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Literatur-Blog

EIN FLÜCHTIGES LEUCHTEN – Leseprobe (Teil 2) aus dem gleichnamigen Roman von Juha Itkonen

EIN FLÜCHTIGES LEUCHTEN

Leseprobe (Teil 2)

aus dem gleichnamigen Roman

von

Juha Itkonen

(Zum vorherigen Teil)
Man sieht es Hukkanen an, an der grimmigen Art, mit der er an der Zigarette zieht. So wurde an der Front vor dem Unterstand geraucht, bei Mordskälte in den vorderen Lini­en, während über dem Kopf die russischen Granaten deto­nierten. Als diese Männer auf die Russen schossen, saugte Esko noch an der Brust seiner Mutter. Das ist eine Tatsache, die man nicht bestreiten kann, und das werden ihm diese Männer nie verzeihen, sie werden ihm vermutlich bis zum Tod mit ihren Überzeugungen und Vorurteilen im Weg ste­hen. Sie verhindern, dass sich die Welt verändert. In ihrer Gegenwart muss man aufpassen, was man sagt. Wegen ihnen muss er über Dinge schweigen, die ihm etwas bedeuten. Das Elektro- und Radiogeschäft Hukkanen besitzt keine Hita­chi-Lizenz, nach dem, was Veikko sagt, ist er nicht einmal daran interessiert. Im Gegensatz zu Esko ist Hukkanen nicht wegen seiner Leistungen, sondern dank seiner Position hier. Die japanischen Lobbyisten haben ihn als Verbandsvorsit­zenden eingeladen, aber es ist schwer, bei ihm mit Lobbyar­beit durchzudringen, er sträubt sich mit Leib und Seele. Man hat hier alles vor Augen, den Aufstieg des Fernen Ostens, den Vormarsch der Japaner, die Zukunft, doch Hukkanen will es nicht sehen. Esko versteht nicht, wie das möglich ist.

Sie sind nun schon fast drei Tage in Japan und haben nichts als Wunder zu Gesicht bekommen.

Gleich am ersten Morgen hatte der von Hitachi engagierte Dolmetscher sie vom Hotel abgeholt. Er war fünf Jahre älter als Esko, hieß Lauri und war der Sohn eines finnischen Mis­sionars. Seine Eltern waren nach einem zehnjährigen Auf­enthalt nach Hause zurückgekehrt, aber Lauri war in Japan geblieben. Er beherrschte alles, die Sprache wie die Um­gangsformen, und bewegte sich wie eine Ameise auf vertrau­ten Pfaden durch die Stadt. Von außen betrachtet war Lauri genau wie Veikko und Esko und stach wie sie aus der Menge hervor, er aber wusste alles. Sie bewunderten den kaiserli­chen Palast, sie aßen auf einem Fischmarkt zu Mittag, stan­den im Gedränge des Bahnhofs Shinjuku und warteten auf den Wunderzug aus Osaka. Auf den Hauptstraßen war die Anzahl der Menschen unermesslich, ebenso die der Autos. Fremde Leben rauschten an ihnen vorbei, was bei Esko mehr als der Reiswein, den sie zum Fisch getrunken hatten, ein Gefühl von Trunkenheit verursachte. Andererseits gab es auch ruhige Ecken. Lauri führte sie zwischendurch in Ne­benstraßen, um ihnen das andere Tokio zu zeigen. Dort wa­ren die Häuser in schlechterem Zustand, die Fassaden brö­ckelten, die Türen hingen nachlässig in den Angeln. Gebeug­te alte Männer schoben Gemüsekarren, Kinder in knielangen Hosen spielten in einem Hof auf holprigem Boden Ball. Man hatte das Gefühl, in der Zeit einen Schritt zurück zu machen, von der Zukunft in die Gegenwart oder fast in die Vergan­genheit. Für Hukkanen war das offensichtlich eine Erleich­terung, für Esko jedoch eine Enttäuschung. Noch am Abend bat er Lauri, ihn zu dem Platz zu führen, von dem er ein Bild in der Zeitung gesehen hatte, in den Glanz der Neonlichter. Sie waren genau so verblüffend, wie er es sich vorgestellt hat­te, sie funkelten noch in den Augen, als er schon im Hotel­bett lag und vergebens versuchte Schlaf zu finden. Er bereute es, Lauris Angebot nicht angenommen zu haben, den Abend im größeren Stil fortzusetzen, in einem Vergnügungsviertel, das von amerikanischen Soldaten bevorzugt wurde.

Das war vorgestern gewesen, am Donnerstag. Gestern kam der offizielle Teil der Reise an die Reihe, die Besichti­gung des Hitachi-Werks. Fast zwei Stunden fuhren sie durch die Stadt, die sich endlos fortsetzte, dann erreichten sie den Hauptsitz der Firma, New Marinouchi hieß er, er erinnerte eher an einen kleinen Staat als an ein Unternehmen. Das ge­samte Areal war bewacht, von schnurgeraden Straßen durch­zogen und zweimal so groß wie die Innenstadt von Kuopio. Zwischen den Werksgebäuden standen Bürohäuser, in einem davon wurden sie von den Herren Nagahama und Kobayas­hi empfangen. Nagahama und Kobayashi waren Männer von exakt gleichem Format, sie trugen die gleichen Brillen mit dunklem Gestell und die gleichen Anzüge aus teurem Stoff. Sie redeten, Lauri dolmetschte, Esko und Hukkanen hörten zu. Sechzigtausend Mitarbeiter. Achtundzwanzig Fabriken. Drei supermoderne Forschungslabors. Achtzig Millionen Yen Kapital. Mit todernsten Gesichtern nannten Nagahama und Kobayashi solche Zahlen, die über den gesunden Men­schenverstand hinausgingen. In seiner Naivität hatte Esko geglaubt, Hitachi stelle nur Radios und Fernseher und Haus­haltsgeräte her, aber diesen Irrtum korrigierten die Gastge­ber auf der Stelle: Es zeigte sich, dass die Firma auch Indust­riemaschinen, Messgeräte für Atommeiler und sogar ganze Kraftwerke baute. Nach der Präsentation servierten junge Frauen im Kimono Tee, sie tranken mit Nagahama und Ko­bayashi eine Tasse, die beiden bedankten sich bei ihnen für ihre großartige Verkaufsleistung und äußerten die Hoffnung, die Zusammenarbeit werde in den kommenden Jahren noch enger werden, sodass beide Seiten in gleichem Maße davon profitierten. Sumimasen, antworteten Veikko und Esko na­türlich, sie versuchten so gut sie konnten auf die von Lauri übersetzten Höflichkeiten zu reagieren. Veikkos Rücken bog sich keinen Zentimeter, aber Esko probierte eine Ver­beugung, wie sie die Japaner machten. Man tauschte Ge­schenke aus, Nagahama und Kobayashi bekamen Glasscha­len, die Timo Sarpaneva entworfen hatte, Esko und Veikko die neuen A-10-Mixer von Hitachi, und danach wurden sie von ihren Gastgebern abgeschoben. Ein dritter Mann, der genau so gekleidet war, in der Hierarchie aber offenbar wei­ter unten stand, führte sie in eine der Werkshallen.

Dort setzten Frauen in dunkelblauen Kitteln mit flinken Fingern am Fließband ebenjene kleinen Radios zusammen, mit deren Verkauf sich Esko die Reise verdient hatte. Angeb­lich wurden auch in diesem Jahr eine halbe Million davon hergestellt. Wer verkaufte und kaufte die alle? Irgendwohin wurden sie vom Hafen Tokios aus gebracht, per Schiff nach Amerika und Europa und Australien, über Hafendepots und Lagerhallen in große Kaufhäuser und kleine Läden wie Urho Puupponens Elektrogeschäft und von dort in die Häuser der Menschen. In der Fabrikhalle dachte er zum ersten Mal ernsthaft an die Warenströme auf der Welt. An all die Vor­kehrungen und Verträge und praktischen Maßnahmen, an die verblüffende Menge von Maschinen- und Muskelkraft, die dafür erforderlich war. Das Gerät, das er einem Kunden in Kuopio anbot, war nicht von selbst im Regal gelandet. Auf dem Rückweg im Auto versuchte Esko seine Gedanken mit Hukkanen zu teilen, aber sobald er sie aussprach, klan­gen sie kompliziert, Veikko verstand nicht einmal genau, was er sagen wollte, sondern fand, dass am Band zu schnell gear­beitet worden sei, bei so einer Hektik leide unausweichlich die Qualität.

»Ich habe in Welt der Technik einen interessanten Artikel gelesen«, sagt Esko nun. »In Deutschland haben sie bei Wan­kel einen neuen Motor entwickelt. Die Lizenz dafür haben sie gleichzeitig an mehrere Fabriken verkauft, die an der Ma­schine interessiert waren. Es waren große europäische Fir­men darunter. Rover. Benz. BMW. Aus Japan war Datsun dabei. Rate mal, wer daraus das beste Produkt gemacht hat! Die Japsen.«

»Glaub ich nicht. Das war bestimmt wieder Daim­ler-Benz.«

»Du kannst es mir ruhig glauben. Die Leute von Wankel waren selbst dort, um sich davon zu überzeugen. Der Dats­un war der Beste.«

»Trotzdem ist es eine Reisschüssel. Kann sein, dass der Motor geht, aber dafür hast du den Türgriff in der Hand.«

»Du hast doch gehört, was die Hitachi-Männer gesagt ha­ben. Es wird nichts mehr ins Ausland exportiert, was den Qualitätsanforderungen nicht standhält. Die haben ein staat­liches Qualitätskontrollorgan, das so etwas verhindert.«

»Diese Organe kennt man. Vorläufig kenne ich mich mit Organen noch besser aus als du. Sieh dir mal diese Uhr an, mein Junge.«

»Die habe ich schon gesehen. Eine Cortina DS.«

»Eine Cortina DS. Automatik. Wasserdicht. Bis zweihun­dert Meter Tiefe druckbeständig. Stoßfest. Wenn ein sieben­undzwanzig Kilo schweres Stück Eisen aus sechs Metern Höhe darauf fällt, hält die das aus. Stell dir den Schlag vor! Ich glaube nicht, dass der Japaner so was bauen kann. Ich glaub das einfach nicht, verdammt. Made in Japan, in unse­rem Alter hat man das noch unschön im Kopf.«

»Da kann man wohl nichts machen.«

»So ist es.«

»Verdammt teure Uhr, nehme ich an.«

»War ein Geschenk, von meinem eigenen Geld hätte ich mir die nie gekauft. Von der Verbandsführung zum Fünf­zigsten. Als Dank für meine gute Arbeit.«

»Sie war ja auch gut.«

»Und ob, verdammt. Ich hab mein Bestes gegeben.«

Hukkanen scheint zufrieden mit sich, er nimmt eine lässi­ge Haltung auf dem Schalensitz ein und lässt die druckbe­ständige Uhr unter dem Hemdärmel verschwinden. Genau genommen weiß Esko so gut wie nichts über Hukkanens Arbeit. Hin und wieder liest er in der Radiohändlerzeit­schrift die Leitartikel des Vorsitzenden. Er hat auch schon den wirtschaftspolitischen Überblick, den Hukkanen in je­der Nummer gibt, durchgeblättert, aber was darin steht, kommt ihm fremd vor, Hukkanens Brandreden scheinen nichts mit der alltäglichen Arbeit zu tun zu haben. Er geht jeden Morgen zur gleichen Zeit auf derselben Straße zum selben Geschäft und ernährt mit seinem erfolgsabhängigen Gehalt bald eine vierköpfige Familie. Den Fotos in der Zeit­schrift nach zu schließen reist Hukkanen dagegen die meiste Zeit durch die Weltgeschichte, stützt auf der Hannovermesse den Ellenbogen auf ein neues Produkt oder hebt im Restau­rant mit den Bossen von Importfirmen und deren Frauen das Glas. Hukkunen scheint überall gewesen zu sein, im Mai so­gar bei der Weltausstellung in New York. Eskos Erfahrung mit den Lustbarkeiten des Arbeitslebens beschränkt sich auf die Konferenz der Wiederverkäufer von Luxor-Geräten, die im Frühjahr in Lohja stattfand. Er war von Puupponen hin­geschickt worden, weil dieser im letzten Moment an einer Lungenentzündung erkrankt war.

»Und wie soll ich die Radios bei dir in Lahti verkaufen?«, fragt Esko. »Die Hitachis, meine ich. Wie soll ich die verkau­fen, wenn gar keine da sind? Wenn du dir nicht die Lizenz holst.«

»Vielleicht hol ich sie mir ja. Aber zuerst guck ich mir den Nordmende an.«

»Was willst du mit Nordmende? Habt ihr nicht schon gute Deutsche im Laden? Kuba. Körting. Grundig. Blaupunkt.«

»Eins sag ich dir: Deutsche Qualitätsware kann man in ei­nem Elektrogeschäft nie zu viel haben.«

»Doch, kann man. Die sind nämlich so groß, die teutoni­schen Kisten.«

»Große Männer stellen Geräte für Männerhände her. Klei­ne Männer machen kleine Dinger. Guck dir doch an, was wir hier für kurze Kerle um uns haben. Der da drüben reicht dir gerade mal bis zur Achsel.«

»Aber wenn sie nicht mehr in den Laden passen? Oder ins Lager? Das meine ich.«

»Die passen schon rein, ich habe gerade erst erweitert. Es war das große Glück der Deutschen, dass sie den Krieg ver­loren haben. Und nicht einfach verloren, sondern dass sie so richtig eins auf die Schnauze gekriegt haben. Für Deutsch­land war es nur gut, dass Hitler so weit gegangen ist.«

»Wieso das?«

»Na, ist doch klar. Jetzt ist den Deutschen das Kriegführen verboten, und sie sparen Kraft für wichtigere Dinge.«

»Ist es mit Japan nicht das Gleiche? Denen ist der Krieg auch verboten.«

»Ja, schon. Im Prinzip. Aber die Japsen hinken hinterher.«

»Viele andere hinken auch hinterher. Finnland zum Bei­spiel.«

»Und das merkt man leider. Ich würde ja gern einheimi­sche Produkte verkaufen, aber der blauweiße Fernseher kann mit dem deutschen nicht mithalten. Und was die Kisten von Fenno für Namen haben! FE 59. SA 48. Wie willst du so was einem Kunden verkaufen, wenn die Alternative von Kuba Teneriffa oder Verona heißt? Die wechseln ja schon durch den Namen allein den Besitzer.«

»Immerhin hat Salora einen Finlandia. Und einen Boston und einen Europa. Brauchbare Geräte, meiner Meinung nach.«

»Na ja. Finlandia. In Finlandia sind wir sowieso. Und Boston. Wer will schon nach Boston? Ein bisschen Exotik muss sein. Der Glanz des Südens. Wenn du einem Fernseher einen Namen gibst, der angenehm nach Wärme klingt, dann läuft das Geschäft.«

Hukkanen nimmt den Hut ab und zieht den Kamm aus der Tasche, bringt die an den Schläfen bereits ergrauten Haa­re in Form und wischt sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Während der gesamten Maßnahme schweigt er, weshalb Esko schon befürchtet, seinen Gefährten ver­stimmt zu haben. Diese nach außen hin so abgebrühten Männer sind oft überraschend empfindlich und sehr schnell beleidigt.

»Fleißig sind sie, die Japaner«, sagt Hukkanen schließlich. »Ein verdammt prächtiges Stadion haben sie gebaut, das be­streite ich nicht. Wahrscheinlich müsste man doch mal.«

»Müsste mal was?«

»Ernsthaft über die Hitatschis nachdenken.«

Nun scheint etwas zu passieren, denn die Menschenmenge gerät in Bewegung. Plötzlich springen alle gleichzeitig auf, Esko und Veikko sind hoffnungslos zu spät dran, Veikko noch peinlicher als Esko, es hat den Anschein, als warte das ganze Stadion darauf, dass sich die beiden Finnen endlich von ihren Plätzen erheben. Alle Augen richten sich jedoch auf die Haupttribüne. Der junge Mann links von Esko hat die Hand auf die Brust gelegt, der alte Mann daneben beißt die Zähne zusammen. Die Stimmung ist so ernst wie bei ei­nem Begräbnis. Esko würde gern das Fernglas zur Hand nehmen, wagt es aber nicht, und so stehen er und Veikko einfach da und versuchen den Grund für die ehrfürchtige Stille zu erraten. Der Kaiser!, begreift Hukkanen als Erster. Der grausame Hirohito, flüstert Veikko ihm ins Ohr – er muss ein schrecklicher Tyrann sein, wenn er seine Unterge­benen derart zum Heulen bringt.

Der Alte mit dem faltigen Gesicht weint nun tatsächlich, einzelne Tränen rinnen ihm über das vergilbte Gesicht. Die Haut wirkt trocken, es sieht aus, als würde sie bei der kleins­ten Berührung zerbröckeln. Wer weiß, wo dieser uralte Mensch sein Leben verbracht hat. Im Krieg, denkt Esko. Wahrscheinlich im Krieg, zuerst in China und dann gegen Amerika. Die Japaner ziehen erstaunlich eifrig in den Krieg, furchtlos oder sogar tollkühn, beim Angriff auf Pearl Har­bour mussten sie wissen, dass ihnen der Feind überlegen war. Wer konnte im Ernst glauben, die Vereinigten Staaten zu be­siegen? Die Russen vielleicht, ganz knapp, aber doch nicht die Japaner. Nein, die Japaner wussten, dass sie verlieren würden. Das waren einfach Männer mit Ehrgefühl, ehren­hafte Männer, aber zur falschen Zeit am falschen Ort, und entsprechend schlecht erging es ihnen auch. Seine Mutter weinte, als im Radio die Bombardierung von Hiroshima ge­meldet wurde, daran erinnert sich Esko jetzt, an die Tränen seiner Mutter. Auch an die Bilder erinnert er sich, seine Mut­ter versuchte die Zeitungen vor den Kindern zu verstecken, aber Esko hatte sie trotzdem gesehen. Am helllichten Nach­mittag drängen sie in sein Bewusstsein, der weinende alte Mann erweckt sie zum Leben, aber er will nicht an die un­glückseligen Bomben denken, die mussten nun mal abge­worfen werden. Nach dem Krieg verhielten sich die Ameri­kaner so edel, wie es Siegern nur möglich war, sie halfen den Japanern, wieder auf die Beine zu kommen. Sogar der Kaiser durfte sein Amt behalten, zwar ohne Macht, aber immerhin. Stalin hatte das Todesurteil für Hirohito gefordert, MacArt­hur war dagegen gewesen, und so wurde Hirohito nicht um­gebracht, er ist noch immer da und bringt sein Volk zum Weinen. Wären die Japaner gegen die Russen in den Krieg gezogen und hätten verloren, wie wäre es ihnen dann ergan­gen? Garantiert wäre das ganze Land besetzt worden und man hätte auch unbedeutendere Anführer als den Kaiser li­quidiert. Es gäbe kein Hitachi, in Kuopio hätte man nichts zu verkaufen, denn eine Sowjetrepublik würde kaum Expor­tradios bauen. Die Japaner hassen die Amerikaner auch nicht, sie spielen sogar Baseball. Esko fällt ein, wie sie am Vortag auf dem Rückweg von der Fabrik an einem riesigen Baseballstadion vorbeifuhren. Wären die Japaner wegen des Krieges noch tief verbittert, würden sie doch nicht freiwillig den Volkssport der Amis betreiben.

Nach und nach nehmen die Leute wieder Platz, offenbar ist Hirohito in seiner Loge angekommen. Esko kann gerade einen Schluck aus Hukkanens Flachmann nehmen und einen Blick auf die Uhr an der Anzeigetafel werfen, da beginnt schon der Einmarsch. Als die Griechen gemäß der traditio­nellen Marschordnung als Erste durch das Tor auf der Nord­seite kommen und die Laufbahn betreten, gerade und auf­recht in dunkelblauen Anzügen, wird Esko von der gleichen leisen Freude erfasst wie in der Schlange vor dem Stadion. Er darf hier sein, darf all die großartigen Sportler leibhaftig mit eigenen Augen sehen, und sei es von der obersten Tribüne aus und mit optischer Hilfe. Die Flagge Äthiopiens wird von Abebe Bikila getragen, dem Mann, der bei den Spielen von Rom barfuß den Marathon gewann. Fast unmittelbar nach Äthiopien kommen die Finnen, angeführt von Pauli Nevala. Als die weiße Fahne mit dem blauen Kreuz direkt unter ih­nen die Kurve erreicht, nimmt Hukkanen den Hut ab, und sie winken und klatschen beide ihren Landsleuten zu. Beina­he ebenso enthusiastisch applaudiert Veikko den Deutschen, den besten Radioherstellern der Welt. Esko findet, dass ihre Uniform zu wünschen übrig lässt, mit ihren eierförmigen Mützen und den weißen Anzügen sehen sie aus wie Koloni­alherren, die sich auf den falschen Kontinent verirrt haben. Die Ghanaer, die nach ihnen kommen, erscheinen freilich noch weißer als die Germanen, sie tragen tuchartige Umhän­ge, die in der Nachmittagssonne leuchten und einen enor­men Kontrast zu den ernsten schwarzen Gesichtern bilden.

(Zum nächsten Teil)

Copyright © 2014 by Juha Itkonen, mit freundlicher Genehmigung.


Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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Itkonen, Juha
Ein flüchtiges Leuchten

Roman

Übersetzt von Moster, Stefan
Verlag :      Droemer
ISBN :      978-3-426-19989-3
Einband :      gebunden
Preisinfo :      19,99 Eur[D] / 20,60 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 02.07.2014
Seiten/Umfang :      544 S. – 21,5 x 14,0 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      01.10.2014

Mit Ein flüchtiges Leuchten hat Juha Itkonen einen Familienroman von enormer Kraft erschaffen, dessen Figuren so nah an unserem eigenen Leben gezeichnet sind, dass wir uns im Spiegel der vergangenen fünfzig Jahre selbst zu beobachten meinen.

Itkonen erzählt in Rückblenden von drei Generationen der Familie Vuori: Beständig ändern sich die äußeren Bedingungen, das Leben wird immer fortschrittlicher  – und doch müssen die Untiefen zwischenmenschlicher Beziehungen von jedem aufs Neue ausgelotet werden. Esko und Liisa Vuori blicken Ende der 50er Jahre auf eine Welt, die ihnen jede Menge Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Esko ergreift die Gunst der Stunde und macht sich als Verkäufer von Fernsehgeräten und Radios einen Namen. Liisa kümmert sich um die drei Söhne.

Der älteste Sohn, Esa, löst sich im Laufe des Heranwachsens vom Vorbild des Vaters: Er studiert und gründet eine eigene Zeitung. Seine Frau Marjaana lebt ihr Ideal der möglichst unabhängigen Feministin – was für die Familie bedeutet, dass sie die Erziehung der gemeinsamen Tochter ihrem Mann überlässt, während sie sich auf ihre politische Karriere konzentriert.

Juha Itkonen, geboren 1975, wird in seinem Heimatland Finnland von der Presse gefeiert, von den Lesern geliebt: Sein erster Roman war für den Finlandia-Preis nominiert, mit seinen weiteren Romanen gewann er u. a. den State Fiction Award sowie den Ehrenpreis des Finnischen Schriftstellerverbands. Der Autor ist über die Grenzen seiner Heimat in ganz Skandinavien bekannt. 2011 hat er mit seiner Familie acht Monate in München gelebt und in einer Stadtbibliothek an seinem Roman geschrieben.

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Updated: 1. April 2015 — 12:13

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