelles Röhrenradio in der Schrankwand neben den Familienfotos stehen haben. Die Kunden hielten die japanischen Fabrikate zunächst in der Tat für zu klein, zu unscheinbar. Nein, ver­dammt nochmal, sagte ein Kfz-Mechaniker, den Esko kann­te, so einen Japsenschrott stelle ich mir daheim nicht hin, auch wenn du ihn mir umsonst gibst. Es kam aber doch so, dass sogar dieser Kunde den Laden mit einem Päckchen un­ter dem Arm verließ. Anfang Juli, an einem heißen Hoch­sommertag, geschah es dann, dass Puupponen ihn gleich am Morgen ins Hinterzimmer zerrte und ihm befahl, sich auf den Arsch zu setzen. Urho Puupponen wirkte aufgeregt, er ließ sich gewohnheitsgemäß auf seinen Bürostuhl fallen und verschränkte die Arme im Nacken, so dass die Schweißfle­cken auf den Achseln seines Sommerhemdes sichtbar wur­den. Gerade ist ein ziemlich außergewöhnlicher Anruf aus Helsinki gekommen, sagte Urho mit ernstem Gesicht. Esko dachte an die kühnen Preisnachlässe, die er bisweilen ge­währt hatte, und an die Kaffeemaschinen, die er Kunden zu­geschoben hatte, um den Fernseherverkauf anzukurbeln. Was denn für einer?, fragte er möglichst forsch. Zum Teufel, erwiderte Urho. Unserem Esko steht eine Reise in den Fer­nen Osten bevor.

Am selben Abend berichtete er zu Hause am Esstisch ganz beiläufig von der großen Neuigkeit. Er musste in den Flur gehen und Urho anrufen und seine Frau ans Telefon bitten, erst dann glaubte sie ihm. Allein, sagte Liisa, als sie sich wie­der an den Tisch setzte. Du fährst allein in dieses Japan. Er verstand ihre Enttäuschung, war jedoch zu begeistert, um sich etwas daraus zu machen. Liisa war ohnehin nicht reisefähig, da im dritten Monat schwanger. Außerdem beruhigte sie sich bald, fügte sich in ihr Schicksal und kam im Septem­ber brav mit zu Carlson, um einen passenden Koffer auszu­suchen. In der Woche vor der Abreise bügelte sie vor dem Fernseher seine Hemden, seine Socken und seine Unterho­sen, faltete und stapelte sie fein säuberlich, band die Stapel mit Gürteln zusammen und setzte sie ordentlich in den Kof­fer. Als er am Sonntagmorgen um fünf zum Bus nach Helsin­ki aufbrach, wuselte sie im Nachthemd im Flur herum und fragte unablässig, ob er auch Pass und Fahrkarten eingesteckt habe. Er hatte die Tür schon hinter sich geschlossen und die erste Treppenstufe genommen, als ihm Liisa noch einmal hinterherrannte und ihn im Dämmerlicht des Treppenhauses leidenschaftlich küsste. Keiner dürfte es gesehen haben, nicht einmal die Nachbarin durch den Türspion, obwohl der Kuss für Zuschauer gedacht und mit einem deutlichen Besitzan­spruch aufgedrückt worden war, wie ein Siegel oder Stempel. Du bist mein. Du gehörst mir, vergiss das nicht. »Komm heil zurück«, sagte Liisa heiser und mit mühsam zurückgehalte­nen Tränen. »Und mach keine Dummheiten.« »Was für Dummheiten?«, fragte er. »Den Frauen nachlaufen. Solche Dummheiten. Wenn du das tust, lass ich dich sitzen.« »Dort gibt es angeblich die schnellsten Frauen der Welt. Bei denen komme ich nicht mit, selbst wenn ich es versuchen würde.« Und dann ging er, machte sich auf den Weg, wie es die Män­ner auf dieser Welt tun: Er löste Liisas Arme von seiner Hüf­te und ging rückwärts die Treppe bis zum nächsten Absatz hinunter, seine Frau dabei ständig im Blick. Esko erinnert sich an Liisa im Moment des Abschieds, an die leicht nach innen gedrehten Füße und die zierlichen Beine, an die Knie, die unter dem Nachthemdsaum halb herausschauten, an die Brüste, die größer waren als sonst, an die forsch aufgerichte­ten Spitzen und an den Bauch, der sich unter dem Stoff mit dem Blumenmuster schön rundete. Für einen Augenblick ist ihm unbehaglich zumute, als er daran denkt, wie weit er von der Mutter seiner Kinder entfernt ist.

Das Gedränge ist schlimmer geworden, er und Hukkanen stehen bereits zwanzig Meter vor dem Tor. Zwischen den Zäunen hat sich die Schlange zu einem gebändigteren, aber zugleich auch engeren Strom geordnet. Hukkanen steht eini­ge Schritte vor Esko, der kastenförmige Kopf überragt prak­tischerweise die Menschenmenge. Esko sieht die vertrauten abstehenden Ohren und den schon jetzt von der Sonne ger­öteten Nacken. Sumimasen, hört er neben sich, das gleiche Wort, ein ums andere Mal. Sumimasen sagt auch er, inzwi­schen bereits fast automatisch. Sumimasen, sumimasen, su­mimasen, er lauscht dem Gesumme, und zum ersten Mal auf der Reise wird ihm das dichte Gedränge unangenehm, nur kurz, gerade bevor der von Maschendrahtzäunen geleitete Menschenstrom die Mündung erreicht. Danach geht alles so schnell, so effektiv und geordnet, dass nicht einmal Veikko Grund hat, sich zu beschweren. Nicht einmal die Deutschen könnten das besser. Der erste Ordner kontrolliert die Ein­trittskarten, der zweite die Taschen. Der dritte klebt ihnen rote runde Aufkleber auf die Hände, die aufgehende Sonne Japans. Der vierte zeigt ihnen den Weg, der fünfte verbeugt sich, als Esko mit Hukkanen das Tor passiert, der sechste gibt ihnen mit einer Handbewegung zu verstehen, sie sollen rasch weitergehen. Sie folgen der Aufforderung, gehen mit großen Schritten über eine Fläche mit grauen und weißen Platten, deren Weitläufigkeit ihnen nach dem Gedränge fürstlich vorkommt, auf die Stadionöffnung zu. In deren Schlund öffnet sich ein erster Blick auf das Allerheiligste, auf einen grünen Rasenstreifen und einen Ausschnitt der roten Laufbahn. Die Nähe des Ziels beschleunigt die Schritte. Sie sind beinahe am Fuß der Treppe, die steil die Tribüne hinauf­führt, angekommen, da bleibt Hukkanen plötzlich stehen.

Er packt Esko am Ärmel, zieht ihn in den Schatten eines Pfeilers und zaubert einen Flachmann aus der Tasche. Die Geste ist so routiniert, dass sie kaum auffällt, Esko hat sie schon mehrmals erlebt. Zum ersten Mal in der Abflughalle von Helsinki-Seutula, dann nach jeder Zwischenlandung im Flugzeug, gestern vor der Fabrikführung bei Hitachi und heute im Hotel gleich am Frühstückstisch.

»Hier, du Hitatschi-Verkaufskanone. Ein junger Kerl aus Finnland braucht was zum Mutmachen, bevor er die Höhle des Löwen betritt.«

»Stimmt, Mensch. Wie soll er sich sonst in die Gladiato­renarena trauen?«

Veikko Hukkanen, sein Reisegefährte. Ein Händler aus Lahti, Vorsitzender des Verbands der Elektrogeschäfte, von Urho als Sprachrohr der Branche gepriesen. In Sortvala ge­borener Vertriebener aus Karelien, der Anfang der Fünfzi­gerjahre als einer der Ersten auf die Idee kam, in die Radiob­ranche zu wechseln, nachdem er zwanzig Jahre lang Land­maschinen verkauft hatte. Hukkanen ist einundfünfzig, sieht aber älter aus. Zwischen seinen Geschichten und seiner Er­scheinung liegt ein tiefer Widerspruch. Was er erzählt, klingt meistens jovial, aber sein Gesicht ist wie aus Stein gemeißelt. Nicht einmal jetzt, im Moment heiterer Brüderlichkeit, lä­chelt er, sondern nimmt, nachdem Esko getrunken hat, einen großen Schluck und schraubt den Verschluss auf die Flasche.

»Lecker«, sagt er, verzieht das Gesicht und schlägt Esko beiläufig auf die Schulter. »Sind wir so weit?«

»Gehn wir, Mensch«, antwortet Esko. Er ist so glücklich, so voller sprudelnder Erwartung, dass er seinen Reisegefähr­ten umarmen könnte. »Man ist schon an schlechteren Orten gewesen.«

»Allerdings. Ich jedenfalls.«

Und so gehen sie, steigen hintereinander die Treppe hin­auf, Veikko voran und Esko hinterher. Hundert Stufen oder mehr, so viele, dass Hukkanen wegen seiner Lunge ab und zu stehen bleiben und Luft holen muss. Die meisten Schilder sind nur auf Japanisch, die Symbole unverständlich, und die Besucher aus Finnland verirren sich fast im Innern des Bau­werks. An jedem Tor versuchen sie ins Stadion zu kommen, aber jedes Mal versperren ihnen Ordner mit verlegener Höf­lichkeit den Weg. Weiter nach oben, bedeutet man ihnen, weiter nach oben, immer weiter. »Auf die billigsten Plätze«, brummt Hukkanen. »Die Männer von Hitatschi schicken uns auf die billigsten Plätze. Ich scheiß auf euer sumimasen, redet finnisch!« Aber sobald sie ihr Tor zum Licht gefunden haben, als sie halb blind hoch über dem Feld in der Mittags­sonne stehen und das Olympiastadion zum ersten Mal von innen sehen, hört Veikko auf zu murren. Das Stadion ist eine architektonische Meisterleistung, leuchtend weiß und schön geschwungen. Es ist auch ein Ameisenhaufen, in dem es un­aufhörlich wimmelt. Blickt man über das Feld hinweg auf die Tribüne gegenüber, wogt dort die Menschenmenge wie das Meer. Das ist es, denkt Esko. Hier bin ich am Ziel. Er hat weiche Knie, ihm ist ein wenig schwindlig. Brav folgt er dem Ordner, der sie fast an der Hand nimmt, als er sie zu ihren Plätzen führt und daneben stehen bleibt, um aufzupassen, dass der große weiße Mann nicht in Ohnmacht fällt. Sumi­masen, sagt Esko erneut. Sumimasen, sumimasen.

Zwei Stunden später hat er sich etwas beruhigt. Er hat die Kamera ausgepackt, eine viel zu teure Asahi Pentax, eigens für die Reise gekauft, und einige sorgfältig überlegte Bilder gemacht. Mit seinem ebenso neuen Bushnell-Benner-Medi­um-Range-Fernglas ist er die gesamte Stadiontribüne durch­gegangen. Das Fernglas ist ausgezeichnet, besser als das we­sentlich teurere Leica-Glas von Hukkanen. Der Unterschied ist so deutlich, dass es sogar Veikko widerwillig zugeben musste. Jetzt wirkt er missmutig, nimmt regelmäßig einen Schluck aus dem Flachmann und bietet Esko nur jedes zwei­te Mal etwas an. Ohne erkennbaren Grund zieht er plötzlich einen Stift aus der Tasche und lässt ihn in der Luft kreisen.

»Weißt du, was das ist, du Verkaufskanone?«

»Sieht nach einem Stift aus.«

»Das ist aber nicht irgendein Stift, verdammt, sondern ein Diplomat aus Westdeutschland. Der hat an der Spitze eine kleine Kugel, siehst du? Die dreht sich im Silberlager. Wenn du dir so einen anschaffst, dann läuft das Geschäft. Da ren­nen dir die Leute die Bude ein, dass du die Scharniere aus­wechseln musst.«

»Der Umsatz soll vom Stift abhängen?«

»Es ist nicht egal, womit der Kunde seinen Namen aufs Papier kritzelt. Mit dem hier hinterlässt du einen guten Ein­druck.«

Der Stift verschwindet wieder, Hukkanen wirkt zufrie­den. Die Eitelkeit des Mannes amüsiert Esko, schon im Flug­zeug hat Veikko nebenhin seine teuren Sachen präsentiert. Nach einigen Tagen Bekanntschaft weiß Esko auch, was für einen Fernseher Vikko zu Hause stehen hat, ein funkelnagel­neues, unwahrscheinlich wertvolles Kombinationsmodell von Blaupunkt, direkt von der Messe in Hannover, Fernse­her, Radio, Plattenspieler und vier Stereolautsprecher in ei­nem Schrank aus Nussholz; den Bildschirm kann man ver­schwinden lassen, was angeblich der Ehefrau gefällt, die es mit der Einrichtung genau nimmt. Hukkanen ist snobistisch und ungehobelt zugleich, eine lustige Mischung. Er hätte es mit seinem Reisegenossen schlechter treffen können, denkt Esko. Anscheinend hat auch Hukkanen ihn auf seine schwer zu deutende Weise akzeptiert, jedenfalls hat er am Vorabend halb im Ernst versucht, ihn zu sich nach Lahti zu locken, um dort so viele Radios zu verkaufen wie bislang in Kuopio. Es war ein gutes Gefühl, dass Veikko Hukkanen seine Kompe­tenz anerkannte.

Irgendwie gehen sie einem aber trotzdem auf die Nerven, die Männer der älteren Generation. Nicht nur Hukkanen, sondern auch Puupponen und Konsorten, die ganzen wich­tigen, sturen Händler, denen Esko begegnet, wenn er hin und wieder zu den Sitzungen des Bezirksverbands geht. Sie erinnern ihn zwangsläufig an seinen Vater. Alle diese Män­ner sind im Krieg gewesen, auch Hukkanen. Er hat nicht viel darüber geredet, aber trotzdem kam es heraus, im Flug­zeug verriet Veikko in einem Nebensatz aus Versehen, dass er sich bei den Rückzugsgefechten auf der Karelischen Landenge mit seinen Schüssen das Mannerheim-Kreuz er­worben hatte.

(Zum nächsten Teil)

Copyright © 2014 by Juha Itkonen, mit freundlicher Genehmigung.


Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Dynastien.jpg” (Dynastien2x.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/


WER WISSEN MÖCHTE, WIE DIE GESCHICHTE WEITERGEHT, KLICKT AUF DAS COVER ODER EINEN DER BESTELLLINKS:

Itkonen, Juha
Ein flüchtiges Leuchten

Roman

Übersetzt von Moster, Stefan
Verlag :      Droemer
ISBN :      978-3-426-19989-3
Einband :      gebunden
Preisinfo :      19,99 Eur[D] / 20,60 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 02.07.2014
Seiten/Umfang :      544 S. – 21,5 x 14,0 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      01.10.2014

Mit Ein flüchtiges Leuchten hat Juha Itkonen einen Familienroman von enormer Kraft erschaffen, dessen Figuren so nah an unserem eigenen Leben gezeichnet sind, dass wir uns im Spiegel der vergangenen fünfzig Jahre selbst zu beobachten meinen.

Itkonen erzählt in Rückblenden von drei Generationen der Familie Vuori: Beständig ändern sich die äußeren Bedingungen, das Leben wird immer fortschrittlicher  – und doch müssen die Untiefen zwischenmenschlicher Beziehungen von jedem aufs Neue ausgelotet werden. Esko und Liisa Vuori blicken Ende der 50er Jahre auf eine Welt, die ihnen jede Menge Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Esko ergreift die Gunst der Stunde und macht sich als Verkäufer von Fernsehgeräten und Radios einen Namen. Liisa kümmert sich um die drei Söhne.

Der älteste Sohn, Esa, löst sich im Laufe des Heranwachsens vom Vorbild des Vaters: Er studiert und gründet eine eigene Zeitung. Seine Frau Marjaana lebt ihr Ideal der möglichst unabhängigen Feministin – was für die Familie bedeutet, dass sie die Erziehung der gemeinsamen Tochter ihrem Mann überlässt, während sie sich auf ihre politische Karriere konzentriert.

Juha Itkonen, geboren 1975, wird in seinem Heimatland Finnland von der Presse gefeiert, von den Lesern geliebt: Sein erster Roman war für den Finlandia-Preis nominiert, mit seinen weiteren Romanen gewann er u. a. den State Fiction Award sowie den Ehrenpreis des Finnischen Schriftstellerverbands. Der Autor ist über die Grenzen seiner Heimat in ganz Skandinavien bekannt. 2011 hat er mit seiner Familie acht Monate in München gelebt und in einer Stadtbibliothek an seinem Roman geschrieben.

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Leseproben unserer Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

Updated: 30. Dezember 2014 — 00:40

6 Comments

Add a Comment
  1. Ein neuer Autor! „Juha Itkonen“. DER Star der finnischen Literaturszene! Ich konnte eine (drei) Leseprob(n) für unsere Seite erobern. Was sagt Ihr zu dieser Schreibe? Was sagen die Spezialisten? Meinungen. Meinungen. Meinungen!

  2. Dieser Text ist tatsächlich der ausdruckvollste in dieser Sammlung. Hier schimmert der Meister seines Fachs durch. Zugegeben, auch hier wird eine Geschichte historisch ausgehoben und geht dann richtung Gegenwar. Auch spielt diese Geschichte unter normalen Menschen und nicht unter geisteskranken Hirnen. Das hier ist jetzt nich mein Lieblingstext. Aber unter den Angebotenen ist er mit weitem Abstand der beste in meinen Augen. Nicht zu unrecht wurde dieser Autor auch auf der Frankfurter Buchmesse als Star gefeiert. Da mögen sich manch andere, die sich Autor schimpfen, eine Scheibe abschneiden. Vor allem daran, dass man nicht diesen ganzen Sumpf an phantastischen Genres heranziehen muß um eine interessante Geschichte zu schreiben!

  3. Hallo Mädels,

    bin ja auch nicht gut weggekommen im Urteil des Herrn Walter. Aber generell alle phantastischen Texte – ob hier oder anderswo – als „Sumpf an phantastischen Genres“ abzuwerten, zeugt schon von einer Arroganz, die einem glatt vom Sockel haut.

    Und hier gebe ich Britta völlig recht: Wenn dieser „Sumpf“ unter seiner Würde ist, warum liest er es dann und schlägt um sich? Gibt doch genug Bücher. aber vielleicht bestehen die auch nicht seinem prüfenden Blick.

    (Kopfschüttel); kenn leider das Smilie dafür nicht.

    Werner

  4. Ja, schon wieder eine Kornifere auf seinem Gebiet, hihi (Koryphäe würde hier wohl nicht passen).

    Aber lasst gut sein, Leute, solchen Typen kann man nichts recht machen. Schreibt weiter und arbeitet an euch. Es gbit genug, denen unser Sumpf gefällt.

    Britta

  5. Rischtischhhhh! gute Nacht. 🙂

    Steffi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme